Der blühende Kirschbaum

Der Theologe Jürgen Moltmann (95) erlebte die Monate im Gefangenenlager als spirituelle Zeit.
Foto: dpa

Das belgische Gefangenenlager in Zedelgem war grauenhaft. Es war ein altes Munitionslager mit riesigen Hallen. Wir saßen und schliefen auf dreistöckigen Pritschen zu zweihundert Mann in einer Halle. Abends wurden die Hallen dicht gemacht und zwei Kübel hineingestellt. Der Gestank war entsetzlich. Noch schlimmer war nachts der Nazi-Terror. Da waren HJ-Führer oder SS-Leute, die jeden verprügelten, der am „Endsieg“ zweifelte oder abfällige Bemerkungen über Hitler machte.

Das Kriegsende am 8. Mai 1945 beendete diesen Nazi-Spuk. Aber das Rote Kreuz erklärte, nicht für uns zuständig zu sein, weil es kein Deutsches Reich mehr gab. Unsere Rationen wurden drastisch gekürzt, der englische Porridge wurde mit Wasser verdünnt.

Allein sein konnte man nicht. Die Gefangenen wussten nichts mit sich anzufangen. Wir waren dem Inferno des Krieges entronnen, aber auf jeden von uns, der das überlebt hatte, kamen Hunderte von Toten. Und dann kamen jene schlaflosen Nächte, wenn die schrecklichen Erinnerungen in einem aufstiegen, die Toten einem erschienen und mich mit erloschenen Augen ansahen. Im Krieg war man vom einen zum anderen gehetzt worden, sodass man nicht zum Nachdenken kam, aber in Gefangenschaft war man dem Erlebten und Erlittenen schutzlos ausgeliefert. Jeder versuchte, sein blutendes Herz hinter einem Panzer von Unberührbarkeit und Gleichgültigkeit zu verstecken. Das war die innere Gefangenschaft der Seele, die zu jener äußeren Gefangenschaft hinzukam.

Die Gefangenen sind ganz auf ihre innere Welt zurückgeworfen wie die Nonnen und Mönche in ihren Klosterzellen. Der zwangsweise Zölibat verbindet beide. „Schließ zu die Fenster deiner Sinnen und suche Gott tief drinnen“, hatte Gerhard Tersteegen geraten. Aber „drinnen“ sind die zerstörenden Erinnerungen, die sich aufdrängten. Ich war in jenen Nächten allein und wie Jakob am Jabbokfluss den finsteren Mächten ausgesetzt. Erst später wurde mir klar, mit wem ich da rang und wer mit mir.

Ich habe die sechs Monate im belgischen Gefangenenlager als „spirituelle Zeit“ erlebt. Die Außenwelt war abstoßend, dafür tat sich die innere Welt unter Seelenqualen auf. Ich bin zwar kein Mystiker geworden wie Teresa von Ávila mit ihrer „Seelenburg“ oder Thomas Merton mit seinem „Seven Storey Mountain“, aber ich habe meine innere Welt wahrgenommen und kehre in der Alterseinsamkeit dorthin zurück. Es ist eine ausgesprochen schwierige Seelenlandschaft, und es braucht Mut, sich ihr zu stellen.

Ein ganz anderes „spirituelles Moment“ erlebte ich im Mai 1945 im gleichen Lager Zedelgem. Wir schoben einen offenen Güterwagen aus dem Lager. Wir waren tief deprimiert und ließen die Köpfe hängen. Plötzlich sah ich einen Kirschbaum in voller Blüte. Ich war vor Glück beinahe ohnmächtig geworden: Das volle Leben sah mich an. Ich sah nach langer Zeit interesseloser Blindheit auf einmal wieder Farben und spürte das Leben in mir. Ich fasste wieder Lebensmut. Den hatte ich auch nötig, denn meine Kriegsgefangenschaft sollte noch drei Jahre dauern.

Es begann mit dem blühenden Kirschbaum und vollendete sich im Liebesglück mit meiner Frau Elisabeth, dass ich aus dem Schneckenhaus meiner Seele ausbrach und die Fülle des Lebens fand. Ich war drinnen, und der lebendige Gott war draußen und lockte mich ins Weite mit den Freuden und Schmerzen des gelebten Lebens.

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