Praxis

Bestattung im Wandel

Gesellschaftlicher Wandel und Transformationen im Bereich der Bestattungskultur erzeugen zunehmend Reflexionsbedarf. Bestattende haben es mit Trauernden zu tun, denen kirchliche Traditionen zunehmend fremd sind, mit unterschiedlichen Milieus und Kirchenbildern sowie Musikgeschmäckern. Wie kann ein professionelles pastorales Handeln gelingen, welches die bestehenden Komplexitäten nicht erfolglos versucht aufzulösen, sondern in einen produktiven Umgang mit ihnen gelangt?

Lutz Friedrichs, Direktor des Evangelischen Studienseminars in Hofgeismar, legt eine Praxishilfe vor, in deren Zentrum eine Filmfigur steht: Mr. May. Dieser kümmert sich im Film „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“ mit liebevollem Blick für Lebensgeschichten als funeral officer um Bestattungen. Das Bild eines „zarten Amtsbestatters“, der sich von den Bedürfnissen der Menschen leiten lässt, ist es, in dem der Autor eine Haltung entdeckt, die den Umgang mit den Anforderungen der Bestattungspraxis ermögliche. Dass die zentrale These des Bandes in Gestalt einer Filmfigur erscheint, erweist sich insofern als sachdienlich, als dass gerade das Ästhetische es ermöglicht, Komplexität in den Blick zu nehmen, ohne sie diskursiv aufzulösen.

Bestatten wird vom Autor als spezifische Form der Kommunikation des Evangeliums verstanden, und diese Perspektive soll auf ihre pastoraltheologischen Pointen hin befragt werden. Der Rekurs auf den Kommunikationsbegriff ermöglicht es, Bestatten nicht isoliert auf den Bestattungsakt hin zu begreifen, sondern im Sinne eines partizipativen und vernetzten Prozesses.

So hält Friedrichs beispielweise die Professionalisierung des Bestatterberufes im Rahmen dieser Vernetzung für bedeutsam, insofern ihr beratendes Dienstleistungsverständnis auch die Erwartungen an das kirchliche Trauergespräch präfiguriert.

Hilfreich erweist sich, dass der Autor die Bestattungspraxis eingebettet in Spannungsfelder beschreibt. So changiere zum Beispiel die Frage nach der Bestattung Konfessionsloser zwischen den Polen Kirchenrecht und Seelsorge. Handlungsspielräume entstehen, wo solche und andere Spannungen nicht einseitig aufgelöst, sondern wahrgenommen und ausgehalten werden.

Die wesentliche pastorale Rolle bestehe im Sinne eines Netzwerkers und das Bestatten wird so als spezifische Leitungsaufgabe begriffen. Ausgehend von der Filmfigur Mr. May gehe es darum, sich offen für die Geschichten der Menschen zu halten. In diesem Sinne seien wesentliche Elemente der Bestattungspraxis die Fürsorge (für die Toten), Netzwerkarbeit (unter den Hinterbliebenen) und Interesse an den Menschen.

Konkret werden die Praxisimpulse des Bandes durch die Präsentation einer Reihe von Best-practice-Beispielen wie etwa einer berührenden Liturgie anlässlich des Todes eines Kindes oder einer Heiligabendliturgie für Trauernde in einer Kasseler Friedhofskapelle. Den Auswirkungen der Pandemie auf das Bestatten wird behutsam tastend nachgegangen und kollektive Erfahrung der Verwundbarkeit dabei im Sinne eines Türspalts für das Religiöse aufgefasst.

Mutig ist an dem Buch vor allem, dass Friedrichs es inmitten all der Komplexitätsbeschreibungen dennoch wagt, goldene Regeln zu formulieren für diejenigen, die eine Mr. oder Mrs. May werden wollen. Erstens: Erinnere dich an etwas, das dich selbst getröstet hat (...) Oder viertens: Wenn du die Lieblingsmusik der Verstorbenen nicht kennst, höre sie dir gemeinsam mit den Hinterbliebenen an.

Vielmehr als eine To-do-Liste stellen diese Regeln eine Art Dekalog der inneren Haltung dar. Es geht um eine Hilfestellung zur individuellen Handlungsreflexion. Die Rezensentin erlaubt sich, eine elfte Regel hinzuzufügen: Lies dann und wann aufmerksam in dem Buch von Lutz Friedrichs.

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Foto: Christian Lademann

Katharina Scholl

Pfarrerin Katharina Scholl ist Pfarrerin in Hanau-Großauheim. Neben ihrem Dienst promoviert sie zurzeit im Fach Praktische Theologie.


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