Anrührend

Die jüdische-katholische Sorbin

Horka, obersorbisch Hórki, ist ein kleines Dorf in der Oberlausitz in der Nähe von Kamenz. 1933 lebten hier neunzig Prozent „Wenden“, und auch heute ist Obersorbisch im Dorf die vorherrschende Umgangssprache. 1918 wurde in Horka ein Mädchen namens Annemarie geboren. Im Dorf wurde sie nur Hana oder Hanka genannt. Sie wuchs bei dem Horkaer Geschwisterpaar Georg und Maria Schierz auf und wurde von Maria Schierz adoptiert. Ihre Erstsprache war Sorbisch. In der Pfarrkirche im nahegelegenen Crostwitz (Chrósćicy) wurde sie getauft und ging dort zur Schule.

Für die Nazis galt Annemarie-Hana als „Volljüdin“. Denn ihre Mutter war die 17-Jährige Tochter eines jüdischen Kaufmanns aus Dresden. Vermutlich wurde diese von ihren Eltern zu Bekannten nach Horka gebracht, damit sie dort, ohne Aufsehen zu erregen, ihr uneheliches Kind zur Welt bringen konnte.

Im Dorf dürfte die jüdische Herkunft von Hana bekannt gewesen sein. Zwar gab es auch aus Antisemitismus gespeiste Vorbehalte gegen sie, doch insgesamt war sie gut in die Dorfgemeinschaft integriert und beteiligte sich aktiv am sorbischen und kirchlichen Leben. Ab 1937 geriet sie ins Visier der Gestapo. Ihr wurde verboten, in der sorbischen Tracht zu gehen, Tanzveranstaltungen und sogar Gottesdienste zu besuchen. Einen Job in einer Gaststätte verlor sie, nachdem sich ein Gast beschwert hatte: Er wolle sich nicht von einer „Nicht-Arierin“ bedienen lassen. Ab 1941 musste sie sich regelmäßig bei der Gestapo in Dresden melden und wurde verpflichtet, den Gelben Stern zu tragen. Ihre Spur verliert sich im Sommer 1942. Wahrscheinlich wurde sie in Dresden verhaftet und deportiert und kam irgendwo „im Osten“ ums Leben. Sicher ist, dass sie ein Opfer der Schoah geworden ist.

Von dieser historisch verbürgten Person erzählt der sorbische Schriftsteller Jurij Koch in seinem unlängst erschienenen Buch Hana – eine jüdisch-sorbische Erzählung. Biografische Fakten bilden die Grundlage seiner Erzählung, die er mit fiktiven Elementen anreichert. Lobenswert ist, dass das Buch ein Nachwort des Historikers Hermann Simon, dem ehemaligen Direktor des Centrum Judaicum in Berlin, enthält. In ihm begibt er sich auf die Spuren des realen Vorbilds für die literarische Figur der „Jüdin Hana“.

Jurij Koch hatte Hana schon früh ein literarisches Denkmal gesetzt. Der 1936 geborene und selber in Horka aufgewachsene Autor veröffentlichte 1963 seine Erzählung Židowka Hana, zu Deutsch: Die Jüdin Hana. Das Buch erschien in sorbischer Sprache. Immerhin war Jurij Kochs Erzählung eines der wenigen in der DDR erschienenen Bücher, die sich mit dem Schicksal von in der NS-Zeit ermordeten jüdischen Menschen beschäftigten.

Koch hat später sein Erstlingswerk sehr kritisch gesehen: Es sei zwar „lesenswert, aber mit zeitpolitischen Ansichten des Schreibers überfrachtet, durchsäuert von jugendklugen Weisheiten, romantisch gesüßt an vielen Stellen“. Eine Übersetzung ins Deutsche hat er jahrzehntelang abgelehnt. Gut, dass der inzwischen 84-Jährige sich der Geschichte noch einmal angenommen und eine Neufassung in deutscher Sprache vorgelegt hat. Er geht – wie schon in der Novelle von 1963 – recht frei mit den Fakten um. So stellt er Hana einen Freund an die Seite: Bosćij, einen jungen Arbeiter im Horkaer Steinbruch. Die Leserinnen und Leser begleiten das junge Liebespaar durch den Alltag des Dorfes mit seiner harten Arbeit durch Fest- und Feiertage mit Ausflügen, Gottesdiensten und Tanzvergnügen. Sie erleben mit, wie Einschränkungen und Gefahr für Hana immer bedrohlicher werden, wie Boscij und andere sie zu retten versuchen, vergeblich.

Koch hat eine anrührende, nachdenklich stimmende und auch spannende Lektüre über die jüdische-katholische Sorbin Hanka aus Horka geschaffen.

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Foto: Kirsch GmbH, Berlin

Michael Maillard

Michael Maillard ist Pfarrer und Beauftragter für Gedenkarbeit der Evangelischen Kirche in Charlottenburg-Wilmersdorf / Berlin.


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