Gleiches Etikett, anderer Inhalt

Hinter dem Begriff „Seele“ standen schon bei Platon sehr unterschiedliche Konzepte
Die Statue Platons vor der Universität von Athen.
Foto: dpa
Die Statue Platons vor der Universität von Athen.

Wovon reden wir, wenn wir von der Seele reden? Diese Frage treibt Philosophen nicht erst seit der Erfindung der modernen Psychologie um. Schon Platon beschrieb mit teils widersprüchlichen Bildern die Seele, weiß Thomas Brückner, Privatdozent an der philosophischen Fakultät der Universität Potsdam. Doch das tut ihrer Stärke keinen Abbruch.

Möchte man verstehen, was sich allgemein hinter dem Terminus Seele verbirgt, kommt man schnell zu der Frage, was die Seele von der Psyche unterscheidet. Dabei handelt es sich streng genommen um den gleichen Begriff, da Seele die deutsche Übersetzung des griechischen Wortes Psyche (ψνχή) darstellt. Trotzdem unterscheiden sich die Bedeutungen heute deutlich voneinander. Wenn darüber diskutiert wird, mit welcher Therapie oder Medikamenten man effektiv psychische Probleme behandeln kann, geht es dabei offensichtlich um etwas gänzlich anderes, als wenn in einem Gottesdienst thematisiert wird, wie es der Seele eines Menschen nach dem Tod ergeht.

Um den Gegensatz zwischen den beiden Begriffen Seele und Psyche zu beleuchten, möchte ich die Beschreibung der Seele durch den Philosophen Platon erörtern. Platon (428 – 348 vor Christus) gilt auch heute noch als einer der größten Philosophen aller Zeiten, er hat seine Gedanken in seinen Dialogen festgehalten. In nahezu jedem dieser Dialoge geht es irgendwie auch um die Seele, viele seiner Gedankenmodelle setzen eine ausgearbeitete Konzeption der Seele voraus.

Dabei unterscheidet sich seine Beschreibung der Seele grundsätzlich von derjenigen seiner Vorgänger. In den Werken des Homer etwa verlässt die Totenseele im Augenblick des Todes den Körper und existiert als bloßes Schattenbild des Verstorbenen kraftlos und freudlos im Hades weiter. Im Gegensatz hierzu beschreibt Platon in seinem Werk Phaidon, wie die Seele nach dem Tod in einer höheren Existenzform weiterlebt. Während bei Homer die Existenz der Seele nach dem Tod lediglich ein schattenhaftes Abbild des irdischen Lebens auf der Erde darstellt, wird im Gegensatz dazu insbesondere im Phaidon aufgezeigt, dass das irdische Leben als eine defizitäre Vorstufe des eigentlichen Lebens der Seele angesehen werden muss.

Bereits in der Politeia stellt Platon einen Idealstaat vor, zugleich wird die bekannte Ähnlichkeit von Gesellschaft und menschlicher Einzelseele dargelegt. So wie eine Gesellschaft aus den drei Ständen der Philosophenherrscher, der Wächter und der Bauern besteht, deren richtiges Zusammenwirken erst die Existenz des Gesamtstaates ermöglicht, so setzt das Leben eines einzelnen Menschen notwendig das Zusammenspiel der drei verschiedenen Seelenteile voraus. Bemerkenswert an dieser Konzeption ist unter anderem, dass jeder Mensch die gleichen Seelenteile Vernunft (λογιστικόν), Mut (θυμοειδὲς) und Begehren (επιθυμητικόν) aufweist. Der Unterschied zwischen den verschiedenen Individuen beruht auf der verschiedenen Gewichtung der drei Teile.

Pferde und Wagenlenker

In dem Dialog Phaidros wird das Wesen der Seele von Sokrates anhand des berühmten Mythos von einem Pferdegespann und dem dazugehörigen Wagenlenker erläutert. Die beiden Pferde und der Wagenlenker entsprechen dabei den drei Teilen der menschlichen Seele. Das edle und das grobschlächtige Pferd verkörpern den Mut und das Begehren, der Wagenlenker die Vernunft. Pferde und der Wagenlenker stehen hierbei ontologisch auf verschiedenen Stufen.

Im Phaidon schließlich wird der letzte Tag im Leben des Sokrates geschildert. Dessen alter Freund fragt ihn am Ende des Dialoges, in welcher Weise seine Bestattung an den folgenden Tagen erfolgen solle. Sokrates tadelt den Freund mit dem Hinweis darauf, dass nach dem Tode auf der Erde nur der Körper des Sokrates zurückbleiben werde. Wie dieser Körper bestattet wird, ist für ihn nicht von Belang. Wichtig ist allein, wie es der Seele nach dem Tod ergeht. Denn die eigentliche Existenz des Menschen wird durch die Seele verkörpert, welche erst nach dem Tod das glückliche Leben der Seligen erfährt. Vergleicht man diese Beschreibungen der Seele in den verschiedenen Dialogen, so fallen deutliche Unterschiede auf. Wird im Phaidon die Einheitlichkeit der Seele und somit das Fehlen von Teilen beschrieben, findet man im Gegensatz dazu in der Politeia und im Phaidros eine Aufteilung der Seele in drei verschiedene Teile, die jeweils verschiedene Aspekte des Menschen verkörpern. Es sind dies das Denken, die Emotionen und die Triebe. Während zudem im Phaidon die Unsterblichkeit der ungeteilten Seele eine zentrale Stellung einnimmt, wird unter anderem in Politeia und Timaios konstatiert, dass nur der obere Seelenteil Unsterblichkeit aufweist, während die beiden anderen Seelenteile sterblich sind.

Welche Schlüsse lassen sich aus diesen verschiedenen Aspekten der Seele in den Dialogen ziehen? Man kann versuchen zu harmonisieren und die dargelegten Widersprüche auszuräumen, um so zu einer mehr oder minder kohärenten Beschreibung der Seele zu kommen. Doch möglicherweise formuliert Platon in seinen Dialogen verschiedene Seelenbegriffe, bei denen gar nicht das Ziel verfolgt wird, dass diese ein einheitliches Gesamtbild ergeben. Vielmehr beschreiben diese Seelenbegriffe verschiedene Aspekte des Menschen. Ich teile die Einschätzung komplementärer Seelenbegriffe, wonach Platon im Phaidon und in der Politeia zwei verschiedene Seelenkonzepte diskutiert.

Auf der einen Seite finden wir insbesondere im Phaidon einen metaphysischen Seelenbegriff. Dieser ist natürlich stark von religiösen Fragestellungen geprägt und weist im Werk von Platon auch Aspekte der Wiedergeburt auf. Dieses Konzept gibt insbesondere eine Antwort auf die Frage, was den Menschen nach dem Tod erwartet. Folgt man den Aussagen des Sokrates gegenüber seinen Freunden im Angesicht des Todes, so beginnt das eigentliche Leben erst mit dem Tod. Dementsprechend ist die Frage, was mit dem biologischen Körper nach dem Tod geschieht, belanglos. Dieser metaphysische Seelenbegriff verkörpert insofern das klassische Verständnis von Seele.

Demgegenüber steht der funktionale Seelenbegriff, der insbesondere in der Politeia ausführlich dargelegt wird. Dieser Seelenbegriff gibt im Gegensatz zum metaphysischen Seelenbegriff eine Antwort auf die Frage, wie sich im einzelnen Menschen Erkenntnis, Emotionen und Triebe erklären lassen. Dementsprechend werden mit diesem Seelenbegriff Funktionen beschrieben, die sich nach unserem heutigen Verständnis zu weiten Teilen naturwissenschaftlich erklären lassen. So lassen sich nach aktueller Forschung Emotionen zumindest teilweise auf den Austausch von Neuronen, Neurotransmittern und ähnlichen Substanzen zurückführen. Dieser funktionale Seelenbegriff verkörpert somit in gewisser Weise den Teil des Menschen, der heute allgemein als Psyche verstanden wird.

Überträgt man die Platonischen Aussagen auf die Diskussion der Seele allgemein, so ergibt sich der folgende Befund: Sofern von Seele die Rede ist, handelt es sich in Wahrheit um mindestens zwei verschiedene Themenkreise. Einerseits um einen metaphysischen, der die klassische Frage der verschiedenen Religionen nach einem Leben vor und nach dem jetzigen irdischen beinhaltet. Andererseits um einen funktionalen Themenkreis, der die Frage nach Grundfunktionen des Lebens wie Kognition, Emotion und Begehren beinhaltet. Die metaphysische und die funktionale Seele stellen demnach zwei Aspekte dar, die individuellen Eigenschaften einer Person zu charakterisieren.

Beide Begriffe von Seele unterscheiden sich deutlich. Während zum Beispiel nach unserem heutigen Verständnis eine naturwissenschaftliche Analyse der funktionalen Psyche des Menschen zu weiten Teilen möglich ist, führt der Versuch einer naturwissenschaftlichen Erklärung der metaphysischen Seele offensichtlich in den Nebel. Im Gegenzug setzen wir im klassischen Verständnis der Seele ungefragt eine Unsterblichkeit voraus. Hier wäre die Frage, ob die Psyche des Menschen unsterblich ist, offensichtlich absurd, da sie ja mit Körperfunktionen wie dem Agieren von Hormonen verbunden wird, die mit dem Tod zwangsläufig enden.

Die Beschreibung des Vorsokratikers Demokrit stellt ohne Zweifel ein Kuriosum dar, insofern die Seele konsequent reduktionistisch und materialistisch dargestellt wird. Die Seele löst sich in der Darstellung dieses Vorgängers von Platon nach dem Tod wie alle anderen Organe vollständig auf, die Atome streben auseinander. Insofern gibt es keine metaphysischen Aspekte seines Seelenbegriffs, die Frage nach einem Fortbestehen der Seele nach dem Tod ist somit sinnlos. Demokrit formuliert somit ein funktionales Verständnis der Seele, seit der Antike erfolgt eine Diskussion des metaphysischen und des funktionalen Seelenbegriffs.

Nur vermeintlich verdrängt

Verfolgt man die Diskussion der Seele im Laufe der Ideengeschichte, so ist diese Diskussion durch viele Unklarheiten und durch Irritationen gekennzeichnet. Angesichts der beeindruckenden empirischen Erfolge in der modernen Psychologie und Neurowissenschaft herrscht Unmut darüber, dass durch diese empirischen Modelle die „eigentliche“ (gemeint ist damit die metaphysische) Seele vermeintlich verdrängt und damit zugleich entwertet wird. Dabei wird nicht beachtet, dass seit der Antike metaphysische und funktionale Aspekte der Seele unabhängig voneinander erörtert wurden. Die Diskussion darüber, ob es eine unsterbliche metaphysische Seele gibt, können wir also unabhängig von den empirischen Ergebnissen der modernen Naturwissenschaft unbeeindruckt weiterführen. Anders formuliert, auch dann, wenn man einen Standpunkt vertritt, wonach sich psychische Funktionen wie Freude, Furcht und Begehren zu weiten Teilen biologisch oder medizinisch erklären lassen, stellt dies kein Hindernis dar, zugleich die Existenz einer metaphysischen Seele zu vertreten, die unsterblich ist. Wer das tut, bewegt sich damit in bester Tradition antiker Philosophie. 

 

Hinweis:

Dieser Artikel ist eine überarbeitete Version eines Auszugs aus Thomas Brückners Buch Seele und Psyche, welches Ende 2021 erscheint.

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