Einmal großer Wurf, bitte!

Drei Wünsche an die Rentenkommission der Bundesregierung
Foto: Rolf Zöllner

Wann war die Rente in Deutschland eigentlich einmal wirklich sicher? Vermutlich lange vor jenem berühmten Satz von Norbert Blüm im Jahr 1986, den man fast nicht mehr zu zitieren wagt. Schon damals war klar, dass eine alternde Gesellschaft und schrumpfende Jahrgänge der Beitragszahler das Umlagesystem unter Druck setzen. Demografiefaktor, Riester-Rente, Haltelinien – all das hat in den vergangenen Jahrzehnten keine überzeugende und dauerhafte Antwort geliefert. Nun soll eine Rentenkommission erneut einen großen Anlauf nehmen und bis zum kommenden Sommer Vorschlä­ge vorlegen. Diesen will dieser Kommentar nicht vorgreifen. Doch nach Jahrzehnten von Reförmchen und Stellschraubendreherei und dem andauernden Streit darüber haben sich drei Wünsche angesammelt.

Erstens: Es braucht endlich einen großen Wurf. Wenn die heute Erwerbs­tätigen immer wieder hören, die Rente sei unsicher, die Politik aber nur nachjustiert und die grundlegende Reform aufschiebt, wächst das Misstrauen. Es geht um materielle Sicherheit für bis zu drei Jahrzehnte des Lebens – eine Phase, in der wir körperlich und geistig oft nicht mehr auf der Höhe sind. Politik muss den Generationen X, Y und Z ein verlässliches Gesamtpaket vorlegen, das die kommenden Jahrzehnte trägt und nicht nur Symptome verwaltet.

Zweitens: Es muss mehr Geld ins System. Wer meint, das sei nicht finanzierbar, unterschätzt, dass es vor allem eine Frage politischer Prioritätensetzung ist. Möglichkeiten gibt es viele: höhere Steuerzuschüsse, etwa aus stärkerer Besteuerung von Kapitalgewinnen, oder mehr Beitragszahler durch die Ein­beziehung von Beamten und Selbstständigen. Ja, auch sie erwerben Ansprüche – doch wer beim Berufsnachwuchs beginnt, schafft erst einmal Jahrzehnte lang Einnahmen und federt den absehbaren Babyboomer-Buckel ab. Ergänzend könnten Erträge aus einem staatlich gemanagten Fonds ein­fließen – kostengünstiger und transparenter als die Riester-Produkte, die vor allem der Ver­sicherungswirtschaft hohe zusätzliche Einnahmen beschert haben.

Drittens: Alle sollten sich beteiligen. Höhere Beiträge dürfen kein Tabu sein. Sie sind nicht nur Kosten, sondern eine Investition in sozialen Frieden und den Wohlstand, von dem alle profitie­ren – auch die Wirtschaft. Ebenso muss über längere Lebens­arbeitszeiten gesprochen werden. Wir leben im Durchschnitt länger und gesünder als frühere Generationen. Doch manches Arbeitspensum verschleißt stärker als anderes: Was für akademische Bürojobs gilt, kann nicht für Tätigkeiten auf Baustellen, in Pflegeheimen oder Kitas gelten. Eine Reform muss diese Unterschiede ehrlich abbilden.

Die Aufgabe ist gewaltig, ohne Frage. Aber auch andere Länder wie Österreich, die Niederlande oder Dänemark haben – auf sehr unterschiedliche Weisen – Lösungen gefunden, die im internationalen Vergleich langfristig tragfähiger erscheinen. So bietet das niederländische System hohe Renten durch starke kapitalgedeckte Vorsorge, Dänemark koppelt das Rentenalter an die Lebenserwartung und kombiniert Grundsicherung mit staatlich verwal­teten Pensionskassen, und Österreich erzielt im umlagefinanzierten System vergleichsweise hohe Renten. Der große Wurf ist möglich, wenn man ihn wirklich will.

Einzelartikel kaufen

Sie erhalten Lesezugriff für diesen Artikel.

2,00 €

einmalig

Kein Abo.

z(w)eitzeichen Abonnement

Sie erhalten Zugang zur Rubrik z(w)eitzeichen.

4,00 €

monatlich

Monatlich kündbar.

Online Abonnement

Sie erhalten Zugang zur gesamten Website und zur kompletten Printausgabe als PDF.

64,80 €

jährlich

Monatlich kündbar.
Haben Sie bereits ein Online- oder Print-Abo?
* Ihre Kundennummer finden Sie auf Ihrer Rechnung. Ein einmaliges Freischalten reicht aus; Sie erhalten damit zukünftig automatisch Zugang zu allen Artikeln.
Foto: Rolf Zöllner

Stephan Kosch

Stephan Kosch ist Redakteur der "zeitzeichen" und beobachtet intensiv alle Themen des nachhaltigen Wirtschaftens. Zudem ist er zuständig für den Online-Auftritt und die Social-Media-Angebote von "zeitzeichen". 

Weitere Beiträge zu „Politik“