Ins Weite oder ins Leere?

Wie das „Z-Team“ der EKD die Verantwortung für die kirchliche Gegenwart verweigert
Fahnen vor dem Kirchenamt der EKD in Hannover
Foto: epd

Die elf Leitsätze zur Zukunft der Kirche ließen sich deshalb nicht ernsthaft diskutieren, weil sie in keiner Weise Verantwortung für die gegenwärtige Lage der Kirche übernähmen. Denn der EKD gehe es nicht um Veränderung, sondern um einen schauhaften Leitbildprozess, meint Peter Scherle, Professor für Kirchentheorie und Kybernetik in Herborn. 

Selten gelingt es einem Text auf engem Raum soviel Richtiges zu formulieren und doch keine Orientierung für die gegenwärtige Lage der Kirche zu bieten. Wie ist dem „Z-Team“ (was für ein Name?) der EKD dieses Kunststück gelungen? Und wie kann mit diesen „Elf Leitsätzen zur Zukunft der Kirche“ umgegangen werden?

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass alle Kritikerinnen und Kritiker sich an besagtem Kunststück die Zähne ausbeißen werden. An diesem Text werden alle Versuche inhaltlicher Kritik wirkungslos abprallen, denn es werden sich jeweils Zitate finden lassen, die das Gegenteil von dem nahelegen, was als Intention des Textes identifiziert (und kritisiert) werden könnte.

Die elf Leitsätze lassen sich deshalb nicht ernsthaft diskutieren, weil sie in keiner Weise Verantwortung für die gegenwärtige Lage der Kirche übernehmen. Obwohl das kirchenleitend hochrangig besetzte Gremium das ganze Panorama kirchlicher Krisen zu Beginn benennt, wird doch keine Verantwortung in dem Sinn übernommen, dass Vorschläge für schmerzhafte Entscheidungen gemacht werden – die dann diskutiert werden könnten. (Vielleicht soll der Begriff „Z-Team“ ja auch schon andeuten, dass es gar nicht um kirchenleitende Verantwortung geht?)

Faktisch handelt es sich bei dem Text um den Auftakt zu einem Leitbildprozess. Wer sich mit diesem Instrument der Organisationsentwicklung auskennt weiß, dass der entscheidende Punkt dabei nicht das Ergebnis - im Sinne bestimmter Formulierungen – ist, sondern der Prozess der Diskussion über solche „Leitsätze“ bzw. „Leitbilder“.

"Schauseite" der Organisation

Leitbildprozesse aber zielen per se nicht auf Veränderungen in der Struktur oder Kultur einer Organisation. Sie gehören – um den Bielefelder Soziologen Stefan Kühl ausgiebig zu zitieren - nicht in den Bereich „entschiedener Entscheidungsprämissen“ (und damit der Struktur) und auch nicht der „nicht entschiedenen Entscheidungsprämissen“ (und damit der Kultur). Sie gehören vielmehr zur „Schauseite“ der Organisation, mittels derer sie nach außen ihre eigene Legitimität und nach innen die Identifikation zu sichern versucht.

Diese Aufgabe ist in unserer Mediengesellschaft von großer Bedeutung, weshalb sich Organisationen zunehmend auch durch ihr Verhältnis zu den pluralen Öffentlichkeiten, ihre „public relations“ selbst steuern. So sind auch die Leitungsorgane in den Kirchen immer stärker durch ihre eigene Öffentlichkeitsarbeit geprägt. Das „impression management“ ist Teil der Leitungsaufgabe. Und dazu gehört es, dass die Organisation Kirche sich selbst als zukunftsfähig und für ihre Umwelt als attraktiv präsentiert und ihre inneren Konflikte eben nicht offen legt. Leitbilder sind – mit Stefan Kühl -„ästhetisierte Zukunftsentwürfe mit loser Kopplung an reale Programme und Vollzüge“ und eben keine Vorschläge für strategische Entscheidungen.

Verstehen wir die elf Leitsätze als eine Form des kirchlichen „impression management“, als Arbeit an der Schauseite der Kirche, dann erschließt sich der Text auf eine ganz bestimmte Weise.

So ist es eben kein Zufall, dass es in der ersten These um „Öffentlichkeit“ geht und um die Frage, wie sich die evangelische Kirche in Zukunft öffentlich präsentieren will. Alle inneren Spannungen werden hinter Formulierungen unsichtbar gemacht, die möglichst vielen gefallen können. Alles wird gut. Aber nichts lässt erkennen, wie das geschehen soll, wie die notwendigen Entscheidungen zu fällen wären. Wo muss gespart werden? Welche Arbeitsbereiche werden nicht mehr weiter geführt? Welche exemplarischen Tätigkeiten sollen gefördert werden?

Was im Folgenden über Frömmigkeit, Mission und Ökumene gesagt wird, folgt derselben Logik. Es geht um PR. Das „Z-Team“ präsentiert die evangelische Kirche als glaubensgewiss, missionarisch und ökumenisch. Wer sollte daran etwas aussetzen wollen? Es gäbe schon Diskussionsbedarf, was die inhaltlich-theologische Füllung der Begriffe Frömmigkeit, Mission und Ökumene angeht. Dass es hier etwas zu entscheiden gibt, dass sich hinter den Worthülsen handfeste Meinungsverschiedenheiten und Konflikte über den Weg der Kirche verbergen, wird aber nicht kenntlich gemacht.

Wer den Text als Arbeit an der Schauseite versteht, wird sich auch nicht wundern, dass nunmehr in den elf Thesen das Thema „Digitalisierung“ aufgerufen wird. Die evangelische Kirche will sich ja auf der Höhe der Zeit präsentieren. Deshalb verwundert es auch nicht, dass mit keiner Zeile auf eine weit verbreitete kritische Auseinandersetzung mit dem „digitalen Kapitalismus“ (Phillip Staab) und der Macht der Internetkonzerne eingegangen wird. Digitalisierung wird als Ausweis der Modernität gesehen und als Bedingung öffentlicher Präsenz. Auch hier kein Wort zu der Frage, welche Ressourcen (Geld, Personal, Arbeitszeit) dafür gebraucht werden und wo dafür Ressourcen abgezogen werden?

Wohlfeile Formulierung

Unter dem Stichwort „Kirchenentwicklung“ scheint nun doch ein Strukturvorschlag aufzutauchen, mit dem sich Prioritäten und Posterioritäten setzen lassen. Wir lesen: „Unverbunden agierende, selbstbezügliche Institutionen und Arbeitsbereiche auf allen kirchlichen Ebenen werden aufgegeben.“ Aber auch das ist in erster Linie „impression management“. Denn wer will schon selbstbezügliche Institutionen und Arbeitsbereiche haben, die unverbunden agieren. Da hier nicht geklärt wird, ob damit neu eingerichtete EKD-Zentren gemeint sind oder die parochialen Kirchengemeinden, ist die Formulierung wohlfeil. (Wobei beim Lesen durchaus der Eindruck entstehen kann, dass es eher die Parochien sind, die das „Z-Team“ zugunsten „neuer Formen von Gemeinde“ aufgeben würde. Zumindest sollen diese „ihre dominierende Stellung als kirchliches Organisationsprinzip verlieren“. Ein Anliegen, das jedoch schon seit langem in den kirchlichen Strukturreformen, etwa mit der Stärkung der so genannten mittleren Ebene (Kirchenkreise, Dekanate) und der Einrichtung aller Arten von kirchlichen „Zentren“, verfolgt wird.)

Unter dem Stichwort „Zugehörigkeit“ wird eine Öffnung des bisherigen Mitgliedschaftsrechts präsentiert, die in unterschiedlichen Feldern kirchlicher Arbeit (wie z.B. im Blick auf Beschäftigungsverhältnisse und Amtshandlungen) seit langem Usus ist. Auch hier wird ein harmonisiertes Leitbild angeboten, das die schon lange herrschenden Konflikte verbirgt und mögliche Entscheidungsalternativen nicht konkretisiert.

Danach wird der Blick auf „Mitarbeitende“ gerichtet. Hier soll die evangelische Kirche als Kirche der Ehrenamtlichen präsentiert werden, die selbst eine deutliche Streichung von hauptamtlichen Stellen problemlos auffangen wird. Gleichzeitig wird – nur an dieser Stelle mit einer konkreten Zahl – gefordert, dass zehn Prozent der kirchlichen Haushaltmittel als „geistliches ‚Risikokapital’“ genutzt werden. Ziel ist: „Eine dynamischer agierende Kirche wird charismatischen Diensten mehr Raum einräumen. Sie wird besondere Begabungen erkennen und gezielt fördern. Sie wird Ressourcen bereitstellen und Mitarbeitende freistellen für befristete Projekte, Erprobungsräume und kreative Experimente. ... Dabei ist darauf zu achten, dass diese Mittel nicht strukturbildend, sondern gezielt aufgaben- und personenorientiert eingesetzt werden, ohne dabei den Aspekt der Nachhaltigkeit aus den Augen zu verlieren.“ Da jedoch kein Hinweis gegeben wird, welche Kürzungen – zusätzlich zu den ohnehin schon absehbaren Kürzungen, die durch die stark gestiegenen Austritte und die wegen Corona einbrechenden Kirchensteuereinnahmen notwendig sind – denn dafür vorgenommen werden sollen, handelt es sich auch hier um eine Form des impression management. Die Kirche will sich als dynamisch, charismatisch, innovativ und effektiv präsentieren.

Was das für die „Leitung“ evangelischer Kirchen bedeuten soll, wird unmittelbar im Anschluss ausgeführt. Auch hier geht es um die Schauseite. Leitung soll „weniger hierarchisch“ und „weniger selbstbezüglich“ sein, soll zur „Konzentration und Profilierung kirchlichen Handelns“ beitragen und „Nachhaltigkeit und Qualitätssicherung“ sicherstellen. Und als hätte das „Z-Team“ nichts mit der bisherigen Leitung von Kirche zu tun, wird postuliert: „Der Fokus von Entscheidungen kann nicht mehr den bloßen Erhalt einer Stelle, eines Arbeitsbereichs oder einer Einrichtung betreffen. Vielmehr sind zukunfts- und aufgabenorientierte Lösungen zu suchen, die auch das Bestehende hinterfragen.“

Unter dem Stichwort „Strukturen“ wird nun etwas deutlicher, welche Kirche das „Z-Team“ gerne präsentieren möchte. Sie soll innovativ sein, „neue und experimentelle Sozialformen von Gemeinde“ fördern, eine „besonnene Entbürokratisierung soll durchgeführt und das Gremienwesen entschlackt“ werden. Und weil die kirchliche Verwaltung „nicht nur kleiner, sondern schlanker und effizienter wird“, können dort 15% eingespart und „zur Finanzierung innovativer Projekte eingesetzt“ werden. Weil diese Formulierungen des Leitsatzes wie aus einem Handbuch für Unternehmensreformen klingen, werden – so scheint es - nun zwei kirchentheoretische Modelle genutzt, um sie als begründet erscheinen zu lassen. Beide Modelle werden dabei missbräuchlich verwendet. So ist der Clou des Modells der Kirche als „Hybrid“ aus „Institution, Organisation und Bewegung“ eben gerade der, die Fluidität der verfassten Kirche gesellschaftstheoretisch zu erfassen. Das „Z-Team“ aber sieht die Institution und die Organisation verflüssigt und will die Kirche stärker als Bewegung profilieren. Das zweite Modell hingegen, das die Kirche von ihren „Grundvollzügen“ her betrachtet – hier werden vier genannt: „Martyria, Leiturgia, Koinonia und Diakonia“ – wird nur bemüht, um darauf hinzuweisen, dass es notwendig sei „zwischen resonanzlosem kirchlichem Handeln und Resonanzräumen zu unterscheiden“. Welches kirchliche Handeln jedoch als resonanzlos und welches als resonant betrachtet wird, das wird nicht deutlich.

Helden treten beiseite

Der letzte Leitsatz „EKD/Landeskirchen“ präsentiert die evangelische Kirche als bleibend reformbereit: „Mehrfachstrukturen innerhalb der Gliedkirchen sollen identifiziert und abgebaut werden. Dabei sollen Kompetenzen im Rahmen strategischer Lösungen bei der EKD oder bei einzelnen Gliedkirchen gebündelt werden.“ Auch hier findet sich kein Hinweis darauf, was das konkret heißen soll. Auch Vorschläge für Entscheidungen, die im Verantwortungsbereich der Mitglieder des „Z-Teams“ liegen fehlen ganz. Stattdessen wird im Jargon der Leitbildentwicklung – kursiv gesetzt - statuiert: Die Kirche der Zukunft wird eine sich wandelnde Kirche sein, damit sie auch zukünftig ihrem Auftrag gerecht werden kann. Der Weg der evangelischen Kirche wird eine Haltung aller Beteiligten brauchen, die getragen ist vom Mut voranzugehen und zugleich von Gelassenheit und Zuversicht, denn nur dies macht ein ‚Segeln-hart-am-Wind’ möglich.“

Mit Hilfe von drei biblischen Bildern werden abschließend noch „Herausforderungen für das zukünftige Handeln“ benannt. Die Bilder vom „Leib Christi“, vom „Volk Gottes“ und vom „Licht und Salz“ sollen drei Kriterien für „Neuorientierungsentscheidungen des begleitenden Finanzausschusses“ liefern. Es geht um das Zusammenwirken der „Organe“ der Kirche, in die „gastweise auch der ‚Fremdling’ einbezogen ist“ und die um „öffentliche Aufmerksamkeit“ kämpfen muss. Daraus ergeben sich die „Prämissen von Koordination, Gemeinschaftsbildung und Ausstrahlung“, die „Entschlossenheit zu Abschieden“ und die „Konsequenz, dass die Kirche sich so verwandeln sollte, dass sie ‚hinaus in Weite“ treten kann (2 Sam 22,20)“.

Mit diesen Worten endet der Text. Allerdings sind wir damit nicht ins Weite getreten, sondern in der Leere der Verantwortung für die kirchliche Gegenwart angekommen. Das „Z-Team“ hat sich nicht wie die Helden-Teams in der Comicwelt in die Schlacht zur Rettung wenn nicht der Welt so doch der evangelischen Kirche geworfen. Mutige Leitung und tapfere Handlungsvorschläge fallen aus. Die Helden des „Z-Teams“ sind vielmehr beiseite getreten und fordern nunmehr alle auf, ihre Leitsätze zu diskutieren. Wie es in Leitbildprozessen üblich ist, wird jeder Diskussionsbeitrag als Erfolg gewertet. Selbst heftigste Kritik, die der Text – im Blick auf die nur zu ahnenden Optionen - zu Recht auf sich zieht, wird dadurch als Zustimmung zu dem Prozess als solchem gewertet. Die evangelische Kirche erweist sich auf der Schauseite als zukunftsfähig. Es wird diskutiert, es gibt Lebenszeichen.

Damit könnten wir es auch bewenden lassen, wenn da nicht die prekäre Lage der evangelischen Kirche wäre, die dringend mutige Leitung und tapfere Handlungsvorschläge derer braucht, die Verantwortung tragen – und die dann im Getümmel auch dafür Prügel bekommen würden. Wir können uns nicht noch einen weiteren Leitbildprozess leisten, der suggeriert, dass sich Entscheidungen durch Diskussion von selbst ergeben und dass sie dann in Finanzausschüssen vollstreckt werden.

Es gibt Leitungsorgane eben deshalb, weil am Ende – so sagt es eine Grundregel der Kybernetik – das Unentscheidbare entschieden werden muss. Deshalb sollten wir die elf Leitsätze des „Z-Teams“ nicht diskutieren, sondern auf der Homepage der EKD einfach stehen lassen.

Allerdings fällt das schwer, wenn wir uns vor Augen führen, dass sich die evangelische Kirche auf der Schauseite so präsentiert, dass die Frage nach dem Kommen Gottes gar keinen Raum hat. Der Text strahlt kein Gottvertrauen aus, sondern ist darauf fokussiert, die Kirche durch weitere Strukturreformen „zukunftsfähig“ machen. Obwohl zu Beginn des Textes auch von einer „Glaubenskrise“ geredet wird, spielt diese dann in den Thesen keinerlei Rolle. Vielmehr wird vom „Evangelium“ wie von einem Besitzstand geredet, der nur aufgehübscht und besser verpackt werden müsse. Haben wir wirklich nichts mehr von Gott zu erwarten? Glauben wir nicht mehr an eine göttliche Heimsuchung oder fehlen uns dafür einfach die Worte?

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Peter Scherle

Peter Scherle, Jg. 1956, ist Pfarrer der EKHN und seit 2000 Professor für Kirchentheorie und Kybernetik am Theologischen Seminar Herborn. Seit 1990 war er "visiting lecturer" für Ökumenische Theologie an der Irish School of Ecumenics / Trinity College Dublin.    


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