Ringen um Heilung

Nachdenken über Kirche und Corona zwei Jahre später
Lichter bei einer Mahnwache für die Corona-Opfer am Wormser Lutherdenkmal, zu der die beiden großen Kirchen am 17. Januar aufgerufen hatten
Foto: epd
Lichter bei einer Mahnwache für die Corona-Opfer am Wormser Lutherdenkmal, zu der die beiden großen Kirchen am 17. Januar aufgerufen hatten

Nach dem zweiten vollen Jahr der Covid-19-Pandemie wird deutlich, wie sehr sich das Leben und Erleben in Gottes­dienst und Gemeinde verändert hat. Die künftige badische Landesbischöfin Heike Spring­hart, bis vor kurzem Pfarrerin in Pforzheim, reflektiert die vielschichtigen Auswirkungen auf Praxis und Selbstverständnis einer verletzlich gewordenen Kirche.

Auch nach zwei Jahren Corona ist kein Rückblick angesagt. Vielleicht wird es den nie geben können. Aber wir haben es mit geschärften Wahrnehmungen zu tun – im Blick auf die gesellschaftlichen Umbrüche, die kirchliche Arbeit und die theologische Reflexion. Auf Twitter schrieb ein junger Mann: „Im März 2020 war ich 19. Da haben sie gesagt, dass wir uns drei Wochen zurückziehen müssen, und dann ist alles überstanden. Jetzt bin ich 21. Das sind die längsten drei Wochen meines Lebens.“

Das war und ist in der kirchlichen Wahrnehmung nicht anders. Ich denke an ein Gespräch mit einer Ehrenamtlichen über die Frage, wie das denn mit dem Entzünden der Osterkerze 2020 gehen könnte, wenn zu Ostern kein Gottesdienst in der Kirche stattfinden wird. Ich sagte: „Irgendwann im Sommer (2020) werden wir uns alle wie eh und je in der vollen Kirche versammeln. Dann wird feierlich die Osterkerze hineingetragen.“

Dazu kam es bis heute nicht. Aber die Osterkerze war am Ende tiefer heruntergebrannt als in allen Jahren davor. Weil die Türen der Auferstehungskirche Pforz­heim – wie die von so vielen anderen Kirchen – nun täglich offen waren. Weil Menschen nicht nur sonntags, sondern mitten im Alltag die Kirche als einen tröstlichen Ort entdeckt haben. Längst haben wir uns verabschiedet von dem Gedanken, das Ausgefallene nachholen zu können. Leben lässt sich nicht nachholen, und der dauernde Warte- und Vertröstungszustand übersieht die Fülle und die Herausforderungen des Lebens hier und jetzt. Mit Rissen, Lücken und ungelebtem Leben leben lernen – auch das ist eine Lektion der Pandemie.

Die Ausrichtung des Christentums nach vorn, auf das Reich Gottes, auf das verheißene Leben in Fülle wird schal, wenn sie zur Vertröstung verkommt. Eine Theologie der Hoffnung schärft den Blick für das Hier und Heute. Zu einem solch geschärften Blick hat uns die Pandemie geführt. Und darauf, dass sich der Blick immer wieder verändert und den Gegebenheiten anpasst. Schutzkonzepte und Orientierungsraster an Inzidenzen sind nötig, haben aber nur vorübergehende Geltung. Auf ihrer Rückseite tragen die Bemühungen um verantwortliches Handeln, Verhalten und Verordnen nicht selten die Illusion, risikofreies Leben ohne Krankheit sei ebenso machbar wie Kontrolle und damit Sicherheit.

Nach zwei Jahren stehen wir vor der Herausforderung, verantwortlich und zugleich nicht angstbestimmt Leben zu gestalten, individuell, gesellschaftlich und kirchlich. Überfüllte Intensivstationen, erschöpftes medizinisches Personal, vereinsamte Menschen in Wohnungen und Pflegeheimen, Kindergartenkinder, die als ersten guten Wunsch auf den Lippen haben: „Ich wünsche Dir, dass Du kein Corona bekommst ...“, Menschen, die sich nach gesellig gefeierten Gottesdiensten sehnen, und solche, für die es eine große Entlas­tung ist, wenn sie auch andere, digitale Möglichkeiten bekommen – all das steht nebeneinander und erfordert eine ruhige, nicht ideologisch aufgeheizte Debatte.

Die Corona-Pandemie hat das kirchliche Leben nachhaltig verändert. Auf der einen Seite ist auch nach zwei Jahren ein ungewohnt hohes Maß an Flexibilität im kirchlichen und pastoralen Handeln gefragt und führt an vielen Orten zu einer Explosion von Kreativität im Finden und Erfinden neuer Wege, das Evangelium zu verkündigen, Menschen zu begleiten und Kirche als Akteurin im zivilgesellschaftlichen Prozess hörbar und wahrnehmbar zu machen. Neue Routinen haben sich eingespielt. Je länger, je mehr stellt sich die Frage: Was wird bleiben, was wird nie wiederkommen und was wird sich nachhaltig verändern?

Die Pandemie bringt an unterschiedlichen Stellen Grundkonstellationen, Erwartungen und Grundkonflikte ans Licht. Dazu gehört die Erwartung, dass die Kirche vernehmbar und sichtbar zur Stelle sein muss, wenn das Leben in eine Krise gerät: an den Sterbebetten, in den Kliniken, auf der Straße, wenn es darum geht, Ungerechtigkeit anzuprangern – in der Öffentlichkeit und im Sozialraum. Dazu gehört aber auch ein geschärfter Blick für die Bruchstellen und blinden Flecken, die kirchliches und pastorales Handeln in Nicht-Pandemie-Zeiten aufweisen.

Die in den Kirchen auch unabhängig von Corona feststellbare Umbruchsituation hat sich durch Corona deutlich verschärft. Das gilt sowohl für die Problemstellungen als auch für den Ton. Dabei ist zweierlei deutlich: Zum einen wird durch die Unterbrechung vieler traditioneller Formen des gemeindlichen und des geistlichen Lebens deutlich, welcher Schatz sich darin verbirgt – zum anderen haben wir es mit einer Beschleunigung für Innovationen zu tun.

Angesichts der langen Dauer von kirchlichem Leben unter Pandemiebedingungen wird immer deutlicher, dass wir es nicht mehr nur mit einer Unterbrechung einer nahtlos wiederherstellbaren „Normalität“ zu tun haben, sondern dass sich grundlegende Umbauten abzeichnen.

Die Veränderung von Zeithorizonten in der Wahrnehmung ist so alt wie das Christentum. Schon Paulus hatte damit zu tun, dass aus der Erwartung der Wiederkunft Christi zu seinen Lebzeiten – und damit dem Verständnis der Gemeinde als einer wartenden Gemeinschaft – der Blick darauf wurde, dass die grundlegende Transformation mit der Auferstehung eine überzeitliche Perspektive würde. Jahrhunderte später stellte sich nicht nur bei den Kirchen in der DDR die Frage, ob es darum gehen sollte, im Sozialismus zu überwintern oder darum, sich in eben diesen Verhältnissen einzurichten und die Gesellschaft aktiv mitzugestalten. So unterschiedlich die konkreten Kontexte waren und sind – die Übergänge von einer vorübergehenden Krise hin zu der Erkenntnis, dass sich Grundlegendes dauerhaft ändert, sind schleichend und mindestens so alt wie die christliche Gemeinde.

Zu den eher schleichend beobachtbaren Phänomenen der Pandemie gehören die Verschiebungen in der Wahrnehmung von Krankheit und Sterben – und eine rapide steigende Privatisierung des Lebensendes, die mit Corona-Scham zu tun hat.

Nicht nur auf dem Pforzheimer Hauptfriedhof wurde im Winter 2020 unüberhörbar, dass die Corona-Pandemie die Zahlen von Verstorbenen so in die Höhe treiben würde, dass die Kapazitätsgrenze der Lagermöglichkeiten überschritten würde. Zusätzliche Kühlcontainer standen noch lange Monate am Krematorium. Das eindeutige Bild, das sie und die in den Pfarrämtern eingehenden Sterbeurkunden vermitteln, spiegelt sich jedoch nicht in der öffentlichen Trauer- und Gedenkkultur der Todesanzeigen wider. So gut wie nie finden sich in den Todesanzeigen Hinweise darauf, dass ein Mensch „an“ oder „mit“ Corona starb. Während die Formulierungen in den Traueranzeigen sonst meist etwas über die Umstände des Todes vermitteln und davon sprechen, dass eine Person den Kampf gegen die Krebserkrankung „verloren“ habe, dass sie von langem Leiden erlöst wurde oder jäh aus dem Leben gerissen, finden sich für den Corona-Tod keine Worte.

Bestattungsunternehmen bestätigen dieses Tabu, die pandemiebedingt deutlich kleineren und eingeschränkten Trauerfeiern machen den Abschied im größeren Kreis des sozialen Umfelds unmöglich und halten das Leben und das Sterben der Verstorbenen, das sonst zu dieser Gelegenheit ein gewisses Maß an Öffentlichkeit erhält, im privaten Bereich. Daran wird die Macht der Corona-Scham deutlich.

Die Pandemie steigert das Bewusstsein für Vulnerabilität und zeigt die Macht der mit Krankheit verbundenen Scham. Dabei besteht eine Korrelation zwischen der Massivität der gesellschaftlichen Auswirkungen der Pandemie und der Macht der Krankheits-Scham. So wird die soziale Dimension der Scham manifest.

Die Ursachen für mit bestimmten Krankheiten verbundene Scham sind vielfältig. Neben der für die Erkrankten wie für ihre Umgebung sinnfällige Schwächung und Angewiesenheit auf andere spielen im Fall von Corona – ähnlich wie seinerzeit beim Aufkommen von HIV – der soziale Faktor und die Konstruktion von Schuldzusammenhängen eine Rolle, durch die Ansteckungsgefahr wird die Infektion zum sozialen Stigma. Die Appelle zu verantwortlichem Handeln in der Corona-Pandemie, die Bemühungen um ausgeklügelte Schutzkonzepte und die Sicherheit suggerierende Fokussierung auf Prävention im Blick auf andere Erkrankungen können die Krankheitsscham nähren. Wer trotz allem erkrankt, gerät in den Verdacht, selbst schuld zu sein und schämt sich nun seines Versagens vor dem Forum der Gesundheitsbewussten.

Bestattungen rücken deutlicher ins Private, fast verschämt werden die Toten zu Grabe getragen. Für das soziale Gefüge hat das weitreichende Konsequenzen. Die Öffentlichkeit einer Bestattung und die prinzipielle Offenheit für alle, die von dem Verstorbenen Abschied nehmen wollen, ist auch in Zeiten der Individualisierung ein Zeichen für die soziale Verwobenheit des Lebens – und dafür, dass das Leben weder in seinem unmittelbaren Nahraum noch in diesem Welt- und Zeithorizont aufgeht.

Scham und Verletzlichkeit

Scham und Verletzlichkeit hängen eng zusammen. Das ist nicht neu, gewinnt aber sowohl im Blick auf die Wahrnehmung des Lebensendes als auch auf die polarisierten gesellschaftlichen Debatten um das Impfen und weitere Corona-Maßnahmen Macht.

Aus theologischer Perspektive kann und muss der Umgang mit Gesundheit und Krankheit entideologisiert werden, ohne dabei den verantwortlichen Umgang mit dem eigenen Körper zu unterminieren. Vulnerabilität ist das Signum des Menschseins, das trotz des mit ihm implizierten Risikos jedoch weder Schwäche noch Anlass für Scham darstellt.

Hier führt der Blick auf die Verwundbarkeit Christi weiter. In Christus zeigt Gott sich in seiner Verwundbarkeit. Für die mit Krankheit korrelierte Scham sind insbesondere die Heilungstraditionen von Bedeutung, aber auch die Hinwendung Jesu zu den Marginalisierten, Prostituierten und denen, die zu einer schambesetzten Personengruppe gehören, wie zum Beispiel den Zöllnern. Jesus als Heiler entideologisiert und entmoralisiert die Krankheit und „entschämt“ sie, wie Klaas Huizing formuliert hat. Menschliches Leben ist per se und immer vulnerabel, Verletzlichkeit ist Stärke und Risiko des Menschseins zugleich. Konkrete Krankheit ist die situative Realisation der fundamentalen Vulnerabilität und Erlösungsbedürftigkeit des Menschen, nicht beschämender Makel. Die zahlreichen Heilungsgeschichten Jesu machen deutlich, dass Jesus von Nazareth „Krankheit aus dem Zusammenhang von Scham, Strafe, Schuld und Sünde befreit und damit auch deutlich gemacht [hat], warum man sich für Krankheit nicht schämen muss“(Klaas Huizing).

Vulnerabel aber sind nicht nur die anderen, die Alten, die Schwachen, die chronisch Kranken, vulnerabel sind wir alle, vulnerabel ist die Kirche als Institution. Auch unter den kirchlichen Mitarbeitenden gibt es Angehörige der Risikogruppe. Dabei ist die Komplementarität von grundlegender, ontologischer Vulnerabilität als von allen Menschen geteilter Vulnerabilität und situativer Vulnerabilität, die individuell, kontextuell und situativ verschieden sein kann, von zentraler Bedeutung.

Für einen realistischen Zugang ist es nötig, die beiden Dimensionen von Vulnerabilität ernst zu nehmen und zugrunde zu legen. Corona zwingt, auf die Vulnerabilität zu schauen. Das ist in vieler Hinsicht eine Provokation für das am Paradigma des Für-andere-Daseins orientierten pastoralen Selbstverständnisses. Es geht einher mit dem Dilemma zwischen dem Schutz auch der Seelsorgenden (und anderer Berufsgruppen) durch die Kirche als Arbeitgeberin und der Wahrnehmung, dass die, von denen man sich Trost verspricht, „abgezogen“ werden.

Die Kirche als Leib Christi ist Körperkirche, sinnlich wahrnehmbar und die Bedeutung von Körper und Leib hochschätzend. „Der Leib Christi lebt davon, Körper zu sammeln und Körper auszusenden“ (Ralph Kunz). Sowohl der Leib als auch der Geist sind durch Christus bestimmt, sind Leib Christi und Geist Christi. Deswegen sind analoge und digitale Formen der Gemeinschaft nicht gegeneinander auszuspielen. Auch dieses Nebeneinander gehört zu den begrüßenswerten Entwicklungen der vergangenen zwei Jahre. Die Bedeutung der Körperkirche zeigt sich sowohl in den leiblich erlebbaren Vollzügen von Gemeinschaft, sie zeigt sich aber auch am sensiblen Blick auf die körperlichen Dimensionen, die es auch jenseits der Corona-Pandemie für manche Menschen unmöglich machen, einen Gottesdienst in körperlicher Präsenz mitzufeiern oder sich in anderen geselligen Formen in der Gemeinde zu versammeln. Insofern geht mit der Hochschätzung der Leiblichkeit die Sensibilität für die Ambivalenz von dis­tanzschaffenden oder gar exkludierenden Dimensionen von Gemeinschaft einher im Blick auf die Menschen, die räumlich oder im Blick auf die Beheimatung weiter weg stehen.

Sterben und Endlichkeit

Verletzlich Kirche zu sein, bedeutet, auch zu reden von der geteilten Verwundbarkeit Gottes und der Menschen, von Christus als dem, der an seinem Leib unsere Wundmale trägt, auch davon, dass Sterben und Endlichkeit immer eine bedrohliche Anfechtung auch für Christenmenschen sind, und dass wir deswegen auf Auferstehung und Neuschöpfung harren. Da ist zu reden von der Vielgestaltigkeit des Leibes Christi, zu dem auch gehört, dass das Leiden eines Gliedes auch zum Leiden der anderen Glieder führt und nicht isoliert werden kann. Da ist zu reden davon, dass menschliches Leben und menschliche Begegnung wesentlich leiblich sind, und dass der Mensch doch immer mehr ist, als sein körperlicher Gesundheitszustand aussagt.

Verletzliche Kirche lebt aus der Kraft Christi, die in der Schwachheit mächtig ist. So wird sie verwandelt und strahlt aus, dass das verletzliche menschliche Leben durch die Wunden Christi geheilt ist.

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Heike Springhart

Dr. Heike Springhart ist Privatdozentin für Systematische Theologie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und baldige Landesbischöfin der badischen Landeskirche.


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