Ein Lob dem Novemberblues

Warum der graue Monat so wichtig für uns ist
Foto: Markus Konvalin in Lizenz der BRmedia Service Gmbh

Da ist er nun, der gefürchtete November, der stiefmütterlich behandelte Monat im Jahreskreis. Bei der Wahl des unbeliebtesten Monats landet der November regelmäßig auf dem ersten Platz. Nicht nur, weil die Kirche von jeher ein Herz für Benachteiligte und Vergessene hat, wird es Zeit, ihm die Ehre zu erweisen und seinen Wert zu entdecken. Sehen wir zunächst den Tatsachen ins Auge: Ja, es stimmt - der Oktober ist golden, der Dezember hell erleuchtet und der Mai ist der Wonnemonat, und im November? Da hat man nicht mehr als den Blues mit all seinen traurigen Mollklängen. Es ist der Montag unter den Monaten.

Der November macht es uns leider auch furchtbar leicht, ihn nicht zu mögen: Dunkel kommt er daher mit seinem wenigen Licht, den ewigen Nächten und kurzen Tagen, und die sind dann oft auch noch kalt, verregnet und wolkenverhangen. Der sonnige Herbst hat sich verabschiedet, das geliebte bunte Laub wird zum verachteten Blättermatsch, den ich im Garten häufen muss. Das Lichte und Fröhliche der Adventszeit mit ihren Kerzen und Sternen in den Straßen scheint noch unendlich weit entfernt. Stattdessen gibt es all die traurigen Gedenktage am Stück: Allerheiligen, Volkstrauertag, Totensonntag. Es wird an Friedhofsgestecke, Gräberbesuche, Tod und Sterben gedacht, womöglich gar an das eigene.

Mit all diesem Welken, Kahlwerden und Sterben bleibt der November standhaft. Wie ein Stolperstein steht er im Jahr. Er bürstet all jene hochglänzenden Bilder vom gelingenden Leben gegen den Strich, die wir sonst am liebsten von uns zeigen: mitten im Leben, blühend, strahlend, immer auf der Suche nach den Sonnenseiten des Lebens. Darum muss der kleine November sich alljährlich schon tapfer schlagen gegen die zahlreichen großartigen Tipps in Frauenzeitschriften und Männerjournalen, wie seine Blues-Stimmung zu überwinden sei: Freunde treffen, Rotwein in Maßen, Schokolade in größeren Maßen und in Bewegung bleiben mit Körper und Geist. Vor allem: Bloß nicht zu arg eintauchen in dieses November-Gefühl, sondern auf einer Feelgood-Welle einfach darüber hinwegsurfen.

Kein Zweifel: Menschen, die unter echten Depressionen leiden, brauchen oft Hilfe in so einer Zeit, die besonders aufs Gemüt geht. Aber alle anderen? Als Pfarrerin erlebe ich bei allem durchaus bisweilen persönlichen Unwillen gegen den Monat nämlich auch, wie wichtig er für viele Menschen und mich selbst ist. Gerade mit der Dunkelheit, mit der vergehenden Natur und den leisen Gedenktagen gibt er allen Sinnen die Chance, sich an das zu gewöhnen, was jedem und jeder von uns irgendwann ins Haus steht. In seinem „Sermon von der Bereitung zum Sterben“ riet Martin Luther klug, dieses Nachdenken über den Tod nicht auf die Zeit kurz vor dem Sterben zu schieben, sondern schon zu Lebzeiten anzugehen. So verstehe ich den November freilich nicht als Zwang, sondern neben den vielen sonnigen und wonnigen Monaten als eine Art augenfällige und freundliche Erinnerung Gottes, das Vergehen und Sterben des Lebens zu bedenken. Ich werde mich hüten, in meinen Gottesdiensten Tipps zum Wegtrinken oder Wegjoggen des Novemberblues zu geben und rate vielmehr: Bitte tief eintauchen.

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Stefanie Schardien

Dr. Stefanie Schardien ist Pfarrerin in Fürth seit Mai 2019 eine der Sprecherinnen des "Wort zum Sonntag".


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