Keine bleibende Stadt?

Die UEK hadert mit ihrem Sein
Foto: Rolf Zöllner

Ein turnusgemäßer Beschluss, der alle sechs Jahre gefällt werden muss, führte auf der Vollversammlung der UEK am 9. November in Dresden zu Diskussionen und zur Selbstfindungsfrage, ob es die UEK überhaupt noch geben müsse. Beobachtung einer lebhaften Debatte.

„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ – dieser Bibelvers aus dem Hebräerbrief (13,14) würde gut als Leitspruch der „Union der Evangelischen Kirchen in der Evangelischen Kirche in Deutschland“, kurz UEK, passen.

Warum? Nun, die UEK will auf keinen Fall das bleiben, was sie jetzt ist, nämlich der selbstständige organisatorische Zusammenschluss von zwölf Landeskirchen in der EKD, die nicht lutherisch sind, sondern ein uniertes oder reformiertes Bekenntnis haben, sowie dreier Gastkirchen, die entweder auch in der VELKD sind (Nordkirche), oder als lutherische Kirchen seit jeher Distanz zu den konfessionellen Bünden halten (Oldenburg und Württemberg). Nein, die UEK vertritt offen das Ziel, sich baldmöglichst unter das Dach der EKD aufzulösen. So steht es in der Grundordnung der UEK von 2003 im Artikel 3, Absatz 3: „Die Union wird regelmäßig prüfen, ob der Grad der Zusammenarbeit zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Union eine Aufgabenübertragung an die Evangelische Kirche in Deutschland möglich macht.“

Mindestens alle sechs Jahre muss die UEK in ihrer Vollversammlung den Beschluss fassen, ob es sie weitere sechs Jahre geben soll, oder eben nicht und entsprechend beschließen. Eigentlich eine Formsache, dachten die Verantwortlichen und hatten einen eher knappen Beschlussvorschlag präsentiert, der da lautete:

„Die Vollkonferenz der Union Evangelischer Kirchen in der Evangelischen Kirche in Deutschland beschließt gemäß Art. 3 Abs. 3 der Grundordnung der UEK (Go.UEK) in Verbindung mit § 7 des Vertrages über die Bildung einer Union Evangelischer Kirchen in der EKD, dass in dem Miteinander von EKD, UEK und VELKD ein Fortbestehen der Union zum gegenwärtigen Zeitpunkt bis auf Weiteres erforderlich ist. Die UEK wird die Zusammenarbeit in der EKD weiter fördern und fortentwickeln.“

Das aber reichte einigen Delegierten heute Mittag in Dresden keinesfalls. Peter Böhlemann aus Westfalen hatte, wie man in seiner Region zuweilen sagt, spürbar „den Kaffee auf“, als er zum entsprechenden Tagesordnungspunkt sagte: „Seit ich Mitglied der Vollkonferenz bin, frage ich mich schon, warum es die UEK geben muss. Ich frage auch Mitglieder der Vollkonferenz und erhalte meistens die Antwort ,Weil es die VELKD gibt‘.“ In der Begründung des Beschlusses in der Vorlage finde er „kein Argument“. Deshalb interessiere ihn vielmehr: „Wann entscheiden wir über die Auflösung der UEK?“

Böhlemann vertrat die Ansicht, dass zumindest ein Zeithorizont, wie lange es noch gehen solle, in so einen Beschluss hinein gehöre. Und als wolle er seinen Zweifeln an der Union noch einmal plakativ Ausdruck verleihen, beschloss der Leiter des Instituts für Fort- und Weiterbildung in Villigst sein Statement so: „Wenn ich zuhause sage, dass ich hier bin, dann sage ich, ich fahre zur EKD-Synode.“ Die Frage sei doch: „Wozu brauchen evangelische Christinnen und Christen in Deutschland die UEK?“ Wenn man darauf keine inhaltlichen Gründe nennen könne, so Böhlemann, „müssen wir über eine Auflösung nachdenken und würden eine Menge CO2, Energie und Zeit sparen!“

Ihm sprang Paul Nolte, Historiker aus Berlin und Präsident der Evangelischen Akademie zu Berlin, zur Seite und schlug in die gleiche Kerbe: „Viele denken in eine solche Richtung.“ Nolte forderte, die Vollversammlung solle „zumindest ein Signal aussenden, was die Perspektive des Fortbestandes der UEK angeht.“ Er regte an, den Beschluss mit einem „Verfallsdatum“ der Art zu versehen, dass die UEK noch sechs Jahre fortbestehe, „aber das sei die letzte Verlängerung“. Zweitens regte Nolte an, die Mitglieder der UEK-Vollversammlung sollten „nur zur EKD-Synode fahren“ und die „Arbeit der UEK“ in den beiden Tagen davor mal aussetzen, „nächstes Jahr treffen wir uns mal nicht“ …  Auf das Kopfschütteln des Präsidiums ob dieser Äußerung , beschloss Nolte seinen Auftritt mit den Worten: „Mit Verlaub, das sind die Gedanken, die sehr viele von uns hier umtreiben, und es ist ein großes Bedürfnis da, konkretere Schritte in diese Richtung zu gehen.

Diese durchaus provokativen Äußerungen riefen den langjährigen Vorsitzenden des theologischen Ausschusses der UEK, den emeritierten Münsteraner Theologieprofessor Michael Beintker, auf den Plan. Beintker hatte durchaus Verständnis, dass „anlässlich solcher Tagesordnungspunkte die Grundsatzfrage“ gestellt werden, warnte aber vor den Konsequenzen, den ein solcher „Beschluss über ein Verfallsdatum“ hätte und davor, „welche Konsequenzen aus der Tatsache erwachsen würden, dass wir die UEK allmählich der Euthanasie preisgeben“. Auf die leichte Unruhe, die sich ob der ungewöhnlichen und unerwarteten Verwendung des Begriffes „Euthanasie“ in Teilen des Plenums bemerkbar machte, sagte Beintker sofort und klar: „Ich meine es nicht in dem Sinne, wie Sie es jetzt verstanden haben.“

Dann fuhr der 72-Jährige in seiner Argumentation pro UEK fort: „Die Notwendigkeit einer Abstimmung in gewissen konfessionellen Fragen, die nicht die Fragen des lutherischen Bekenntnisses betreffen, ist für den deutschen Protestantismus meines Erachtens unverzichtbar.“ Die Frage sei, „wie wir diese Abstimmung gewährleisten können, wenn wir keine UEK mehr haben“. Sollte das Forum für solche Abstimmungen künftig die EKD sein, fürchtete Beintker „angesichts der Tatsache, dass es noch die VELKD geben wird“, es könne zu einer „konfessionellen Polarisierung zwischen der EKD und der VELKD kommen“.

Eine solche Entwicklung, so der künftige Karl-Barth-Preisträger der UEK, würde jedenfalls „nicht die EKD stärken“ sondern nur den „landeskirchlichen Provinzialismus“, denn dann würden „alle diese Fragen bei den Landeskirchen landen“. Deswegen plädiere er, Beintker, energisch, diese Entwicklung zum einen „mit Gelassenheit“ zu betrachten und rate zum anderen „dringend von einem Verfallsdatum ab“. Ihm sprangen mehrere Delegierte, auch aus dem Kreis der leitenden Geistlichen und Juristen, bei, und schließlich machte der pfälzische Kirchenpräsident Christian Schad als Vorsitzender der Vollkonferenz deutlich, wie wichtig gerade die Rolle der UEK als Motor für den Prozess des Zusammenwachsens innerhalb der EKD sei.

Und EKD-Auslandsbischöfin Petra Bosse Huber schließlich, die in Personalunion auch Amtsleiterin der UEK im Kirchenamt in Hannover ist, schärfte der Versammlung ein, dass paradoxerweise gerade progressive Kräfte innerhalb der VELKD auf eine intakte UEK angewiesen seien, sie sei, so die Bischöfin, in Dresden „unzählige Male“ von Generalsynodalen der VELKD angesprochen worden, die diesen Beschlusspunkt auf der Tagesordnung gesehen und „völlig alarmiert“ darauf reagiert hätten, denn sie hätten die „große Besorgnis“ artikuliert, dass dieser Schritt bedeuten würde, dass es „keine weitere Energie auf diesen Prozess des Näherkommens im Verbindungsmodell geben wird.“ Dies erwähne sie, so Bosse-Huber, als „Rückmeldung von Menschen, die auch auf Seiten der lutherischen Kirchen mit dem jetzigen Zustand, nämlich dass die VELKD weiterhin unbeirrt an ihren Kirche-Sein festhält", nicht zufrieden seien.

Zu guter Letzt machte die Delegierte Judith Filitz in einem Statement ihrem Unbehagen Luft: Sie sei sehr erschrocken, dass der Eindruck erweckt worden sei, es gäbe die UEK „nur“ darum, weil es die VELKD gäbe. „Auch unter uns ist ein Bewusstsein, warum wir hier sind, nicht so richtig gegeben. Von daher wünsche sie sich für die nächste Periode der Vollversammlung einen „Crashkurs UEK“, um das „positive Bewusstsein“ für die UEK zu stärken.

Am Ende schließlich wurde der mit einigen wenigen Begründungen aufgehübschte Beschlussvorschlag mit keiner Gegenstimme und wenigen Enthaltungen verabschiedet. Es geht also weiter mit der UEK!

Auf künftige Crashkurse aber darf man gespannt sein, denn letztlich wird die Profilierung unierter Schönheiten zwangsläufig der beabsichtigten organisatorischer Eindampfung zuwiderlaufen. Und auch wenn es in der UEK niemand so gerne hört: Natürlich ist das Fortbestehen der VELKD faktisch der Grund, dass es die UEK gibt, und solange die Lutheraner offiziell keinerlei Anstalten machen, an ihrem unabhängigen Kirche-Sein etwas zu ändern, wird es auch so bleiben. Insofern sind UEK und VELKD eigentümlich aneinander gekettet. Vielleicht kann ja ein gelungener Crashkurs der UEK in Zukunft helfen, die Ketten als Schmuck zu tragen. Besser wär’s wohl.

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