Doch die Seele?

Eine Resonanz auf Klaas Huizings Neueröffnung des Büros der letzten Dinge
Ghost On The Stairs; Thunder Bay Ontario Canada, Schemenhafter Frauenkörper auf einer Treppe
picture alliance / Design Pics | Design Pics / Susan Dykstra

Die Neudefinition der leiblichen Auferstehung durch Klaas Huizing in seiner letzten Kolumne erzeugt Resonanz. Nach dem Ehepaar Scherle antwortet nun Matthis Glatzel vom Lehrstuhl für Praktische Theologie in Jena und sieht hinter Huizings Konzept vom spürenden Leib doch die Seele hervorschimmern. 

Habermas kurzes Votum in der Festschrift für seinen Schüler Thomas M. Schmidt hat in der theologischen Landschaft erwartbarer Weise einiges an Aufsehen erregt. Wurde in Resonanzen von Christian Geyer oder auch Ingolf Dalferth vordergründig die Frage thematisiert, inwieweit die religiöse Landschaft nicht auch auf Tradition und Bindung angewiesen sei, hat Klaas Huizing die Gelegenheit ergriffen, das bereits in seiner Dogmatik-Vorlesung entwickelte Eschatologie-Angebot ins Gespräch zu bringen. Habermas klopft an, der Würzburger Systematiker liefert.

Huizing bespielt damit, wie er selbst anführt, ein wichtiges Desiderat der gegenwärtigen Theologie. Nicht nur der Sündentopos scheint in den dogmatischen Entwürfen der Gegenwart merkwürdig unbestimmt, sondern auch das sich mit den Angelegenheiten der Eschatologie beschäftigende Büro scheint, wie Huizing im gewohnt erfrischenden Stil und Erinnerung an Ernst Troeltsch feststellt, unbesetzt zu sein.

Futuristische Eschatologie

Im Anschluss an seinen Kieler Hausphilosophen Hermann Schmitz plädiert Huizing nicht für die Unsterblichkeit der Seele, sondern vielmehr soll der Leib nun diese Funktion erfüllen. Bereits in Huizings dogmatischem Entwurf mit dem schillernden Titel Lebenslehre. Eine Theologie für das 21. Jahrhundert hatte er den Leib als Ort des menschlichen Transzendenzbezuges bestimmt. Hier bietet Huizing augenöffnende Passagen zum Tanz oder auch dem Heiligen Geist als einer leiblich spürbaren Atmosphäre der Freude. Nur folgerichtig erscheint es, dass Huizing gleichermaßen den Versuch unternimmt, die Leibphänomenologie nicht nur unter pneumatologischen, sondern auch unter eschatologischen Gesichtspunkten fruchtbar zu machen. 

Im Anschluss an Schmitz verweist Huizing auf das Phänomen von Phantomschmerzen als leibliches Spüren, das über den eigentlichen Körper hinausgeht. Auch die Phänomenologie des Blicks gerät hier in den Fokus. Blicke, so Huizing, „können aus dem Körper ausreisen und bei einem Gegenüber im spürenden Leib präsent bleiben.“ Derartige Phänomene gelten Huizing als Beleg dafür, dass die Reichweite des Leibes über die des Körpers hinausgeht. Unter theologischen Gesichtspunkten parallelisiert Huizing den paulinischen Geistleib weiter mit dem spürenden Leib. Auf dieser Basis übernimmt Huizing, wie er es nennt, die „Gedankenexperimente“ der Phänomenologie und entwickelt auf ihrer Basis eine futuristische Eschatologie: Wenn der Leib derart unabhängig vom Körper zu denken ist, wie die genannten Phänomene nahelegen, dann ist es doch auch denkbar, dass der Leib den Tod des Körpers überdauert. 

Begründungslasten

Man könnte nun einwenden, dass hier allzu leichtfertig von der philosophischen Leibphänomenologie, die eine gewisse Evidenz für sich beansprucht, zu einer Spekulation über die Unsterblichkeit des Leibes übergegangen wird, die doch nicht viel mehr sein kann als eben Spekulation. Diesen Einwand antizipiert Huizing in Gestalt des Philosophen Gernot Böhme, der darauf insistiert, dass das leibliche Spüren letztlich vom physischen Körper abhängig bleibt. Obsolet macht dieser Einwand Huizings Überlegungen dabei keineswegs, präsentiert er sie doch ausschließlich im Anspruch eines ‚Denkangebotes‘. 

Vielmehr gilt es zu fragen, ob in Huizings Konzeption nicht insgesamt dem Leib Begründungslasten auferlegt werden, wie sie vormalig einem anderen Begriff galten, den Schmitz und Huizing regelmäßig als vermeintlich großen philosophiegeschichtlichen Fehlgriff begreifen: die Seele. Beide rekurrieren in ihrer Ablehnung des Begriffs auf bloßen Cartesianismus. Mit Platon habe der fatale Irrtum begonnen, es gäbe ein separates Inneres des Menschen. Doch wo soll das sein, hört man die Leibphänomenolog*innen spöttisch fragen. Buchstäblich genommen ist ein solches Inneres natürlich nicht denkbar. Im Inneren des Menschen, etwa unter seiner Haut, in seinen Organen ist doch nur weiter Körper. Eine Seele findet sich hier nicht. Doch gilt dies nicht im gleichen Maße für das von Huizing angeführte leibliche Spüren? Wo könnte dies sitzen? Es geht ja gerade über den räumlichen Körper hinaus, denn es erweist sein Charakteristikum darin, dass es mit diesem nicht identisch ist. 

Klares Indiz

Adäquat kann die Formel von einem Inneren des Menschen ausschließlich metaphorisch verstanden werden. Im Inneren des Menschen sind im Unterschied zum Äußeren des Menschen, etwa seinem räumlich situierten Körper, Dinge präsent, die wir als Menschen vornehmlich mit uns selbst ausmachen. Es handelt sich um Angelegenheiten, die niemand von außen sehen kann oder die sich nur bedingt empirisch feststellen lassen. Auch Phantomschmerzen lassen sich klinisch nur schwierig objektiv attestieren und ihr Befund ist auf subjektive Berichte angewiesen. Dies scheint mir ein klares Indiz dafür zu sein, dass es sich um ein Phänomen handelt, das selbst eine Angelegenheit dieses Inneren des Menschen ist. 

Die Ablehnung des Seelenbegriffs ist bei Huizing demnach nicht dadurch motiviert, eine grundsätzliche Reserve gegen subjektives Erleben zu formulieren und dieses gemäß eines modernen naturwissenschaftlichen Naturalismus aus dem Feld der adäquat beschreibbaren Phänomene auszusparen. Vielmehr wird bei Huizing und Schmitz der Begriff Seele auf ein ganz bestimmtes Verständnis begrenzt. Der hier vorgebrachte Vorwurf verläuft in etwa so: Mit dem Begriff Seele wird ein inneres Reservat angenommen, das in völliger Unabhängigkeit oder sogar Opposition zum Körper steht. Wird für diese vermeintliche Fehlauffassung, wie bereits angeführt, Platon verantwortlich gemacht, kennt spätestens die Aufklärungsphilosophie in Gestalt von Leibniz und Wolff eine enge Bindung dieser Seele an den Leib. Bei Friedrich Schleiermacher, der eine eigene Psychologie entwickelte, wird diese Wechselwirkung von Seele und Leib derart weit gedacht, dass erstere in allen ihren Tätigkeiten auf eine leibliche Mitwirkung angewiesen ist. Von einer derart scharfen Unabhängigkeit und Opposition des Seelenbegriffs, wie sie in Descartes Rede von der res extensa und res cogitans zum Ausdruck kommt, kann hier nicht mehr die Rede sein. Konsequenterweise nimmt Schleiermacher auch keine Unsterblichkeit des Leibes an. 

Ähnliche Anliegen

Allein diese kurzen Schlaglichter zeigen, dass der Begriff Seele keineswegs auf eine bloß cartesianische Deutung beschränkt bleiben muss. Vielmehr bedient der Begriff des Leibes bei Schmitz und seinem Adepten Huizing analoge Anliegen wie sie dem Seelenbegriff einst aufgetragen waren: er wird zu einem subjektivitätstheoretischen Grundbegriff für emotives und volitives Erleben. 

Beide Begriffe, Leib und Seele, bedienen also ganz ähnliche Anliegen und in der Rede von einer Unsterblichkeit des Leibes wird analog zu einer Rede von der Unsterblichkeit der Seele ein subjektivitätstheoretisches Prinzip auf eine eschatologische Leistungsfähigkeit verpflichtet. Ein Vorgehen, das ja durchaus Sinn macht, da mit beiden Begriffen die Einsicht begrifflich gefasst wird, dass es Erfahrungen gibt, die wir ausschließlich individuell-subjektiv erleben. Auf genau ein solches Erleben gilt es schließlich die Religion zurückzuführen. Schon bei Augustin wird dieses Erleben als Seele in eine besondere Verbindung zur Transzendenz gestellt. In seiner Rehabilitation der Eschatologie scheint Huizing demnach deutlich näher an gegenwärtigen Bemühungen, die Möglichkeiten der Rede von einer Unsterblichkeit der Seele erneut zu prüfen. 

 

Einzelartikel kaufen

Sie erhalten Lesezugriff für diesen Artikel.

2,00 €

einmalig

Kein Abo.

z(w)eitzeichen Abonnement

Sie erhalten Zugang zur Rubrik z(w)eitzeichen.

4,00 €

monatlich

Monatlich kündbar.

Online Abonnement

Sie erhalten Zugang zur gesamten Website und zur kompletten Printausgabe als PDF.

64,80 €

jährlich

Monatlich kündbar.
Haben Sie bereits ein Online- oder Print-Abo?
* Ihre Kundennummer finden Sie auf Ihrer Rechnung. Ein einmaliges Freischalten reicht aus; Sie erhalten damit zukünftig automatisch Zugang zu allen Artikeln.
Foto: privat

Matthis Glatzel

Dr. Matthis Glatzel ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Praktische Theologie an der Universität Jena.

Weitere Beiträge zu „Theologie“