Gedanken einer Theologin (in spe)

Ich bin eine ganz normale Studentin. Vielleicht nicht ganz normal, weil ich Theologie studiere
Foto: Julia Horn
Foto: Julia Horn
Die Autorin im Kreis von Freundinnen und Freunde in Neuendettelsau – mit einem Schild, das sie auf Partys
immer gern zur Hand hätte.

Theologie ist eine Wissenschaft, die durch Dialog lebt, die sich aufgrund von Streitgesprächen, dem Nachdenken über die absurdesten Theorien über die Jahrhunderte in die verschiedensten  Richtungen weiterentwickelt hat. Eindrücke der 22-jährigen Theologiestudentin von der  Hochschule Augustana in Neuendettelsau, der Theologischen Hochschule der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.

Lasst mich ganz ehrlich und direkt sein. Manchmal würde ich beim Kennenlernen von neuen Leuten liebend gerne mit einem Schild durch die Gegend laufen, auf dem das Folgende steht:

„Ich studiere evangelische Theologie.

Ja, ich glaube wirklich an »Gott und so«.

Ja, ich mache das freiwillig und aus Überzeugung.

Nein, es interessiert mich eher weniger, was du davon hältst.

Nein, ich will nichts über deine Erfahrungen mit der Kirche erfahren.

Ach ja: Mein Sexualleben geht dich bei unserem ersten Gespräch wirklich nichts an!

– Danke für das gute Gespräch!“

Aber dann halten einen alle wieder für komisch… in Ordnung, ich sehe ein, dass für die ein oder andere Person wir Theologinnen und Theologen tatsächlich ein wenig besonders wirken können, wobei wir eigentlich ganz normale Menschen sind.

Wie in jedem Studium besuche ich Veranstaltungen, lese Texte, lerne, schreibe Arbeiten und Prüfungen. Wie alle Studierende habe ich mal keine Motivation, und dann strotze ich nur so vor Tatendrang. Ich ärgere mich, bin regelmäßig genervt, verzweifle hin und wieder, freue mich, bin euphorisch und lache viel. In jedem Fall stehe ich hinter dem, was ich tue, denn die Theologie begeistert und fasziniert mich seit dem allerersten Moment.

Ich bin also eine ganz normale Studentin. Vielleicht nicht ganz normal, weil ich eine Nachteule bin und dementsprechend zu späterer Stunde in der Bibliothek zu finden bin als ein Großteil meiner Mitstudierenden. Ich arbeite gerne nachts an meinem Arbeitsplatz umgeben von Büchern, deren Wissen ich ihnen nach und nach noch entlocken möchte. Alles ist still, und ich kann solange über den Seiten brüten, bis mir der Kopf raucht. Neben mir sitzt meine Freundin, mit der ich die wohl skurrilste Lerngruppe habe, die man sich vorstellen kann. Sie ist kurz vor ihrem Examen, und ich stecke noch in meinen theologischen Kinderschuhen. Wir lernen gemeinsam, nebeneinander und doch jede für sich selbst.

Unsere Bib-Schichten gehören zu meinen produktivsten Lernzeiten. Oft reden wir lachend, zitieren aus Büchern und beginnen zu fachsimpeln, ob wir mit der eben gelesenen These mitgehen können oder warum sie, unserer Meinung nach, vollkommener Unsinn ist. Diskussionen sind bei uns an der Tagesordnung, manchmal leise, laut, hitzig oder einstimmig, aber in jedem Fall voller Leidenschaft. So schnell kann es gehen, dass wir Theologie treiben.

Ich wachse als Mensch

Denn Theologie ist eine Wissenschaft, die durch aktiven Dialog lebt, die sich aufgrund von Streitgesprächen, dem Nachdenken über die absurdesten Theorien, über die Jahrhunderte in die verschiedenen Richtungen weiterentwickelt hat. Und ich? Ich darf und will mich an Aussagen reiben, mich heute für die eine These entscheiden, nur um diese morgen wieder zu verwerfen. Es gibt kein Falsch oder Richtig, sondern ich muss mich „nur“ jeden Tag davon überzeugen, dass die Argumentationslinie von gestern auch heute noch logisch sinnvoll ist.

Teilweise können mich die nächtlichen Arbeitsstunden auch in die pure Verzweiflung treiben. Manches Kapitel lese ich gefühlte tausend Mal, und bei mir kommt nur an, dass es sich hierbei augenscheinlich um deutsche Worte handelt. Worte, die ich, für sich alleinstehend, kenne, aber in keinerlei verständlichen Zusammenhang setzen kann. Das ärgert mich, ich frage mich, ob ich nicht eigentlich zu dumm für dieses Studium bin und es nicht besser sein lassen sollte.

Glücklicherweise kann ich mich zu 100 Prozent auf die Unterstützung von „meinen Menschen“ – wie ich sie liebevoll nenne – verlassen, denn sie sagen mir häufig auf (unangenehm) ehrliche Art und Weise genau das, was ich hören muss, damit ich eben nicht den Kopf im Sand stecken lasse. Ein Paradebeispiel hierfür ist der folgende Satz, den mir meine Freundin vor ein paar Wochen an den Kopf geworfen hat: „Miri, du weißt schon, dass du dir selbst im Weg stehst?!“ – Was soll ich sagen? Sie hatte ja recht, und für mich bedeutet das, dass ich mich zusammenreiße, die Ärmel hochkremple und mich dann durch den Text oder meinen Lernstoff quäle. Das mache ich solange, bis sich aus den einzelnen Wörtern Sätze bilden, denen ich dann doch ganz langsam noch Wissen entlocken kann.

Gerade das begeistert mich an der Theologie. Das Gefühl der Überforderung gehört genauso dazu wie der Moment, wenn sich der Knoten löst. Zu jedem Zeitpunkt wachse ich und das nicht nur als Theologin, sondern auch als Mensch. Meine theologischen Standpunkte verändern sich so schnell wie mein Glaube. Deswegen weiß ich, dass ich für mich das Richtige gefunden habe, gerade weil es so viel mehr ist als nur ein Studium!

Wie jede Studentin beschäftige ich mich mit einer Wissenschaft. Wie in jeder Wissenschaft gibt es Dozierende, die jedes Semester Veranstaltungen anbieten. Diese Menschen haben auch studiert, eine Promotion und eine Habilitation geschrieben oder sind gerade noch dabei. Entgegen dem Klischee, dass die Theologie keine Wissenschaft sei, arbeiten wir tatsächlich wissenschaftlich.

Nicht alles wortwörtlich nehmen

Theologie ist also eine ganz normale Wissenschaft. Vielleicht nicht ganz normal, weil es sich im wahrsten Sinne des Wortes um die Lehre von Gott handelt. Das bedeutet nicht, dass ich mir die Bibel durchlese, alles wortwörtlich nehme und immer „Ja und Amen!“ dazu sage. Genauso wenig belege ich Seminare zum richtigen Beten oder „Exorzismus – Wie hilft man Betroffenen richtig“. Stattdessen ist es eine kritische Auseinandersetzung mit den verschiedenen Themen. Ich wälze Bücher, um die Zusammenhänge der Kirchengeschichte mit der Systematischen Theologie, dem Neuen und Alten Testament et cetera nachzuvollziehen. Ich übersetze den Urtext der Bibel, damit ich dazu Fragen stellen kann, um den Inhalt besser zu verstehen. Bei meiner kurzen Aufzählung habe ich nicht mal ansatzweise aufgezeigt, wie vielfältig die Theologie eigentlich ist und was man alles Aufmerksamkeit schenken kann. Manchmal finde ich es geradezu tragisch, dass ich nicht jedes Thema gleich intensiv durch- und bearbeiten kann. Früher oder später setzt man persönliche Schwerpunkte – zumindest ist das bei mir so.

Der große Vorteil an diesem Studium ist, dass ich frei entscheiden kann, womit ich mich genau beschäftige. Andererseits habe ich auch nicht den Luxus, dass mir vorgegeben wird, jene fünf Veranstaltungen im Alten Testament zu belegen, und dann weiß ich alles, was ich wissen muss. Teilweise wirkt es geradezu wahllos, worüber ich etwas gelernt habe. Man kann sich das wie kleine Inseln an Wissen vorstellen, die von außen betrachtet in keinerlei Zusammenhang stehen, aber mit der Zeit und der Anhäufung von diesen Wissensinseln entdeckt man die Verknüpfungen. Denn die Disziplinen der Theologie sind künstlich geschaffen und eine Trennung eigentlich gar nicht möglich.

Genau hier ist einer der springenden Punkte, warum die Theologie mich so fasziniert! Selbst wenn ich das eine Fach nicht ausstehen kann, weil es sich mir einfach nicht erschließt, kann ich einen Schritt zurücktreten und mich fragen: Wie gehen die anderen Disziplinen damit um? Glaubt mir, es funktioniert. Man muss nur den Mut finden, es auszuprobieren.
Zudem ist die Theologie unglaublich facettenreich. Ich darf bei der Arbeit mit der Bibel beginnen, mir Gedanken über ethische Problemstellungen machen, andere Glaubensrichtungen kennenlernen, die Praxis hinterfragen und ganz besonders dadurch indirekt meinen eigenen Glauben unter die Lupe nehmen. Für mich ist es schlichtweg nicht möglich, meine Theologie und mein Leben auseinanderzuhalten, weil sie für mich zusammengehören und sich gegenseitig beeinflussen. Die Theologie ist für mich wirklich so viel mehr als ein Studium!

Wie in jedem Studium besteht mein Leben nicht nur aus der Theologie. Wie alle Studierende habe ich ein Privatleben und verbringe Zeit mit meiner Familie und Freunden. Ich mache Filmabende, verquatsche mich stundenlang und mache die Nacht zum Tag (…ich muss zugeben, die Aussage hinkt ein wenig, weil ich das auch beim Lernen mache, aber ihr wisst, was ich meine).

Ich bin also eine ganz normale junge Frau. Vielleicht nicht ganz normal, weil ich gelegentlich die Theologin in mir nicht im Zaum halten kann und in regelmäßigen Abständen aus einer netten, kleinen Unterhaltung eine ausgewachsene theologische Diskussion wird. Wobei ich zugeben muss, dass es natürlich darauf ankommt, mit wem ich mich unterhalte.

Fatal ist es immer mit einer guten Freundin, die gleichzeitig mit mir ihr Studium begonnen hat, da zum einen aus einem „Ich wollte dir nur kurz etwas vorbeibringen.“ ein mindestens zweistündiges Gespräch wird, und zum anderen, weil wir es bisher noch nie geschafft haben, mal nicht über die Theologie zu reden. Ich möchte mich in keinem Fall darüber beschweren! In meinen Augen ist es durchaus wichtig, sich beispielsweise über die Vor- und Nachteile der verschiedenen Abendmahlsverständnisse von Luther und Zwingli Gedanken zu machen, dennoch stehen wir meistens danach da und wissen nicht genau, wie wir (mal wieder) mitten in einem theologischen Gedankenaustausch gelandet sind.

Gerade deswegen muss ich mir immer wieder vor Augen führen, dass nicht jede Person, mit der ich mich unterhalte, Theologie studiert. Vielleicht liegt es daran, dass ich als Theologin die meiste Zeit von Mitstreitenden umgeben bin und eventuell hin und wieder ganz in meiner theologischen Welt versinke. Besonders fällt mir das bei meinem Humor auf, den Fachfremde einfach nicht verstehen können, weil er so spezifisch ist. Für die Theologinnen und Theologen möchte ich einen der legendärsten Sätze, den einer meiner Kommilitonen in einem Hauptseminar der Systematischen Theologie von sich gegeben hat, zitieren: „Schleiermacher? Kenn ich nicht, kann nicht wichtig sein!“ Ich kann mich jedes Mal kringlig lachen, wenn irgendjemand diesen Satz raushaut, aber Außenstehende suchen vergeblich nach dem Witz. Deswegen kann ich in gewisser Weise verstehen, warum ich und meine Interessensgebiete für die ein oder andere Person ein wenig wunderlich wirken. Das ist auch vollkommen in Ordnung, denn auch ich finde, dass einige Menschen und deren Interessen wunderlich sind.

Unbedachte Aussagen

Apropos Unterhaltungen: Wie ganz am Anfang schon anklingt, gestaltet sich das Kennenlernen von neuen Leuten teilweise als etwas schwierig. Im Großen und Ganzen gibt es zwei verschiedene Reaktionen. Entweder wird es als unfassbar inspirierend aufgenommen und mit der Aussage „Ich könnte das ja nicht…“ quittiert, oder ich darf mich, nachdem ich beteuern durfte, dass ich wirklich glaube, mich tatsächlich freiwillig und aus persönlicher Überzeugung für dieses Studium entschieden habe, beleidigen lassen. Meine Favoriten sind bisher, dass gläubige Menschen grundsätzlich nicht zurechnungsfähig, charakterschwach und einfach nur dumm seien. Wenn denjenigen dann auffällt, was sie mir gerade ins Gesicht gesagt haben, werden sie zunächst recht still, verstricken sich in Ausreden, bis sie sich schlussendlich umdrehen und weggehen. (Auf diesem Wege: Vielen Dank an all die Menschen, welche mir diese unangenehm-lustigen Gespräche schenken, die mich jedes Mal köstlich amüsieren!) Natürlich meinen die Wenigsten es böse, wenn sie solche unbedachten Aussagen tätigen. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass man sich vorher darüber Gedanken macht, was man zu einer Person sagt, und ob das angemessen ist, am besten nicht nur gegenüber Theologiestudierenden, sondern gegenüber allen Menschen. – Bevor ich wieder ins „Predigen“ komme, wie das eine ehemalige Deutschlehrerin an meinen früheren Aufsätzen mal so nett kritisiert hat, stoppe ich mich lieber. Wie Ihr an diesem Beispiel sehen könnt, bin ich vielleicht doch ein wenig anders als andere Menschen, aber ist das etwas Schlechtes?

Ich kann mit Stolz sagen, dass ich eine Studentin, Theologin und Christin bin. Ich bin – vielleicht auch gerade deswegen? – ein ganz normaler Mensch mit Zweifeln und Hoffnungen, manchmal fröhlich und überdreht, dann nachdenklich und leise. Aber das Wichtigste ist: Ich liebe und lebe genau das, was mich erfüllt – in der Gewissheit, dass jede andere Person, genau wie ich, ein geliebtes Kind Gottes ist. (Tut mir leid, zwischendrin kann und will ich die Christin in mir nicht im Zaum halten.)

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