Werden im Vergehen

Mannheimer Kunsthalle betrachtet Anselm Kiefer
Foto: pixelio/Dietmar Meinert
Foto: pixelio/Dietmar Meinert

Mit einem Mal war wieder Leben an die öffentlichen Orte zurückgekehrt – und damit auch in die Ausstellungshäuser. Längst fertig aufgebaute Kunstschauen wurden Corona-konform und nach Vorabreservierung zugänglich. Klar war immer, dass bei einer Verschlechterung der Infektionslage erneute Schließungen drohen, aber erst einmal war offen, und so konnte beispielsweise das Kölner Museum Ludwig nach Monaten der Verzögerung endlich Andy Warhol präsentieren, die Staatliche Kunsthalle in Karlsruhe François Boucher, und die Mannheimer Städtische Kunsthalle zeigte sich ganz gegenwärtig mit einem gründlichen Blick auf Anselm Kiefer – zwei Wochen lang, ehe die Türen erneut geschlossen werden mussten.

Solange dies andauert, ist die Schau des wichtigen zeitgenössischen Künstlers wenigstens in digitalen Häppchen zu goutieren; insgesamt vermitteln die 18 großformatigen Werke aus der Sammlung Grothe ein Gesamtbild seines Schaffens der vergangenen drei Jahrzehnte.

Frühe Arbeiten sind keine zu sehen und damit nichts, was Gründe für die auch heftige Ablehnung lieferte, die Kiefer anfangs erfuhr. Keine alten Nationalmythen werden thematisiert, aber dennoch wird die Beschäftigung mit der deutschen (Unheils-)Geschichte deutlich. Vor allem erlebt man in den vier thematisch gegliederten Räumen einen Künstler, der weit in die Welt der Mythen ausgreift, in die antike und biblische Vergangenheit, und der nicht zuletzt die jüdische Mystik als Inspiration geltend macht. Ein Künstler der großen Gesten und Überwältigung ist er noch immer. Doch das markiert auch eine eigene Qualität.

Die kastenförmige Installation „Volkszählung“ nimmt Bezug auf die auch von Kiefer kritisierte behördliche Datenerfassung der 1980er-Jahre, weitet den Horizont aber auf die Sphäre des Staates insgesamt, der hier buchstäblich eisenhart erscheint. Die Assoziation zu totalitären Systemen liegt auf der Hand, ebenso die zum Holocaust, erinnert der rostige Kasten
doch an alte Bahnwaggons, wie sie für den Transport in die Todeslager genutzt wurden. Gleich daneben hängt „Die Große Fracht“, eine graue, aufgeraute Fläche, auf die Kiefer das Modell eines Militärflugzeugs geheftet hat – die Fracht, sie hat hier auch zerstörerische Dimension.

Überhaupt das Destruktive: Weil Kiefer sein Material oft elementaren Kräften aussetzt, Feuer oder Wind, wecken viele Arbeiten die Assoziation zu Zerstörung, zu Aufstieg und Fall zugleich. Die Verwendung auch „armer“ Materialien, etwa Blei, Gips, Pflanzenteile, Stein, tut ein Übriges dazu. Die größte Installation der Schau, „Palmsonntag“ mit einer gefällten Palme im Zentrum, zeigt das exemplarisch, ist hier doch auf Jesu Einzug in Jerusalem ebenso verwiesen wie auf sein Ende am Kreuz. Der Turmbau zu Babel erhält im Bildrelief „Der fruchtbare Halbmond“ einen dunstig-verschleierten Ausdruck. Gleich daneben leuchtet etwas trübe der Sternenhimmel im Werk „Jaipur“.

Hier zeigt sich erneut eine Besonderheit: Vor Anselm Kiefers Arbeiten ist es oft so, als blickte man von weit oben, von weit entfernt oder gar aus der Zukunft auf eine Szenerie, die Spuren der Zerstörung aufweist. Was haben wir aus dem gemacht, was uns anvertraut war? So scheint es hier immer wieder zu fragen. Wir konstatieren, nicht das Richtige oder jedenfalls nicht genug getan zu haben. Und da trifft es sich gut, dass Anselm Kiefers Werk immer wieder auch ein Werden im Vergehen aufscheinen lässt. Die gelungene Museums-Schau macht erfahrbar, dass diese Kunst so trostlos wie auch trostreich ist. Und falls kein realer Besuch vor Ort möglich ist, so wird dies wenigstens doch digital spürbar, bis zum 22. August. 

Information

Bis 22. August in Mannheim, Friedrichsplatz 4. Weiteres rund um die Anselm-Kiefer-Schau: Telefon 06 21 / 2 93-64 23, www.kuma.art sowie www.digitalekunsthalle.zdf.de

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