„Nachsteuern kaum möglich“

Die Tübinger Theologieprofessorin Birgit Weyel ist skeptisch, ob sich der Trend in Sachen Kirchenmitgliedschaft beeinflussen lässt. Auch die Kirchensteuer hält sie für überholt
Gottesdienst im mecklenburgischen Jabel. Foto: epd/Rolf Zöllner
Foto: epd/Rolf Zöllner
Gottesdienst im mecklenburgischen Jabel.

zeitzeichen: Frau Professorin Weyel, die Ergebnisse der sogenannten Freiburger Mitgliedschaftsstudie der beiden großen Kirchen hat im vergangenen Jahr ein großes Echo ausgelöst. Hat Sie das Ergebnis überrascht?

BIRGIT WEYEL: Das Ergebnis hat mich nicht überrascht, denn die dort prognostizierten Mitgliedschaftszahlen weichen ja nicht prinzipiell von dem ab, was in früheren Untersuchungen auch schon herausgefunden wurde. Überrascht aber hat mich die Kommunikationsstrategie, mit der diese Studie öffentlich verbreitet wurde. Zum einen, dass behauptet wurde, an der demographischen Entwicklung könne man nichts ändern. Was die allgemeine Bevölkerungsentwicklung angeht, sieht das der Staat zumindest anders, sonst gäbe es ja nicht zahlreiche familienpolitische Maßnahmen in Sachen Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Zum anderen aber wurde ganz selbstbewusst propagiert, dass die Kirche durch bestimmte Maßnahmen in Sachen Taufen, Eintritte und Austritte positiv nachsteuern könne.

Aber das ist doch eine gute Nachricht, oder?

BIRGIT WEYEL: Sicher, aber ich bezweifle, dass das möglich ist, denn ich bin der Auffassung, dass evangelische Kirchenmitgliedschaft wesentlich von Faktoren getragen wird, die kirchliche Arbeit und kirchliche Maßnahmen nicht beeinflussen können. Alles das, was im Anschluss an die Veröffentlichung der Studie vorgeschlagen wurde, wird seit Jahrzehnten erwogen und wurde ja auch immer wieder versucht, Stichwort „Wachsen gegen den Trend“. Und natürlich fühlten sich nach Veröffentlichung der Studie gleich einige kirchenleitende Persönlichkeiten herausgefordert, Maßnahmen zu erwägen.

Es gab zum Beispiel den Vorschlag, die Kirchensteuer für die Gruppe der jungen Erwachsenen möglicherweise zeitweise zu reduzieren, weil in dieser Altersgruppe die Zahl der Austritte am höchsten sei …

BIRGIT WEYEL: … weil diese Altersgruppe häufig mit dem ersten Einkommen kirchensteuerpflichtig wird und dann erst wirklich realisiert, dass Kirchenmitgliedschaft Geld kostet. Der Vorschlag, gerade für diese Gruppe die Kirchensteuer zu ermäßigen, leuchtet mir aber nicht ein. Erstens zahlt diese Gruppe gar nicht so viel Kirchensteuer, anders als Menschen mit fortgeschrittener Berufsbiografie und dementsprechend höheren Einkommen. Warum sollte man gerade für diese Gruppe eine Ermäßigung einführen? Und zweitens treten viele Leute wahrscheinlich dann aus, wenn die Ermäßigung ausläuft.

Aber es ist doch verständlich, und es wird auch von der Öffentlichkeit erwartet, dass die Verantwortlichen etwas tun, wenn sie Ergebnisse präsentiert bekommen, die unerfreulich sind.

BIRGIT WEYEL: Natürlich wäre es schön, man könnte klare Maßnahmen ergreifen, die die Taufzahlen erhöhen, die die Austrittszahlen senken und die die Wiedereintritte erhöhen. Aber das ist illusorisch, denn es gibt keinen Maßnahmenplan, der den Trend in der Entwicklung der Kirchenmitgliedschaft wesentlich beeinflussen kann. Ich halte es für sinnlos und demotivierend, sich an der Vorstellung abzuarbeiten, man könnte die Entwicklung wesentlich beeinflussen.

Aber was soll man stattdessen tun?

BIRGIT WEYEL: Wir sollten die Pluralisierung unserer Gesellschaft auch auf religiösem Feld stärker akzeptieren. Wir stellen uns ideale Kirchlichkeit immer noch mit dem Bild der 1950er-Jahre vor. Damals waren 98 Prozent der deutschen Wohnbevölkerung Mitglied in einer der großen christlichen Kirchen. Diese Verhältnisse gibt es nicht mehr, und statt immer nur auf die Zahlen zu schauen, würde ich eher bei unseren Strukturen ansetzen. Natürlich braucht es Angebote für die Gruppe der jungen Erwachsenen, weil die tatsächlich im Alltag unserer Gemeinden selten vorkommen. Aber dass solche Angebote die Entwicklung der Kirchenmitgliedschaftszahlen in signifikanter Weise beeinflussen können, das halte ich für eine Illusion!

Also kann man gar nichts tun?

BIRGIT WEYEL: Nein, natürlich muss und soll etwas geschehen. Und es wird ja auch schon immer etwas getan. Aber ich halte es für schädlich, wenn kirchliche Verantwortliche hin und her pendeln zwischen einer Art Aufregungsbewirtschaftung à la „Es muss etwas getan werden“, auch weil angeblich nur noch ein verhältnismäßig schmaler zeitlicher Korridor bleibt, wo man noch etwas ändern kann und einem schlichten „Weiter so“. Ich hielte es für sinnvoller, in diesen Zeiten, wo noch erhebliche Mittel da sind, klare Entscheidungen für Prioritäten zu finden, zum Beispiel für Angebote für junge Erwachsene.

Es fällt ja auf, dass die Kirchenaustrittszahlen in den vergangenen Jahren seit 2014 signifikant hoch waren. Im Jahre 2006, in einer in Deutschland wirtschaftlich schwierigeren Zeit als in den vergangenen fünf Jahren, traten nur 125 000 Menschen aus der evangelischen Kirche aus, 2017 und 2018 waren es deutlich mehr als 200 000, Tendenz steigend, und das ja von einem schon deutlich niedrigeren Mitgliedschaftssockel. Warum ist das so?

BIRGIT WEYEL: Auch darüber kann man nur spekulieren. Dass die katholische Kirche in den vergangenen Jahren immer wieder außerordentlich negativ in den öffentlichen Schlagzeilen war, hat auch der evangelischen Kirche geschadet, sie wird in eine Art Mithaftung genommen. Es setzt sich aber auch ein gesamtgesellschaftlicher Trend fort, nämlich der, dass lebenslange Mitgliedschaft an sich nicht mehr plausibel erscheint. Seit langem trifft das ja nicht nur die Kirchen, sondern auch Parteien, Gewerkschaften und Vereine – das weiß man ja auch schon lange.

Was kann man überhaupt über die Motivation von Kirchenmitgliedern sagen, dass sie in der Kirche bleiben und nicht austreten? Es ist ja nur ein sehr kleiner Teil, der in der Kerngemeinde aktiv ist, der durchschnittliche Gottesdienstbesuch von etwa drei Prozent der Kirchenmitglieder pro Sonntag spricht eine deutliche Sprache. Andere sagen, sie nutzen kirchliche Angebote nicht, würden aber niemals austreten, weil die Kirche so viel Gutes tue. Wie ist das zu erklären?

BIRGIT WEYEL: Es hört sich paradox an, aber grundsätzlich kann man sagen, dass Kirchenmitgliedschaft in unseren Breiten ganz überwiegend davon lebt, dass sie als solche nicht in Frage gestellt wird. „Man“ ist eben in der Kirche und fragt auch nicht: „Was habe ich davon? Nutze ich die Angebote?“ Es ist einfach so. Punkt. Und diese unhinterfragte Kirchenmitglied-chaft erzeugt das Gefühl der grundlegenden Verbundenheit. Distanzierte Kirchenmitgliedschaft heißt ja nicht, die Mitgliedschaft in Frage zu stellen oder gar eine Austrittsbereitschaft in sich zu tragen. Das wurde schon in „Fremde Heimat Kirche“, der dritten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD von 1992, festgestellt und ausführlich ausgewertet. Aber dieser institutionelle Charakter bricht jetzt allmählich weg.

Dann entfaltet sich also jetzt nur eine sich statistisch langfristig andeutende Entwicklung?

BIRGIT WEYEL: Nicht nur. In der Gruppe der jungen Erwachsenen ist zu beobachten, dass die Kasualie der Trauung – also die Kasualie, die für die Gruppe der jungen Erwachsenen die stärkste Relevanz haben könnte – zahlenmäßig die stärksten Einbrüche zu verzeichnen hat. Und dass Kasualien für die Regeneration von Volkskirche immens wichtig sind, wissen wir spätestens seit der ersten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung von 1972.

Das verwundert, wo doch die Trauung, salopp gesprochen, die schönste Kasualie ist …

BIRGIT WEYEL: Das ist auch ein Teil des Problems. Der „normale“ Traugottesdienst in der Parochie wird immer häufiger zu einer schwierigen Herausforderung, da die Traupaare immer höhere  Ansprüche an den besonderen Ort der Trauung, an die Musik und an den Ablauf des Gottesdienstes be-ziehungsweise des Traurituals stellen, das „normale“ Gemeindepfarrerinnen und -pfarrer nur schwer parallel zu ihrem pastoralen Alltag bewältigen können oder wollen. Unsere Trauagenden sind ja auf den früheren Normalfall angelegt, also ein evangelischer Mann heiratet eine evange-lische Frau. Das ist  heute häufig nicht mehr der Fall. Dann wird es kompliziert, und das hält möglicherweise Paare davon ab, kirchlich zu heiraten. Denn immer noch wird der Partner oder die Partnerin, die nicht in der Kirche ist, oder wenn es sich um ein gleichgeschlechtliches Paar handelt, im Ablauf der Trauung einer gewissen Besonderung unterzogen. Das möchten sich viele Familien verständlicherweise nicht mehr zumuten.

Kann die Kirche da etwas tun oder ist das auch eine einfach zu erleidende Entwicklung?

BIRGIT WEYEL: In der bayerischen Landeskirche gibt es Überlegungen, eine Kasualagentur einzurichten, die als überregionaler Ansprechpartner fungiert. Das heißt, Menschen, die eine evangelische Kasualie wünschen, können sich bei einer zentralen Stelle melden und werden dann sehr professionell und flexibel beraten. Seit längerer Zeit steht die Kirche ja in Konkurrenz zu freien Ritualanbietern, die das sehr professionell und kundenorientiert machen, insofern halte ich das Konzept einer landeskirchlichen Kasualagentur für durchaus stimmig.

Könnte man das dann nicht auch gleich auf EKD-Ebene machen, so wie das Servicetelefon?

BIRGIT WEYEL: Natürlich wäre das denkbar, die Telefonseelsorge hat ja auch eine bundesweite Nummer. Unsere kirchlichen Strukturen sind den meisten Kirchenmitgliedern heute überhaupt nicht geläufig. Allein sich damit zu befassen, wer zuständig ist, ist für viele schon eine große Hürde. Insofern wäre so eine zentrale Stelle für viele sehr hilfreich. Möglicherweise landet ein Großteil der Trauungen dann auch wieder in der Parochie, in der das Traupaar lebt. Andererseits gibt es heutzutage so viele Fernbeziehungen und so viel Mobilität in unserer Gesellschaft, dass das parochiale Prinzip hier nicht immer funktioniert.

Das wird vielen eher konservativeren Kirchenvertretern und -mitgliedern nicht gefallen, für die noch gilt: Der Kern der Kirche und ihrer Arbeit sind die Ortsgemeinden, und die Kirche ist doch kein Dienstleister!

BIRGIT WEYEL: Dienen ist im christlichen Glauben nicht negativ besetzt. Im Gegenteil. Die Kirche soll den Menschen dienen. Aber im Fall der Traukasualie ist es doch in erster Linie eine praktische Frage, wie sinnvoll verfahren wird, denn vielen Gemeindepfarrerinnen und -pfarrern fehlt die Zeit, heutigen Ansprüchen an ein Trauritual zu genügen. Deswegen bezweifle ich, ob es sinnvoll ist, alle Traupaare weiterhin direkt an irgendeine parochiale Stelle zu verweisen.

Im Rahmen der 2014 veröffentlichten fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD (KMU V) haben Sie zum ersten Mal mit Mitteln der sogenannten Netzwerkanalyse gearbeitet. Was ist das Besondere daran?

BIRGIT WEYEL: Salopp gesagt schaut man mit dieser Methode die Kirche mal mit einer anderen Brille an. Die Netzwerkforschung untersucht Beziehungen zwischen einzelnen Menschen und setzt so etwas Drittes neben die herkömmliche Praxis, die Kirche als Institution oder als Organisation zu betrachten. Wir haben evangelische Kirchenmitglieder befragt, mit wem sie bei welchen Gelegenheiten in ihrem Alltag in Kontakt sind. Da kommen dann unterschiedliche Gelegenheiten des Alltags in den Blick, die sonst außen vor bleiben, wenn man auf die Organisation Kirche schaut. Zum Beispiel Vereine, aber auch Kontakte im Berufsleben, in der Schule oder in der Freizeit oder bei anderen Geselligkeiten. Bei allen diesen Gelegenheiten treten evangelische Kirchenmitglieder in Beziehung mit anderen Menschen. Wenn man das untersucht, da sieht man, dass bestimmte Formen von Wissen,Kompetenzen und Expertisen, die kirchliche aktive Menschen auszeichnen, in andere Bereiche übertragen werden, wo dann evangelische Kirchenmitglieder als Akteure unterwegs sind.

Agieren diese Kirchenmitglieder in diesen Beziehungen dann im weitesten Sinne religiös, oder was ist das spezifisch Kirchlich-Christliche an den Interaktionen der Kirchenmitglieder?

BIRGIT WEYEL: Wir konnten eindeutig zeigen, dass evangelische Kirchenmitglieder, die regelmäßig oder zumindest ab und an mal den evangelischen Gottesdienst besuchen, als Expertinnen und Experten für Fragen der Religion angesprochen werden. Natürlich sind Pfarrerin und Pfarrer weiterhin ein wichtiges Gesicht der Kirche nach außen hin, aber unsere Netzwerkanalyse hat gezeigt, dass bei  gemeindlichen Zusammenkünften die Pfarrpersonen dann zentral sind, wenn es um Gruppen geht, die
sich schwer selbst organisieren können, zum Beispiel Seniorenkreise. Daneben gibt es auch immer wieder Gelegenheiten im Gemeindealltag, wo die Pfarrpersonen zwar auch mit dabei sind, aber wo die tragende Rolle andere haben, zum Beispiel Ehrenamtliche beim Kaffee nach dem Gottesdienst. Es ist insofern gut, wenn sich Pfarrerinnen und Pfarrer immer genau überlegen, in welchen  Zusammenhängen sie die tragende Rolle innehaben sollten und wo sie sich lieber zugunsten anderer Akteure zurücknehmen können.

In Reaktion auf die Freiburger Studie wurde nicht nur erwogen, jungen Menschen um die dreißig die Kirchensteuer zu ermäßigen, sondern auch so eine Art Kirchenmitgliedschaft light einzuführen. Halten Sie es für sinnvoll, das jetzt vorherrschende Schema, entweder man ist Kirchenmitglied oder nicht, mit Formen dazwischen zu ergänzen?

BIRGIT WEYEL: Da bin ich skeptisch, denn das macht die Sache komplizierter, auch wenn es gut gemeint ist. Ich fürchte, das würde eher zu gegenteiligen Effekten führen. Denn wenn es so etwas „irgendwie dazwischen“ gibt, würde das die „Vollmitgliedschaft“ immer mehr infrage stellen. Daran würde ich nicht rühren. Immer wieder erzählen mir übrigens Pfarrerinnen und Pfarrer, dass ihnen Leute sagen, sie wären Kirchenmitglied, aber dann stellt sich heraus, dass sie vor Jahren ausgetreten sind, aber fühlen sich trotzdem noch als Kirchenmitglieder.

Die „gefühlte Kirchenmitgliedschaft“ – das ist für die Betreffenden natürlich günstig …

BIRGIT WEYEL: Das mag sein, aber wir müssen das doch ernstnehmen, und festzuhalten bleibt, dass wir durch Taufe Mitglied der Kirche werden. Insofern ist das Gefühl der Menschen, dass sie weiterhin als Getaufte zur Kirche gehören, auch richtig. Häufig empfiehlt ja der Steuerberater den  Kirchenaustritt. Und so stellt sich für mich eher die Frage, ob unser Kirchensteuersystem an sich sinnvoll ist.

Aber woher soll die Kirche denn das nötige Geld bekommen, das sie braucht, um ihren Dienst zu tun?

BIRGIT WEYEL: Ich plädiere für eine allgemeine Kirchen- und Sozialsteuer, wo jeder Bürger, jede Bürgerin wählen kann, für welche Zwecke er oder sie ihr Geld beitragen wollen, und die Kirche wäre einer davon. Ich schätze, dass die Kirchen, wenn sie glaubwürdig sind und wenn sie transparent machen, wofür sie ihr Geld ausgeben, dabei gut abschneiden und möglicherweise sogar auch viele Menschen, die offiziell nicht Kirchenmitglied sind, diese Steuer der Kirche widmen würden.

 

Das Gespräch führte Reinhard Mawick am 4. Dezember in Tübingen.

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