Das Wort vom Kreuz inmitten von Likes

(Wie) Funktioniert öffentliche Wortverkündigung in den Sozialen Medien?
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Corona sei Dank: Durch die schnelle und mutige Verlagerung der Verkündigung in die Sozialen Medien schwappt eine längst überfällige Segenswelle in die Aufmerksamkeitsbucht der jungen Generation. Das ist begrüßenswert, insbesondere wenn damit ein Gegengewicht zu fundamentalistischen Bibelauslegungen gesetzt wird, deren Vertreter:innen wesentlich früher auf die Welle aufgesprungen sind. Ich fühle mich selbst von vielen Angeboten meiner landeskirchlichen Kolleg:innen angesprochen. Die Aufbruchsstimmung entledigt aber nicht davon, unerwünschte Nebeneffekte jedenfalls zu reflektieren und bestenfalls gegenzusteuern. Der alte Vorwurf, die Sozialen Medien seien zu schnelllebig und oberflächlich für theologische Inhalte, kratzt allerdings seinerseits nur an der Oberfläche. Die Nebeneffekte, und das ist Teil der Programmierung, sind von außen mit flüchtig-abkanzelndem Blick kaum zu erkennen, geschweige denn zu regulieren.

Jede:r Getaufte ist berufen zu bezeugen, wie Gott rettend in ihr Leben eingreift, wie sich das Evangelium für ihn bewahrheitet. Und das überall dort, wo er oder sie gewöhnlich kommuniziert. Doch das Evangelium ist ein Störfall für so ziemlich jede Kommunikationssituation. Es schießt quer zu unseren gewohnten Denk- und Handelsweisen. Es tätschelt nicht den Kopf, sondern krempelt das Leben um. Das Wort vom Kreuz, in dem für Paulus das ganze Evangelium eingefasst ist, bricht mit der Weisheit der Welt. Es stört unsere eingeschliffene Logik von Leistung und Anerkennung, von Macht und Ohnmacht, von Starken und Schwachen. Dieser Störfall Evangelium stößt in den sozialen Medien auf einen „Programmierungsfehler“: Sie sind nämlich auf Dissonanzvermeidung ausgerichtet.

Die Algorithmen sind programmiert, den Nutzer:innen den Gebrauch der jeweiligen Kommunikations-App so „interessant“ und angenehm wie möglich zu machen, um deren Screenzeit zu erhöhen. Dazu gehört auch eine Intensivierung der psychologisch stets wirkenden Effekte der Vermeidung von Dissonanz. Nicht ohne Grund sieht Instagram weiterhin nur ein Herz-Like und keine negative Sofort-Reaktion unter Posts vor: Bitte keine negativen „Vibes“. Die Algorithmen verhindern das Einbrechen einer fremden Ordnung (anders gefasst: der „verbi externi“) in das stabile Kommunikationssystem. Kritik an den technischen Mechanismen der Sozialen Medien und an den Wirkweisen von digitalen Gemeinschaften wird zudem von der „Macht der Soziabilität“ (Felix Stalder) erschwert. Durch Kritik an den Protokollen einer digitalen Gemeinschaft wird nämlich der Ausschluss, mindestens die Marginalisierung riskiert. Die krasse Konsequenz: Als Überkompensation zur fehlenden Kritikmöglichkeit sind immer schlimmere Formen von Hatespeech an der Tagesordnung. In der Folge hört oder liest man häufig von natürlichen Selbstschutz-Reaktionen: „Wenn du meine Meinung nicht aushältst, dann ‚entfolge‘ mir.“ Die Räume Gleichgesinnter werden abgeschlossener.

Ein bisschen Störung ist freilich gewollt, sonst wird es ja langweilig. Die Kommunikation in den Sozialen Medien folgt einem sorgsam ausgehandelten, von außen schwer einsehbarem Schema von Redundanz und Variation. Wer zu angepasst ist, fällt gleichermaßen unter den Tisch – wie die Provokateurin, die immer zu weit geht.

Nun könnte man meinen, das Projekt Verkündigung in den Sozialen Medien sei von vornherein zum Scheitern verurteilt und man sollte (sobald es die Pandemie zulässt) lieber wieder gewohnt weihevoll von der Kanzel sprechen. Weit gefehlt! Denn all diese Störfälle des Evangeliums begleiten dessen Verbreitung seit jeher. Jesus selbst bewegt sich laut der Evangelienberichte bei seiner öffentlichen Wortverkündigung zwischen Provokation und Zuwendung. Paulus ist seiner Zeit sicherlich hier und dort über das Provokations-Ziel hinausgeschossen. Die resultierenden Konflikte kann man in seinen Briefen erspüren. Und auch auf der Kanzel bedarf es eines Balanceakts, die Hörenden weder taub zu schelten noch durch Wortgetätschel zu betäuben. Die Störmechanismen des Evangeliums zeigen sich im Kontrast zu den Wirkweisen der Sozialen Medien höchstens drastischer. Diese Kommunikationstechniken antworten schließlich auch nur auf ein Symptom der spätmodernen Gesellschaft: auf das stetig steigende Bedürfnis nach Dissonanzvermeidung inmitten einer immer komplexer werdenden Welt. Das Evangelium aber hält Dissonanzen aus. Das sollten auch wir, auch in den Sozialen Medien, etwa indem wir jenen eine Stimme verleihen, die sonst kein Gehör finden und so zur „Osmose“ zwischen den Diskursräumen (Frederike von Oorschot) beitragen. 

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Olivia Rahmsdorf

Olivia Rahmsdorf hat ihr Spezialvikariat bei ZDF Digital im Bereich Social Media verbracht und ist seit Februar 2021 Pfarrerin in Hochheim am Main.


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