Wesen, das besteht

Avishai Cohens: Naked truth

Die Platte zum neuen Jahr hat etwas Intimes. Sie ist so sehr Teil eigener Mußestunden, dass ich bisher nicht darauf kam, sie zu teilen. Dabei ist ihre nackte Wahrheit so wunderbar klar und offen, so selbstbestimmt und unaufgeregt, dass ich ihr viele offene Ohren wünsche. Darum gehört sie an das Tor der Zeit. Ihre Essenz ist eindringlich wie Angelus Silesius: „Mensch, werde wesentlich, denn wenn die Welt vergeht, so fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht.“ Und sie ist erlösend wie Christian Morgenstern: „Alles ist vielleicht nicht klar, nichts vielleicht erklärlich, und somit, was ist, wird, war, schlimmstenfalls entbehrlich.“

Über die Pole dieses Weltwissens spannt der israelische Trompeter Avishai Cohen in einer Suite aus acht Tönen, die in Teil II exemplarisch klingen, das Seil seiner Erkenntnis. Wie die vier Hobbits machen sich Avishai Cohen und seine drei Mitmusiker in klarer Rollenverteilung auf den Weg: am Bass geschwisterlich begleitend und geleitend Barak Mori, am Klavier vor allem unwegsamen Lebensgeröll mit einem weichen Teppich beschützend Yonathan Avishai, am Schlagzeug alle und alles in nimmermüder Bewegung haltend Ziv Ravitz. Dabei sind die Abenteuer der vier eher innerer Natur und die Verarbeitung dessen ein unaufhörliches Wahrnehmen und Loslassen, ein andauerndes Entschleunigen und Entschlacken – ein fortwährender Vertrauensbeweis an das Leben, das sich selbst genug ist und niemandem etwas beweisen will. Mit dem Tor zu sich selbst öffnen sie das intime Tor des Vertrauens.

Das gelingt in jedem Part anders – mal durch die Nähe zwischen tieftönend luftiger Trompete und samtig in hoher Lage gezupftem Bass, mal zwischen chromatisch gestaffelten Klavierbordüren und deren silbrig angelegter rhythmischer Spiegelung mit Hi-Hat und Becken. Diese Begegnungen sind spielerisch, aber nicht verspielt, leichtfüßig, aber nicht leichtsinnig, zielsicher, aber nicht geradeaus. Sie folgen ihrem roten Faden. Der zieht sich durch Part I bis VIII, wird unwillkürlich zum eigenen, und gipfelt in Part IX unvermutet und doch unbeirrbar in einem neuen Gewand: Avishai Cohen legt die Trompete zur Seite und spricht. Er rezitiert, vom Klavier unterlegt, das Gedicht Departure der israelischen Dichterin Zelda Schneurson Mishkovsky (1914–1984), bekannt unter ihrem Vornamen Zelda. Avishai Cohen hat es gemeinsam mit Sharon Mohar ins Englische übertragen. Es beginnt mit dem Satz: It is necessary to begin the departure from the splendour of the skies and the colours of earth (Es ist notwendig, Abschied zu nehmen von der Herrlichkeit des Himmels und von den Farben der Erde) und endet schließlich, nach dem letzten Ton des Klaviers, mit … and before the end, to live with the fear of their death, and the certainy of my own (Und, vor dem Ende, zu leben mit der Furcht vor ihrem Sterben und meiner eigenen Gewissheit). Keine Angst vor Schwere, vielmehr Freude an Tiefe, die sich eröffnet zwischen Sonnenunter- und Mondaufgang, zwischen Nebeln und leuchtenden Sternenhimmeln.

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