Amazonas des Nordens

In der Mitte des Lebens: Arnold Pett ist Pastor in Vorpommern
Arnold Pett
Foto: Conny Teichert

Er kam auf Umwegen zum Theologiestudium: Seit sechs Jahren ist der 47-jährige Arnold Pett Pastor der Evangelischen Kirchengemeinde Jarmen-Tutow in der Nordkirche. Seine vielfältigen Aufgaben sind trotz der Last aber auch immer eine Lust. Er schaut mit Hoffnung in die Zukunft und fühlt sich von Gott beschenkt. Teil drei der „Pfarrer:innen“-Serie in zeitzeichen.

Im Volksmund sagt man gelegentlich „Jarmen ist zum Gott erbarmen“. Obwohl ich in der nahegelegenen Kreisstadt Demmin mein Abitur gemacht habe, hatte ich doch keine Ahnung, welches Abenteuer mich Jahre später in dem kleinen Städtchen Jarmen im Landkreis Vorpommern-Greifswald erwarten würde.

Vor knapp sechs Jahren begann ich in einer Region, die gern auch „Amazonas des Nordens“ genannt wird, meinen Dienst als Pastor der Nordkirche. Ich zähle wohl zu den Spätberufenen. Denn bevor ich Pastor wurde, arbeitete ich als Profimusiker. Nach einer Lebenskrise haben mich mein Glaube und die Suche nach der Tiefe des Lebens inspiriert, andere, neue Wege zu gehen. Und so habe ich mich entschlossen, noch einmal von vorne zu beginnen. Ich studierte Theologie an der Universität Greifswald. Allerdings nicht mit der Maßgabe, tatsächlich ein Pastor zu werden. Mir schwebte vor, in einem universitären Bereich als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig zu sein.

So ein Theologiestudium ist umfangreich, sehr interessant, aber nicht unbedingt darauf ausgerichtet, schnell einen Berufseinstieg in ein Pastorenamt zu bekommen. Wer kein Faible für die Alten Sprachen und wissenschaftlich theoretische Abhandlungen der Theologie besitzt und eher eine praktisch orientierte Ausbildung für das Pfarramt an der Universität erwartet, wird in den ersten Semestern oft schnell enttäuscht. Man muss viel Ausdauer besitzen, um ein Theologiestudium in einer Regelstudienzeit von immerhin zehn bis zwölf Semestern zu absolvieren.

Allerdings erlebte ich während des Theologiestudiums einen persönlichen Sinneswandel. Das war zu dem Zeitpunkt, als ich nach dem Grundstudium das homiletische Seminar in Greifswald besuchte. Dieses war sehr komplex. Zeit, noch etwas anderes zu erledigen, blieb in dem Semester kaum. Wenn auch mein Herz für das Alte Testament schlug, öffneten sich für mich während dieser Zeit die Türen für den Weg ins Pfarramt. Dafür bin ich sehr dankbar und zehre auch heute noch von den Erfahrungen und Grundlagen – gerade in der Vorbereitung für Predigt und Gottesdienst.

In die Zeit meines Studiums fiel auch die wohl größte kirchliche Strukturreform des Nordens. Es war die Gründung der Nordkirche zu Pfingsten 2012, bei der sich die Nordelbische, die Mecklenburgische und die Pommersche Kirche zusammenschlossen. Die Gründung war notwendig geworden, um auf den demografischen Wandel, die schwindende Mitgliederzahl und die zunehmend finanziellen Schwierigkeiten der einzelnen Landeskirchen zu reagieren. Ein Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen ist und uns gerade in Zeiten von Corona mehr denn je beschäftigt und beschäftigen wird.

2012 also wurde die kleine und recht beschauliche Pommersche Evangelische Kirche in die Nordkirche eingegliedert und findet sich dort als Kirchenkreis wieder. Auch wenn ich mich bis dato in den kirchlichen Strukturen nur peripher auskannte, betraf mich als zukünftiger Pfarramtsanwärter dieser Zusammenschluss vor allem durch die Neuausrichtung der Vikarsausbildung. Für einen Pommern, wie ich einer bin, war es nur noch bedingt möglich, sein Vikariat in der Heimat zu absolvieren. Die Ausbildung wurde ab 2013 überregional organisiert, so dass ich mein Vikariat auf dem ehemaligen Gebiet der Nordelbischen Kirche absolvieren musste. Für diese Erfahrung bin ich außerordentlich dankbar, denn sie hat meinen innerkirchlichen Blick aus Pommern enorm erweitert. Ich habe somit über den Tellerrand hinausschauen dürfen.

Grenze in den Köpfen

Erstaunlich fand ich es im Vikariat, dass auch nach über zwanzig Jahren die Ost-West-Grenze leider bis heute immer noch zu spüren ist. Wenn auch – Gott sei Dank – keine reale Grenze mehr existiert, ist sie in den Köpfen auch weiterhin präsent. Ich denke aber, dass der Zusammenschluss der Kirchen im Norden für eine Versöhnung des latenten Konflikts viel beiträgt und deutschlandweit sogar eine Vorreiterrolle spielen könnte. Was mir in meinem Vikariat zudem auffiel, waren der Unterschied der Konturschärfen kirchlichen Lebens und die Verlässlichkeit kirchlicher Strukturen. Hier schien die Welt noch relativ in Ordnung zu sein, wenn auch der Erodierungsprozess vor dem westlichen Teil der Nordkirche längst keinen Halt mehr macht. Mit großer Selbstverständlichkeit wurden die Kinder zum Konfirmandenunterricht gebracht, und die Pastor:innen genießen dort ein relativ hohes Ansehen.

Von den gesellschaftlichen Problemen des Ostens war kaum etwas zu spüren. Das liegt auf der Hand, denn von einer aggressiv durchgeführten Entkirchlichung blieb der Westen glücklicherweise verschont. Hier kämpft man auch in der Postwendezeit nicht mit einer konkurrierenden Jugendweihe, die sich trotz des Systemfalls weiterhin hartnäckig im Osten gehalten hat. Doch wird sich unsere Nordkirche vor den Problemen des Ostens nicht verschließen können, denn der Mitgliederschwund und der Pas-torennachwuchs, um nur zwei Beispiele zu nennen, sind kein territoriales Problem, sondern ein Problem der Relevanz von Kirche überhaupt.

Freiheit und Urtümlichkeit

Auch wenn die Pommersche Kirche ihre beschaulichen Grenzen von einst verloren hat, so hat doch dieser Landstrich seinen Reiz und seinen Charme, den schon ein Caspar David Friedrich auf die Leinwand zaubern konnte, nicht verloren. Wer sich Land und Leuten öffnet, wird, wie ich, die Region recht bald in sein Herz schließen. Es erwarten einen hier blühende Landschaften im wahrsten Sinne des Wortes – leuchtende Rapsfelder, so weit das Auge reicht, sind nur ein Beispiel. Seitdem ich hier als Pfarrer tätig bin, umweht mich, der Weite sei Dank, ein Hauch von Freiheit und Urtümlichkeit.

Da ich kein gebürtiger Pommer bin, habe ich als Pastor die Menschen vor Ort noch einmal ganz neu kennen und schätzen gelernt. Alles hat bekanntlich seine Zeit. Auch das Kennenlernen hatte seine Zeit. Es gibt ein plattdeutsches Sprichwort, das so einiges über die Mentalität der Landsleute verrät: „Wat de Buer nich kennt, dat aet hei nich.“ Und so verhält es sich auch mit den Pastoren, die ihren Dienst hier beginnen. Wer im Herzen ein Eroberer ist und auf den schnellen Erfolg setzt, wird bei den Pommern bald eines Besseren belehrt. Es gibt hier einige Pfar-rerdynastien, die ihr Amt über Generationen weitergegeben haben. Strukturen, in denen es berufliche Neuankömmlinge schwer haben, Wurzeln zu schlagen. Aber wer das Herz der Pommern erst einmal gewonnen hat, wird eine treue Seele vorfinden und sie außerordentlich zu schätzen wissen.

Die Kirchenmitgliedschaft ist in meinem Amtsbereich Jarmen-Tutow noch relativ hoch. Mit rund 1300 Kirchenmitgliedern gehört fast jeder dritte Einwohner der Evangelischen Kirche an. Was aber nicht unbedingt heißt, dass man sie alle im Gottesdienst oder bei kirchlichen Angeboten auch regelmäßig begrüßen kann. Die guten alten Zeiten, in denen es zum gesellschaftlichen Konsens gehörte, am Sonntag in die Kirche zu gehen, seine Kinder zur Christenlehre oder in den Konfirmandenunterricht zu schicken und sich auch sonst aktiv am gemeindlichen Leben zu beteiligen, gehören längst der Vergangenheit an. „Komm-Strukturen“ sind passé! Kirche muss sich auf die Menschen zubewegen. Dennoch: In persönlichen Gesprächen bin ich aber immer wieder erfreut, dass die Kirche vor Ort geschätzt wird und die Menschen ganz bewusst in der Kirche bleiben, um damit ihre Sympathie auszudrücken.

Wer hier als Pastor arbeiten, ankommen und zu einer Gemeinschaft dazugehören möchte, wird kein gemachtes Nest vorfinden. Kirchliches Profil, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen, muss hart erarbeitet werden. Als Pastor muss man sich schon etwas einfallen lassen, um „seine Schäfchen“ zu locken. Der Markt der Angebote in nahegelegenen Städten ist groß. Viele Bewohner des platten Landes nutzen ihre Mobilität. Auch das ist ein eigentümliches Phänomen der heutigen Zeit, dass nicht mehr jeder seine Kirche am Ort besucht. Die Kirche lässt man wörtlich verstanden gern im Dorf und nutzt mit großem Vergnügen Angebote anderer Gemeinden. Die Menschen suchen immer häufiger das Besondere in Gottesdiensten und Veranstaltungen, nehmen dafür auch längere Wegstrecken und andere Pfarrkolleg:innen in Kauf. Für mich hieß das, genau wie der alte Luther es bei seiner Bibelübersetzung formuliert hatte, dem Volk aufs Maul zu schauen. Freilich ohne mich dabei zu verbiegen. So entstand zum Beispiel die Idee zu einem ganz eigenen Motorradgottesdienst in Tutow, das von RTL mal als „ärmstes Dorf“ in Deutschland betitelt wurde. Das Format ist an sich nicht neu, aber in Verbindung mit einem eher düster wirkenden Motorradclub, dessen Motto damals lautete „Odin statt Jesus“, schon etwas Besonderes. Da bin ich Gott außerordentlich dankbar, dass ich bei der ersten Begegnung mit dem muskulösen Clubchef keine weichen Knie bekam und mit meinen Pastorenkolleg:innen aus der Gegend Gottes Wort von einer kultigen Gaststättenbühne rocken durfte. Und das nun schon fünf Mal in Folge.

Die Pommersche Freiheit ist groß und bietet viele kreative Möglichkeiten, wenn man nur will. Gerade in den ländlichen Gebieten bieten sich die Natur und die dörflichen Strukturen besonders gut an, um Gottes Wort reichlich zu säen. Wenn auch die Saat nicht immer gleich aufgeht und hin und wieder auf den Wegesrand oder unter dorniges Gestrüpp fällt, genießen doch recht viele Gottesdienstbesucher unseren Waldgottesdienst, den jährlichen Hofgottesdienst, Gottesdienste am Wasser oder in Gärten – gerade auch in Corona-Zeiten.

Unendliche Variabilität

Das Pastorenamt wurde in vielerlei Hinsicht theologisch unter die Lupe genommen und mit verschiedensten theoretischen Bildern gepaart, um ein neues Bewusstsein zu schaffen. Der Pastor etwa als spiritueller Führer, als Generalist oder als Manager der Gemeinde und vieles andere mehr. Ich habe oft versucht, solche Bilder zu verinnerlichen und sie mit mehr oder weniger Erfolg auf Praxistauglichkeit zu testen. Aber keines reicht nur annähernd an die Komplexität des heutigen Pastorenberufes heran. Eine schier unendliche Variabilität von Aufgaben erwartet einen Berufseinsteiger und mittlerweile auch gestandene Profis im Amt. Der volkstümliche Mythos vom Pastor, der nur sonntags auf der Kanzel seine mehr oder minder gelungene Predigt hält, wurde diesem Amt noch nie gerecht. Die Komplexität gemeindlicher Aufgaben hingegen ist fast unüberschaubar geworden. So nehmen die klassischen Aufgaben der Verkündigung wie das Predigen, liturgische Leitung oder Seelsorge heutzutage nur noch einen geringen Teil ein. Gerade in den ländlichen Gebieten im Osten ist die Anzahl an hauptamtlichen Mitarbeitern verschwindend gering, so dass der Pastor oft allein auf weiter Flur agiert. Er wird vom Generalisten zum Universalisten, zu einem Mann, der alles wissen und können muss. Vielfach steht er der Gemeinde vor oder ist für das elektronische Kassenbuch und den Finanzhaushalt verantwortlich. Er managt Kasualien, wenn solche außer den Beerdigungen überhaupt noch stattfinden. Er ist Moderator, Mediator, Grundstücksmakler, Veranstaltungsmanager, Musiker und neben vielem hier nicht Genannten auch noch Bauherr.

Das sind eigentlich Bereiche, von denen ein studierter Theologe kaum Ahnung hat. Als ein solcher Bauherr betreue ich in meiner Gemeinde sieben Kirchen. Von denen sind allein sechs historische Bauwerke, die teilweise mehrere Jahrhunderte alt sind. Bei einer Baumaßnahme gilt es dann nicht nur das Baudenkmal und den finanziellen Aufwand zu beachten, sondern auch die Vorlieben jeder einzelnen Gemeinde vor Ort. Hinzu kommen mehrere Pfarr- und Gemeindehäuser. Damit stehe ich in Pommern noch recht gut da. Ich kenne Kollegen, die zwölf und mehr Kirchen nebst zugehörigen Gebäuden zu verwalten haben.

Allerdings möchte ich kein Klagelied anstimmen, wenn auch die Last der mir anvertrauten Aufgaben sehr groß ist. Ich fühle mich trotz allem als ein von Gott beschenkter Mensch und schaue mit Hoffnung auf das, was da noch kommen mag. Verantwortungsvoll Gott und Menschen zu dienen, gehört zu meinen Grundsätzen. Und dabei sich als von Gott angenommenes und geliebtes Menschenkind zu wissen, das mit Sicherheit nicht alles weiß und bewerkstelligen kann, das Fehler macht und vor allem wissen muss, dass es nicht der Mittelpunkt der Welt ist. 

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