"Zu groß"

Warum Bischof Georg Bätzing nicht mehr als Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz antritt
Ein Mann mit Priesterkragen vor einer Wand mit dem Logo der deutschen Bischofskonferenz
dpa picture alliance
Der scheidende Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing

Der Limburger Bischof Georg Bätzing hat tapfer gekämpft für die Reformen in der hiesigen katholischen Kirche. Aber nach sechs Jahren als Vorsitzender der Bischofskonferenz will er nicht mehr für weitere sechs Jahre antreten. Bätzing wurde langsam zermürbt von den Gegnern des Reformprozesses am Tiber und nördlich der Alpen, analysiert zeitzeichen-Redakteur Philipp Gessler.

Wirklich überraschend kam der Schritt nicht: Nach sechs Jahren im Amt hat der Limburger Bischof Georg Bätzing angekündigt, bei der Frühjahrs-Vollversammlung der deutschen katholischen Bischöfe in Würzburg Ende Februar nicht mehr für eine zweite sechsjährige Amtszeit zu kandidieren. In einer öffentlichen Erklärung begründet er diesen Schritt kaum, sondern schildert nur knapp die Mühen der vergangenen sechs Jahre und wünscht dem am Main zu wählenden Nachfolger eine glückliche Hand. Aber wer zwischen den Zeilen zu lesen bereit ist, erkennt, dass der 64-jährige Theologe am Ende einfach genug hatte von dieser Leitungsaufgabe in der römisch-katholischen Kirche der Bundesrepublik, und dass er offenbar auch nicht mehr glaubte, das durchsetzen zu können, was er für wichtig hält.

Das ist schade. Denn mit dem Namen Bätzing waren am Anfang einige Hoffnungen in der deutschen katholischen Kirche verbunden. Als der bescheidene, zugewandte und präzise formulierende Theologe vor sechs Jahren in das Amt des Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz gewählt wurde, war dies als ein Signal des Aufbruchs zu werten. Sein Vorgänger, der barocke Münchner Erzbischof und Kardinal Reinhard Marx, hatte seine Amtsperiode vorzeitig beendet, weil er genervt war vom dauernden Beschuss aus Rom gegen die Reformideen in Deutschland. Marx war zudem zu stark angezählt durch sein bemühtes, aber oftmals nur wenig glückliches Agieren im Missbrauchsskandal sowohl in der katholischen Kirche Deutschlands insgesamt wie in seinem Erzbistum im Besonderen.

Die Wahl Bätzings sollte einen Neuanfang ermöglichen, zumal sie in eins fiel mit dem Beginn des aufwändigen und auf Jahre angelegten „Synodalen Weges“. Mit Hilfe dieses Dialogmarathons wollte die katholische Kirche hierzulande einen großen Reformprozess mit weiten Teilen des Kirchenvolks (in der Kirche Roms „Laien“ genannt) beginnen. Dies sollte eine Antwort sein vor allem auf die strukturell gegründeten Verbrechen, Sünden und Fehler, die der jahrzehntelange Skandal um die sexualisierte Gewalt vor allem durch katholische Geistliche offenbart hatte. Der „Synodale Weg“ war, alles in allem, beispielgebend für die ganze Weltkirche, auch weil man sich in Deutschland den schmerzhaften Fragen ungeschminkt stellte, anstatt sie zu verdrängen, wie das immer noch in vielen katholischen Volkskirchen in anderen Kontinenten passiert.

Kein Befreiungsschlag

Doch schon der Start Bätzings ins neue Amt war belastet. Warum? Weil ein Befreiungsschlag in der langjährigen Diskussion um die Entschädigung der Opfer der sexualisierten Gewalt nicht gelang. Eine Arbeitsgruppe unabhängiger Fachleute hatte den Bischöfen empfohlen, bundesweit und möglichst gleichzeitig jeweils bis zu 400 000 Euro an die Opfer zu zahlen. Dafür aber fand sich keine Mehrheit unter den 27 Oberhirten Deutschlands. Stattdessen gurkten sie sich weiter durch, mit sehr individuellen, viel geringeren und lange zu prüfenden „Anerkennungsleistungen“.

Bischof Bätzing wollte das von Anfang an anders, er wollte wirkliche Reformen, nicht nur in dieser Frage. Er hatte als Nachfolger des verschwendungssüchtigen Skandalbischof Franz-Peter Tebartz-van Elst in Limburg durch eine bescheidene und das Kirchenvolk ernst nehmende Amtsführung einige Punkte gesammelt – in gewisser Weise personifizierte er schon in seinem Bistum den Reformprozess, der mit dem „Synodalen Weg“ bundesweit begann. Der aber stand von Anfang an unter keinem guten Stern: Wegen des andauernden Störfeuers von konservativen Kreisen in Rom und in Deutschland, von Tag Eins des Reformprozesses an. Aber auch wegen der beginnenden Coronapandemie seit Anfang 2020, die regelmäßige Treffen der Synodenväter und -mütter, aus Geistlichen und „Laien“ bestehend, die ersten zwei Jahre sehr mühsam machte.

Dann aber kam der „Synodale Weg“ schließlich doch langsam in Schwung. Bätzing arbeitete dabei intensiv zusammen mit Irme Stetter-Karp, der Präsidentin des altehrwürdigen Laien-Verbandes „Zentralkomitee der deutschen Katholiken“ (ZdK), das den Reformprozess mit den Bischöfen zusammen organisierte. Nach mehreren großen, so demokratischen wie bürokratischen Synodalversammlungen gelang es endlich, Reformentscheidungen zu treffen, die von den deutschen Bischöfen und den vom ZdK bestimmten „Laien“ mit Zwei-Drittel-Mehrheit getragen wurden. Hier ging es unter anderem um die Anerkennung homosexuellen Lebens in der katholischen Kirche, um Reformideen für das Zölibat, um mehr Teilhabe von Frauen in der Kirche – vor allem aber darum, dass die Beteiligung der „Laien“ an der Führung der katholischen Kirche der Bundesrepublik auf Dauer gestellt werden sollte. Dafür ist, nach einem weiteren Prozess über mehrere Jahre, nun eine „Synodalkonferenz" geplant. Das ist ein wirklich innovatives und weltweit einmaliges Beratungs- und Leitungsgremium, durch das Oberhirten und „Laien“ in Zukunft gemeinsam die Geschicke der katholischen Kirche in Deutschland bestimmen wollen.

Zunehmend zermürbt

Gerade dieser letzte Punkt aber, eben die Beschneidung der fast absolutistischen, weltweit im Kirchenrecht festgeschriebenen Macht der Ortsbischöfe, wurde und wird von Reaktionären am Tiber und in Deutschland mit Klauen und Zähnen bekämpft. Dabei schlugen sie meist den Sack und meinten die Katze. Der Reformer Bätzing bekam es vor und hinter den Kulissen knüppeldick. Er litt in den vergangenen Monaten und Jahren zusehends unter der Zermürbungsstrategie seiner innerkirchlichen Gegner, auch wenn er sich das in der Öffentlichkeit mit zusammengebissenen Zähnen kaum anmerken ließ.

Zu diesen meist nicht öffentlich agierenden Gegnern Bätzings und seines Reformweges gehören die üblichen reaktionären Verdächtigen unter den deutschen Oberhirten wie der Kölner Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki, sowie die Bischöfe von Regensburg und Passau, Rudolf Voderholzer und Stefan Oster. Hinzu kam aber auch der unselige Apostolische Nuntius in Berlin, Erzbischof Nikola Eterović, der in den sechs Jahren von Bätzing als Vorsitzendem der Bischofskonferenz kaum eine Gelegenheit ausließ, den „Synodalen Weg“, medial verstärkt durch konservative Medien, zu kritisieren. Was dieser Vatikan-Botschafter in Deutschland nach Rom meldete, war in der Regel nur ein Zerrbild dessen, was Bätzing und die anderen Reformer in der Bundesrepublik eigentlich wollten: Nämlich keinen deutschen Sonderweg oder gar ein Schisma, eine Spaltung weg von Rom, sondern eben notwendige Reformen, alles innerhalb des Kirchenrechts übrigens – nicht mehr und nicht weniger.

Wenige Verbündete

Bei der anstehenden Frühjahrs-Vollversammlung in Würzburg sollen die deutschen Bischöfe nun über die Satzung der geplanten „Synodalkonferenz“ abstimmen. Anschließend soll die Satzung in Rom Papst Leo XIV. zur Anerkennung (recognitio) vorgelegt werden. Die letzten Signale aus dem Vatikan, nicht zuletzt die Informationen, wen der Papst zur Beratung dieser Frage trifft oder eben nicht trifft, lassen nichts Gutes für den Reformprozess in Deutschland erahnen. Auch dies ist sicherlich ein Grund, weshalb Bätzing nun für sich die Reißleine gezogen hat. Dies ist nicht unbedingt als ein „Macht euren Sch... alleine“ zu verstehen – aber sehr weit entfernt davon ist das auch nicht. Dem scheidenden Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz aus dem schönen Limburg ist es eben nie wirklich gelungen, in Rom, wo absehbar bei großen Reformfragen immer das Endspiel stattfindet, genug Verbündete und Mitstreiter zu gewinnen. Das hat die Position Bätzings und das Anliegen der Reform der Kirche in der Bundesrepublik geschwächt.

Bezeichnend ist, was Bätzing vor zwei Jahren in dem Interviewband „Rom ist kein Gegner“ offenbart hat: Kirchenpolitik, gar der wahrscheinlich notwendige Machtkampf in einer globalen Kirche mit rund 1,2 Milliarden Mitgliedern, ist dem aufrechten und frommen Limburger Bischof fremd, allzu fremd. So erzählt er in dem Buch, er habe 1980 als junger Seminarist ein Treffen angehender Priester mit dem damaligen Papst Johannes Paul II. sausen lassen. Auch auf die ihm angetragene Möglichkeit eines Studiums im Germanicum, der Kaderschmiede der Weltkirche in Rom, habe er verzichtet. Die Begründung ist erhellend. Bei der Germanicum-Frage sagt Bätzing: „Diese Welt wäre für mich zu groß gewesen.“ Bätzing, so scheint es, hatte keine Lust mehr, das große Spiel am Tiber und nördlich der Alpen mitzuspielen. Vorzuwerfen ist ihm das nicht. Aber es ist schade.

 

 

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