Krisen, Konflikte und Kundgebungen

Erneut brisante Themen auf der Vollversammlung der deutschen Bischofskonferenz in Fulda
Die Organisation „Eckiger Tisch“ erinnerte mit Heliumballons auf den Domplatz an die Opfer sexueller Gewalt.
Foto: Philipp Gessler
Die Organisation „Eckiger Tisch“ erinnerte mit Heliumballons auf den Domplatz in Fulda an die Opfer sexueller Gewalt.

Auf der Herbstvollversammlung der deutschen katholischen Bischöfe in Fulda war viel los. Das Kirchenvolk geigte den Oberhirten ordentlich seine Meinung. Und endlich gab es eine Einigung auf einheitliche Zahlungen an die Missbrauchsopfer.

Ist das die Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland? Prachtvoll der Gottesdienst am Dienstagabend im mächtigen, weiß-goldenen Barockdom zu Fulda. Würdevoll der Einzug der die Messe zelebrierenden Bischöfe samt Weihrauch und einer zweiköpfigen Ehrengarde mit Hellebarden an ihren knapp 70 Mitbrüdern in zumeist violetten Talaren vorbei. Bezaubernd die meisterhafte Chor- und Orgelmusik. Doch wer Augen hatte zu sehen, der sah selbst in dieser Eröffnungsmesse die Krise, in der die Kirche Roms hierzulande steckt: Denn als sich alle Oberhirten gesetzt hatten, war klar, dass sie, coronabedingt mit weiten Abstand sitzend, fast zwei Drittel der Bankreihen eingenommen hatten, einnehmen musste. Wird es so zukünftig sein: Tradition, Herrlichkeit … aber neben dem Klerus nur noch wenig Platz für verstreute Laien? Eine in Glanz und Gloria sterbende Kirche?

Das wird noch dauern, aber die Krisen und Konflikte in der Kirche waren bei der traditionellen Herbstversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda so unübersehbar wie selten in den vergangenen Jahren: Kann man sich nach zehn Jahren endlich einigen auf einheitliche Zahlungen an die Missbrauchsopfer – und wie hoch werden sie sein? Wie weiter mit dem im Frühjahr angestoßenen „Synodalen Weg“, mit dem Oberhirten und Laien die Reformen in der Kirche hierzulande anschieben wollen, der aber manchen deutschen Bischöfen fast des Teufels ist? Kann es so etwas geben wie ein Diakonat, also eine Art Hilfs-Priestertum, von Frauen, was die Laien weiterhin fordern, obwohl Rom und mehrere deutsche Oberhirten dazu klar „Nein“ sagen? Wie geht es voran mit den in vielen Bistümern geplanten Strukturreformen, die den Priestermangel durch größere Gemeinden und mehr Führungsverantwortung von Laien ausgleichen wollen – obwohl auch hier vom Vatikan jüngst ein deutliches „Non placet“ kam? Wird es beim in Frühling anstehenden Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt am Main möglich sein, dass sich Katholiken und Protestanten gegenseitig zu Eucharistie oder Abendmahl einladen, was in Rom, der dritte Schlag, abgelehnt wird? Und wie geht man mit der lähmenden Corona-Pandemie und den verheerenden Kirchenaustrittszahlen um?

Berg an Problemen

Angesichts dieses Bergs an Problemen war es doch recht erstaunlich, dass der Vorsitzende der Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing, zu Beginn der Herbstversammlung erklärte, die Stimmung unter seinen Mitbrüdern sei „gut“. Man sei im brüderlichen Austausch miteinander, der „Synodale Weg“ gehe gut voran – und die diversen Probleme mit Rom werde man im vertrauensvollen Dialog zu lösen versuchen. Außerdem werde man wohl am Ende der Tagung ein deutschlandweit einheitliches Konzept für die Zahlungen an die Missbrauchsopfer vorlegen – womöglich werde auch die Höhe dann feststehen.

Der Missbrauchsskandal, der die katholische Kirche wie ein fauler Zahn seit zehn Jahren belastet und schon längst zu eitern begonnen hat, gewann auch dadurch noch einmal an aktueller Dringlichkeit, dass zeitgleich erstmals ein deutscher Bischof in einem Interview der „Zeit“-Beilage „Christ und Welt“, juristisch unterfüttert, mit mindestens starken moralischen Verfehlungen beim Umgang mit Missbrauchsopfern konfrontiert wurde – nämlich der Hamburger Erzbischof Stefan Heße, als er noch Personalchef und Generalvikar im Erzbistum Köln war. In Fulda stand die Frage im Raum: Würde zum ersten Mal ein deutscher Oberhirte wegen des Missbrauchs seine Bischofsmitra nehmen müssen? Bisher haben noch alle amtierenden Bischöfe Deutschlands betont, es gebe für sie keinen Grund zurückzutreten, da sie sich keine persönliche Schuld an möglichen Vertuschungen von Missbrauchsfällen vorzuwerfen hätten. Und tatsächlich liegen ja fast alle der Tausenden Verbrechen sexualisierter Gewalt im Raum der deutschen katholischen Kirche viele Jahre zurück, da saßen die meisten Oberhirten noch nicht auf ihrem Bischofsthronen.

Aber das kann die berechtigte Empörung der Opfer über den nun schon zehnjährigen, überaus schleppenden Prozess um Zahlungen an die Missbrauchten kaum beruhigen. Wer in diesen Tagen auf den Platz vor dem Dom zu Fulda trat, wurde im wahrsten Sinne des Wortes demonstrativ mit dem Missbrauchsskandal konfrontiert. Am Dienstag durch ein Plakat der religionskritischen „Giordano-Bruno-Stiftung“, auf dem stand: „Das ist die katholische Kirche: Missbrauch vertuschen, Entschädigungen auf die lange Bank schieben, aber Milliarden bunkern!“ Am Mittwoch hatte die Opfer-Organisation „Eckiger Tisch“ Dutzende großer Heliumballons auf den Domplatz platziert, die in Augenhöhe im Wind wehten – ein Ballon für jedes Bistum, jede katholische Schule und jeden Orden, in denen es zu Missbrauchsfällen gekommen ist. Darunter jeweils ein kleiner schwarzer Ballon mit einer Zahl, die anzeigt, wie viele Missbrauchsopfer aus diesen Tatorten in den letzten Jahren entweder schon gestorben sind oder sich das Leben genommen haben, ohne Entschädigung. Eine starke, bedrückende Installation.

Indirekte Hinweise

Die Beratungen über die brisanten Themen wie Missbrauch, Frauen und Synodaler Weg fanden wie immer in Fulda hinter verschlossenen Türen statt – und wie immer gab es nur indirekte Hinweise darauf, wo die Fronten im Bischofskollegium jeweils laufen, abzulesen etwa bei den Predigten in Dom zu Fulda. Bischof Bätzing sagte beim Eröffnungsgottesdienst: „Es gibt in unserer Kirche die Gefahr der ‚Selbstverholzung‘. Denken und wollen, was wir immer gedacht und gewollt haben. Tun, was wir immer getan haben … Die Heilige Schrift hält viel von Kontinuität, Treue und Verlässlichkeit. Aber offensichtlich hält sie noch mehr von Wachstums- und Weggeschichten; sie zeigt nicht selten sogar eine Vorliebe für Veränderung aus Brüchen und Aufbrüchen heraus, wenn es dem Heil der Menschen dient.“ Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki betonte am nächsten Tag, es brauche „unser Vertrauen in Gott, dass wir seinem Wort nichts hinzufügen. Denn auch heute werden wir nicht überall freudig aufgenommen, wenn wir das Wort Gottes verkünden. Auch heute ist es ein Wagnis, das Evangelium zu verkünden.“ Und der Münchner Erzbischof, Reinhard Kardinal Marx unterstrich am letzten Tag, wer Christ sei, solle einen Schritt nach vorne gehen, auf das Bleibende schauen und sich nicht „in Nebensächlichkeiten verzetteln“ – ein Pingpong-Spiel der Andeutungen.

Deutlicher wurde es auf dem Domplatz, wo die die „Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands“ (kfd), für mehr Frauenrechte in der katholischen Kirche demonstrierte. Bischof Bätzing und ein paar andere Oberhirten kamen ins Gespräch mit den engagierten Frauen, während sich andere Oberhirten an der kleinen Demonstration vorbeidrückten. Es gab ein gemeinsames Gebet für mehr Frauenrechte in der Kirche, dass Bätzing und Co. brav mitbeteten – und am Ende gab eine der Frauen mit großer Geste und größter Selbstverständlichkeit allen Frauen und Bischöfen den Segen. Eine mit vielen Trommeln begleitete Demo der Frauenbewegung „Maria 2.0“, der sich unter anderem auch die nun schon 25 Jahre alte Kirchenvolksbewegung „Wir sind Kirche“ anschloss, bildete einen Tag später an gleicher Stelle so etwas wie den inoffiziellen Abschluss der Herbstvollversammlung. Auch hier kamen nur die Bischöfe vorbei, die den Reformen in der katholischen Kirche zugunsten der Frauen wohl gesonnen sind, an diesem Tag der Fuldaer Bischof Michael Gerber und Franz-Josef Bode, Osnabrück. Vier Kundgebungen auf dem Domplatz an zweieinhalb Tagen. Man kann sagen, es war was los in Fulda.

Aber wurde denn neben all diesen symbolischen Gesten und Demonstrationen auch etwas beschlossen? Das Wichtigste dürfte sein, dass die nun schon Jahre umkämpften Zahlungen an die Missbrauchsopfer endlich auf den Weg gebracht werden. Nach langem Ringen hat man sich von Seiten der Bischöfe auf ein einheitliches System von „Anerkennungsleistungen“ für das erlittene Leid geeinigt. Die Opfer sexualisierter Gewalt können Beträge von 5.000 bis 50.000 Euro erhalten – Bischof Bätzing erklärte bei der Abschlusspressekonferenz, die Bistümer sollten sich eher an den oberen Betrag orientieren. Die Höhe der Einmalzahlungen sollen von einem unabhängigen Gremium festgelegt werden, das mehrheitlich von nichtkirchlichen Vertretern bestimmt wird.

Während die Opfer-Vertreter seit Jahren und nun auch wieder in Fulda forderten, es dürfe nicht um Anerkennungszahlen, sondern es müsse um reguläre Entschädigungen gehen, verteidigte Bätzing die Entscheidung. Für Entschädigungen bräuchte es klare Beweise, erneute Befragungen der Opfer und geordnete rechtsstaatliche Verfahren, die sich lange hinziehen könnten. „Wir wollen das den Betroffenen nicht zumuten", sagte Bätzing - zumal Beweise für die meist lange zurück liegenden und häufig juristisch verjährten Verbrechen oft nicht zweifelsfrei zu beschaffen seien, nicht selten die Täter schon gestorben und viele Akten nicht mehr vorhanden seien. Beim Verfahren der Anerkennungszahlungen genüge dagegen eine „Plausibilitätsprüfung“, das alles könne schneller gehen. Kein unwichtiges Argument, da viele Opfer mittlerweile im Rentenalter sind und keine Zeit mehr für langjährige Prozesse mit der Kirche haben.

Nicht völlig unzufrieden

So zeigte sich denn der hoch verdiente „Eckige-Tisch“-Vertreter Matthias Katsch unmittelbar nach der Abschlusskonferenz unweit des Doms nicht völlig unzufrieden mit dem Ergebnis – wenn denn die Zahlungen tatsächlich überwiegend eher an der 50.000-Euro-Marke lägen. Er wolle seinen Mit-Opfern nicht empfehlen, diese Einigung abzulehnen, und tatsächlich haben nicht wenige arme Missbrauchsüberlebende das Geld nach so vielen Jahren des Wartens und häufig gebrochener Erwerbsbiografien dringend nötig. Am Ende standen Katsch und Bätzing fast wie alte Nachbarn auf der Straße, diskutierten mit erstaunlicher Höflichkeit den Beschluss der Bischöfe und blickten auf weiter Gespräche zwischen der Kirchen- und Opferseite. Ob diese Zahlungen, die man am 1. Januar beantragen können soll, zu einer Befriedung der Lage beitragen werden, wird nicht zuletzt davon abhängen, ob die katholische Kirche weiterhin nur das zahlen wird, was sie unbedingt muss – oder nach zehn Jahren endlich, endlich einen Schritt tut, der zeigt: Wir haben verstanden.

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