Anheizendes Wasser

Warum das Wasser über die Erde und über das Jahr ungleich verteilt ist
Der Zyklon Amphan sorgte Ende März in Bangladesch für die Versalzung großer Flächen.
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Der Zyklon Amphan sorgte Ende März in Bangladesch für die Versalzung großer Flächen.

Der Bedarf an Süßwasser wächst weiter mit dem Wachstum der Bevölkerung, der Städte, der Wirtschaft und des Konsums – um rund ein Prozent pro Jahr, schätzen die Vereinten Nationen. Bernd Ludermann, Chefredakteur der Zeitschrift Welt-Sichten, berichtet über Wasser als Ressource im 21. Jahrhundert.

Geht der Menschheit das Süßwasser aus? Dafür scheint es Anzeichen zu geben. So leben laut den Vereinten Nationen (UN) über zwei Milliarden Menschen in von Wasserstress betroffenen Ländern; vier Milliarden erleben mindestens einen Monat im Jahr Wasserknappheit. Der Bedarf an Süßwasser wächst weiter mit dem Wachstum der Bevölkerung, der Städte, der Wirtschaft und des Konsums – um rund ein Prozent pro Jahr, schätzen die UN. Infolge des Klimawandels wird in manchen trockenen Regionen noch weniger Wasser verfügbar sein als jetzt. Und schon ausreichend sicheres Trinkwasser ist für zahllose arme Menschen Mangelware. Man kennt Bilder von Frauen und Mädchen, die in Landgebieten Afrikas Kanister vom Brunnen kilometerweit nach Hause tragen müssen, während in Armenvierteln großer Städte – etwa in Südasien – Wasser aus Tanklastern oder von Kleinhändlern teuer verkauft wird.

Doch genau besehen sind das keine Symptome für globalen Wassermangel, sondern für unterschiedliche Probleme in verschiedenen Weltregionen. Zunächst: Zwar ist weniger als 0,02 Prozent des Wassers auf der Erde nutzbares Süßwasser, aber es ist keine endliche Ressource. Denn Süßwasser erneuert sich ständig: Niederschlag füllt Seen, Flüsse und das Grundwasser, wird von Pflanzen verdunstet oder gelangt ins Meer, von wo Wolken neuen Regen bringen. Nur ist der über die Erde und über das Jahr sehr ungleich verteilt. Begrenzt ist also nicht das Süßwasser insgesamt, sondern die Menge, die man dem Wasserkreislauf einer Region – einem Flusseinzugsgebiet oder Grundwasserspeichern – ständig entnehmen kann, ohne Ökosysteme schwer zu schädigen. Wo mehr als ein Viertel dieses Potenzials ausgeschöpft wird, spricht der UN-Weltwasserbericht von Wasserstress und wo Menschen mehr als siebzig Prozent der schadlos verfügbaren Wassermenge entnehmen, von schwerem Wasserstress. Der trifft 22 Länder in einem Gürtel von Nordafrika über die arabische Welt bis Pakistan. Leichten bis mittleren Wasserstress finden die UN in 31 Ländern oder in Teilen davon, darunter in Mexiko, am Nordufer des Mittelmeers, in Indien und China – südlich der Sahara nur in Südafrika und Somalia.

Schwerer Wasserstress

Andere Forscher messen Wasserstress nicht nach der zurzeit genutzten, sondern nach der theoretisch nutzbaren Wassermenge – jedoch pro Kopf. Das ergibt ein etwas anderes Bild, Länder im Sahel und im östlichen Afrika sind dann stärker betroffen. Klar ist aber: Physischer Wassermangel herrscht vor allem von Nordafrika bis Arabien und in Teilen West- und Südasiens sowie des südlichen Afrikas. Daraus folgt aber nicht auch schlechter Zugang zu Trinkwasser. Das extrem wasserarme, aber wohlhabende Saudi-Arabien füllt mittels aufwändiger Meerwasserentsalzung die Swimmingpools. Im wasserreichen Zentralafrika dagegen müssen viele Menschen auf belastetes Wasser aus Flüssen oder Brunnen zurückgreifen und infizieren sich dabei oft mit Krankheiten. Wo welche Haushalte genug sauberes Wasser nutzen können – etwa zum Trinken, Kochen, Waschen –, ist also keine Frage der Wasservorkommen, sondern der Infrastruktur. Gibt es funktionierende Anlagen und das Personal, um Wasser zu sammeln, zu speichern, aufzubereiten und zu verteilen? Bekommen es alle und können es sich alle leisten? Wo es daran fehlt, spricht man von ökonomischer Wasserknappheit.

Zugang zu ausreichend sauberem Wasser hat die UN-Generalversammlung Mitte 2010 als Menschenrecht anerkannt und dazu aufgerufen, die nötigen Mittel für die Versorgung aller bereitzustellen. Hierbei sollen reiche Länder die armen unterstützen. Die Resolution geht zurück auf einen Rechtskommentar des UN-Komitees für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Menschenrechte von 2002. Danach muss Wasser nicht kostenlos sein, aber für alle erschwinglich; es darf niemandem vorenthalten werden, der oder die nicht zahlen kann. Staaten dürfen niemandem den Zugang nehmen, etwa Brunnen trockenlegen. Sie müssen das Recht gegen Eingriffe Dritter schützen, zum Beispiel Firmen kontrollieren, die Menschen das Wasser abstellen oder abgraben könnten. Und sie müssen denen, die keinen Zugang zu sauberem Wasser haben, aktiv dazu verhelfen. Ähnliche Pflichten gelten international, etwa für Entwicklungshilfe und die Tätigkeit von Firmen im Ausland. Es gibt keine Möglichkeit für Einzelne, international gegen Verletzungen ihres Menschenrechts auf Wasser zu klagen, das bis heute millionenfach verletzt wird. Zugleich aber hat sich die Lage in vielen Ländern seit der Jahrtausendwende deutlich verbessert.

Den Zugang zu sauberem Wasser auszuweiten, gehörte schon zu den im Jahr 2000 in den UN beschlossenen Millenniums-Entwicklungszielen. Im Nachfolgeprogramm, den 17 UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung von 2015, wurde das erweitert: Bis 2030 sollen alle Menschen laut dem sechsten Ziel Zugang zu sauberem Wasser und Sanitäreinrichtungen bekommen. Zudem soll Wasser effizienter genutzt und gemanagt werden, auch grenzüberschreitend, und mit Wasser verbundene Ökosysteme sollen geschützt werden.

Die Bilanz ist bisher gemischt. Laut dem jüngsten Fortschrittsbericht der UN ist der Anteil der Weltbevölkerung, der Zugang zu einer sicheren Trinkwasserversorgung im eigenen Haus oder Grundstück hat, von 2000 bis 2017 von 61 auf 71 Prozent gestiegen. Weitere 19 Prozent hatten zumindest eine Grundversorgung, das heißt eine sichere, saubere Quelle in höchstens dreißig Minuten Entfernung. Der Anteil derjenigen ohne diese Grundversorgung liegt jetzt in allen Weltregionen unter einem Zehntel – außer in Afrika südlich der Sahara und in wenig bevölkerten pazifischen Inselstaaten. Die Kehrseite ist: Rund 785 Millionen Menschen hatten 2017 nicht einmal eine sichere Quelle in der Nähe. In Afrika südlich der Sahara trifft das fast zwei Fünftel der Bevölkerung.

Ohne Wasserversorgung am Haus waren mehr als zwei Milliarden Menschen: in Afrika südlich der Sahara fast drei von vier und zwei von fünf in Zentral- und Südasien. Die Fortschritte sind zu langsam, um das Ziel zu erreichen, dass 2030 alle Menschen versorgt sind. Beim Ausbau der Sanitäreinrichtungen ist der Rückstand noch größer. So fehlen in fast der Hälfte der Schulen weltweit Möglichkeiten, sich mit Seife die Hände zu waschen, wie es für den Infektionsschutz wichtig wäre – nicht nur wegen Covid-19. Auch in reichen Ländern gibt es im Übrigen Menschen, die ihren Wasseranschluss nicht bezahlen können; in den USA sollen es 2016 um 15 Millionen gewesen sein. Wasser- und Hygieneeinrichtungen hat in den Industrieländern überwiegend die öffentliche Hand aufgebaut, und die meisten werden öffentlich betrieben – in Deutschland überwiegend von kommunalen Wasserwerken. Nur in England, Frankreich und Spanien sind der Betrieb und Unterhalt großenteils an private Firmen vergeben. Kommunale Wasserversorger sind auch in Lateinamerika die Regel.

Aus guten Gründen gilt die Wasserversorgung weithin als öffentliche Aufgabe. Sie ist für alle unentbehrlich und zusammen mit Abwasserentsorgung für den Gesundheitsschutz entscheidend. Der Aufbau von Leitungen, Speichern, Aufbereitungs- und Kläranlagen erfordert hohe Anfangsinvestitionen. Wassernetze sind ein sogenanntes natürliches Monopol: Anders als bei Strom kann man wegen der Verschmutzungsgefahr nicht verschiedene Anbieter dieselben Leitungen nutzen lassen. Zudem ist der Aufwand für das Netz in dünn besiedelten Gebieten viel höher und die Kaufkraft ist auf dem Land und in armen Stadtteilen niedriger. Deshalb sind oft Subventionen nötig – aus dem Staatshaushalt oder über regulierte Wasserpreise.

Die Weltbank und Geber von Entwicklungshilfe haben seit den 1990er-Jahren daraufgesetzt, die Wasserversorgung in armen Ländern mit Hilfe privater Firmen und Investoren zu verbessern. Das galt als nötig, weil weder die Staatshaushalte armer Länder noch Entwicklungshilfe das erforderliche Kapital aufbringen könnten. Zudem hoffte man, Wasserkonzerne würden günstiger wirtschaften und Wissen weitergeben – und Investoren witterten neue Gewinnmöglichkeiten. Die Ergebnisse sind ernüchternd. Einige einheimische Versorger, etwa in Uganda, haben vom Knowhow internationaler Firmen profitiert. Öfter aber sind, etwa in Bolivien, Revolten gegen hohe Wasserpreise ausgebrochen. Oder ein Konzern baute Leitungen nicht aus wie vereinbart und beendete den Vertrag, so auf den Philippinen. Der große private Anstoß für den Ausbau der Wasser-Infrastruktur ist ausgeblieben. Es gab viel weniger private Investitionen als erhofft, sie konzentrierten sich auf große Städte und bevorzugten dort reichere Viertel – es sei denn, Anforderungen für die Versorgung waren genau vertraglich festgelegt und konnten von den Behörden auch durchgesetzt werden. Wo der Staat internationale Firmen derart beaufsichtigen kann, sind aber auch die Voraussetzungen für eine öffentliche Versorgung gut. Indes haben arme Länder häufig schwache staatliche Institutionen und können nicht verhindern, dass Wasserfirmen ihr Monopol ausnutzen und kurzfristigen Profiten Vorrang geben – oder sich zurückziehen, wenn die Rendite nicht stimmt. Die private Versorgung birgt große Risiken für die Menschenrechte, hat der damalige UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Wasser, der Brasilianer Léo Heller, Mitte 2020 dargelegt.

Trinkwassermangel also hat selten mit physischer Wasserknappheit zu tun. Ein Problem ist die aber vielerorts für die Landwirtschaft. Zwar wird nur ein Fünftel der weltweiten Agrarflächen bewässert; davon liegen zwei Drittel in Asien, besonders China und Indien, und ein weiterer großer Teil in den USA. Sie werden intensiv bewirtschaftet und erbringen zwei Fünftel der globalen Ernten. Vier Fünftel der Äcker und Weiden weltweit erhalten dagegen nur Regenwasser. Aber für Bewässerung werden global fast siebzig Prozent des entnommenen Wassers verwendet; zusammen knapp zwanzig Prozent nutzen die Industrie und der Energiesektor, auf die Haushalte entfällt der kleinste Teil. Und der Großteil des für Industrie und Haushalte entnommenen Wassers kehrt als Abwasser in den lokalen Kreislauf zurück; das Hauptproblem ist hier Verschmutzung. Dagegen geht Fluss- oder Grundwasser, das auf Felder geleitet und von Pflanzen aufgenommen und verdunstet wird, dem lokalen Wasserkreislauf tatsächlich verloren.

Die Folgen können gerade in Trockengebieten gravierend sein. So führt der Baumwollanbau in Zentralasien dazu, dass der Aralsee austrocknet. Der Lebensunterhalt von Millionen Bauernfamilien in Indien hängt davon ab, dass sie Wasser aus der Tiefe auf ihre Felder pumpen – als Folge sinkt der Grundwasserspiegel in Teilen des Landes bedrohlich. Es gibt aber auch hier Gegenmittel. Indien hat vor 15 Jahren ein Programm eingeführt, das Kleinbauern eine Mindestzahl von staatlich bezahlten Arbeitstagen im Jahr garantiert, wobei ein Teil der Arbeit für kommunale Wasser-Infrastruktur aufgewendet werden soll. Das indische Center for Science and Environment hat sich jüngst einen Eindruck von der Wirkung verschafft und viele Dörfer gefunden, die Wasserspeicher, Kanäle für Kleinbewässerung oder Regenrückhaltevorrichtungen zum Auffüllen des Grundwassers gebaut haben. Das hat dort die Ernten und den Lebensstandard erhöht und die Landflucht umgekehrt. Solche lokalen und regionalen Lösungen sind gefragt.

Süßwasser ist nicht global knapp: Niemand muss in Mali Durst leiden oder das Getreide vertrocknen lassen, weil bei uns Swimmingpools gefüllt oder in Indien Felder bewässert werden. Dennoch ist auch internationale Zusammenarbeit bei der Wassernutzung nötig, denn die hat oft grenzüberschreitende Auswirkungen. Eine ist der Handel mit Agrarprodukten, die anderswo mit hohem Wasserverbrauch erzeugt werden. Wer zum Beispiel Baumwolle aus Usbekistan kauft, importiert quasi auch das darin verborgene Wasser. Anders als in diesem Fall ist das aber in der Regel kein Problem. Der größte Teil der international gehandelten Agrargüter – zum Beispiel Kaffee und Soja – wächst nur mit Regenwasser. Sie zu importieren, beansprucht Agrarflächen im Ausland (was sehr problematisch sein kann), aber nicht zusätzlich knappes Wasser. Und dass wasserarme Länder in Nordafrika und Nahost Nahrungsmittel wie Reis aus wasserreichen Ländern importieren, statt sie selbst zu erzeugen, spart sogar knappes Wasser. Heikler ist, dass große Flüsse wie der Nil, der Euphrat und der Mekong durch mehrere Staaten fließen. Das birgt Konfliktpotenzial.

Globale Umweltveränderungen

Künftige Kriege um knappes Wasser an die Wand zu malen, ist nach heutiger Kenntnis allerdings unbegründet. Für die Beilegung von Wasserstreitigkeiten gibt es regionale Organisationen, und von Zusammenarbeit beim Flussmanagement können oft alle Seiten profitieren; Dämme können zum Beispiel den Hochwasserschutz für Länder am Unterlauf verbessern. Viel brisanter sind Konflikte um Wasser innerhalb von Staaten. Wassermangel fördert zum Beispiel im Gebiet des Tschadsees die Konkurrenz zwischen Bauern und Hirten, die zudem verschiedenen ethnischen Gruppen angehören. Das ist nicht die Hauptursache der Gewalt dort, heizt sie aber an.

Globale Umweltveränderungen und speziell der Klimawandel verschärfen mit Wasser verbundene Konflikte. Wahrscheinlich wird es um das Mittelmeer, in Mexiko, Südafrika und in Australien trockener. Regenzeiten werden unregelmäßiger und Extreme wie Sturzregen und Dürren häufiger. Mit dem Abschmelzen der Gletscher im Himalaya werden Flüsse, die für Süd- und Südostasien Lebensadern darstellen, einige Jahrzehnte mehr Wasser führen, danach wird der Abfluss geringer sein und viel stärker über das Jahr schwanken. Einige Städte wie Lima drohen mit den Andengletschern ihre wichtigste Trinkwasserquelle zu verlieren. Küstenstädte und Äcker in Flussdeltas werden unter dem Eindringen von salzigem Meerwasser leiden. Das alles bringt große neue Probleme für das Wassermanagement. Speicher und Staudämme, Flutschutz- und Bewässerungsanlagen müssen an neue, noch gar nicht klar absehbare Bedingungen angepasst werden. Dafür schulden die reichen Länder, die Hauptverursacher der Erderwärmung, den armen Hilfe. Und natürlich kann die Anpassung im Norden wie im Süden kaum gelingen, wenn der Klimawandel nicht endlich gebremst wird.

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