Fein komponiert

Kirchengeschichte und Karl Holl

Es gibt solche Sammelbände und solche. Die einen binden achtlos disparate Aufsätze zu einem gerade angesagten Thema zusammen – im Irrglauben, dass so etwas „Buch“ genannt werden dürfte. Die anderen aber widmen sich einem Thema, das wirklich interessant, zugleich aber zu vielschichtig ist, als dass ein einzelner Autor ihm gerecht werden könnte. So ist es bei diesem bewundernswürdigen Band über Karl Holl.

Holl (1866 – 1926) war wohl der bedeutendste evangelische Kirchenhistoriker des 20. Jahrhunderts: von furchteinflößender Gelehrsamkeit und theologischem Tiefsinn, positionell und politisch nicht eindeutig zuzuordnen, zudem eine beeindruckende, aber nicht eben einfache Persönlichkeit. Man kann sagen, dass mit ihm die moderne Luther-Forschung begonnen hat. Aber auch für die Geschichte der Alten Kirche hat er die Grundlagen mitgeschaffen, und sein ökumenischer Sinn war so weit, dass er auch Substanzielles zur Geschichte des östlichen Christentums verfasste. Dabei verband er, was sonst selten zusammenfindet, nämlich die Bereitschaft, in entsagungsvoller Kleinarbeit die editorischen und archivalischen Vorarbeiten zu leisten, sowie die Fähigkeit, das nun zuverlässig zubereitete Quellenmaterial einer Deutung zu unterziehen, die der eigenen Gegenwart zu denken gibt.

Man kann dies in den drei Bänden seiner Aufsätze und Vorträge zur Kirchengeschichte, die immer noch in jedes gute theologische Haus gehören, nachvollziehen. Besonders beeindruckend ist seine Luther-Deutung, weil sie zum einen minutiös die Grundzüge seiner Theologie analysiert und zum anderen Luther – mit Søren Kierkegaard gelesen – kritisch gegen das bürgerliche Zeitalter in Stellung bringt. Natürlich kann man heute fragen, ob sein Gewissensbegriff, der das Zentrum seines Religionsverständnisses und damit seiner Lutherdeutung bildet, nicht allzu aufgeladen ist. Aber das nimmt dieser „Krisentheologie mit Luther“ nichts von ihrer Faszination.

Der Greifswalder Systematische Theologe Heinrich Assel hat nun einen fein komponierten Band zusammengestellt. Ausführlich stellt er die Biografie dieses irgendwie Heimatlosen vor, der zur Kirche Distanz hielt und in der Wissenschaft seine Berufung fand, aber nicht sein Glück. Mehrere Aufsätze widmen sich seinen Arbeiten zur Patristik und verschiedenen Aspekten seiner Lutherdeutung. Um Holl als Menschen, als intellektuelle Person, näherzukommen, untersucht Christian Nottmeier seine Beziehung zu Adolf von Harnack und Alf Christophersen sein Verhältnis zu Ernst Troeltsch. Diese Konstellationen sind überaus sprechend. Der qualitäts- und verantwortungsbewusste Harnack förderte seinen Schüler nach Kräften. Große Vorhaben gelangen ihnen gemeinsam. Aber sie waren zu verschieden, so dass sie einander am Ende fremd werden mussten. Neben wachsenden politischen Unterschieden trennte die beiden auch ihr Naturell. So stieß sich Harnack an Holls Unfähigkeit, irgendetwas im Leben leichtzunehmen. Der fast gleich alte Ernst Troeltsch muss Holl häufig gehörig auf die Nerven gegangen sein. Denn mit den Quellen nahm dieser es im Flug seiner Gedanken nicht so genau. Dennoch entspann sich zwischen beiden ein interessanter Austausch.

Schade ist nur, dass dieser Band Holls Schüler kaum berücksichtigt. Denn an ihnen, zum Beispiel Paul Althaus oder Emanuel Hirsch, ließe sich zeigen, wie aus einer nonkonform-„konservativen“ Grundeinstellung im und nach dem Ersten Weltkrieg ein rabiater Nationalismus und bitterer Antiliberalismus werden konnte. Aber wäre dies nicht einen Folgeband wert?

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Foto: EKDKultur/Schoelzel

Johann Hinrich Claussen

Johann Hinrich Claussen ist seit 2016 Kulturbeauftragter der EKD. Zuvor war er Propst und Hauptpastor in Hamburg.


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