Wider den dogmatischen Pazifismus

Warum Kirche auch an der Seite der Soldatinnen und Soldaten stehen sollte
Militärseelsorge im Einsatz
Foto: Roger Töpelmann

Nach dem Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan und der erneuten Machtübernahme durch die Taliban, wird auch in kirchlichen Kreisen die grundsätzliche Kritik an Militäreinsätzen wieder lauter. Valerie Fickert, Militärseelsorgerin und promovierte Theologin, hält diese Kritik oft für selbstgerecht und der Kirche nicht angemessen.

„Du sollst nicht töten lassen!“ – diese Aussage aus der Bonhoeffer-Biografie von Wolfgang Huber zitierte ich Anfang dieses Jahres in einem kurzen Vortrag beim Kirchenamt für die Bundeswehr zu den ethischen Herausforderungen bei Auslandseinsätzen. Der Einsatz der Soldatinnen und Soldaten in der Pandemie, in humanitären Notlagen und angesichts von Terrorismus verdient Respekt und Unterstützung. Unterstützung der Truppe, die die Zivilgesellschaft schützt, ist auch eine Forderung an uns, die Kirche. Daran und dafür zu arbeiten ist und war mein Motiv als Militärseelsorgerin dienen zu wollen, nämlich der Truppe aber auch der Kirche.

Als ich an einem klaren Wintertag in diesem neuen Jahr in Stuttgart zum Solitude-Friedhof gewandert bin, wo an 10 000 gefallene Soldaten erinnert wird, dachte ich daran, wie wir im Doktorandenkolloquium in Tübingen die Darstellung der Geschichte Preußens durch den britischen Historiker Christopher Clark von den Anfängen bis zur Auflösung des Staates im Jahr 1947 durchgearbeitet haben.

Endlos erschienen mir die Verwicklungen all dieser Kriege. Die ambivalenten Motive, aus denen heraus sie geführt wurden, sind kaum zu umfassen.

Unfassbare Bilder

Das alles ist Vergangenheit, die Aufgaben der Truppe haben sich geändert, sind quasi mit der Zeit gegangen. Nicht der Kampf gegen einen anderen Staat, gegen einen äußeren Feind steht im Zentrum militärischer Herausforderungen der westlichen Demokratien, vielmehr die Verteidigung unserer Freiheit gegen terroristische Bedrohung und die Hilfe bei Notlagen der Bevölkerung ist heute Wesenskern militärischer Aufgaben.

Die Flutkatastrophe im Sommer in Rheinland-Pfalz und NRW, bei der die Bevölkerung auf die Hilfe der Bundeswehr angewiesen war, zeigen dies ganz deutlich. Nun steht die Beendigung des Auslandseinsatzes in Afghanistan nach 20 Jahren im Zentrum öffentlicher Wahrnehmung.

Angesichts unfassbarer Bilder aus Kabul erinnere ich mich an meinen Kurzvortrag im Januar: Ich hatte erklärt, dass demokratisch legitimierte Auslandseinsätze der Bundeswehr heute der militärischen Friedenssicherung dienen in Situationen, wo Leben zerstört wird und das Recht ohne Durchsetzungskraft ist, wo nichtmilitärische Mittel nicht ausreichen, um Terrorismus zu bekämpfen.

Was für ein Abzug aus Afghanistan – und: was für ein Empfang für die zurückkehrenden Soldatinnen und Soldaten! Wie fühlt es sich an, den Kopf hinzuhalten, aber am Ende des Tages ist von offizieller Seite niemand da, der diese Menschen in Uniform würdig begrüßt? Das berührt mich als Mensch sowie als aktives Mitglied unserer Kirche.

Wichtiger Beitrag

Meine Antwort auf die Frage des Militärgeneraldekans, was ich denn mit dem Militär zu tun hätte, lautete: Nichts. Weder ich noch sonst jemand in meiner Familie war beim Militär. Außer – wie in vielen Familien, die das Denkmal auf der Solitude meint – mein Großvater väterlicherseits, der krank aus Russland zurückkam und zeitlebens nicht mehr richtig gesund wurde. Aber das war nicht die Bundeswehr.

Aber warum wollte ich Seelsorgerin werden? Ich hatte wahrgenommen, dass sich seit dem Standpunkt Wolfgang Hubers in der evangelischen Kirche etwas verändert hat. Mit dieser Veränderung kam ich in Kontakt während meiner Ausbildung als Theologin und Vikarin. Als unpolitischer Mensch konnte ich da einige Dinge nicht verstehen – und weiß erst heute, warum.

Ich hatte mich als Militärseelsorgerin beworben, weil ich der Auffassung bin, dass die Soldatinnen und Soldaten einen wichtigen Beitrag leisten für ein friedvolleres und besseres Zusammenleben in der Welt. Wer aber in die konkrete Situation hineingeht und verantwortlich handelt, wer sich den ethischen Herausforderungen in der Wirklichkeit stellt, so schlicht wie die Dinge im Kontakt zur Realität eben sind, wird sich dabei immer auch schuldig machen – und damit zu Gegenstand der Kritik derer, die von außen beobachten. Eine Kritik, die oft selbstgerecht ist, da sie eben von außen kommt, von Menschen, die gerade nicht in der Situation der von ihnen Kritisierten stehen. Ist es da nicht gerade Pflicht von uns, der Kirche, bei diesen Menschen zu sein? Gerade hieran aber scheint es mir zu fehlen. Wir sind nicht an der Seite der Kritisierten, sondern führen die Kritiker mit moralischem Gestus an.

Gestus der moralischen Überlegenheit

Promoviert in systematischer Theologie weiß ich, wie erhaben es sich anfühlt, als Außenstehende rigide auf Dogmen zu beharren. Wer selbst nicht in der konkreten Situation ist, wer selbst nicht handelt, ist in der komfortablen Position, über andere moralisch zu urteilen. Dann werden lebensförderliche christliche Gebote abstrakt, unsere Verantwortung für den Frieden, dargelegt in der Friedensdenkschrift der EKD „Gerechter Friede“ 2007 und im friedenstheologischen Lesebuch der EKD 2019 „Auf dem Weg zu einer Kirche der Gerechtigkeit und des Friedens“, verzerrt zu einem dogmatischen Pazifismus.

Der Gestus der moralischen Überlegenheit jenseits der konkreten Situation, ohne Kenntnisnahme von Fakten und guten Argumenten hat mich seit meinem Studium und Vikariat von Anfang an herausgefordert, regelmäßig zu stören. Ich verstehe Kirche als eine öffentliche Kirche, die Verantwortung übernimmt im Sinne von Bonhoeffers christlichem Pazifismus, der dem Primat der Gewaltlosigkeit folgt, aber eine demokratisch legitimierte militärische Friedenssicherung mitträgt. Kirche, die sich dagegen als Speerspitze eines einseitig politisch motivierten Diskurses versteht, wird der ihr obliegenden Verantwortung für die demokratische Gesellschaft m.E. nicht gerecht. Diese Entwicklung nützt dem Gemeinwesen nicht, sie schadet vielmehr.

Evangelische Freiheit bedeutet dagegen Verantwortung für die Gesellschaft sowie Spontaneität und Authentizität – ja, selbst die Freiheit, mich bei der Bundeswehr zu bewerben.

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