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Warum die elf Leitsätze der EKD keinen Aufbruch vermitteln
Foto: Harald Oppitz

Allem Anfang wohnt ein Zauber inne – das gilt auch für wichtige Impulstexte der Christenheit. „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ – „Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost was kommen mag“ – „I have a dream“… das sind wuchtige oder zarte Anfänge, die Lust machen, weiterzulesen, sich einzulassen auf Gedanken von Menschen, die die Kirche weiterbringen, die Trost spenden wollten, Hoffnung und Mut. Manchmal konnten solche Anfänge auch sperrig klingen: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift Bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“ Da wirkt der Anfang wie ein Bollwerk gegen einen unguten Zeitgeist, kaum verwunderlich, dass es entschieden weitergeht: „Wir verwerfen die falsche Lehre…“

Allem Anfang wohnt ein Zauber inne. Und ein Anfang muss gekonnt sein, sonst legt die geneigte Leserschaft das Werk gleich zur Seite. Als Krimiautorin weiß ich, dass gleich mit den ersten Sätzen Spannung aufgebaut werden muss – und dann natürlich auch am besten gehalten wird. Manchmal dauert die Suche nach dem ersten Satz länger als das Schreiben des ganzen Buchs.

Allem Anfang wohnt ein Zauber inne auch deshalb, weil der Anfang die Richtung vorgibt und manchmal mehr über den ganzen Text verrät, als die Autoren sich eingestehen wollen.

„Die Kirche der Zukunft bleibt Gottes Kirche; sie wird in Deutschland aber eine Kirche mit weniger Mitgliedern und weniger Ressourcen sein.“ Ich bezweifle doch sehr, dass diesem Anfang ein Zauber innewohnt. Nicht nur, dass man nach der Lektüre der 11 Thesen nebst Erläuterungen des „Z-Teams“ nicht so recht Lust bekommt, sich weiter auf den Weg in die Zukunft der Kirche zu machen. Es stimmt doch nachdenklich, wenn erst von der Kirche und dann von Gott die Rede ist. Dieser Anfang verrät viel über den ganzen Text! So richtig Schwung mag da nicht aufkommen, trotzdem viel Richtiges und Bewährtes, Nachdenkenswertes und Tiefsinniges vorkommt. Vielleicht, weil von Theologie kaum die Rede ist. Ganz zu schweigen von einer spröden Sprache, die mehr nach Landeskirchenamt klingt als nach Worten, die Menschen abholen wollen. Von Seelsorge ist bezeichnenderweise auch nicht die Rede. Selbst wenn man lähmender Gewohnheit sich entraffen will – mit diesen Thesen ist man nicht so richtig bereit zu Aufbruch und Reise, sondern eher erschlafft. Schade!

Aber – und das ist die erste gute Nachricht – dieser maue Anfang lässt die Kirchenglocken noch nicht verstummen. Denn – das ist die zweite gute Nachricht: Dieser Text ist ein evangelischer Text, und deshalb ein Text, der diskutiert wird. Nicht nur von der Synode der EKD, die letztlich darüber entscheiden wird, sondern vorab in einem breiten öffentlichen Diskurs. Das ist wahrhaft im Geist der Reformation und stimmt hoffnungsfroher als es das ganze Papier zusammen vermag. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass es gelingen mag, schließlich einen Text zu formen, der Lust zum Weiterlesen macht – und damit auch Lust an der Kirche. Das ist zwar ein hehrer Wunsch, aber doch ein nicht unerfüllbarer. Schließlich gibt es in Deutschland doch viele Christenmenschen, die die deutsche Sprache beherrschen. Liebe Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Journalist*innen und Dichter*innen, die ihr noch an der Kirche interessiert seid: Ihre Stunde hat geschlagen! Diskutieren Sie mit! BITTE!

Es wäre doch wunderbar, wenn wir gemeinsam zu einem Anfang finden könnten, dem ein Zauber innewohnt! Am besten einer, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Liebe Leserin, lieber Leser,

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Foto: Harald Oppitz

Angela Rinn

Angela Rinn ist Pfarrerin und seit 2019 Professorin für Seelsorge am Theologischen Seminar der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Herborn. Sie gehört der Synode der EKD an.


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