„Noch keine Kirche der Armen“

Gespräch mit der Kieler Theologieprofessorin Uta Pohl-Patalong über die neue Generation der jungen Menschen, die Theologie studieren, und die Zukunft des Pfarrberufs

zeitzeichen: Frau Professorin Pohl-Patalong, ist der Pfarrberuf im Niedergang begriffen?

UTA POHL-PATALONG: Sicher wird es in Zukunft weniger Pfarrer und Pfarrerinnen geben. Aber Sie fragten ja nach dem Pfarrberuf als solchen, und da sehe ich überhaupt keine Untergangssymptomatik. Die Frage wird vielleicht auch deshalb öfter gestellt, weil der Pfarrberuf wohl einer der Berufe mit dem am wenigstens klaren Berufsprofil ist. Schon die Tätigkeitsfelder der Pfarrpersonen unterscheiden sich ganz erheblich – zwischen Ortsgemeinden, aber erst recht zu übergemeindlichen Pfarrämtern –, und zudem gibt es eine große Freiheit, wie sie ausgeführt werden. Solch eine Unterschiedlichkeit kann als Unklarheit erscheinen und dann wie ein Niedergangsszenario wirken, was mir sachlich aber nicht gerechtfertigt erscheint.

„Niedergang“ – natürlich deshalb, weil die Zahl der Theologiestudierenden so stark zurückgegangen ist. Das scheint mit der Attraktivität des Berufsbildes zu tun zu haben.

UTA POHL-PATALONG: Ein Grund dafür ist sicher, dass die jetzige junge Generation weniger kirchlich sozialisiert ist, als es frühere waren. Zum Rückgang beigetragen hat aber sicher auch, dass die vergangenen Jahrzehnte, in denen es immer zu viele Pfarrer und Pfarrerinnen gab, ihre Spuren hinterlassen haben. Dass jetzt wieder gerne eingestellt wird, kommt zwar an, aber vor dem Hintergrund eines eigenen mühsamen Berufseinstiegs dürfte von den jetzigen Pfarrpersonen oft nicht unbedingt für den Beruf geworben werden.

Manche sagen, die geringere Zahl beim Nachwuchs sei kein großes Problem, weil es auch weniger Kirchenmitglieder geben wird. Überzeugt Sie das?

UTA POHL-PATALONG: Das überzeugt mich gar nicht. Diese These geht ja davon aus, dass Pfarrer und Pfarrerinnen nur für evangelische Christen und Christinnen zuständig sind. In meinen Augen ist der Pfarrberuf jedoch ein Beruf mit gesellschaftlicher Relevanz und zuständig für religiöse Fragen in der Gesellschaft generell über den Kreis der Kirchenmitglieder hinaus. Das gilt sowohl individuell für die vielen Menschen, die religiös auf der Suche sind, diffus religiös glauben und immer wieder Andockpunkte suchen, als auch für gesellschaftliche Fragen über den eigenen Kontext hinaus.

In Zukunft werden die Pfarrpersonen viel mehr Gemeinden betreuen müssen. Und das mit all den Folgen, die das hat, also: mehr Zeit für Wege, der Pfarrer oder die Pfarrerin ist unbekannter, dadurch wird die Seelsorge schwerer, und der Stress nimmt zu.

UTA POHL-PATALONG: Wenn man die jetzigen Gemeindestrukturen nicht verändert, sondern sie einfach nur weiter dehnt, dann wird genau das passieren. Genau diese Probleme haben wir ja längst, im Osten schon deutlicher, wo es Pfarrpersonen mit zwölf Gemeinden und 19 Predigtstellen gibt und kaum noch sinnvolle kirchliche Arbeit mehr möglich ist. Ich glaube, dass die einzig sinnvolle Alternative ist, die jetzigen parochialen Strukturen deutlich zu verändern. Sie setzen auf den persönlichen Kontakt und die kurzen Wege, was in der anonymen Großstadt des 19. Jahrhunderts – die Zeit der Entstehung der heutigen Form der Ortsgemeinde – Chancen hatte. Heute stellen sich zum einen andere Herausforderungen als damals. Wenn dann auch noch die Stärken der persönlichen Beziehung und der kurzen Wege für die Pfarrpersonen kaum noch zu leisten sind, ist es Zeit, neue Wege zu gehen.

Aber, dann ist die Kirche, in der der Pfarrer vor Ort ist und vorbei kommt, wenn ich meinen 75. Geburtstag habe, perdu.

UTA POHL-PATALONG: Wer dies heute noch erwartet, soll natürlich nicht von heute auf morgen enttäuscht werden, sondern es braucht einen gleitenden Übergang, der jetzt aber sehr deutlich eingeleitet und gut kommuniziert werden muss. Der wesentlich größere Teil der Bevölkerung orientiert sich aber längst so, dass sie sich überlegen: Was suche und brauche ich von der Kirche? Wir haben lange sehr stark auf die persönliche Beziehung zur Pfarrperson als Zugangspunkt zur Kirche und auch zum christlichen Glauben gesetzt. Das ist ja auch nicht falsch, aber es ist einseitig und sollte nicht auf Kosten der Frage gehen, welche inhaltlichen Angebote diese Zugänge eröffnen können.

Das ist dann eine andere Kirche.

UTA POHL-PATALONG: Anders als eine dominant beziehungsorientierte, ja. Wenn man das bedauert, sollte man aber bedenken, dass nach sozialpsychologischen Erkenntnissen besonders kommunikative Menschen persönliche Beziehungen zu ungefähr zweihundert Personen unterhalten können. Das erscheint mir schon ziemlich viel und umfasst auch heute nur einen Bruchteil selbst der Gemeindeglieder. Wenn sich dann die Gemeinden noch ständig vergrößern, kann die Weiterführung dieses Modells nur zur Überforderung der Pfarrpersonen führen.

Ist die neue Pfarramts-Generation auf diese neue Aufgabe gut vorbereitet? Wie erleben Sie sie?

UTA POHL-PATALONG: Ich erlebe sie überwiegend sehr engagiert, und sie sind sich der Aufgabe sehr bewusst, dass sie Veränderungen gestalten müssen. Viele gehen diese Herausforderung reflektiert und mutig an. Gleichzeitig sind sie tendenziell pragmatischer und zielgerichteter als meine Generation. Sie fragen auch schneller und früher als wir: Wozu nützt mir das, was ich hier lerne, wozu brauche ich das? Wir Lehrenden haben manchmal das Gefühl, dass es hin und wieder ein bisschen länger dauert, bis man in grundsätzlichere, hinterfragende Diskussionen kommt.

Ist das eine freundliche Umschreibung für: Die sind nicht so tiefschürfend?

UTA POHL-PATALONG: Es ist nicht unbedingt ihr erster Impuls, alles zu hinterfragen und die Grundsatzfragen klären zu wollen. Wenn ich nicht meine Studienzeit verkläre, wozu man ja angeblich neigt, dann haben wir vielleicht etwas radikaler gefragt (was für unsere Lehrenden sicher durchaus auch anstrengend war): Worum geht es hier denn eigentlich und welchen Sinn hat das Ganze?

Radikaler im wörtlichen Sinne: stärker an die Wurzeln gehend?

UTA POHL-PATALONG: Ja, vielleicht, im Sinne eines Fragens hinter die Frage. Ich erlebe die jetzigen Studierenden oft so, dass sie sehr viel bereiter sind, sich erstmal auf das einzulassen, was man anbietet. Das bedeutet einerseits, dass das Arbeiten leichtgängiger ist. Und gleichzeitig ist das radikalere Hinterfragen der Dinge etwas, was wir in der jetzigen Situation der Kirche unbedingt brauchen. Es ist eine Kompetenz, die zukünftige Pfarrer und Pfarrerinnen sehr nötig haben werden.

Immer mehr Frauen studieren, der Prozentsatz der Frauen, die Theologie studieren, ist höher als der der Männer. Das heißt, der Pfarrberuf wird weiblicher werden. Es gibt Leute wie den Theologen Friedrich Wilhelm Graf, die sagen, wir kriegen eine Mutti-Kirche. Abgesehen von der Polemik, stimmt es doch: In Zukunft werden wir eine viel weiblicher geprägte Kirche bekommen. Wird das die Kirche verändern?

UTA POHL-PATALONG: Friedrich Wilhelm Graf hat seine Thesen damals genau in dem Moment formuliert, als gerade eben die Quote von Pfarrerinnen das Drittel überschritten hatte. Dies gilt soziologisch als die Schwelle, jenseits derer ein Beruf nicht mehr als „Männerberuf“ gilt. Dies als Gefahr für den Pfarrberuf zu deklarieren scheint mir absurd und sagt möglicherweise mehr über die Haltung derjenigen aus, die solche Thesen vertreten, als über die Realität, über die sie sich äußern. Dass mittlerweile sowohl Frauen als auch Männer als auch Menschen jenseits der Geschlechterbinarität als Pfarrpersonen die Kirche mitgestalten, hat die Kirche selbstverständlich verändert – glücklicherweise.

Viele Pfarramtsstudierende können sich nicht vorstellen, aufs platte Land zu gehen. Gerade weil dort die Arbeitsbedingungen vielleicht etwas härter sind, was die Wege angeht. Auch die Zahl der Gläubigen ist gering. Wie kann man die Studierenden überzeugen, dass sie trotzdem dorthin gehen, weil es einfach nötig ist?

UTA POHL-PATALONG: Teilweise kann vielleicht wirklich Motivation hilfreich sein. Nach einer Lehrveranstaltung zu „Kirche auf dem Land“, bei der wir neben der theoretischen Beschäftigung auch ausstrahlungskräftige Landgemeinden besucht haben, konnten sich fast alle vorstellen, in ein ländliches Pfarramt zu gehen. Gleichzeitig muss man aber ernsthaft fragen, warum manche ländlichen Regionen als weniger attraktiv empfunden werden als städtische. Es würde sich für die entsprechenden Kirchenkreise oder Dekanate lohnen, mit Angehörigen der jüngeren Generation gemeinsam zu überlegen, was sich dort verändern muss, damit junge Menschen gerne dort tätig werden.

Gerade in Ostdeutschland hat man Zahlen von Gemeindemitgliedern, die im unteren einstelligen Bereich sind. Im Grunde müsste man da wieder Mission betreiben.

UTA POHL-PATALONG: Die Frage nach der Mission ist ja seit 20 Jahren ziemlich virulent. Die entscheidende Frage scheint mir zu sein, was dies genau bedeutet und mit welcher Haltung dies verbunden ist. Zutreffend ist auf jeden Fall, dass wir anders als in früheren Generationen nicht mehr durchgehend auf eine christliche Sozialisation in der Familie setzen können. Heute muss sich die Kirche viel stärker darauf einstellen, dass
der Kontakt mit ihr eine Erstbegegnung mit christlichen Inhalten sein kann. Dies erfordert andere Formate und Angebote. Es bedeutet aber auch, dass Christinnen und Christen und besonders die kirchlichen Hauptamtlichen auch für Menschen ohne einen Zugang dazu plausibel von Gott und ihrem Glauben reden müssen. Und dabei ist die Kommunikation keine Einbahnstraße, so dass potenziell beide Seiten lernen. Insofern würde ich für einen Missionsbegriff plädieren, der dialogisch ausgerichtet ist, diesen Dialog aber auch engagiert sucht.

Das bedeutet aber auch, dass die Pfarrer und Pfarrerinnen der Zukunft eine Sprachfähigkeit haben müssen, über das Evangelium zu reden, die jenseits der klassischen, oft genutzten Sprachformen liegt.

UTA POHL-PATALONG: Definitiv.

Man muss ganz andere Worte finden, als sie vielleicht über viele Jahrhunderte benutzt wurden. Sehen Sie da eine Entwicklung, die Mut macht?

UTA POHL-PATALONG: Ja, die gibt es durchaus. Ich würde die Sprachfähigkeit auch um die Hörfähigkeit ergänzen wollen. Denn es geht nicht immer nur darum, zu sprechen, sondern es geht auch sehr viel darum, zu hören, ja überhaupt die Anliegen von Menschen wahrzunehmen, die nicht in den klassischen christlichen Mustern formuliert werden. Wir müssen die Fragen wahrnehmen, aber nicht nur als Fragen, auf die wir Antworten geben, sondern als Anregung, sich in einen gemeinsamen Suchprozess zu begeben. Wir müssen natürlich auch über den eigenen Glauben, über die christlichen Traditionen so sprechen, dass es nicht nur verständlich ist für Menschen, die in diesen Sprachformen sozialisiert worden sind, sondern dass es auch lebensrelevant und plausibel ist für alle anderen.

Wenn wir die letzten Prognosen über die Halbierung der Zahl der Christinnen und Christen und die Halbierung der Einnahmen in ein paar Jahrzehnten ernst nehmen: Kommen wir zu einer Kirche der Armen für die Armen – aus der Not geboren?

UTA POHL-PATALONG: Es gibt ja gegenwärtig verschiedene Szenarien, und ich würde für mich keine prophetische Kompetenz beanspruchen. Aber wenn es so kommt, sind wir ja auch mit der Hälfte der Mittel im weltweiten Vergleich zu anderen Kirchen noch keine Kirche der Armen. Trotzdem glaube ich, dass es kreative Impulse freisetzen kann, sich noch genauer überlegen zu müssen: Wofür setzen wir diese Mittel konkret ein – und was wollen wir eigentlich? Wie wollen wir Kirche sein? Möglicherweise nötigt uns dazu der Rückgang der personellen Ressourcen noch stärker als der der finanziellen.

Würden Sie trotz aller genannten Schwierigkeiten sagen, dass Pfarrer oder Pfarrerin weiterhin ein Traumberuf ist?

UTA POHL-PATALONG: Der Traumberuf ist ja etwas sehr Subjektives. Es gibt heute Menschen, für die das der Traumberuf ist, und die wird es auch weiterhin geben. Ich würde auch nicht sagen, dass der Beruf heute per se schwerer auszuüben ist als in früheren Generationen. Wenn im 19. Jahrhundert der Gottesdienstbesuch in den großen Städten bei 1,5 Prozent der evangelischen Christen und Christinnen lag oder in der ddr das Amt nur unter immensem politischen Druck ausgeübt werden konnte, scheinen mir die Arbeitsbedingungen heute wesentlich besser als für manch andere Generationen. Richtig ist, dass die, die heute Theologie studieren, nicht wissen, wie die Kirche aussieht, in der sie einmal tätig sein werden. Das kann als belastend empfunden werden, aber auch als spannende Herausforderung, die man mitgestalten kann.

Das Interview führten Philipp Gessler und Stephan Kosch am 24. September in Kiel.

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