Wüste, wir kommen!

Drei unvollständige Anmerkungen zu „Kirche auf gutem Grund“
Strasse in der Wüste
Foto: Andreas Hermsdorf / pixelio.de

„Alles beginnt mit der Sehnsucht“ formuliert die Dichterin Nelly Sachs. Das „Elf-Punkte-Papier“, mit dessen Hilfe Kirche und Zukunft neu buchstabiert werden sollen, weckt bei mir keine Sehnsucht. Weder nach Kirche, noch nach Zukunft. Es wirkt mutlos. Das ist traurig und erhellend.

Drei Gedanken möchte ich in das gemeinsame Überlegen über das Z-Wort und die Kirche einfließen lassen. Vielleicht helfen sie. Meine Perspektive ist die einer evangelischen Christin (54) mit vollständigem Theologiestudium, aber ohne Pfarramt. Ich bin Textarbeiterin von Beruf, seit einigen Jahren bei der Diakonie tätig. Hier schreibe ich als Privatperson, als hochverbunden distanziertes Kirchenmitglied. Gottesfragen sind ein Lebensthema, das ich nicht loswerde. Die Glaubensfarbe dazu ist denkend-kontemplativ-diakonisch-kritisch-poetisch-fromm.

Von 2013 bis 2015 war ich kein Kirchenmitglied mehr, bin aber wieder eingetreten in die evangelische Landeskirche, weil ich dazu gehöre. Weil mir die Art der „aufgeklärten Kirchlichkeit“ gefällt. Auszutreten macht keinen Sinn. Auch wenn ich in Kirchenkontexten Lebensintensität immer wieder vermisse, halte ich mich an den lebendigen Gott, an Jesus Christus und seinen Geist. Es braucht einen Ort, der einen weiteren Horizont hat, an dem diese Haltung gepflegt wird: Eine Gemeinde, eine Kirche, wenigstens zwei oder drei, die in seinem Namen beisammen sind. Als Gegenöffentlichkeit, als Thementresor, als Raum, an dem an Auferstehung geglaubt und mit Geistesgegenwart gerechnet wird.

Davon spüre ich leider wenig in den Ausführungen des Z-Teams. Es macht keine Freude, diesen Text zu lesen. Er führt nicht hinaus in die Weite. Woran mag das liegen? Dreierlei fällt mir auf:

Mir fehlt das Staunen. Vielleicht bleiben Denken und Sprache deswegen so merkwürdig flach. Es ist ein ängstlicher Text, zwischen den Zeilen nistet, scheint mir, die Furcht vor der Armut, dem Macht- und Bedeutungsverlust, der Unsicherheit. Das ist verständlich, aber doch seltsam in einer Glaubensgemeinschaft, die sich auf Jesus Christus beruft, den besitzlosen, ruhelosen Wanderer und Menschenfreund, den unangepassten, unbequemen Liebhaber des Lebens, der lehrte, Gott als Vertrauten anzusprechen, und der dem Tod nicht das letzte Wort ließ.

Gottesbegegnung in der Wüste

In einer Glaubensgemeinschaft, die Traditionen schätzt, in denen wieder und wieder von Aufbruch die Rede ist, vom Gehen in eine ungewisse Zukunft, in der wüste Zeiten und wüste Orte sehr oft zu Räumen der Gottesbegegnung werden, würde ich einen anderen Spirit erwarten.

In einer Glaubensgemeinschaft, in der gelehrt wird, sich auf das Wirken des Heiligen Geistes zu verlassen, der Ruach, die in allem atmet, die Hoffnungslosigkeit in Zuversicht verwandeln kann und tatsächlich in die Weite führt, auch wenn es eng wird, erstaunt mich die kleinmütige Ängstlichkeit, die sich vor allem auf Prognosen stützt. Natürlich müssen die Prognosen ernstgenommen werden, es wäre naiv, den Exodus aus den Landeskirchen nicht wahrzunehmen und diesen Wandel nicht zu gestalten. Aber „der Geist der Kraft, Liebe und Besonnenheit“ braucht eine andere Sprache, das heißt auch eine andere Haltung: „Geh in das Land, das ich dir zeigen werde“, gilt doch auch für uns.

Mir fehlen die Menschen.  Es ist doch eigentlich nie „die Kirche“, die handelt. In diesem Text aber handelt „die Kirche“, als wäre sie ein Subjekt. Sie spricht, sie hält sich zurück, sie begleitet kritisch und nimmt Verantwortung wahr etc. Das führt in die Irre, scheint mir. Denn es ist doch nie „die Kirche“, die Verantwortung wahrnimmt. Oder „die Gemeinde“, die sich zurückhält. Strukturen wirken, sie handeln nicht. Strukturen können das Handeln von Menschen stützen oder behindern. Es berührt seltsam, dass einzelne Menschen („Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind…“) in der Denkbewegung des Papiers kaum eine Rolle zu spielen scheinen.

Ich bin im Grunde sicher, es atmete einen fundamental anderen Geist, wenn die Liebe zu, der Respekt für die, die Wahrnehmung der so unterschiedlichen handelnden, glaubenden Menschen zentraler wäre, die sich nur schwer auf einen Begriff bringen lassen.

Einzelne Menschen

Es ist eben nicht „die Kirche“, die tut oder lässt. Es war z.B. nicht „die Kirche“ die die friedliche Revolution 1989 ermöglicht hat. Es ist auch nicht „die Kirche“, die die „Seawatch 4“ auf den Weg gebracht hat. Es sind immer einzelne Menschen (m/w/d) in den Kirchen gewesen, die mit ihrem Leben, Reden und Schweigen gemeinsam mit anderen trotzdem etwas bewirken und so ein Bild von „der Kirche“ prägen. Diese Menschen haben Namen, Gesichter, Geschichten. Sie sind lebendig, sie haben eine Sehnsucht. Manche lassen sich sogar „herausreißen“ und „hinaus in die Weite“ führen. Und alle gemeinsam sind wir Leib Christi. Wenn das Denken über das Z-Wort bei und mit diesen Menschen anfangen würde, wie würde das die Vorstellung von der Zukunft „der Kirche“ verändern?

Und beiseite gedacht: Was wäre, wenn wir auch von den Menschen, die die Landeskirchen verlassen, lernen könnten? Vielleicht folgen manche einer Sehnsucht nach mehr Leben, die auch etwas mit dem lebendigen Gott zu tun haben könnte? Die junge Jesusbewegung war ja auch eher insitutionskritisch eingestellt.

Mir fehlt die Freude. Oder doch wenigsten: Gelassenheit. Haben wir in „der Kirche“ nicht diesen „Schatz im Acker“, dieses Wissen vom Reich Gottes? Wir kommen doch von der Auferstehung, von Ostern her, nicht vom Finanzamt, und auch nicht aus dem Kirchenamt oder von der Synode. Die normative Kraft des Faktischen hatte unter den Christusleuten doch eigentlich ausgedient. Oder? Wir leben im Advent, und der Held, auf den wir warten, ist kein Beamter. Es ist der Wasserwandler. Er weist den Seinen den Weg.

Und genau deswegen dürfen wir doch hoffen, glauben, lieben, wo andere verzweifeln, misstrauen und verachten. Der Schatz im Acker ist da, auch wenn „die Ressourcen“ geringer werden. Vielleicht ist es tatsächlich an der Zeit „zu verkaufen“, was man hat, aufzugeben, was vertraut war, sich auf den Weg zu machen. Vielleicht ist das gar nicht so schlimm – auf lange Sicht. Nur unbequem. Wüste, wir kommen!

Die Unsicherheit mit Vorfreude zu würzen, wäre eine Idee. Mit Vertrauen. Wenn wir aufbrechen müssen oder wollen, brauchen wir Menschen, die die Fakten kennen, und andere, die mit am Lagerfeuer sitzen und von der Zukunft träumen können und unsere Sehnsucht wachhalten.

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