Die Zukunft ist offen

Punktum
Foto: Rolf Zöllner

Das Buch Kohelet aus dem Alten Testament, auch bekannt unter dem Namen „Prediger Salomo“, enthält wunderbare Weisheiten, die wahrlich mehr als eine Kolumne wert sind. Am bekanntesten ist die Sentenz „Alles hat seine Zeit“ aus Kapitel 3, der Hit vieler Gottesdienste, gern bedeutungsschwer verlesen.

Heute soll es aber um einen anderen Satz aus diesem ganz besonderen Buch gehen. Er steht im siebten Kapitel im Vers 14 und lautet: „Am guten Tage sei guter Dinge, und am bösen Tag bedenke: Diesen hat Gott geschaffen wie jenen, damit der Mensch nicht wissen soll, was künftig ist.“ O, welch Reichtum an Erkenntnis und Wahrheit, denn was wäre es furchtbar, wenn wir genau wüssten, was künftig geschieht? Das unkommode Schicksal von Seherinnen und Sehern möge ein abschreckendes Beispiel sein.

Kürzlich hätte ich aber gerne gewusst, was künftig ist: Ich erwartete einen ice, der mich zu einer interessanten Tagung bringen sollte und erlebte den Bahn-Klassiker, will sagen, zunächst war der Zug mit „einige Minuten später“ angekündigt, dann wurden es fünfzehn und dann plötzlich sechzig Minuten. Oops, welch wundersame Minutenvermehrung! Nun gut, der erste Herbststurm hatte wohl ein paar Bäume auf die Gleise geweht.

Diese rasant angewachsene Verzögerung gab mir die Chance, flugs nochmal ins bahnhofsnah gelegene Zuhause zu fahren, um den vergessenen Kaschmirschal zu holen. Als ich etwa zehn Minuten vor Ablauf der sechzig Minuten Verspätung wieder am Gleis eintraf, war ich erstaunt: „+ 90 Min“ – das war ein Schluck aus der Pulle! Nochmals nach Hause zu fahren, lohnte nicht. Also nahm ich auf dem zugigen Bahnsteig Platz und dachte bei mir: „Hätte ich gewusst, was kommt, dann hätte ich einfach den Vormittag in Ruhe zuhause verbringen können“, aber der Mensch weiß ja nicht, was künftig ist.

Und als ich so dachte, siehe, da änderte sich die Anzeige auf „+122 Minuten“ – o weh, es dauert also noch länger! So kam ich mit dem jungen Mann ins Gespräch, der neben mir auf der zugigen Bank saß. Er arbeitete als Servicekraft im Speisewagen und wollte nur noch nach Hause, denn er freute sich auf das abendliche Champions-League-Spiel mit seinem Herzensclub Juventus Turin.

Gianluca war der Name des freundlichen Sitznachbarn, und von ihm erfuhr ich in der nächsten Stunde nicht nur, dass Sami Khedira schon lange wieder fit ist und eine tragende Rolle bei Juve spielt, sondern auch noch viele interessante Details aus dem Speisewagen und Servicealltag.

Wunderbar, die Zeit verging im Fluge, fast vergaßen wir, in den auf die Minute pünktlich 122 Minuten verspätet eintreffenden ice zu steigen. Später mailte ich Gianluca meine gesammelten Bahnkolumnen, die ihm gut gefielen. Wow, was hätte ich an diesem Vormittag zuhause alles verpasst! Insofern hat Kohelet schon recht, dass „der Mensch nicht wissen soll, was künftig ist“. Amen.

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