„Der Geist von Frankfurt“

Was hat die 3. Vollversammlung des Synodalen Weges gebracht?
Blick auf die Tagung des Synodalen Weges in Frankfurt/Main
Foto: epd

Mehrere Tage haben rund 230 Delegierte der römisch-katholischen Kirche in Deutschland in Frankfurt am Main um Reformforderungen gerungen. Deutlich wurde, dass auch die reformunwilligen Bischöfe keine Sperrminorität von einem Drittel der Stimmen zusammen bekommen. Bei wichtigen Entscheidungen hat aber weiterhin Rom das letzte Wort.

Das musste man dem apostolischen Nuntius, Erzbischof Nikola Eterovic, lassen, dazu gehörte am Samstagvormittag auf dem Synodalen Weg in Frankfurt am Main schon etwas Chuzpe: Da bemühte sich die katholische Kirche in Deutschland nun schon den dritten Tag in Folge und zudem zum dritten Mal innerhalb von gut zwei Jahren auf aufwendigen Synodalversammlungen mit tausenden Zeilen Papier, hunderten Wortbeiträgen und Dutzenden Anträgen und Abstimmungen darum, gemeinsame Positionen zu finden und sie passend auszuformulieren – und der Botschafter des Papstes in Deutschland sagte dazu in einem Grußwort, zwar durch die Blume, aber unmissverständlich: Ihr seid auf dem Holzweg.

Deutlich wurde: Papstbotschafter Eterovic passte die ganze Richtung nicht. Und sollte er wirklich his master’s voice sein, dann wird der auf Jahre angelegte Synodalen Weg, dieser große Reformprozess der rund 22 Millionen Katholikinnen und Katholiken in Deutschland, am Ende fast für die Katz sein - zumindest was die großen Reformforderungen angeht, die vom Main aus Richtung Tiber gehen und auf Änderungen auch in der Weltkirche zielen. Eterovic sagte das vor den rund 230 in Frankfurt versammelten Synodalen dann so: Bei einem synodalen Prozess, den der Papst in allen nationalen Teilkirchen der Welt angeregt hat, gehe es nicht um Anträge und viele Stimmen, sondern in Wahrheit entscheide der Heilige Geist, nicht ein Parlament. Papst Franziskus spreche zwar oft von Synodalität, warne aber vor „Parlamentarismus, Formalismus, Intellektualismus und Klerikalismus", betont der Apostolische Nuntius.

Das könnte man eine vatikanische Klatsche nennen, und das musste den Synodalen auch ein wenig weh tun. Denn in Frankfurt war auf dem tatsächlich ziemlich parlamentarisch anmutenden Gesprächsprozess fast jede Sekunde zu erleben, dass sich die dort versammelten Geistlichen und Laien mit viel Frömmigkeit um Ernsthaftigkeit, Lauterkeit und ein mögliches Einvernehmen mit dem Vatikan und der ganzen katholischen Christenheit bemühen. Außerdem: Wie ist eine synodale Kirche überhaupt praktisch machbar, ohne dass dabei auch parlamentarisch seit langem erprobte Instrumente genutzt werden, einschließlich Ausschüssen, Redelisten und Mehrheitsentscheidungen, übrigens in der Regel besonders wasserdichte Zwei-Drittel-Mehrheiten? Und lügt sich die katholische Zentrale in Rom nicht in die Tasche, wenn sie nur „Synodalität“ sagt, da es am Ende de facto auch auf eine Demokratisierung hinauslaufen wird, was ja auch gar nicht schlecht wäre?

Aber es ist schon klar: Die Synodalversammlung rang sich angesichts der desaströsen Entwicklungen der letzten Wochen vor allem in Bezug auf den Skandal um sexualisierte im Erzbistum München, der offensichtlichen Mitschuld des früheren Papstes Benedikt XVI. und einem massiven Vertrauensabbruch in der Gesellschaft zu ziemlich mutigen Schritten durch. Sie wurden zudem nun schon fast zwei Jahre in penibel arbeitenden Arbeitsgruppen vorbereitet: Mit überwältigender Mehrheit sprach sich die Synodalversammlung etwa für eine Öffnung der kirchlichen Ämter für Frauen (oder genauer: Nicht-Männer) aus. Knapp 83 Prozent der Synodalen stimmten in Erster Lesung einem entsprechenden Grundtext zu; 174 der 210 abgegebenen Stimmen nahmen den Grundtext an. Besonders ausgewiesen wurden auch die in diesem Zusammenhang wichtigen Stimmen der nicht-männlichen Synodalen. Bei ihnen waren es 62 von 67, also nahe der Einstimmigkeit.

Historische Momente?

Das bedeutet, eine klare Mehrheit in der deutschen katholischen Kirche will eindeutig Reformen bei der Zulassung von Frauen zu kirchlichen Ämtern. Deshalb sprachen manche Synodalen auch von einem historischen Moment. Es gab anhaltenden Applaus am Ende der Abstimmung, ein paar Synodalen spendeten auch standing ovations.

Historische Momente? Das kann man so sehen. Immerhin zeigte die Abstimmung, dass die von der Deutschen Bischofskonferenz und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) entsandten Synodalen mit einer rund zweitausendjährigen Tradition in der Kirche Roms brechen wollten – auch wenn sie eine solche Reform nicht ohne den Papst und die Weltkirche werden durchsetzen können. Bischof Franz-Josef Bode, einer der Vorsitzenden des oft so genannten Frauen-Forums, das das Papier vorbereitete, sagte vor der Diskussion und Abstimmung denn auch sehr nachvollziehbar: „Ich stehe hier mit innerer Anspannung angesichts des hohen öffentlichen Interesses in Kirche und Gesellschaft". Es gehe, sagte Bode, der zugleich Vize-Präsident des Synodalen Wegs ist, um die „Grundlage für sehr entscheidende Fragen der Zukunft unserer Kirche".

Die Mit-Vorsitzende dieses Forums, die Münsteraner Theologieprofessorin Dorothea Sattler, räumte ein, zwar sei das Frauen-Thema auf dem für die katholische Kirche immer noch maßgeblichen Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) nicht eigens behandelt worden. Es habe jedoch „noch niemals in der Geschichte der Kirche“ eine Zeit gegeben, „in der es die Gelegenheit gab, öffentlich über diesen Fragen zu sprechen".

Große Mehrheit für Frauendiakonat

Die Synodalen plädierten, konkret gesagt, in erster Lesung mit großer Mehrheit für einen Frauendiakonat, was die wohl spektakulärste Entscheidung der Frankfurter Versammlung war. Außerdem sprachen sie sich für die Gründung einer Kommission unter Federführung eines künftig zu bildenden nationalen Synodalrats aus. Sie soll sich mit dem Thema des „sakramentalen Amtes von Menschen jeden Geschlechts“ befassen, also auch mit der Weihe von Frauen zu Priesterinnen. Außerdem sollen die deutschen Bischöfe das Anliegen auch bei der Weltsynode einbringen, die der Papst angestoßen hat und im kommenden Jahr Reformentscheidungen für die ganze Weltkirche treffen soll … mit seiner Zustimmung jedoch.

Das Grundsatzpapier „Diakonat der Frau" sah in Frankfurt technisch genauer vor, dass die deutschen Bischöfe beim Papst eine Erlaubnis für die Öffnung des diakonischen Amts für Frauen beantragen. Ein sogenannter „Indult“, ein Gnadenerweis, soll vor allem diese entscheidende Passage im Kirchenrecht verändern, in der festgeschrieben ist: „Die heilige Weihe empfängt gültig nur ein getaufter Mann." Allerdings goss der Münchner Kardinal Reinhard Marx auf der Synodalversammlung sogleich Wasser in den Wein, als er sagte, er könne sich nicht vorstellen, dass der Vatikan solch einem Indult zustimmen werde. Gleichwohl unterstütze er das Anliegen eines Frauendiakonats. Der Synodale Weg hatte eben auch, positiv gesprochen, den Mut zur prophetischen Rede, dessen Wirkung und Ende noch nicht absehbar ist. Denn fast Konsens in der Synodalrunde schien dieser Kernsatz des Grundtextes zu sein: „Nicht die Teilhabe von Frauen an allen kirchlichen Diensten und Ämtern ist begründungspflichtig, sondern der Ausschluss von Frauen vom sakramentalen Amt." Damit wurde die bisherige Logik schlicht auf den Kopf gestellt, zurecht.

Laien bestimmen Bischöfe mit

Recht spektakulär war eine weitere Entscheidung der Synodalversammlung: In Zweiter Lesung votierten 177 Teilnehmer (88 Prozent) für eine Mitbestimmung der Laien bei der Ernennung von Bischöfen. Wichtig dabei ist, denn alle Entscheidungen des Synodalen Weges brauchen laut Satzung am Ende auch eine Zwei-Drittel-Mehrheit der deutschen Bischöfe, dass von den anwesenden Bischöfen auch 42 dafür stimmten, das sind 79 Prozent der Oberhirten. Das bedeutet, die Bischöfe stimmten in gewisser Weise für eine Beschränkung der eigenen Macht und der Macht des Vatikans beziehungsweise der Domkapitel bei der Ernennung von Bischöfen.

Präziser formuliert, soll laut dem Papier „Einbeziehung der Gläubigen in die Bestellung des Diözesanbischofs" eine „Musterordnung für die freiwillige Selbstbindung der jeweiligen Domkapitel bei der Bestellung von Bischöfen" erarbeitet werden. Vorgesehen ist ein zusätzliches beratendes Gremium, das mit dem Domkapitel gemeinsam eine Liste geeigneter Kandidaten erstellt, die nach Rom gesandt wird.

Am Samstag wurde sich schließlich ein Handlungstext zum Thema Homosexualität im Katechismus in erster Lesung angenommen, wieder deutlich mit 174 Ja-Stimmen und nur 22 Nein-Stimmen. Außerdem sprach sich der Synodale Weg für ein Schuldbekenntnis der Weltkirche gegenüber Homosexuellen aus, ebenfalls mit sehr deutlichen 155-Stimmen, bei nur 30 Nein-Stimmungen und 15 Enthaltungen.

Modernisierung der Sexualmoral

Die Synodalversammlung ruft in Mehrheit konkret die Bischöfe auf, in ihren Bistümern Segensfeiern offiziell zu ermöglichen, und zwar für Paare, „die sich lieben und binden wollen, denen aber die sakramentale Ehe nicht zugänglich ist oder die sie nicht eingehen wollen". Seelsorgern, die eine solche Segensfeier durchführen, dürften keine disziplinarischen Konsequenzen mehr drohen. Das kirchliche Arbeitsrecht soll geändert werden, dass Homosexuelle im Dienst der Kirche nun offen zu ihren Neigungen und Partnern stehen können, ohne von Seiten der Kirche Sanktionen befürchten zu müssen. Mit großer Mehrheit hat sich der Synodale Weg der Katholiken zugleich für die mehr als überfällige Modernisierung der kirchlichen Sexualmoral ausgesprochen. Es geht um Änderungen der Aussagen zur Empfängnisverhütung sowie zur Homosexualität im Katechismus. Auch die Öffnung des Zölibats wurde gefordert.

Im Nachhinein hat es sich weiterhin als eher Vorteil heraus gestellt, dass die Satzung des Synodalen Weges so hohe Hürden für ihre Entscheidungen und Forderungen aufgestellt hat – somit kann man schon sagen, dass diese Voten als Entscheidungen der ganzen katholischen Deutschlands gelten können. Und alle wichtigen Beschlüsse sind eben mit Zweidrittelmehrheit gefasst worden. Nicht nur mit Zweidrittelmehrheit der 230 Delegierten, sondern auch mit Zweidrittelmehrheit der Bischöfe. Wer sich nun als Bischof gegen diese Beschlüsse sträubt, hat es schwarz auf weiß, dass er die deutliche Mehrheit der deutschen katholischen Kirche und seiner Amtsbrüder gegen sich hat. Das erhöht den Druck auf die, weiter in ihrem Bistum ihr konservativ-restauratives Süppchen kochen wollen.

Wie geht es nun weiter? Es wird nach den bisherigen Planungen bis März kommenden Jahres noch zwei weitere Synodalversammlungen geben, bei denen weitere Reformschritte verabschiedet werden sollen. Und da wird es wohl auch weiter brenzlig werden, da manche Papiere dann vor ihren finalen Abstimmungen stehen. Anders gesagt: Eine Sperrminorität von einem Drittel der Bischöfe kann da noch einiges verhindern. Allerdings sieht es nach diesen Tagen in Frankfurt nicht danach aus, dass die Bremser eine solche Drittelminorität wirklich hinkriegen. Das wird man sehen. Und bei den wichtigen Entscheidungen hat immer noch der Papst das letzte Wort.

Zwei Tiefpunkte

Erwähnt sei schließlich, dass es bei den insgesamt sehr höflichen und sachlichen Diskussionen in Frankfurt zwei Tiefpunkte gab, die die teilweise fast euphorische Stimmung angesichts der offenkundigen Reformmehrheiten beträchtlich trübten. Zum einen rückte eine Synodale, die konservative Philosophin Hanna Barbara Gerl-Falkovitz, Homosexualität eindeutig in die Nähe von Pädophilie, wofür sie sich trotz einer erneuten Wortmeldung zum Thema nicht wirklich entschuldigte. Motto: Ich bin falsch verstanden worden.

Ein weiterer Tiefpunkt war die sehr missverständliche Aussage des Regensburger Bischofs Rudolf Voderholzer. In einem Diskussionsbeitrag verwies er darauf, dass eine Strafrechtsreform von 1973 Kindesmissbrauch nicht mehr als Verbrechen gewertet habe, und zwar auf der Basis von manchen sexualwissenschaftlichen Urteilen, die damals geglaubt hätten, dass für die betroffenen Kinder und Jugendlichen „die Vernehmungen wesentlich schlimmer sind als die im Grunde harmlosen Missbrauchsfälle“. Wenn man heute über die Kirche in den 1970er und 80er Jahre urteile, müsse dies berücksichtigt werden, so der bayerische Oberhirte. Später entschuldigte er sich für diese Formulierung, die im Synodenrund für Entsetzen gesorgt hatte. Er habe es doch anders gemeint.

Bischof Bode sprach auf der Abschlusspressekonferenz davon, der „Geist von Frankfurt“ sei nach dem fast euphorischen Beginn vor zwei Jahren und den vor allem Corona-bedingten Verzögerungen wiederaufgelebt. Synoden haben eben stets ihre eigene Dynamik.

In einer ersten Reaktion erklärte die Kirchenreformbewegung „Wir sind Kirche“, diese Synodalversammlung habe den Synodalen Weg „entscheidend vorangebracht“: „Es ist ermutigend, dass alle 14 Vorlagen mit sehr deutlichen Voten weit über der jeweils erforderlichen Zweidrittel-Mehrheit Zustimmung fanden und in den Synodalforen weiterbearbeitet werden können. Diese Versammlung hat gezeigt: Die Zeit der Angst und der Ausgrenzungen wie auch der Fixierung auf eine übergriffige Sexualmoral ist endlich vorbei.“

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