Nein, eine weibliche Ausgabe von Ebenezer Scrooge bin ich nicht. Aber der geizige Geldverleiher aus Dickens Geschichte „A Christmas Carol“ und ich haben tatsächlich eine Gemeinsamkeit: ein gestörtes Verhältnis zu Weihnachtsfeiern. Bei Scrooge hat sich das dann dank der geballten Anstrengung von allerlei Geistern und übernatürlichen Kräften komplett gedreht. Da sich bei mir in den letzten Tagen keine Gespenster persönlich gemeldet haben, bleibe ich bei meiner Haltung. Ich bin ein Weihnachtsfeier-Muffel.
Weihnachtliches Rolemodel
Wohlgemerkt: Ich habe nichts gegen Christi Geburt. Auch nichts gegen Gottesdienste am Heiligen Abend. Schließlich bin ich eine fromme Seele und kann eine Menge damit anfangen, dass Gott Mensch wurde und damit die Weltverhältnisse auf den Kopf gestellt hat. Ich habe allerdings etwas gegen die Macht eingefahrener Vorstellungen zur idealen Weihnachtsfeier, die – aller Kirchenfeindlichkeit zum Trotz – immer noch unsere Gesellschaft dominieren. Im 21. Jahrhundert in der Bundesrepublik muss man sich eher rechtfertigen, wenn man noch Mitglied in der Kirche ist. Man muss es aber fast noch mehr verteidigen, wenn man Familienfeiern unterm Weihnachtsbaum alles andere als erstrebenswert findet. Selbst als Atheist. Ungläubige haben Jahresendzeitfiguren und Erzgebirgekrippen mit Jägern und Hirten statt mit Engeln. Aber feiern tun sie auch.
Interessanterweise hat Charles Dickens mit „A Christmas Carol“ ein Rolemodel für die Weihnachtsfeier an sich erschaffen und zugleich ein Rolemodel des Weihnachtsmuffels, der, klar, was sonst, geizig, fies und hartherzig ist. Dickens Novelle ist die - nach der Bibel – meistverbreitete Weihnachtsgeschichte. Gegen diese literarische Übermacht hat es jeder Weihnachtsfeiermuffel schwer. Wer Familienzusammenkünfte unterm Weihnachtsbaum mit Kerzen, Weihnachtsmusik, Glöckchen, Geschenken, deftigem Essen und glücklichen Kinderaugen nicht erstrebenswert findet, hat ein Problem. Finden jedenfalls die meisten.
Eine Kerze ist okay
Ich finde, ich hätte ein Problem mit einer solchen Feier. Nicht ohne sie. Doch das muss ich immer wieder erklären. Denn die Leute halten Weihnachtsfeier-Muffel sofort für eingefleischte Eigenbrötler, vereinsamt und unglücklich. Das bin ich alles nicht. Ich habe aus für mich guten Gründen einfach keine Lust auf Weihnachtsfeiern. Ich will auch nicht der Weihnachts-Feier-Crasher sein und abends auf Halli-Galli mit der Giordano-Bruno-Gesellschaft machen. Ich will nicht auf einem Kreuzfahrtschiff in der Karibik feiern. Oder in Thailand so tun, als gäbe es das Fest gar nicht. Ich bin, ganz schlicht, lieber für mich an den Feiertagen. Oder sehr gerne mit meinem Liebsten. Na gut: Eine Kerze ist auch okay.
Nur eines gehört für mich unbedingt dazu an den Feiertagen: Der Gottesdienst mit anderen Christenmenschen, die frohe Botschaft der Weihnachtsgeschichte und das gemeinsam gesungene „O du fröhliche“. Und, ganz klar: Das Weihnachtsoratorium! Jauchzet, frohlocket! Diese Musik spannt sich für mich in überragender theologischer und musikalischer Größe und Tiefe über die Festtage bis ins Neue Jahr und den Dreikönigstag hinein. Wer braucht mehr, wenn er das hat? Mir ist das jedenfalls genug.
Angela Rinn
Angela Rinn ist Pfarrerin und seit 2019 Professorin für Seelsorge am Theologischen Seminar der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Herborn. Sie gehört der Synode der EKD an.