Carola Rackete meets Carl Schmitt

Rückblick und Ausblick – die 50. Karl-Barth-Tagung auf dem Leuenberg/Schweiz
Foto: Rolf Zöllner

Jubiläum auf dem Leuenberg: Zum fünfzigsten Male fand die Internationale Karl-Barth-Tagung auf dem Leuenberg bei Basel statt. Es kamen so viele Interessierte wie lange nicht mehr, und das Motto hieß: „Von Gott reden!“

Vor genau 50 Jahren, im Sommer 1969, versammelten sich auf dem Leuenberg bei Basel Weggefährten und Angehörige des großen Theologen Karl Barth, um kurz nach dessen Tod die Ausgabe seiner Werke zu planen. Das Treffen gilt als Beginn der seit 1972 dann öffentlich stattfindenden Internationalen Karl-Barth-Tagungen, die ganz früher sogar zweimal jährlich stattfanden. Früher, in den Siebzigerjahren, wurde auf dem Leuenberg nach Mitternacht die Internationale gesungen. Diesem Absingen entzogen sich die, die das nicht so gerne taten, wie zum Beispiel der DDR-Theologe Wolf Krötke, indem sie schlicht „früh schlafen gingen“. So erzählte es der Hallenser Theologen Hartmut Ruddies in seinem detailreichen und mit hintergründigem Humor vorgetragenen Rückblick unter dem Titel: „50 Jahre Leuenberg – eine turbulente Geschichte“. Ruddies selbst hingegen habe, gestärkt vom „kräftigen Bariton“ Helmut Gollwitzers, durchaus mitgesungen. Rotgoldene Vergangenheit!

Im Jubiläumsjahr 2019, das gleichzeitig in Erinnerung an das 100-jährige Jubiläum der Veröffentlichung von Karl Barths berühmter Erstlingsschrift „Der Römerbrief“ von 1919 kirchlicherseits als Karl-Barth-Jahr begangen wird, erfreute sich die Leuenberg-Tagung großen Zuspruchs: Über 150 Leuten lauschten den Vorträgen, besuchten die angebotenen Arbeitsgruppen und diskutierten teilweise bis weit nach Mitternacht auf dem Anwesen des idyllisch gelegen Tagungshotels über Barth, Gott und die Welt. Viele junge Leute zwischen zwanzig und dreißig waren dabei, Theologiestudierende und DoktorantInnen, die sich gewissenhaft vorbereitet hatten und rege einbrachten – ob in den Arbeitsgruppen, in denen Texte Karl Barths gelesen und ausgelegt beziehungsweise mit anderen Texten der theologischen Tradition konfrontiert wurden, oder in den Aussprachen nach den Vorträgen. Nur die Internationale wurde nicht mehr gesungen …

Den Auftakt mit den Vorträgen machte der Bochumer Systematiker Günter Thomas, der sich unter der Überschrift „Hoffnung in kultureller Verwüstung – Karl Barth im Jahr 1919“ die Freiheit nahm, zwei berühmte Barth-Texte von 1919 rein aus sich selbst und nicht im Lichte der weitergehenden Deutung und Positionsveränderung Barths in den danach folgenden Jahrzehnten zu verstehen. Die 1. Auflage von Barths Römerbrief, erschienen Anfang 1919, und Barths sogenannter Tambacher Vortrag („Der Christ in der Gesellschaft“) vom September 1919 sind für Thomas Zeugnisse eines machtvollen Neuansatzes in der Theologie. So sei die Auferstehung Jesu Christi für Barth eine Bewegung, die „in und durch alle Bewegungen dieser Welt“ gehe und zwar „senkrecht von oben“, so die berühmte Formulierung aus Tambach. Der leidende und schwache Gott, so Thomas, komme beim Barth von 1919 hingegen nicht vor, vielmehr gelte für Barth „ Christus ist eine bewegende Kraft, die neue Möglichkeiten in der Geschichte eröffnet und letztlich der Rahmen ist für alles, was wir denken, planen und handeln.“

Angesichts dieser Erkenntnis steht für Barth fest: „Wir leben im Anbruch eines neuen Tages, darum kann die Hoffnung die einzige Haltung gegenüber dieser Welt sein.“ Das bis dato vorherrschende Prinzip „Gott mit uns“ lehnt Barth radikal ab, so Thomas weiter. Dieser „illusionäre Optimismus“ präge viele Bewegungen, auch die der Religiösen. Mit diesem Prinzip „kämpfen die einen für das Vaterland und die anderen für eine Welt ohne Grenzen“. Barth sei „enorm skeptisch“ gegenüber jeder Partei, jeder Bewegung“ – und dann bezieht Thomas die Idee Barths auch auf unsere Zeit – „ jeder NGO, ja jeglicher Kirchentagspredigt, die die mit Wucht vorgetragene moralische Überzeugung zur Festung macht.“ Dadurch werde Gott „zur Marke einer moralischen Agentur, zum Label ganz und gar menschlicher Überzeugungen“.

Das war starker Tobak für die politisch gewiss mehrheitlich anders eingestellten Versammelten auf dem Leuenberg 2019! Die Provokation trieb Thomas auf die Spitze, als er vortrug, die Zeit um 1919 sei von einer „vielgestaltigen Suche nach intensiver Erfahrung“ geprägt gewesen, die heutige Religionssoziologen als „Erfahrungen immanenter Transzendenz“ bezeichnen würden, die wiederum damals in ihrer „instititutionellen Form“ vom Philosophen Carl Schmitt als „Ausnahmezustand“ bezeichnet worden waren. In diesem Sinne gelte: „Carola Rackete lässt Carl Schmitt wieder auferstehen!“

Für diesen schräg anmutenden Vergleich musste sich Thomas in der Aussprache rechtfertigen, aber er nahm nichts zurück: Es gehe im Fall der Sea-Watch 3 und Kapitänin Carola Rackete rein rechtlich um die Frage, wer mit seinem Boot auf welches Territorium fahren dürfe. Natürlich könne man auf dem Standpunkt stehen, man müsse in diesem Fall das italienische Recht brechen, weil der übergeordnete Standpunkt der Menschenrechte dies gebiete. Allerdings sei die Menschenrechtskonvention kein kodifiziertes Recht. Thomas: „Sie mögen Salvini für einen Lump halten, aber der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat entschieden, dass im Falle der Sea-Watch 3 kein Notfall vorgelegen hat.“ Natürlich, so Thomas, könne man im Namen der Menschenrechte kodifiziertes Recht brechen, aber damit öffne man prinzipiell eine Tür, durch die „manches kommen wird, von dem Sie überrascht sind!“

Wesentlich unaufgeregter ging es tags darauf am Vormittag zu: Die Zürcher Systematikerin Christiane Tietz, die 2018 eine vielbeachtete neue Karl-Barth-Biografie vorgelegt hat, referierte über „Barths spezifische Rede von der Gottesrede“. Sie schilderte zunächst einen Einwand, den sie stets gegen die Theologie Karl Barths zu hören bekäme: „Barths Theologie sei ja gut und schön, und es sei auch nachvollziehbar, dass seine Orientierung an Jesus Christus als dem einen Wort Gottes ihn zum Widerspruch gegen die nationalsozialistische Ideologie befähigt habe.“ Dies aber sei „in unserer Zeit religiöser Pluralität und Säkularität nicht mehr anschlussfähig“ und verhindere „das Gespräch mit Anders- und Nichtglaubenden“. Die heutige Lage spräche doch mehr für ein Konzept, das von „universalen religiösen Phänomenen oder einem allgemeinen Gottesbegriff ausgehe und erst dann den speziellen christlichen Gott einführe.“ Dies sei „besser kommunizierbar und plausibilisierbar und darum Barths rein binnenchristlichen Zugang vorzuziehen“, der überdies glaube, „Kants kopernikanische Wende in der Erkenntnistheorie“ ignorieren zu können, „indem er meine, mit seiner Theologie quasi im Thronsaal Gottes zu sitzen und in seinem Denken von Gott selbst ausgehen zu können.“

Diesen Anwürfen setzte Tietz in ihrem klaren und klugen Vortrag detailliert und unaufgeregt Argumente entgegen, die deutlich machten, dass Barth sich keineswegs einbildete, in Gottes Thronsaal zu sitzen. Sie rekurrierte besonders auf den Band II/I der Kirchlichen Dogmatik, in dem Barth seinen Versuch, wie eine rechte Gotteserkenntnis aussehen könnte, niederlegt. Dabei wurde deutlich, dass alle menschlichen Versuche, sich einen allgemeinen Begriff von Gott zu verschaffen, letztlich eine „willkürliche Wahl“ seien. Diese Erkenntnis Barths, so Tietz, entspreche der „reformatorischen Begründung des unfreien Willens des Menschen“, denn „wenn der Mensch sich selbst zum Glauben an Gott entschließen könnte, dann hätte er nie die Gewissheit, dass er sich in der richtigen Weise auf Gott bezieht.“ Tietz zeichnete nach, dass die Gefahr dieses willkürlichen Begründen Gottes, Barth zu der Erkenntnis führe, dass Dogmatik nicht „von der Geschichte oder von der Erfahrung her oder von einem abstrakten Begriff aus zu Gott hin statt in dem allen von Gott her gedacht werden“ dürfe, „als ob Gott nicht gesprochen hätte.“ Darin, dass er in der Bibel gesprochen habe, liege aber der Begründungsweg, der „von oben nach unten, von der … Offenbarung zur Heiligen Schrift, zur Predigt“ führe.

Christiane Tietz hatte, ebenso wie der Osnabrücker Systematische Theologe Gregor Etzelmüller mit seinem Vortrag über „Anthropologische Konsequenzen der Theologie Karl Barths“, die Aufgabe, wesentliche Grundformen des Barthschen Denkens zu rekonstruieren und aus seinem Werk aufzubereiten. Auch Etzelmüller erfüllte seine Aufgabe mustergültig und betont rezipientInnenorientiert, indem er seine Erörterungen per ansehnlicher PowerPoint-Präsentation mitlaufen ließ, 33 Tafeln an der Zahl. Die vorletzte krönte Etzelmüllers fröhliche Nachzeichnung der Barthschen Gedanken mit einer anspornend-ermutigenden Frage, so wie wohl nur Karl Barth anspornend-ermutigend fragen kann: „Wer könnte die Auferstehung sehen, ohne selber an ihr teilzunehmen, selber ein Lebendiger zu werden und in den Sieg des Lebens einzutreten?“ Dieser Frage folgte dann die erkenntnisreiche (rhetorische) Schlussfrage Barths – von Etzelmüller sprachlich gegendert: „Was kann (die Christin und was kann) der Christ in der Gesellschaft anderes tun, als dem Tun Gottes (der seine Ehre darein setzt, dass ihm keine und keiner verloren geht) aufmerksam zu folgen?“ Nun ja, wohl nichts anderes. Einen interessanten Einblick in die US-Barthforschung und insbesondere die befreiungstheologische, womanistische Barth-Interpretation lieferte Professor Andrea White vom Union Seminary New York mit ihrem Vortrag „Karl Barth and the Impossible Possibility of Womanist God-talk“.

Sehr berührend und obendrein zu einem Musikgenuss erster Güte geriet auch der letzte Abend auf dem Leuenberg, „Zeitreise mit Musik und Barthbriefen“, es musizierte das exzellente Trio Artium aus Heidelberg. Die Briefe waren ausgewählt und wurden gelesen von Niklaus Peter, dem bekannten Schweizer Theologen, Publizisten und Pfarrer am Fraumünster in Zürich. Gerahmt von Klaviertrios von Mendelssohn, Schostakowitsch und – natürlich – Mozart. Peter begann den eindrucksvollen Briefreigen Anfang der Zwanzigerjahre, in denen Barth sich mit seinen feindseligen und deutschnationalen Kollegen in Göttingen, zuallererst Emanuel Hirsch, auseinandersetzen musste, und endete ihn mit einem Brief an den erst in seinen letzten Lebensjahren von Barth kennengelernten Schriftsteller Carl Zuckmayer von 1967. Besonders eindrücklich aber war ein Ausschnitt aus einem offenen Brief Karl Barths aus dem Jahre 1942, in dem er die restriktive Schweizer Flüchtlingspolitik anprangert und die Schweizer zur Hilfe auffordert: „Es gibt Gründe für und gegen die den Schweizern heute nahegelegte Flüchtlingshilfe. Dafür spricht (1.) der christliche Grund: „Was ihr einem meiner Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“ (…) Zweitens: Der Schweizerische Grund: Die Flüchtlinge tun uns die Ehre an, in unserem Land einen letzten Ort des Rechts und des Erbarmens zu sehen. (…) Drittens: Der menschliche Grund: Wir sehen an den Flüchtlingen, was uns bis jetzt wie durch ein Wunder erspart geblieben ist.“ Dieser mutige und klare Brief klang vielen der Zuhörenden äußerst aktuell in den Ohren!

Fazit: Drei reichhaltige Tage auf dem Leuenberg, die auch für alle, denen bisher Barths Theologie mehr oder minder ein Buch mit sieben Siegeln war (und ist), durch das Hören von begeisterten, nachsprechenden und auch teilweise sehr kritischen Beiträgen zum Werk des Jahrhunderttheologen ein lebhaftes Bild vor Augen stellte. Keine Frage, Barths Theologie lebt, ja, vielleicht steht sie sogar vor einem neuen Revival. Man kann ja nie wissen …

Wer nächstes Mal dabei sein will: Die 51. Internationale Karl-Barth-Tagung findet vom 20. bis 23. Juli 2020 statt. Weitere Infos in Bälde unter: https://karl-barth-tagung.de/

 

 

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Reinhard Mawick

Reinhard Mawick ist Chefredakteur und Geschäftsführer der zeitzeichen gGmbh.


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