Heinrich & Heinrich

Die konstituierende Tagung der 13.Synode der EKD setzte Ausrufezeichen
Heinrich Bedford-Strohm und die neue Präses der EKD-Synode, Anna-Nicole Meyer am 8. Mai 2021
Foto: Reinhard Mawick
Heinrich Bedford-Strohm und die neugewählte Präses der EKD-Synode, Anna-Nicole Heinrich, am 8. Mai 2021.

Traditionell zwei Tage dauerte die eröffnende Tagung der neugewählten Synode der EKD, die diesmal „nur“ digital stattfinden konnte. Mit der Wahl der 25-jährigen Anna-Nicole Heinrich gelang ein Coup. Der im Herbst ausscheidende EKD-Ratsvorsitzende hielt einen profilierten Ratsbericht und widersprach emphatisch der Kritik am kirchlichen Engagement bei der Seenotrettung im Mittelmeer.

Oops, was war das denn? Da rieselte am Ende doch tatsächlich reales Konfetti auf jene drei verbliebenen Menschen, die am Ende noch „in echt“ zusammen waren, nämlich auf den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm und die beiden alten und neuen Vizepräsides Elke König und Andreas Lange. Ausgelöst hatte diesen Einbruch der Kohlenstoffwelt in die digitale Tagung die neugewählte Präses Anna-Nicole Heinrich, die via Zoom aus dem fernen Regensburg mit einem verabredeten Codewort  dem technischen Team im Kirchenamt der EKD den entsprechenden Einsatz gab.

Eine liebevolle Spielerei zum Abschluss der 1. Tagung der 13. Synode der EKD, auf der Denkwürdiges geschah: Die 25-jährige Studentin Anna-Nicole Heinrich wurde Nachfolgerin der 79-jährigen Irmgard Schwaetzer – was für ein Signal (siehe hier)! Diese Wahl sorgte für Aufsehen, auch medial. Ob die ARD-Tagesschau in ihrer 20-Uhr-Ausgabe die klassischen „1:30“ für eine weniger spektakuläre Wahl reserviert hätte? Möglicherweise nicht. Bis im November 2021 auf der 2. Tagung der 13. Synode Heinrich Bedford Strohm aus dem Amt scheidet, stehen jedenfalls „Heinrich & Heinrich“ an der Spitze der EKD

Ganz so überraschend wie die Wahl Anna-Nicole Heinrichs für den Moment erschien, war sie nicht, denn konsequent und strategisch hat die EKD in ihren synodalen Gremien auf Jugend gesetzt. Sichtbares Zeichen dafür ist, dass bei der 13. Synode die früher als „Jugenddelegierte“ im Gaststatus auf die hinteren Synodenbänke Verbannten nun per verpflichtender U27-Quote in den Reihen der Synode sitzen. Die Quote wurde sogar übererfüllt, denn statt der gefordert 20 sind in der 13. Synode sogar 25 Synodale unter 27 Jahren alt. Der Altersdurchschnitt verjüngte sich gegenüber der Vorgängersynode um fünfeinhalb Jahre auf nun 48,35 Jahre – erfreuliche Zahlen für die EKD! Den Kurs Richtung junge Menschen hatte in den vergangenen Jahren übrigens kaum jemand so sehr befördert wie die bisherige Präses Irmgard Schwaetzer, die seit ihrem überraschenden Amtsantritt 2013 konsequent die EKD auf Verjüngungskurs trimmte.

Verabschiedung auf der „Zoom-Synode“

Für alle, die gegen den Trend der Zeit lieber auf Erfahrung als auf Jugend setzen, sollten sich aber beruhigen, denn mit Elke König und Andreas Lange wurden die beiden EKD-Synoden-erfahrenen Vizepräsides im Amt bestätigt. Die vier Beisitzerposten des Präsidiums wurden allesamt neu vergeben und zwar sowohl an erfahrene Synodale und kirchlich-akademische Hauptamtliche wie den Bochumer Theologieprofessor Uwe Becker, aber auch an Newcomer wie den 22-jährigen Studenten Marten Siegmund aus Oldenburg (siehe hier).

Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm verabschiedete Irmgard Schwaetzer mit warmen Worten, und er litt sichtlich darunter, dass diese Verabschiedung nur im Rahmen einer „Zoom-Synode“ geschehen konnte. Keine Frage: Unter „normalen“ Verhältnissen hätte der Saal minutenlang vom Applaus versammelter Hundertschaften gebebt. Immerhin gab es einen Film mit vielen dankenden Weggefährtinnen und -gefährten, in dem EKD-Kirchenamtspräsident Hans Ulrich Anke sogar zur Trompete griff und Nachfolgerin Anna-Nicole Heinrich der frischgebackenen Präses i.R. versprach: „Wenn wir das nächste Mal in irgendeinem Berliner Park eine Party machen, dann bist Du unser Ehrengast!“ Und wer das achtsame Dankbarkeitsmanagement der EKD kennt, der weiß, dass präsentischer Applaus bei der nächsten Synode, die Anfang November hoffentlich in Präsenz Bremen stattfinden kann, reichlich nachgeholt werden wird ...

Auch auf der konstituierenden Sitzung einer neuen EKD-Synode gibt es einen mündlichen Bericht des Ratsvorsitzenden. Heinrich Bedford Strohm fasste sich, wie schon bei der vergangenen Synode,  mit 15 Minuten recht kurz, aber auch in dieser Kürze gelang es ihm für ihn und die EKD wichtige Themen und Anliegen in eindrucksvoller Weise zu bündeln. Aufgrund seiner Kürze und Prägnanz kann dieser Bericht auch einem breiteren Publikum bedenkenlos zur Lektüre empfohlen werden!

„Moralische Fallhöhe“

Durch die Krise im Betroffenenbeirat der EKD war das Thema der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs im Raum der evangelischen Kirche wieder in den Mittelpunkt gerückt. Schon bevor durch das kürzliche Ausscheiden mehrerer Mitglieder aus dem Betroffenenbeirat wieder neu in die Medien kam, hatte es immer wieder öffentliche Kritik an den konkreten Maßnahmen der evangelischen Kirche auf diesem Gebiet gegeben, unter anderem auch vom Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für sexuellen Kindesmissbrauch.

Bedford-Strohm sagte in seinem Bericht, er hielte es durchaus für angemessen, dass die Kirche beim Thema sexualisierter Gewalt besonders im Fokus stehe, da es bei ihr eben eine besondere „moralische Fallhöhe“ gebe. Allerdings machte er auch deutlich: „Sexualisierte Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Thema, und es muss auch – noch viel mehr als bisher – gesamtgesellschaftlich angegangen werden.“ Realistisch hielt er  aber in Bezug auf das kirchliche Image in diesem Zusammenhang fest: „Den Vertrauensverlust, der darin zum Ausdruck kommt und der unabhängig von den jetzt handelnden und an einer Aufarbeitung ehrlich interessierten kirchenleitenden Personen da ist, können wir kurzfristig nicht überwinden.“

Der Ratsvorsitzende rechtfertigte in seinem Bericht das Engagement der EKD in Sachen Seenotrettung im Mittelmeer. Es sei „aus der Sicht christlicher Grundorientierungen (…) für das Hilfshandeln nicht entscheidend, warum Menschen in Lebensgefahr geraden. Sondern nur, dass sie in Lebensgefahr sind. Und weiter: „Für das Engagement der EKD für ihre Rettung bin und bleibe ich deswegen sehr dankbar. Und es wird auch dadurch nicht entwertet, dass es zwischen uns unterschiedliche Auffassungen über Sinn und Bedeutung einer Flagge an einem Rettungsschiff gibt.“ Damit spielte der Ratsvorsitzende auf den leidigen Konflikt an, der sich um das Vorhandensein einer Flagge der Antifa auf dem Rettungsschiff Sea Watch 4 seit ein paar Wochen entspannt hatte und in dessen Verlauf selbst ehemals prominente CDU-Politiker wie Volker Kauder den Ratsvorsitzenden öffentlich unter Druck gesetzt hatten.

Antifa-Flagge ist Adiaphoron

Der sächsische Synodale Till Vosberg nahm diesen Vorwurf in der Aussprache zum Ratsbericht auf. Vosberg hatte schon 2019 bei der 6. Tagung der 12. EKD-Synode in Dresden den Ratsvorsitzenden generell für seine Haltung in Sachen Seenotrettung kritisiert und damals mitgeteilt, seine Ehefrau sei aus Anlass des (damals erst geplanten!) Engagements der EKD in der Seenotrettung aus der Kirche ausgetreten. Vosberg kritisierte nun, dass sich Bedford-Strohm bisher nicht von der Flagge der Antifa am Bug beziehungsweise Mast der Seawatch 4 distanziert habe. Noch bevor Bedford-Strohm darauf antworten konnte, vertraten mehrere andere Synodale eine pointiert andere Meinung. Synodenlegende Hans-Peter Strenge, der häufig Gegensätze mit Humor überwinden hilft, aber zuweilen auch mit spitzer Zunge zutage fördert, baute hier eine Brücke, in dem er dafür warb, die Antifa-Flagge als „Adiaphoron“ zu begreifen.

Eigentlich hätte Bedford-Strohm die Sache auf sich beruhen lassen können. Aber dann begann er seine Antwort doch damit, dass er sich direkt an Vosberg wandte, an dessen Kritik 2019 erinnerte und sagte, er habe es schon damals in Dresden bedauert, mit Vosberg nicht direkt und persönlich über diese Sache gesprochen zu haben. Jedenfalls meldete er das Bedürfnis an, dass man sich „wenn wir uns wieder physisch sehen“ doch einmal „zusammensetzen“ solle. Bedford-Strohm: „Das ist immer am besten!“

Danach unterzog sich der Ratsvorsitzende sogar noch der Mühe, die Sache noch einmal gründlich auseinander zu buchstabieren. Demnach gehe es in der leidigen Flaggenaffäre der Seawatch IV nämlich im Grunde eigentlich nur um folgenden Frage, nämlich ob, „wenn wir (als EKD, Anm. zz) einen Verein initiiert haben, der wiederum Spenden sammelt um ein Schiff zur Seenotrettung zu besorgen, und dieses Schiff an eine der großen Seenotrettungsinstitutionen, nämlich die Seawatch, übergeben, damit es Menschenleben retten kann und auf diesem Schiff an einer relativ unauffälligen Stelle eine Flagge der Antifa hängt und irgendwann ein Bild im Internet auftaucht, wo diese Flagge zu sehen ist“ daraus eine Diskussion gemacht werden solle, „die völlig in den Hintergrund drängt, worum es eigentlich geht, nämlich, dass diese Woche 455 Menschenleben gerettet worden sind“.

„Nicht einen Funken Unklarheit“

Daran, so Bedford-Strohm weiter, sehe man, „wie absurd dieser Zug der Diskussion geworden ist, bei denen jedenfalls, die sie so intensiv führen.“ Wenn man sich die Mühe mache, „den ganzen Weg zu dieser Antifa-Flagge von dieser Synode der EKD über die vielen Stationen“ nachzuverfolgen, dann sei die Frage, was diese Antifa-Flagge eigentlich bedeute, eine Frage, „die ich selbst ich nicht ganz genau beantworten kann.“ Ganz klar: Für das Handeln militanter Menschen mit Antifa-Flagge in Leipzig, die Vosberg in seinem Beitrag erwähnt hatte, gäbe es natürlich keinerlei Rechtfertigung. Sie missbrauchten, so der Ratsvorsitzende, das Wort Antifaschismus „zutiefst“, wenn sie die Menschenwürde von anderen Menschen verletzten. Aber die Tatsache, „dass Leute diese Flagge mit sich führen“, heiße eben nicht, dass diese Flagge jetzt „generell“ für Gewalt stehe. Zur Antifa gehöre ein ganz breites Spektrum und deswegen, so Bedford-Strohm weiter, gebe es für ihn überhaupt keinen Grund, aufgrund des etwaigen Vorhandenseins dieser Flagge auf der Seawatch IV „irgendeinen Zweifel daran zu säen, dass sich die EKD in aller Klarheit gegen Extremisten, die Gewalt gebrauchen“ ausspreche. Da gebe es „nicht einen Funken Unklarheit!“ Und deswegen bitte er darum, „eine Diskussion zu beenden, die genau an dieser glasklaren Tatsache, irgendeinen Zweifel sät.“

Der Ratsvorsitzende bekräftigte seine Unterstützung dafür, dass sich die EKD „in sehr klaren Worten, aber auch mit sehr guten Gründen, die inzwischen auch sehr breit geteilt werden“ an der Seenotrettung im Mittelmeer beteilige. „Politische Fragen“ seien da ganz bewusst zurückzustellen, denn es gelte: „Als Kirche sind wir an der Humanität orientiert, und engagieren uns dafür, dass Menschenleben gerettet werden. Alle anderen Diskussion – auch über die Konkretion der Flüchtlingspolitik, die müsse und könne man führen, natürlich auch kontrovers. Aber in all diesen Dingen müsse klar sein, dass, man Menschenleben retten müsse, wenn sie gefährdet sind, „und da wiederhole ich: Punkt.“

Ob Bedford-Strohm mit seinem engagierten Plädoyer die Zweifel Vosbergs zerstreuen konnte, wird sich erweisen müssen. Der sächsische Synodale, von Beruf Rechtsanwalt, meldete sich jedenfalls nicht erneut zu Wort. Der Disput zeigte aber, dass es unter dem großen Dach der Volkskirche EKD sehr unterschiedliche und ja – letztlich auch sich ausschließende politische und ethische Positionen gibt. Eine Tatsache, mit der die EKD und ihre Gliedkirchen seit jeher zu tun hat. Ob und inwieweit dieser Konflikt, der ja ein Stellvertreterkonflikt für viele Streifragen ist, auch in der neuen EKD-Synode wirklich wichtig wird, gilt abzuwarten. Das liegt sicher auch daran, inwieweit eine oder ein neuer Ratsvorsitzende/r ab November sich in diesen oder ähnlichen Themen so öffentlich und unmissverständlich positioniert, wie es Heinrich Bedford-Strohm tut. Man darf gespannt sein.

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