Anstößig

Paradoxien und ihre Folgen

Jochen Hörisch, der mit dem paradoxen Verhältnis von Sinn und Sein in der christlichen Abendmahlstheologie schon häufig produktiv umgegangen ist, hat in seiner jüngsten Veröffentlichung einige Texte unter dem Stichwort der Paradoxie versammelt. Er geht in einer bemerkenswerten Interpretation Luthers Fähigkeit zu paradoxer Argumentation in der Heidelberger Disputation von 1518 nach, dem Text, dem das Buch seinen Titel verdankt. Hörisch variiert die im Titel genannte Paradoxie zur Allmacht Gottes in den Aspekten, die eben Luthers Kreuzestheologie auszeichnen: Der allmächtige Gott muss sich am Kreuz auch als ohnmächtig erweisen, der sich offenbarende Gott muss sich in seiner Verborgenheit einer direkten Beobachtung entziehen oder, mit Luthers Freiheitsschrift, der Christ frei und in gleicher Weise jedermann untertan, frei im Glauben und untertan in der Liebe – die doch nicht getrennt werden können.

Mit seiner theologischen Intuition, die ihn als Literatur- und Medienwissenschaftler leitet, legt er den Finger auf den Karsamstag, der als zweiter Tag des österlichen Triduums kaum theologische Beachtung findet, und hält einer Theologie den Spiegel vor, die sich mit der Paradoxie der Todeserfahrung des göttlichen Erlösers („siehe, ich war tot“!) nicht auseinandersetzen will – von der Ausnahme einer Karsamstagsmeditation des emeritierten Papstes abgesehen, wie Hörisch anmerkt. Er sucht auch eine Antwort auf die theologisch wenig beachtete Frage nach dem Sinn der zweiten Feiertage, des Oster- und Pfingstmontags, und deutet sie als eine von der Grundparadoxie der zwei Naturen Christi inspirierte Verzeitlichung, die paradoxerweise den profanen Montag mit sakraler Würde nobilitiert.

In weiteren Texten, die teilweise erstveröffentlicht, teilweise von wenig zugänglichen Orten herangezogen sind, beschäftigt er sich mit der Bedeutung des evangelischen Pfarrhauses – das er mit der paradoxen Funktion „der Sünde Erben zu machen“ versieht – in der geistesgeschichtlichen und politischen Tradition und geht der „Präsenz protestantischer Köpfe“ aus evangelischen Pfarrhäusern im Kontext der „friedlichen Revolution“ wie in den literarischen und philosophischen Sphären der deutschen Geschichte nach. Er hebt für ein paradoxes Verständnis von Subjektivität die von Friedrich Schleiermacher bedachte Unverfügbarkeit als Konstitutionsmoment des Subjekts hervor, die der theologischen Reflexion und Ethik zugrunde zu legen sind. Das ist ein Hinweis von verblüffender Aktualität in Zeiten des Karlsruher Urteils zur Suizidbeihilfe, in dem das Bundesverfassungsgericht unter Verwendung eines exzessiven und unfundierten Begriffs des individuellen Selbstbestimmungsrechts alle Schranken auch von gewerbsmäßiger Selbsttötungsunterstützung aushebelt. Hier lässt sich gut beobachten, welche Folgen das Vergessen dieser paradoxen Grundlegungen, zu denen das Moment der Unverfügbarkeit in der Konstitution von Selbstbestimmung und Selbstverantwortung unbedingt gehört, im gesellschaftlichen Diskurs hat. Weitere Texte beschäftigen sich mit der Beobachtung, dass sich die Reformation und der aus ihr hervorgehende Protestantismus als Ausdruck und Wirkung der Medienrevolution des Buchdrucks verstehen lassen und darin eine christliche und ekklesiologische Innovation erfolgt ist, die paradoxerweise über die Neubestimmung der Kirche immer schon hinausgeht. Hörischs Argumentation von den Grundparadoxien des Christlichen, in den Formulierungen der Zwei-Naturen-Lehre oder der Trinitätstheologie beispielsweise, mag für manche Ohren anstößig klingen, ist aber einer klugen Betrachtung der Sache geschuldet. Und sie setzt eine theologische Argumentationslust frei, die sich auch leicht nicht-fachlichen Leserinnen und Lesern erschließt. Dieser Lust an der Paradoxie ist eine weite Verbreitung zu wünschen.

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