„Abkanzeln und Neues wagen“

Gespräch mit der St. Gallener Pfarrerin Kathrin Bolt über eine zersägte Kanzel und predigtfreie Gottesdienste
Kathrin Bolt
Foto: Uwe Habenicht

zeitzeichen: Frau Bolt, Sie haben mit einer Kettensäge eine Kanzel in Ihrer Gemeinde zersägt. Die Aktion hat auf unserer Internetseite für ziemliche Aufregung gesorgt. Was steckt dahinter?

KATHRIN BOLT: Angefangen hat es damit, dass wir bereits 2019 einen Monat lang auf das Predigen in unseren Gottesdiensten verzichtet haben. Wir wollten gemeinsam mit der Gemeinde darüber nachdenken, welche alternativen Möglichkeiten es gibt, Gottesdienst zu feiern. Das war sehr erfolgreich, wir haben selten so intensive Gespräche geführt.

Und am Ende die Predigt abgeschafft?

KATHRIN BOLT: Nein, viele haben betont, dass sie unsere Predigten sehr schätzen und sie weiter hören wollen. Aber wir hatten einen ersten Schritt gemacht, mehr in die Diskussion zu kommen. Wir wollten die Aktion dann in den Jahren darauf wiederholen, aber da kam uns Corona dazwischen.

Und jetzt haben Sie gleich zur Kettensäge gegriffen. Warum?

KATHRIN BOLT: Ich wurde dafür von unserer ehemaligen Kirchgemeindepräsidentin nominiert. Es handelt sich um eine Kunstaktion der Gebrüder Riklin aus St. Gallen. Die Challenge wird von Person zu Person weiter­gegeben. Das Motto ist: Schneide ein Stück Deiner Realität aus und setze es in einen neuen Kontext. Zunächst dachte ich an eine Kirchenbank, aber dann sagte unsere Mesmerin (Kirchendienerin), dass es noch eine Kanzel gebe, die nicht mehr in Gebrauch ist. Da war uns klar, dass nun der Moment gekommen ist, die Aktion predigtfreie Gottesdienste wieder aufleben zu lassen.

Sie haben also nicht die Kanzel zersägt, an der Sie jeden Sonntag gepredigt haben?

KATHRIN BOLT: Nein, sie stand im Abstellraum. Es war die Kanzel des Kirchgemeindehauses Lachen, von der aus früher viel gepredigt wurde. Aber das Haus wird nur noch selten für Gottesdienste benutzt. Den feiern wir mittlerweile nur noch in der Kirche. Dennoch gab es auch Menschen in der Gemeinde, denen es schon weh tat, dass diese Kanzel zerstört wurde. Es hingen doch Erinnerungen daran.

Aber aus der Kanzel entstand dann etwas Neues …

KATHRIN BOLT: Es geht uns ja darum, den Monolog zur Debatte zu stellen und Formen zu finden, mit denen wir auch im Gottesdienst auf Augen­höhe miteinander Gemeinschaft teilen können. Und dafür steht ein Tisch. Den haben unsere Jugendlichen mit dem Mesmer gebaut. Die Kanzel wurde zu den Füßen, hinzu kamen Bretter, die schon vorher in der Gemeinde genutzt wurden, zum Beispiel als Kulisse beim Theaterspiel.

Der Tisch wird im Februar, also nach unserem Interview, für vier Wochen in der Hauptkirche Kanzel und  Abendmahlstisch ersetzen, Sie wollen dort gemeinsam mit Gemeindemitgliedern auch während des Verkündigungsteils sitzen. Aber ist die vermeintliche Augenhöhe nicht vorgetäuscht? Sie sind doch dafür ausgebildet, das biblische Wort  auszulegen, und viele erwarten das auch von Ihnen …

KATHRIN BOLT: Ja, diese Rückmeldung kam zumindest beim letzten Mal. Für uns ist das aber eine Ergänzung zum üblichen Ablauf. Wir haben das Priestertum aller Gläubigen. Jeder glaubende Mensch ist zu theologischen Aussagen fähig, kann seinen Glauben in Worte fassen. Für uns ist das ein Experiment, wir wollen sehen, was passiert, wenn wir unsere Grundfesten ein wenig erschüttern und Neues wagen. Vielleicht wird es langweilig, vielleicht geschieht aber auch etwas Überraschendes, das uns weiterbringt. Beim letzten Mal war es auch vielschichtig. Eine häufige Rückmeldung war zum Beispiel, dass das Gebet innerhalb des Gottesdienstes eine größere Bedeutung bekam.

Der Bericht über die Aktion auf unserer Internetseite hat viele Menschen zu Kommentaren angeregt. Eine immer wieder geäußerte Kritik lautete, dass es Ihnen mit dem brachialen Motorsägenbild vor allem darum ging, Aufmerksamkeit zu erheischen. Stimmt das?

KATHRIN BOLT: Wir wollten symbolische Bilder schaffen. Wir glauben, dass wir mit unseren Worten am  Sonntagmorgen nur eine kleine Menge Menschen erreichen. Wir glauben aber auch, dass sich darüber hinaus noch mehr Menschen dafür interessieren, was in der Kirche läuft. Das Bild mag zunächst brachial wirken, aber es ist bewusst so  gewählt, dass man ins Gespräch kommt. Und das ist gelungen, wir haben viele positive Reaktionen von Menschen  bekommen, die noch nie eine Predigt bei uns gehört haben. Und diese empfanden das als Befreiung von einem veralteten Bild von Kirche, in dem der Pfarrer von der Kanzel herab der Gemeinde sagt, was sie zu glauben und zu tun hat. Das ist zum Glück nicht mehr die Regel, aber dieses Bild von Kirche existiert noch in vielen Köpfen. Und dagegen haben wir ein anderes Bild gesetzt. Und irgendwie ist es auch noch schön, dass das Wort „abkanzeln“ nun eine neue Bedeutung bekommt. Die Kirche steigt herab, rüstet ab und kommuniziert auf Augenhöhe.

Aber wenn das Wort in einem evangelischen Gottesdienst nicht mehr so im Mittelpunkt steht, wie es seit fünfhundert Jahren der Fall war, was ist dann das evangelische Moment in einem Gottesdienst?

KATHRIN BOLT: Die Gemeinschaft, das gemeinsame Suchen nach Sinn, die Sehnsucht, die Menschen  zusammenführt. Der Tisch ist dafür ein guter Ort, um zu reden, feiern, streiten und beten. Wenn wir die Geschichten von Jesus lesen, finden wir doch viele Szenen, die an einem Tisch oder im Gespräch stattfinden, und die sind genauso wertvoll wie die Momente, in denen Jesus auf den Berg steigt, weil er einer größeren Menge etwas zu sagen hatte. Es gibt beides. Wir wollen die Predigt auch nicht abschaffen. Aber wir müssen sehen, dass wir in einer veränderten Welt der Kommunikation leben. Die Predigt war früher wichtig für die Menschen, die oft nicht lesen und nicht mit einem Klick die besten Texte für ihre jeweilige Situation aufs Handy holen konnten. Heute ist das anders. Das bedeutet nicht, dass die Predigt als etwas anachronistische, spezielle Form der kirchlichen Kommunikation keinen Platz mehr im Gottesdienst hat. Aber es muss nicht jeden Sonntag so sein.

Einer unserer Leser, der emeritierte Baseler Theologieprofessor Albrecht Grözinger, hat Ihnen via Facebook eine Wette angeboten: Wenn die Kirchenaustrittsrate in den nächsten zwei Jahren in St. Gallen den Durchschnitt der Austrittsrate aller Schweizer Kantone um mehr als zehn Prozent unterschreitet, spendet er der Kirchgemeinde Straubenzell fünftausend Schweizer Franken – wenn dies nicht der Fall ist, spenden Sie der internationalen Societas Homiletica. Gehen Sie darauf ein?

KATHRIN BOLT: Diese Wette würde ich verlieren. Wir werden gegen die Kirchenaustritte nicht ankommen, weder mit Predigten noch ohne. Die Menschen, die über das Thema Predigt streiten, sind ja die, die überhaupt noch wissen, was eine Predigt ist und wie sie sich anhört. Davon gibt es aber in den jüngeren Generationen immer weniger. Wir versuchen, mit unseren Aktionen gerade auch diejenigen zu erreichen, die kirchenfern sind, und wollen ihnen vermitteln, dass Kirche sich auch ändern kann. Wenn wir dafür ein „Like“ spendiert bekommen, freuen wir uns. Vielleicht tritt auch tatsächlich mal wieder jemand in die Kirche ein. Aber den Trend werden wir damit nicht aufhalten können. Deshalb kann ich leider bei dieser Wette nicht mitmachen, aber wir wollen dennoch nicht aufhören, mutig und vielleicht auch auf ungewöhnliche Art und Weise unsere Möglichkeiten der Kommunikation zu erweitern.

 

Das Gespräch führte Stephan Kosch am 27. Januar via zoom.

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Stephan Kosch

Stephan Kosch ist Redakteur der "zeitzeichen" und beobachtet intensiv alle Themen des nachhaltigen Wirtschaftens.


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