Wem gehört Bonhoeffer?

Wie rechte Kreise den Theologen und Widerstandskämpfer vereinnahmen
Portrait Bonhoeffer
Foto: akg-images

75 Jahre nach seiner Ermordung im KZ Flossenbürg sei das Andenken Dietrich Bonhoeffers in der Evangelischen Kirche weithin zur zeitlos-wohligen Heiligenverehrung geworden, warnt der Theologe und Journalist Arnd Henze. Nutznießer sei die „Religiöse Rechte“, die den Theologen und Widerstandskämpfer immer schamloser als einen der ihren im politischen Tageskampf instrumentalisiert.

Vermutlich hat Donald Trump noch nie etwas von Dietrich Bonhoeffer gehört. Trotzdem hängt seit diesem Jahr eine bronzene Tafel zu Ehren des von den Nazis ermordeten Widerstandskämpfers in der Gedenkstätte Flossenbürg in der Oberpfalz, die den Namen des US-Präsidenten trägt. Sein Statthalter in Berlin, der umstrittene Botschafter Richard Grenell, hatte sich dafür eingesetzt und sie in einer Feierstunde enthüllt. In seiner Rede wählte er Bonhoeffer-Zitate, deren Bedeutung plötzlich in einem befremdlichen Kontext erklangen: „Wer seine Überzeugungen lebt, erwartet keinen Beifall.“ Oder: „Nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist Freiheit.“

Hochrangige Vertreter der Evangelischen Kirche waren der Gedenkfeier ferngeblieben. Allzu offensichtlich war das Bemühen, Bonhoeffer politisch auf der Seiten der äußersten Rechten zu vereinnahmen. Denn neben Grenell zeigt sich auch Vizepräsident Mike Pence schon lange als Anhänger des protestantischen Widerstandskämpfers. Pence twitterte dann auch aus dem fernen Washington: „Ich wünschte, ich könnte dabei sein“ – um im selben Tweet seinen Botschafter dafür zu loben, dass er jeden Tag dafür einstehe, „dass POTUS‘ America-First Agenda in Deutschland erfolgreich ist.“

Bonhoeffer und „America First“ in einem Tweet: Das muss man erst einmal hinkriegen! Doch Amerikas „Religiöse Rechte“, zu der Pence und Grenell gehören, hat Bonhoeffer schon lange als einen der ihren entdeckt und verein-nahmt. Und so fremd einem der Gedanke ist: Für sie verkörpert ausgerechnet Donald Trump den furchtlosen Widerstandskämpfer gegen einen liberalen Zeitgeist, gegen den angeblich schon Bonhoeffer gekämpft habe.

Diese Umdeutung ist nicht vom Himmel gefallen. Bis vor ein paar Jahren war Bonhoeffer auch in den USA vor allem unter sozial engagierten Christen populär – bei denen, die sich in der Bürgerrechtsbewegung, für Geflüchtete und gegen Atomwaffen engagiert haben. Nur wenige werden sich dabei intensiv mit der Biografie und den Texten des Theologen beschäftigt haben. Bonhoeffers Schicksal war, dass er zum Heiligen verklärt und seine oft komplexen Gedanken zum Steinbruch für Kalendersprüche, Flugblätter oder Predigten wurden. Ob es das Rad war, dem man in die Speichen greifen musste oder die guten Mächte, von man denen man wunderbar geborgen wurde: An die Stelle der Auseinandersetzung trat triviale Verehrung und eine zeit- und inhaltslose Verfügbarkeit.

„Bonhoeffer-Moment“

In dieses Vakuum stieß vor zehn Jahren eine Bonhoeffer-Biografie, die im protestantischen Mainstream auf eine Mischung aus Ablehnung und Desinteresse stieß, in der „Religiösen Rechten“ aber ein Bestseller wurde. Eric Metaxas inszeniert den Theologen in seinem Buch Bonhoeffer: Pastor, Agent, Märtyrer und Prophet als einen gottesfürchtigen Außenseiter, der in der Krise bereit war, die ultimative Konfrontation mit dem Bösen zu suchen und dafür sein Leben zu opfern (vergleiche zz 2/2012). Der Schlüsselbegriff dafür ist bei Metaxas der „Bonhoeffer-Moment“. Die Biografie selbst beschränkt sich dabei noch weitgehend darauf, Bonhoeffer als konservativen Evangelikalen zu beschreiben. Sie unterschlägt deshalb Vieles, was dieser Vereinnahmung widerspricht, vermeidet aber noch allzu offensichtliche Bezüge in die Gegenwart.

Die tagespolitischen Aktualisierungen findet man dagegen vor allem in den öffentlichen Auftritten des Autors: als Redner auf evangelikalen Kongressen und vor allem als ständiger Gast bei Fox News bezog Metaxas den „Bonhoeffer-Moment“ zunächst immer wieder polemisch auf die Obama-Regierung und versuchte damit, die „Religiöse Rechte“ zum Widerstand gegen den angeblichen Verfall von Sitte und Moral in den USA zu mobilisieren.

Ob „Ehe für Alle“, Schulgebete oder Gesundheitsreform: Von nun an war alles, was im Kulturkampf gegen die „liberalen Eliten“ gerade aktuell war, ein „Bonhoeffer-Moment“. Und beim Thema Abtreibung waren die aggressiv-rhetorischen Rückgriffe auf den Holocaust bereits so eingeübt, dass Bonhoeffers Eintreten für die Juden rhetorisch mühelos als Vorbild für den Kampf gegen die Regierung und den Obersten Gerichtshof ins Feld geführt werden konnte. Eric Metaxas gehörte im US-Wahlkampf 2016 zu den ersten, die ihr Unbehagen über den wenig christlichen Lebensstil des Kandidaten Donald Trump überwanden und die Wahl zu einem „Bonhoeffer-Moment“ überhöhten. Trump wurde als Werkzeug gegen das ultimative Böse stilisiert – seine Gegenkandidatin Hillary Clinton von Metaxas als „Hitlery Clinton“ verteufelt.

Das alles ist nicht nur infam, sondern hoch gefährlich. Denn Bonhoeffer wird nicht durch seine theologischen Überzeugungen, sondern durch seinen Weg in den (bewaffneten) Widerstand zum heroischen Vorbild für die „Religiöse Rechte“.

Wenn Botschafter Grenell in Flossenbürg die „Freiheit der Tat“ gegen die „Flucht der Gedanken“ hervorhebt, dann folgt das dem gleichen Muster wie Metaxas, der bei jeder Gelegenheit ein (vermeintliches) Bonhoeffer-Zitat hervorhebt: „Schweigen im Angesicht des Bösen ist selbst böse. Nicht zu sprechen ist sprechen. Nicht zu handeln ist handeln.“

Man muss sich bei all dem bewusst machen, dass sich dieses Widerstands-Pathos in einem Milieu entfaltet, in dem auch der Anspruch auf den uneingeschränkten Waffenbesitz eine pseudoreligiöse Aufladung erfährt. Die „Religiöse Rechte“ ist eine hoch militarisierte und tendenziell gewaltaffine Szene. Anschläge auf Abtreibungskliniken werden in diesen Kreisen zum Beispiel seit Jahren verharmlost und gerechtfertigt.

Das aber macht die gegenwärtige politische Debatte um das Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Trump so explosiv. Denn auch die Ukraine-Affäre wird längst wieder als „Bonhoeffer-Moment“ gedeutet: als Stunde des Widerstands gegen einen vermeintlichen Staatsstreich, mit dem die verhassten Demokraten den rechtmäßig gewählten Präsidenten stürzen wollen. Man sollte es deshalb sehr ernst nehmen, wenn mit Robert Jeffress einer der prominentesten Vertreter der „Religiösen Rechten“ bei Fox News offen mit dem Bürgerkrieg droht: „Ich habe die evangelikalen Christen nie wütender erlebt als bei diesem Versuch, die Wahl von 2016 auszuhebeln und die Stimmen von Millionen Evangelikalen zu negieren. Die Demokraten wissen, dass das einzige Verbrechen Trumps darin besteht, Hillary Clinton geschlagen zu haben. Das ist seine unverzeihliche Sünde. Sollten die Demokraten Erfolg haben (was nicht geschehen wird) wird es einen Bürgerkrieg auslösen, einen Riss in unserer Nation, von dem sich das Land nicht mehr erholen wird.” Über den offizielle Twitter-Account des Präsidenten mit seinen 65 Millionen Followern fand diese Kampfansage maximale Verbreitung.

Auch in Deutschland hat die radikale Rechte Dietrich Bonhoeffer längst für sich entdeckt. Die AfD versucht dabei, den Theologen gleich doppelt für sich nutzbar zu machen: Zum einen passt er zur bürgerlichen Fassade, mit der die Partei ihre strategische Selbstverharmlosung inszeniert. Um sich gegen das Nazi-Image zu immunisieren, reklamiert die AfD den konservativen Widerstand gegen Hitler für ihre Zwecke: Stauffenberg, Sophie Scholl oder eben Bonhoeffer – den man dazu als Konservativen vereinnahmt. Auf Facebookseiten der AfD oder nahestehender Gruppen werden zu diesem Zwecke schon mal Bonhoeffer-Texte gepostet, die entweder wie das Gedicht „Von guten Mächten“ allgemein konsensfähig sind oder die an Ressentiments appellieren, die auch über die rechte Szene hinaus anschlussfähig erscheinen. Ein Beispiel: Bonhoeffers berühmter Text „Von der Dummheit“ wird als Tafel mit Foto gepostet und hundertfach geteilt – auch von evangelischen Pfarrern, die entweder gar nicht merken oder denen es nichts ausmacht, auf wen Bonhoeffers Hinweis hier bezogen wird: „Warum muss ich bei diesem Text ständig an unsere Bundesregierung und die vielen kriminellen Einzelfälle denken?“, fragt der rechte Verfasser des Posts polemisch.

Die Vereinnahmung Bonhoeffers dient dabei noch einem zweiten Kalkül: Die AfD will gezielt die Spaltung der Evangelischen Kirche und sagt das auch ganz offen. Mit dem Pamphlet „Unheilige Allianz“, erschienen direkt nach dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in diesem Sommer in Dortmund, entwirft der rechtsextreme „Flügel“ um Björn Höcke ein perfides Narrativ, das jegliche historische Unterscheidung außer Kraft setzt: „Vom Bündnis mit den Thronen des Kaiserreichs über den Nationalsozialismus über die DDR-Diktatur bis zum Doktrinismus der linksgrünen Landes- und der Bundesregierungen unserer Tage – immer wieder hat sich die offizielle Kirche (keineswegs alle ihre Gläubigen) – mit der Macht verbrüdert.“ Die AfD stellt sich dagegen in die Tradition derer, die diesem „Pakt der evangelischen Kirche mit den Mächtigen und dem Zeitgeist“ widerstanden haben: der Bekennenden Kirche in der NS-Zeit, kirchlichen Dissidenten wie dem durch Selbstverbrennung ums Leben gekommenen Pfarrer Oskar Brüsewitz in der DDR – und denen, die heute dem „rotgrünen Zeitgeist“ widerstehen.

Dass die AfD dabei gar nicht erst den Versuch macht, die qualitativen Unterschiede zwischen einem demokratischen Rechtsstaat, der DDR und dem NS-Regime zu würdigen, ist dabei ebenso infam, wie die Behauptung einer direkten Linie zwischen den „Deutschen Christen“ und der heutigen EKD. Als das Pamphlet Mitte Juni in Berlin vorgestellt wurde, rief Björn Höcke ausdrücklich zum „Widerstand“ der Christen gegen die Kirchenleitungen auf – etwa bei anstehenden Kirchenvorstands- und Presbyteriumswahlen.

Spätestens nach den Wahlerfolgen der AfD in ihren ostdeutschen Hochburgen sollte klar sein: Die Rechtsextremen meinen es ernst mit ihrem Versuch, die von Björn Höcke angedrohte „180-Gradwende in der Erinnerungspolitik“ zu vollziehen. In den zurückliegenden Wahlkämpfen zielte die völkisch-nationalistische Partei äußerst erfolgreich auf das Erbe der friedlichen Revolution von 1989. Im nächsten Schritt – und vor allem in Westdeutschland – wird sie auch das Erbe des Widerstands gegen Hitler noch aggressiver für sich beanspruchen und als Munition gegen die behauptete „Merkel-Diktatur“ ins Feld führen.

Wer dem entgegentreten will, sollte mit dem Eingeständnis beginnen, dass die viel beschworene Erinnerungskultur in der Evangelischen Kirche sehr viel brüchiger ist, als es in Sonntagsreden immer wieder behauptet wird. Die Geschichte der Bekennende Kirche wurde schon in den ersten Nachkriegsjahren verklärt, Widersprüche wurden geglättet. Das toxische Erbe des Deutschnationalen und Antidemokratischen in den frühen Jahren der Bundesrepublik wird bis heute weitgehend verdrängt. Unter den Bischöfen und Kirchenpräsidenten der ersten Nachkriegsjahrzehnte wird die AfD aus dem Vollen schöpfen können, wenn sie Kronzeugen für ihre völkische, nationalistische und autoritäre Ideologie sucht – zumal sie schon in ihrer Kampfschrift „Unheilige Allianz“ hemmungslos Zitate aus dem Zusammenhang reißt und sie gegen die die heutige Kirche in Stellung bringt.

Vor allem bei Dietrich Bonhoeffer ist der Missbrauch durch die extreme Rechte offensichtlich. Seinen Widerstandsbegriff von der Parteinahme für die Opfer systematischer staatlicher Gewalt zu entkoppeln, ist ebenso perfide wie das Ausblenden seiner ökumenischen Offenheit, die er immer auch als Antithese zu jeglichem völkischen und nationalistischen Denken verstanden hat. Wer es, wie US-Vizepräsident Pence, schafft, Bonhoeffer und „Make America Great Again“ in einem Tweet unterzubringen, pervertiert alles, wofür der Theologe gestritten hat. Wer sich, wie die „Religiöse Rechte“, wie eine Wand hinter einen Präsidenten stellt, der Familien von Migranten auseinander reißt und interniert, die Axt an die Gewaltenteilung der US-Verfassung legt, die gesellschaftliche Spaltung des Landes brachial voran treibt, muss Bonhoeffers Biografie und Denken schon brutal verbiegen, um sich auf ihn berufen zu können!

Diffuses Widerstandspathos

Leicht gemacht wird es diesen Kräften freilich durch die Trivialisierung Bon-hoeffers im protestantischen Mainstream, die diesen komplexen Pfarrer, Theologen und Widerstandskämpfer zum Steinbruch für fromme Sprüche und ein diffuses Widerstandspathos entwertet hat. Wer seinen Namen googelt, findet seitenlange Zitatsammlungen für alle denkbaren Lebenslagen – ohne Kontext und oft ohne Quellenangabe. Da darf es nicht wundern, wenn sich auch die „Religiöse Rechte“ aus dieser Wundertüte bedient und sich einen von jeglichen Inhalten und historischem Zusammenhang entkernten Widerstandsbegriff herausholt.

Zum 75. Jahrestag der Ermordung am 9. April kommenden Jahres ist zu befürchten, dass viele Verlage der kommerziellen Versuchung nicht widerstehen können, die Trivialisierung Bonhoeffers mit leicht verdaulichen Spruchsammlungen weiter zu befeuern. Pfarrerinnen und Pfarrer werden ihre Predigten mit Zitaten aus den Gefängnisbriefen veredeln und Festreden werden den „protes-tantischen Märtyrer“ heilig sprechen. Die Sorge, dass man mit all dem die bleibende Bedeutung dieses großen Protestanten nicht vergegenwärtigen, sondern ihn der allgemein verfügbaren Beliebigkeit noch weiter ausliefern wird, erscheint berechtigt.

Es wird auch nicht ausreichen, der Rechten den Anspruch auf das Erbe Bonhoeffers zu bestreiten, solange die Frage nicht beantwortet wird, worin seine bleibende Bedeutung für die heutige Situation und Zukunft besteht. Diese Frage gehört nicht nur in akademische Echokammern, sondern in die Breite der Gemeinden und darüber hinaus in die zivilgesellschaftliche Debatte. Und immer geht es dabei um die gesellschaftliche Verantwortung der Kirche in der realen Welt mit all ihren konkreten Herausforderungen. Denn wenn den großen Theologen eines auszeichnet, dann die Bereitschaft, immer wieder danach zu fragen, was Christsein in der konkreten Realität bedeutet und sich deshalb auf einen ständigen Lernprozess einzulassen. Wolfgang Huber hat das in seinem Buch "Auf dem Weg zur Freiheit" eindrucksvoll heraus gearbeitet.

Es geht deswegen darum, Dietrich Bonhoeffer vom kitschigen Zuckerguss zu befreien, ihn als Zumutung und nicht als Besitzstand oder gar als Waffe in den ethischen Auseinandersetzungen der Gegenwart zu entdecken. So – und nur so – wird man den plumpen Vereinnahmungsversuchen der „Religiösen Rechten“ widersprechen können!

Übrigens: Es gibt ernstzunehmende Gerüchte, US-Vizepräsident Mike Pence wolle im kommenden April persönlich nach Flossenbürg in der Oberpfalz kommen um Bonhoeffer zu ehren. Die USA werden dann im wohl schmutzigsten Wahlkampf ihrer Geschichte sein. Pences Auftritt wäre deshalb vor allem ein Signal an die evangelikalen Wähler in seiner Heimat. Wo wäre dann der Platz der EKD? Dem Kampf um das Erbe Dietrich Bonhoeffers wird die Evangelische Kirche nicht ausweichen können. Wir müssen die Herausforderung annehmen!

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