Als Der Spiegel mit „Kultur aus den Slums: brutal und häßlich“ Punk 1978 zur Titelstory machte, war der sinister-freche und wuchtig-heitere Schaulauf der Sex Pistols bereits fast Geschichte. Mit Anarchy in the UK, God Save The Queen und ihrem Album Never Mind the Bullocks, Here’s The Sex Pistols hatten sie eine ebenso fruchtbare wie nachhaltige Lawine aus rotzig-klarem Benennen und Do-it-Yourself-Ästhetik losgetreten, die für die meisten erst mal Peter Bursch ohne VHS bedeutete, nicht so aber für die von dieser Pogo-Welle gepackten Swell Maps aus Solihull bei Birmingham. Biggles Books, Jowe Head und die Godfrey-Brüder Adrian und Kevin (aka Nikki Sudden und Epic Soundtracks) hatten sich schon seit 1972 Gitarre und etliche andere, oft haushaltsnahe Klangquellen wie Kindersaxophone oder Staubsauger erschlossen und waren zudem von Krautrockern wie Faust und vor allem Can fasziniert: „Die Leute hielten uns für Hippies und brüllten Schimpfwörter wie Pink Floyd “, erinnerte sich Epic an den ersten Swell-Maps-Auftritt. „Keiner begriff, was wir machten, weil wir nicht wie Bondage-Punks aussahen.“
Weihnachten 1977 war das, da hatten sie ihre erste Single Read About Seymore gerade raus. Ein Reggae auf Turbospeed, dazu Suddens nöliger Gesang, Lyrics, die irritierten, und kräftig über Pogo-Stampf hinaus repetierende Muster, die an Can-Psychedelik gemahnten, bis sie in Noise versandeten. Der immer hellwache John Peel indes hatte ein Ohr für dieses Zugleich von Davor und Danach – Swell Maps waren zwar mittendrin, doch schon Postpunk. Er lud sie 1978, damals noch ohne Album (sie schafften zwei), zu einer ersten seiner legendären BBC-Sessions ein, auf die zwei weitere folgten. Die gibt es hier jetzt in Gänze. Nicht bloß, dass sie mit dem Ansatz und ihrem Gitarrensound Bands wie Sonic Youth oder Pavement inspirierten und Kurt Cobain häufig in SM-T-Shirts auftrat, sie also – obwohl bis zur Auflösung 1980 notorisch erfolglos – immens einflussreich waren, vielmehr ist ihr Amalgam aus exaltiertem Stampfen/Springen mit detailgesättigtem Extra-Wumms ein Meilenstein, der heutztage nicht bloß die auf eigenes Versanden blickenden Boomer in nostalgische Verzückung reißt, sondern gegenwartsrelevant mit Wuchtwut und Heiterkeit füttert. Anspieltipp ist die Doppelnummer Vertical Slum/Forest Fire mit Ekstase-Sax-Explosion und Mundharmonika-Hetzjagd, die ebenso grooven wie sie für Pogo-Stump taugen – ein beseeltes Irgendwo zwischen Zerlegen und Erheben; außerdem der 1980er-Track Big Empty Field, der gewieft-lässig dem Breakbeat vorgreift. Staunen erlaubt. Man wippt, springt, singt grölend mit und hat dieses befreiende Empfinden von Verortung. Brutal und hässlich ist die Welt, aber ganz und gar nicht der musikalische Reim, den sich die Swell Maps darauf machen.
Udo Feist
Udo Feist lebt in Dortmund, ist Autor, Theologe und stellt regelmäßig neue Musik vor.