Trulleberg, Loriot und ich

Punktum
Foto: Rolf Zöllner

Neulich habe ich den Loriot gemacht, natürlich unfreiwillig, was es noch besser machte – zumindest für die, die dabei zugeschaut haben. Es ging um das Modell Trulleberg aus Loriots Film „Ödipussi“: Die Kommode hat eine Schublade, die nur mit größter Mühe und mit permanentem Rütteln herauszuziehen ist. Nun, unser Schrank in der Küche hat auch so ein Biest an Schublade. Und als ich sie neulich herauszuziehen versuchte, musste ich rütteln und schütteln und fluchen und schwitzen und drücken und stoßen, dass das schöne Geschirr schon heraus und auf den Boden hinab zu rutschen drohte, um dort zu zerdeppern. Bis meine geliebte Frau schrie, ich solle endlich aufhören, und wir uns stritten, denn ich wolle doch nur Gutes … Sie können sich den Rest denken.

„Trulleberg“ jedenfalls blieb verkantet, schlimmer noch: Nun war der ganze schöne Schrank mit dem wunderbaren Geschirr wackelig, da die kleinen Keile zwischen dem alten Schrank und den noch älteren Holzdielen nicht mehr passten. Was hätte ich gegeben, dem Ganzen als Unbeteiligter zusehen zu können! Ich hätte sicherlich sehr gelacht. Aber leider war ich ja kein Zuschauer, sondern Beteiligter, der Trampel, der nur das Beste will – wie Loriot im Wartezimmer, als er das schiefe Bild gerade zu rücken versucht. Das Ende ist bekannt.

Aber, oh Wunder! Das Missgeschick erwies sich als ein versteckter Glücksfall: Ich rief nämlich einen uns bekannten Schreiner an, um ihn zu bitten, Schublade und Schrank zu reparieren. Und ich überwand mich (meine Frau half aus pädagogischen Gründen nach kurzem Zögern dann auch), den über Jahre nie ausgeräumten Schrank zu leeren, damit der Schreiner daran arbeiten kann. So holten wir aus den Tiefen des Schranks Geschirr, Besteck, Teelichter, Papiere, Küchengeräte, Notizblöcke, Medikamente und anderen Besitz, den wir vergessen, besser: verdrängt hatten.

Das ganze Zeug liegt jetzt ausgebreitet auf einem ausgeklappten Sofa. Es hat etwas von einem modernen Kunstwerk. Viel, ganz viel können wir davon nun endlich wegschmeißen – welche Befreiung! Und noch besser: Jetzt, da der Schrank ganz leer und schön ist, können wir ihn endlich mit einem Holzschutzmittel bearbeiten, denn der Holzwurm nagt an dem guten Stück.

Wir wurden also zu unserem Glück gezwungen … Ich weiß, es ist gefährlich, so etwas zu schreiben, denn einen solchen Satz lassen sich Diktatoren gern sticken und gerahmt übers Bett hängen. Aber meine saublöde Trulleborg-Wüterei hat mich am Ende befreit: befreit von unnützem Zeug, von  bösen Holzwürmern, von hässlicher Überladung eines schönen Schranks und von der Suche nach einem Kolumnen-Thema. Danke, Loriot! Und das nächste Mal bitte ich meine Kinder darum, mein Wüten auf ihren Handys aufzunehmen. Ein paar Monate später schaue ich mir den Clip dann gerne an.


 

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