Erinnerungen der Zukunft

Wer berichtet vom Holocaust, wenn die Zeitzeugen verstorben sind?
Filmstill Eva Schloss von der Youtube-Seite
Foto: Snapshot der Youtube-Seite
Szene aus dem Film "116 Kameras"

Eine Kugel aus 116 Kameras und Lichtern, darin sitzt eine alte Dame auf einem pinken Stuhl. „Etwas nervös“, gesteht sie in dem Film, den die US-Regisseurin Davina Pardo über sie gemacht hat. Eva Schloss erzählt von dem, was sie in Auschwitz erlebt hat, wie sie überlebt hat, was diese Erfahrungen für ihr Leben bedeuten - so wie sie es schon oft getan hat. Doch diesmal ist es eben nicht nur ein Film, der aufgenommen wird. Aus den Aufnahmen entsteht ein Hologramm der Zeitzeugin, das über ihren Tod existieren wird. Durch eine Spracherkennungssoftware können Eva Schloss, vielmehr ihrem Hologramm, Fragen gestellt werden, es antwortet. Die Aufnahmen sind Teil eines Projektes der USC Shoah Foundation, gegründet vom dem US-Filmemacher Steven Spielberg, der sich zum Ziel gesetzt hatte, möglichst viele Zeitzeugenberichte über den Holocaust zu sammeln. Denn irgendwann wird auch das letzte Kind, das Auschwitz überlebt hat, gestorben sein. Können dann Hologramme, wie das von Eva Schloss,  die Rolle der Zeitzeugen übernehmen? Was bedeutet es für das Gedenken und die Arbeit von Historikern und Museen, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt? Wie wollen wir in Zukunft an die Shoah erinnern? Diese Frage beschäftigte die Teilnehmer einer hochkarätig besetzten Tagung der „Initiative kulturelle Integration“ in dieser Woche in Berlin, 75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationlagers Auschwitz.

„Die Präsenz der Zeitzeugen wird fehlen und damit ihre verkörperte Erfahrung“, sagte die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, die 2018 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde. Auch die durch Zeitzeugenberichte erzeugte Empathie sei ein wichtiger Zugang zu Geschichte für all die, die keine historische Position hätten. Der Historiker Nobert Frei pflichtete Assmann bei und betonte die Bedeutung der „Herzensbildung“. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit könne nicht nur aus einer „Aneinanderreihung von Fakten und Daten“ bestehen. „Es geht auch darum, die Dinge mit dem Herzen zu durchdringen.“ Allerdings sei dies auch nach dem Ende der Zeitzeugenschaft möglich. „Alle Quellen und biographischen Berichte bleiben uns erhalten.“ Tagebücher und Briefe böten weiterhin die Möglichkeit, sich Geschichte über einzelne Biographien zu erschließen.

„Die Quellenlage von Zeitzeugen ist besser als vor zwanzig Jahren“,  betonte auch Thomas Lutz von der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin in einem Workshop im zweiten Teil der Konferenz. Allerdings breche in der Regel die mündliche Überlieferung nach der dritten Generation ab. Deshalb seien historische Orte wichtig, an denen den dort stattgefundenen Ereignissen gedacht werde. Und die Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München, Mirjam Zadoff, betonte, dass es wegen des bevorstehenden Abbruchs der biographischen Erinnerung umso wichtiger sei, mit der den Zeitzeugen nachfolgenden zweiten und dritten Generation  zu arbeiten.

Auf die Bedeutung der Enkel hatte auch schon zuvor Mark Damow, Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, hingewiesen. Die dritte Generation erlebe, wie Überlebende der Shoah sich öffneten und über ihre Erfahrungen sprechen, die sie gegenüber ihren Kindern noch verschwiegen haben, weil sie Erinnerung zu schmerzhaft gewesen sei. Diese Erinnerungen zu bewahren und weiterzugeben, sei ein wichtiger Prozess, denn „wenn junge Menschen emotional angesprochen werden, dann entsteht ein Verantwortungsgefühl für das ‚Nie wieder‘“.

„Das `Nie wieder`hat immer recht“, sagte auch der Soziologe Natan Sznaider von der Akademischen Hochschule Tel Aviv,  um dann die Erfolgsaussichten der Erinnerungsarbeit kritisch zu hinterfragen. „Sollten wir uns der Illusion hingeben, dass uns die Erinnerung an Auschwitz wirklich zu besseren Menschen macht?“ Wer in der der Bildungsarbeit tätig sei, muss mit Blick auf das Ziel, das zu erreichen sei, bescheidender werden, denn es gebe keinen „Zaubertrank der Erinnerungen“. Nobert Frei stimmte zu und verwies auf die zahlreichen Texte und Zeitzeugenberichte, die im Rahmen des 75. Jahrestages der Auschwitz-Befreiung in den Qualitätsmedien erschienen seien. „Aber wen erreichen diese Texte?“ Es gebe kaum noch Leitmedien, die sogenannten bildungsfernen Schichten kämen ohne öffentlich-rechtliches Fernsehen und Rundfunk aus, und es könne sein, dass mancher am 27. Januar das Wort Auschwitz nicht gehört habe. „Wir müssen unsere Kommunikations- und Informationsstrategien ändern.“

Nur wie? Eine der vielen Möglichkeiten zeigt der Bundesligaverein Borussia Dortmund, der nicht nur seine eigene Geschichte in der NS-Zeit aufarbeitet und thematisiert, sondern auch mit Fußballfans nach Polen reist, um dort den Spuren der aus Dortmund deportierten Juden zu folgen, sagte Daniel Lörcher, der diese Arbeit beim BVB verantwortet. Die Reisen sind preisgünstig und man erreiche durch diese Arbeit ein anderes Publikum, als die eher bildungsbürgerlich geprägten Gedenkstätten. Und Mirjam Zadoff verwies auf die Arbeit mit Künstlern und Jugendlichen in ihrem Hause, die auf große Resonanz gestoßen sei.  Um aber auch in Zukunft die jüngeren Generationen zu erreichen, müsse man sie als Experten und Expertinnen miteinbeziehen, etwa wenn es um Computerspiele ginge. „Wir können nichts von oben herab beibringen.“

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