Eine „endlose Niederlage?“

Die Corona-Pandemie in historischer Perspektive
Die stets argwöhnisch beobachtete Minderheit der Juden wurde während der Pest beschuldigt, durch „Brunnenvergiftung“ die Christenheit zu schädigen. Zahlreiche jüdische Gemeinden wurden in Mitteleuropa ausgerottet.
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Die stets argwöhnisch beobachtete Minderheit der Juden wurde während der Pest beschuldigt, durch „Brunnenvergiftung“ die Christenheit zu schädigen. Zahlreiche jüdische Gemeinden wurden in Mitteleuropa ausgerottet.

Manche Maßnahmen gegen Corona haben uralte Vorbilder. Aber gibt es außer dem Bildungserlebnis einen realen Nutzen der Beschäftigung mit der (Seuchen-)Geschichte? Und worin könnte er bestehen? Das erläutert der Medizinhistoriker Karl-Heinz Leven, Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität Erlangen-Nürnberg.

Mit dem Beginn des dritten Corona-Jahrs haben alle begriffen, was „Kontingenz“ ist, auch wenn sie das Wort vielleicht gar nicht kennen und es nicht so geläufig im Mund führen wie Historiker. Gemeint ist mit Kontingenz: „das, was geschieht“, der Zufall, die Dummheit des Schicksals – und welche Lehren bietet die Seuchengeschichte, möchte man gleich fragend hinzufügen, um mit dem, was geschieht, fertig zu werden? Ist die Seuche in der neueren Geschichte als eine „endlose Niederlage“ aufzufassen, wie sie in Albert Camus’ Roman Die Pest (1947) vom Protagonisten Dr. Rieux bezeichnet wird? Gibt es außer dem Bildungserlebnis einen realen Nutzen der Beschäftigung mit der (Seuchen-)Geschichte? Und worin könnte er bestehen?

Mit dem Beginn der Corona-Pandemie-Krise im Frühjahr 2020 erwachte in den Medien das Interesse an historischen Epidemien: Der Schwarze Tod von 1347 – 52 war mit einem Mal ebenso aktuell wie die Spanische Grippe von 1918 – 1920. Expertinnen und Experten der Medizingeschichte waren vielfach gebeten, das gegenwärtige Geschehen historisch einzuordnen, stets in der Erwartung, auch eine positive Prognose des weiteren Verlaufs der Pandemie daraus ableiten zu können, ebenso in der Hoffnung, die Notwendigkeit und Wirksamkeit der ergriffenen Maßnahmen abschätzen zu können.

Im Frühjahr 2020, man erinnert sich heute daran bereits nur noch schemenhaft, begann eine beispiellose weltweite Absperrungsaktion zahlloser gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Prozesse. Kontaktvermeidung, Homeoffice, Abstand vom Mitmenschen, Maskentragen waren Gebote der Stunde, und diese Gebote wurden in Deutschland und anderswo gesetzlich festgeschrieben und polizeilich überwacht. Das Infektionsschutzgesetz von 2001 bot die Handhabe, bislang unvorstellbar eingreifende Beschränkungen aufzuerlegen, die man zuvor allenfalls in einigen autoritär geführten asiatischen Staaten für möglich gehalten hätte.

Tatsächlich waren die Absperrungsmaßnahmen wirksam, und sie haben ein his­torisches Vorbild. Es handelt sich um die in der Frühen Neuzeit, in den Jahrzehnten nach der Pest, dem sogenannten Schwarzen Tod, von 1347 – 1354 entwickelten Regeln und Vorschriften, die in sogenannten „Pestordnungen“ gefasst wurden. Ausgehend von den italienischen Stadtrepubliken wie Venedig, Florenz, Genua, Mailand entstanden erste Gesundheitsbehörden, die derartige Maßnahmen anordneten und polizeilich kontrollierten.

Von Anbeginn verbindet sich demnach in der Auseinandersetzung mit der Pest die Kontrolle des Seuchengeschehens mit der Gewaltausübung durch den Staat; es geht immer auch um die Aufrechterhaltung von Herrschaft. Ein Element der Absperrung war und ist die „Quarantäne“, die zunächst auf vierzig Tage, daher der Name, angeordnete Absonderung von Schiffen, Waren und Menschen. Sie wurde seit dem späten 14. Jahrhundert in den Hafenstädten Westeuropas eingeführt, da die Pest meistens aus dem Orient „eingeschleppt“ wurde, wie dies auch von den Zeitgenossen beobachtet wurde.

Der Schwarze Tod

Herkunft, Ursache und Verbreitung der Seuche sind zu unterscheiden, hängen aber eng miteinander zusammen, was sich in entsprechenden Deutungsversuchen niederschlägt. Dies gilt für den Schwarzen Tod ebenso wie für Corona. Die Pest des 14. Jahrhunderts gelangte mit Schiffen von der Krim, so die vermutlich zutreffende Beobachtung, in die mittelmeerischen Hafenstädte. Höchstwahrscheinlich handelte es sich um die Beulen- und Lungenpest, eine seit 1894 mikrobiologisch definierte Krankheitseinheit; dass es sich primär um eine Nagetierseuche, die gerne Ratten befällt, handelt, die von Ratten- und vermutlich auch Menschenflöhen verbreitet wird, war in der gesamten Vormoderne unbekannt. Die ungeheure Sterblichkeit der Pest, die jede Vorstellungskraft überstieg, wurde sowohl als himmlische Strafe für Sünde und Prüfung der Gläubigen als auch naturkundlich als atmosphärische Entgleisung gedeutet. Die stets argwöhnisch beobachtete Minderheit der Juden wurde beschuldigt, durch „Brunnenvergiftung“ die Christenheit zu schädigen, was die Ausrottung zahlreicher Judengemeinden in Mitteleuropa nach sich zog.

Städtische Hygiene

Die eingangs erwähnten Absperrmaßnahmen und Anfänge einer städtischen Hygiene waren pragmatische Mittel, um das Geschehen kontrollierbar zu machen. Dies gelang zwar nie vollständig, aber die bis in das 18. Jahrhundert wiederkehrenden Pestepidemien ließen sich zumindest eindämmen. Die gelehrte Medizin konnte in der Auseinandersetzung mit der Pest keine durchschlagenden Erfolge erzielen, war jedoch beratend in die erwähnten „Pestordnungen“ involviert. Eine tatsächlich wirksame medizinische Maßnahme gegen eine gefährliche Seuche bot erst die Ende des 18. Jahrhunderts von Edward Jenner entwickelte Kuhpockenimpfung (Vakzination). Zum ersten Mal in der Weltgeschichte konnte eine spezifische Krankheitseinheit prophylaktisch ausgeschaltet werden.

Der grandiose Erfolg der Pockenimpfung, der sich bereits nach wenigen Jahren abzeichnete, auch wenn es nahezu zweihundert Jahre dauern sollte, bis die Krankheit ausgerottet war, wirkt bis heute nach. Idealerweise versuchen wir, eine Infektionskrankheit durch eine Impfung unschädlich zu machen, womit wir im Kontext der Corona-Pandemie-Krise angekommen sind. Genau dieses Prinzip – Impfen, um die Krankheit zu beherrschen – wurde und wird propagiert, und zwar mit mehr oder weniger Erfolg.

In der heutigen Corona-Pandemie wurde in kürzester Zeit Erstaunliches geleistet. Innerhalb weniger Monate, in Rekordzeit, wurden mRNA-basierte Impfungen entwickelt, die gentherapeutische Prinzipien aus der experimentellen Krebsmedizin aufnahmen. Zugleich begann, parallel zur Testung von Verträglichkeit und Wirksamkeit, eine Massenproduktion dieser völlig neuen Impfstoffe, die in milliardenfacher Dosis verfügbar sein sollten. Dies gelang, zumindest in den westlichen Industrieländern. Schon im Dezember 2020 begannen die mit großen Hoffnungen verbundenen Massenimpfungen, die – Stand Februar 2022 – in Deutschland unterdessen etwa 75 Prozent aller Menschen immunisiert haben.

Gegen diese Erfolgsgeschichte, denn um eine solche handelt es sich unzweifelhaft, sind gleichwohl skeptische Einwendungen anzubringen. So ist das Ausmaß der Gefahr der Corona-Pandemie in mancherlei Hinsicht durch die publizierten Zahlen nicht zuverlässig abbildbar. Erscheinen die Infektionszahlen auf der Basis einigermaßen zuverlässiger Tests immerhin wahrscheinlich, so besteht seit über zwei Jahren über die Mortalität, die ursächlich auf Covid-19 zurückzuführen ist, weniger Klarheit. Die veröffentlichten Todeszahlen werden auf „an und mit Corona“ Verstorbene bezogen, eine in der Medizin sonst nicht übliche Kategorisierung von Todesursachen. Tatsache ist, dass es in der Altersgruppe der Senioren in der Zeit der Pandemie eine (leicht) erhöhte Mortalität gibt, die Gesamtmortalität der Bevölkerung ist jedoch, zumindest in den westlichen Ländern, kaum erhöht.

Viele Vorschusslorbeeren

Die mit vielen Vorschusslorbeeren bedachten Impfungen haben nicht so gewirkt wie erhofft, was auch daran liegen mag, dass sie einem vorher niemals bei Impfungen eingesetzten Wirkprinzip unterliegen. Die Gesundheitspolitik hat die einschneidenden Maßnahmen des Ausnahmezustands seit dem Frühjahr 2020 auch damit begründet, dass die (unerwartet) schnell verfügbare Impfung eine „Rückkehr zur Normalität“ ermöglichen würde. Die Impfbereitschaft war dementsprechend hoch, und der notorische „Impfdrängler“ wurde zeitweise zu einem der in Pandemiezeiten beliebten Feindbilder gestempelt.

Unterdessen hat sich herausgestellt, dass die Impfung auf das Pandemiegeschehen im Sinne der Weitergabe der Infektion kaum Einfluss hat; die Länder, die der deutschen Bevölkerung von der Gesundheitspolitik zeitweise als „vorbildlich“ präsentiert wurden, weil dort höhere Impfquoten zu beobachten sind, haben höhere Inzidenzen der Infektion als Deutschland. Daher ist von dem Vorbildcharakter solcher Länder inzwischen auch kaum mehr die Rede.

Die Lage ist vielfach kompliziert, daran besteht kein Zweifel: Und dies be­ginnt mit Covid-19 selbst, die eine komplexe, in schwereren Verläufen insbesondere auf die Gefäße zahlreicher Organe gerichtete Erkrankung ist. Die Expertise von Virologen, Immunologen und Epidemiologen hinsichtlich des Seuchengeschehens und der Impfung ist unbestritten. Allerdings gilt es hier, auf ein Missverständnis und ein Problem hinzuweisen.

„Schuldige“ benennen

Ein seit Beginn der Pandemie-Krise bestehendes Missverständnis besteht darin, dass Gesundheitspolitik und mediale Öffentlichkeit postulieren, es gebe „die Wissenschaft“, die bestimmte „richtige“ Positionen im Seuchendiskurs vertrete, während zahlreiche davon abweichende Positionen als „falsch“, gelegentlich auch als „gefährlich“ einzustufen seien. Dass es „die“ Wissenschaft kaum gibt und dass Wissenschaft davon lebt, dass ständig neue Hypothesen aufgestellt, verifiziert oder falsifiziert werden, scheint außerhalb der Wissenschaft nicht bekannt zu sein. Und offensichtlich hat die Gesundheitspolitik wenig Interesse daran, dieses Missverständnis aufzuklären.

Damit sind wir bei dem erwähnten Problem: Die Corona-Krise ist weniger eine medizinische Krise als eine Krise der gesellschaftlichen Kommunikation und Interaktion. Es ging und geht stets darum, im öffentlichen Diskurs Gruppen von „Schuldigen“ zu benennen, die für diese oder jene Verschärfung der Lage verantwortlich seien. Ursächlich hierfür ist die Vorstellung, dass wir uns im „Kampf“ oder „Krieg“ befinden; mit einem Virus zu „kämpfen“ ist ungefähr so realistisch, wie gegen die Luft zu kämpfen. Das Feindbild verschiebt sich vom nicht fassbaren Gegner auf den fassbaren: den Mitmenschen, der mal als verantwortungsloser Partyaktivist die Infektion verbreite, mal als „Ungeimpfter“, auch dies eine neue Kategorie des Menschseins, daran schuld sei, dass anderweitig Erkrankte auf den Intensivstationen nicht versorgt werden könnten.

Die Floskel der „Pandemie der Ungeimpften“, die Ende des Jahres 2021 häufig zu hören war, ist unterdessen wieder verschwunden, seitdem bekannt ist, dass Geimpfte ebenfalls die Ansteckung verbreiten. Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren: Das zugrundeliegende Problem ist kein medizinisches, sondern eines der Kommunikation. Die Gesundheitspolitik hat eine seltsame Neigung, vermeintlich eindeutige (Sprach-)Bilder aufzurufen, die fassadenhaft komplexe Phänomene verkleiden und bei nächster Gelegenheit ausgetauscht werden müssen. Der frühere Gesundheitsminister Jens Spahn, um nur ein Beispiel unter vielen zu nennen, hat in seinen letzten Tagen als Minister im Dezember 2021 sardonisch lächelnd öffentlich verkündet, im Frühjahr 2022 würden alle Corona-Probleme gelöst sein, denn dann wären die Menschen entweder geimpft, genesen oder tot. Es verwundert nicht, dass angesichts dieses Niveaus der gesundheitspolitischen Kommunikation Menschen zu Skeptikern werden.

Was ist die Lehre der Seuchengeschichte? Erkennbar ist, dass Europa beziehungsweise die westliche Welt in der Auseinandersetzung mit Epidemien einen Lernprozess durchgemacht hat. Hier ist ein Fortschritt auszumachen, der in der Frühen Neuzeit beginnt und sich seit der Wende zur naturwissenschaftlichen Medizin Ende des 19. Jahrhunderts enorm beschleunigt hat. Dass gleichwohl auch in der Corona-Pandemie die frühneuzeitlichen Absperrungsmaßnahmen weiterhin ein wichtiges Instrument darstellen und die erhofften Durchbrüche der Hightech-Medizin einstweilen ausbleiben, ist zwar zu konstatieren, aber zugleich als ein Problem der Zeit zu bezeichnen.

Die medizinhistorische Betrachtung zeigt weiterhin, dass der Umgang mit der Corona-Pandemie in der öffentlichen Kommunikation zahlreiche vormoderne Züge aufweist; diese Eigenarten sind überwiegend negativ oder bedenklich und stellen eine Zerreißprobe dar. Dies gilt umso mehr, als die Corona-Pandemie-Krise im Jahr 2022 keineswegs vorbei ist; wir befinden uns am Ende des Beginns.

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Karl-Heinz Leven

Dr. Karl-Heinz Leven ist Professor für Geschichte der Medizin und Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität Erlangen-Nürnberg.


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