Zeit für Freestyle

Die Corona-Krise ist eine Chance für eigensinnigen Glauben
Skater in der Halpipe
Foto: epd

In diesem Jahr werden wir Gründonnerstag, Karfreitag und auch das Entdecken der Auferstehungskraft am Ostermorgen selbst gestalten müssen. Wir stehen barfuß vor dem Unverfügbaren. Und das ist gut so!

Die Musikband Silbermond hat im März einen eilig zusammengeschusterten Song zur gegenwärtigen Corona-Krise herausgebracht. Im Video zu „Machen wir das Beste draus“ sind die vier Musiker zu sehen, wie sie in ihren Küchen und begehbaren Kleiderschränken den neuen Song einspielen. Im Refrain heißt es:

Auch wenn um uns grade alles wackelt
Und es Abstand braucht
Rücken wir die Herzen eng zusammen
Machen wir das Beste draus!

In nur vier Zeilen fasst die Band die tiefe Erschütterung, die die Welt zum Stillstand und den Himmel flugzeugfrei gemacht hat, und die innere Haltung, die es jetzt braucht, zusammen: Das Zusammenrücken der Herzen (mit gebotenem Abstand versteht sich) und den pragmatischen Mut, sich nicht unterkriegen zu lassen.

In ihren systematisch- theologischen Beiträgen haben Ralf Frisch und Günter Thomas beschrieben, welche neuen Fragestellungen und Einsichten sie in dogmatischer Hinsicht aus der „alles wackelt“-Situation auf uns zukommen sehen. So zeichnet Günter Thomas das Coronavirus in alle grossen Loci der Theologie ein – von der Schöpfungslehre bis hin zur Eschatologie. Ralf Frisch nimmt die gegenwärtige Krise zum Anlass, mit der „in Anthropologie, Ethik und Gesellschaftspolitik aufgelösten Theologie“ und einem „ethisch engagierten Protestantismus“ kritisch ins Gericht zu gehen.

Suche nach spirituell Tragendem

Ich selbst möchte einen anderen Zugang wählen, weil für mich jetzt mitten in der Krise die Suche nach spirituell Tragendem für Leid- und Weggefährten im Vordergrund steht, während das dogmatische Ein-ordnen und systematisch-theologische Nach-denken m.E. erst sehr viel später einsetzen kann. Nämlich dann, wenn wir das ganze Ausmass der Katastrophe übersehen können oder doch wenigstens eine Ahnung davon haben, was sich nicht nur temporär verschoben hat.

Don Franco, ein befreundeter Priester aus Mailand schrieb mir vor ein paar Tagen: „La situazione è pesante …“ (Die Lage ist bedrückend) und zählte dann die Menschen auf, die er bereits in seiner unmittelbaren Umgebung verloren hat. Der erste war ein anderer Priester seiner Gemeinde: Don Luigi.

Was sich in diesen Zeilen und aus den vielen Berichten, die wir tagtäglich sehen, lesen und hören, Luft macht, ist das Seufzen und Ächzen der von Krankheit, Tod und Trauer Betroffenen. Es ist das Seufzen der der Vergänglichkeit unterworfenen Schöpfung, wie Paulus es nennt. In dieser Situation frage ich nach dem, was uns nicht verzweifeln lässt, nach dem Mut, der sagt: Rücken wir die Herzen eng zusammen. Als Mitbetroffener frage ich nach einer inneren Haltung, einer Spiritualität, die in dieser Lage weder die Augen vor der Katastrophe verschliesst noch sich durch sozial-diakonisches Engagement von der eigenen Betroffenheit abzulenken versucht.

In dieser Krise - so ist bei vielen, nicht nur theologischen, Zeitdiagnostikern zu lesen - begegne der Mensch wieder dem Unverfügbaren, ja vielleicht sogar dem unverfügbaren Gott. Mit Macht breche dieses Virus in unsere geordnete Welt ein und führe dem Menschen schmerzlich dessen Grenzen vor Augen.  An diesem Punkt des Einbrechens und des Getroffenseins möchte ich einsetzen, weil dieser Moment der Moment der Religion ist. Der amerikanische Theologe Martin Riesebrodt versteht Religion als einen „Komplex religiöser Praktiken“, die in Situationen extremer Bedrohung die Handlungsfähigkeit des Menschen wieder herstellt. Im und durch den Kultus gelingt es von Ohnmachtsgefühlen überwältigten Gemeinschaften nicht in resignierender Hilflosigkeit zu erstarren. Mit anderen Worten: Durch religiöse Praktiken gelingt es, das absolut Unverfügbare in ein ansprechbares Unverfügbares zu überführen und das Leben wieder in die Hand zu nehmen.

Religion spannt so eine Brücke von den abgründigen Erfahrungen (eines verborgenen Gottes) zur verheissenden Verheilung (eines zugewandten Gottes). In Kultus, Ritus und Gebet werden die erschütternden Erfahrungen und die lebensgefährdenden Mächte benannt und dadurch wird das absolut Unverfügbare so weit in erreichbare Nähe gebracht, dass zu ihm eine gestaltbare Beziehung aufgebaut werden kann.

Sprache des Seufzens

Hartmut Rosa hat wie kein zweiter den Begriff der Unverfügbarkeit als wesentliches Element gelingender Selbst- und Weltbeziehungen ins Blickfeld gerückt. Damit der vibrierende Draht zum Leben erhalten bleibt, muss Unverfügbarkeit nicht nur als Element von Resonanzbeziehungen erhalten bleiben (der Partner, der alles tut, was ich will, ist auf Dauer kein echtes Gegenüber mehr). Das Unverfügbare muss auch erreichbar und ansprechbar sein, damit ich zu ihm eine resonante Beziehung aufbauen kann. Und eben dieser doppelte Umgang mit dem Unverfügbaren – Unverfügbarkeit anzuerkennen und absolut Unverfügbares in ansprechbar Unverfügbares zu transformieren – wird durch religiöse Praktiken eingeübt und vollzogen.

Die Sprache solcher Praktiken ist nicht die Sprache des Glaubens, sondern die elementare Sprache des Gebets - wie Johann Baptist Metz in seiner „Memoria Passionis“ schreibt. Es ist diese Sprache des Seufzens, des Klagens und der Verzweiflung angesichts von Bedrohung und Tod, die Menschen derzeit durchbuchstabieren.

Wie und vor allem wo kann sich dieser Umgang mit dem Unverfügbaren vollziehen?  In der Spätmoderne, in der der einzelne sich als autonomes Subjekt versteht, kann eine zeitgemässe und krisentauglicher Spiritualität nur als eigensinnige, kooperative und weltzugewandte „Freestyle Religion“ in Erscheinung treten.

Eine solche Freestyle Religion besteht aus drei unterscheidbaren und doch miteinander verwobenen Bereichen: Dem Meditativ-Kontemplativen, dem Liturgisch-Kultischem und dem weltzugewandtem Gestalten. Diese drei Bereiche entsprechen den Grundrelationen menschlichen Lebens, ohne die Leben auf Dauer nicht gelingt und die uns, gerade jetzt in der Beschränkung unserer Möglichkeiten, deutlicher denn je vor Augen stehen.

Offenhalten für das Unverfügbare

Christliche Spiritualität  wendet sich bewusst dem Unverfügbaren zu und setzt sich auf diese Weise dem Wirken des Transzendenten aus. Tragfähige Spiritualität tritt aus der Wiederholungsschleife der Selbstsuche und Selbstoptimierung heraus und setzt sich in heilsamer Selbstbegrenzung dem Transzendenten aus, um sich an der Grenze der eigenen Handlungsfähigkeit vom Göttlichen durchdringen zulassen, um für andere und mit anderen selbst wirksam werden zu können.

Religion leben, heißt, anzuerkennen, dass das Unverfügbare mit seinen Kräften Teil unseres Lebens ist. Gerade in den Zeiten von Corona wird uns wieder deutlich, wie wenig Kontrolle wir über unser Leben haben. Religiöse Spiritualität setzt damit eben nicht auf die Eigenkräfte des Menschen, sondern auf das Offenhalten für das Unverfügbare, das wir Glaubende das Göttliche oder das Transzendente nennen und das uns in unterschiedlichsten Gestalten, nicht selten in den Masken des Bösen, begegnet und heimsucht.

Gerade die gegenwärtige Corona-Krise zeigt uns auf verschiedenen Ebenen, inwiefern Freestyle Religion eine tragfähige Spiritualität für das Jetzt sein könnte. Wenn das Übliche nicht mehr geht, beginnt Freestyle. Wo kein Weg zu sein scheint, bahnt sich Freestyle einen. Als Christinnen und Christen sind wir es gewohnt, zusammenzukommen, gemeinsam zu beten und zu singen, Gottesdienst zu feiern. Das ist nun erstmal nicht mehr möglich. Nun müssen wir eigene Wege gehen. Dürfen am Sonntag der Pfarrerin nicht mehr zuhören, sondern müssen uns selbst überlegen, wofür wir beten und mit welchem Zugang wir einer biblischen story begegnen. Jetzt geht es mehr denn je darum, das eigenverantwortliche  – und in diesem Sinn eigensinnige – Beten und Lesen der Schrift, das  Meditativ-Kontemplative, wieder neu zu gewichten. Im Gebet und in der Meditation stellen wir uns barfüßig dem Unverfügbaren. In der Wärme der Gottesgegenwart schmelzen unsere Allmachtsphantasien, in denen wir davon träumen, die Bedingungen unseres Handelns und Lebens selbst bestimmen zu können. Durch das Gebet im Angesicht Gottes finden wir eine gelassenere Haltung zum Unverfügbaren. Zugleich nehmen wir die Wunden unserer Mitmenschen in Syrien und an den geschlossenen Grenzen in Mexico und anderswo, die offenen Risse unseres Zusammenlebens in Hanau und anderswo und das Seufzen der Schöpfung im abgebrannten Australien und im gerodeten Amazonas ins Gebet. Weltabgewandt im stillen Kämmerlein wenden wir uns intensiv dem ungehörten Ächzen der Welt zu und bringen es mit und ohne Worte vor Gott.

Häuser zu Klosterzellen

Solches Beten und Meditieren braucht Übung und zu Beginn wohl auch Anleitung. Wenn wir für ungewisse Zeit nicht mehr Gottesdienste feiern, könnten unsere Kirchen und Gotteshäuser wieder zu individuellen Orten des Gebets werden. Entscheidend wird sein, dass unsere Geistlichen dazu ermuntern und anleiten, das eigensinnige Gebet zu üben und zu pflegen. Unsere Häuser und Wohnungen werden zu spirituellen Übungsorten, zu Klosterzellen.

In diesem Jahr werden wir Gründonnerstag, Karfreitag und auch das Entdecken der Auferstehungskraft am Ostermorgen selbst gestalten müssen. Nun beginnt nicht nur die Freiheit der Christenmenschen, sondern auch seine Fähigkeit, dem eigenen Glaubensleben bewusst eine Form zu geben. Manche werden in den Kindheitstagen kramen und die alten Gebete, die einst Großmutter am Kinderbett betete, wieder hervorkramen, andere werden sich aufmachen, Unbekanntes zu entdecken und unerwartete Impulse aufzunehmen und sich darin zu üben.

Wie auch immer: In den kommenden Wochen werden wir Freestyle Religion ganz neu entdecken und könnten so ein Stück unseres eigensinnigen Glaubens zurückgewinnen. Dabei wird sich in aller Freiheit und bei aller Selbstgestaltung etwas zeigen: Wir bleiben auf die anderen vor und neben uns angewiesen. Beim Nachsprechen eines Psalms leihe ich mir die Worte der Frauen und Männer vor mir. Klage und seufze mit ihren Bildern und mache diese Bilder durch mein lautes Lesen zu den meinen. Niemand glaubt allein, so originell er oder sie auch sein mag. Glaube wandert von Hand zu Hand, lebt vom Weitererzählen und vom Hören von Ohr zu Ohr. Vielleicht entdecken wir gerade in diesen Zeiten, in denen das Gemeinschaftliche so stark eingeschränkt wird, wie sehr wir auf das gemeinschaftliche Fundament angewiesen sind.

Gemeinschaft gestalten

Das Liturgisch-Kultische, das zweite Feld der Freestyle Religion, könnte für eine Übergangszeit schwieriger werden, weil der Kontakt zu anderen als risikobelastet gilt. Die meisten leben jedoch nicht allein. Jetzt bekommt die (familiäre oder WG-mässige) Gemeinschaft eine neue Bedeutung. Gelingt es uns, trotz ganz unterschiedlicher Glaubensstile, etwas Gemeinsames, so minimalistisch es auch sein mag, zu gestalten? Am Abend zusammenkommen und ein Lied singen, vielleicht einander vom Tag, seinen Höhen und Tiefen, erzählen, eine Klangschale anschlagen und gemeinsam schweigen. Oder, wie es derzeit aufkommt, am Abend das Fenster zu öffnen und ein Lied zu singen oder zu spielen, sozusagen von Fenster zu Fenster. Wichtig wird sein, die Vereinzelung soweit es möglich ist, immer wieder zu durchbrechen. Überleben und glauben können wir nur in Gemeinschaft. Darum ist die Suche nach Gemeinschaftsformen, die unsere Nächsten mittragen können, so wichtig. Gerade jetzt brauchen wir die anderen. Gemeinschaftsformen, die nicht vom eigenständigen Gebet der einzelnen und vom tätigen Engagement getragen werden, laufen leer. Die Krise unserer Gottesdienste dürfte darin ihre Ursache haben.

Und auch im dritten Feld, dem gestaltenden Wirken, wird Freestyle Religion neue Akzente setzen. Gerade die derzeitigen Krisen machen die Verletzlichkeit und Verbundenheit aller mit allen deutlich. Solidarisches Handeln und Gestalten von Beziehungen trägt dieser Verbundenheit Rechnung. Es gibt kein christliches Handeln an sich, das immer und überall gleich ist. Wohl aber gibt es Christen und Christinnen, die von der Verflochtenheit des Lebens und der Diversität menschlicher Lebensentwürfe ausgehen und entsprechend Welt durch ermutigende Projekte, Impulse und vor allem praktische Hilfe mitgestalten. Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Die Sorge um die Einsamkeit und Gesundheit der Älteren ist es derzeit wohl vor allem, auf die das Augenmerk gerichtet werden sollte.

So sehe ich im Umgang mit dem Unverfügbaren die religiöse Aufgabe der Gegenwart und ich erahne die Konturen einer neuen Spiritualität, die als politische Mystik und als weltzugewandte Spiritualität Gestalt gewinnt.

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Für Interessierte: Uwe Habenicht: Freestyle Religion – Eigensinnig, kooperativ und weltzugewandt. Eine Spiritualität für das 21. Jahrhundert ( Echter Verlag  2020)

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Uwe Habenicht

Uwe Habenicht, geboren 1969, ist evangelischer Theologe;. Er arbeitete als Pfarrer in Deutschland und Italien. Seit 2017 ist er Pfarrer in St. Gallen mit Schwerpunkt Jugendarbeit. Zuletzt erschien von ihm das Buch Freestyle Religion. Eigensinnig, kooperativ und weltzugewandt - eine Spiritualität für das 21. Jahrhundert.


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