Demut wird oft behauptet, aber leider wenig gelebt. Allerdings ist Demut auch immer ambivalent, denn längst nichtjede Demut dient dem Leben. Hans-Martin Gutmann, emeritierter Professor für Praktische Theologie in Hamburg und begeisterter Musiker, denkt zum neuen Jahr über Demut nach. Er hofft, dass dietoxische Demut schwinden und die heilsame Demut weltweit wachsen möge.
Albert Schweitzer (1875–1965) erzählt von einer Begegnung, die sein Leben verändert. Als er während einer Flussfahrt auf einem Boot an einer Herde Nilpferde vorbeigleitet, widerfährt ihm eine tiefe existenzielle Einsicht. Sie wird sein weiteres Leben entscheiden: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Das ist Antwort, so denke ich, auf die Frage: „Was ist Demut?“
Denn was macht mich selbst demütig? Die Liebe meiner Lebensliebsten. Die Intensität von Zärtlichkeit und Kraft einer Liebesbegegnung. Die Geburt unserer Tochter. Die Beziehung zu unseren Enkeln. Zwillinge, mittlerweile vier Jahre alt. Voller Charme, Lebenslust und Liebe. Das Glücksgefühl, wenn Kleinkinder – damals unsere Tochter, heute die Enkel – aus brenzligen und manchmal lebensgefährlichen Situationen unbeschadet herauskommen. Beispielsweise im Straßenverkehr. Die Erfahrung von Verlässlichkeit und Freundschaft, auch wenn ich Mist gebaut habe. Die Erfahrung, wenn ich in meiner lang andauernden Krankheit trotz häufiger und heftiger eintretender Einschläge immer noch auf die Beine komme: Danke, Gott.
Wir leben in einem Zeitalter, in dem Demut verloren geht. Von der Kommunikation in sozialen Netzwerken bis hin zum Handeln von politischen „Eliten“. Von den Fake-News und Hassmails, von den manipulativen und verlogenen Inszenierungen in den sozialen Netzwerken bis hin zu den menschenverachtenden und leider Gottes machtvollen Handlungen eines Elon Musk oder Wladimir Putin, Benjamin Netanyahu oder Donald Trump, denen Demokratie, Menschenrechte und Menschenleben vollkommen gleichgültig sind, wenn es darum geht, ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen durchzusetzen. Es herrscht die Mentalität des Siegen-Müssens. Eine Mentalität des Ausschaltens und Zunichte-Machens, zumindest der Entwürdigung von Gegnern.
Heilsame Demut braucht in dieser Situation Geistesgegenwart und Widerstandskraft gegen Demütigung durch Macht. Demütigung begegnet in vielerlei Gestalt. In Mobbing am Arbeitsplatz, auf dem Schulhof oder in Shitstorms im Internet. Demütigung begegnet und zerstört in der Androhung – und in der häufig wirksamen Realisierung – des Entzugs von sozialem Ansehen, von Wohlstand, oft genug in kriegerischen Konflikten der Zerstörung von Lebensmöglichkeiten und Leben.
Demut könnte eine kleine Kraft gegen diese zerstörerischen Entwicklungen sein. Demut wächst – als Lebensgefühl und als Haltung – aus kleinen, von außen gesehen unbedeutenden Alltagserfahrungen. Ich habe einen Tag lang zufällig begegnende, mir bekannte Menschen befragt: Was macht euch demütig? Ich nenne einige exemplarische Antworten.
Ein Sprachlehrer und Jazzmusiker erzählt von einer kleinen, aber hinreißenden Begegnung. „Ich spreche jetzt zum Thema Demut und habe ein Beispiel im Kopf, was mir kürzlich passiert ist. Und zwar habe ich eine Jazz-CD gehört mit Joe Henderson, und das war eine sehr schöne Trio-Aufnahme mit super interessanten Gigs und tollen musikalischen Ideen. Aber als die CD fast zu Ende war, da war auf dem Balkon deutlich zu hören, dass die Amsel wieder im Baum saß. ... Und dann muss ich ganz ehrlich sagen, dass ich, bei aller Ehrfurcht vor den großen Musikern, vor diesem kleinen Vogel noch ein bisschen mehr Ehrfurcht habe. ... es ist auf jeden Fall unglaublich und in den Variationsmöglichkeiten, die er da so zeigt, auch unübertroffen. Das ist sozusagen auch ein Gefühl von, ja, von Demut im Sinne von: Unsere Natur auch im Akustischen oder Ästhetischen hat so viel zu bieten, dass wir unsere ganzen menschlichen Leistungen auch mal in Relationen sehen können ... Ich bin nicht obendrauf auf allem, sondern ein Teil davon.“
Entwaffnende Variante
Ein Ingenieur und Familienvater: „Ich muss kurz nachdenken. Ich habe Demut vor der großen weiten Welt und der Natur, vor dem Leben, das uns umgibt. Ich spüre, ich verspüre mich als kleines Wesen, welches die Umgebung auch so akzeptieren sollte, wie sie ist, um frei und entspannt in ihr zu leben. Und ich empfinde Demut gegenüber dem Gedanken der Familie, die so groß und wichtig ist, dass vieles ganz schnell zweitrangig wird. Das sind meine allerersten Gedanken zum Thema ‚Demut‘.“
Die Antwort eines Pastors und Jazzmusikers: „Demut, umso wirksamer in der Kombination mit Freundlichkeit, ist eine entwaffnende Variante in der Begegnung mit einem Hochmütigen. Demut halte ich für eine Voraussetzung der Selbstkritik und der Bereitschaft, sich kritisieren zu lassen, ohne sich verletzt zu fühlen. Demut halte ich für eine Bedingung für die Hingabe der beglückenden Art. In der Liebe, vor allem in den Phasen, in denen eher das Handwerk als die Kunst gefragt ist, habe ich die Erfahrung gemacht, dass es nicht weiterführt, im Recht zu sein, Demut scheint mir eine Haltung zu sein, der die Frage, wie es zusammen weitergehen und schön werden kann, wichtiger ist als die Feststellung, recht zu haben.“
Die Antwort einer Bischöfin: „Demut. Das ist eins der Worte, das zugleich fremd und vertraut in meinem Mund schmeckt. Fremd, weil es in meiner Lebenswirklichkeit kaum vorkommt. Demut? Das klingt nach Duckmäusertum, nach Resignation, nach Unterwürfigkeit. Dagegen spricht alles, was heute zählt: Ich gehe an die Grenzen des Möglichen, in jeglicher Hinsicht. Ich beharre auf meinem Recht und zahle dafür notfalls den besten Anwalt.
Vertraut, weil mir meine Oma vor gut 30 Jahren ins Poesiealbum geschrieben hat: ‚Wohin Gott dich stellt, da stehe mit Mut und Demut.‘ Ich sehe ihre leicht zittrige Handschrift vor mir. Zittrig, aber kerzengerade. So war meine Oma bis zuletzt. Aufrecht, sogar als sie schon am Rollator gehen musste. Und der Dutt saß immer. Meine Oma ist mir Vorbild. Bis heute ... Demut. Eins meiner Herzensworte.“
Diese Statements zeigen ein heilsames Lebensgefühl von Demut. Viele weitere solcher Erfahrungen ließen sich erzählen. Wir sind nicht die Macher unseres Lebens. Wir sind aus Liebe geboren und bleiben abhängig von Liebe, unser ganzes Leben. Wir sind nicht zum Siegen-Müssen verdammt. Wir sind füreinander verantwortlich – sowohl untereinander als auch gegenüber der Natur. Diese Verantwortung ist wichtiger als die Durchsetzung eigener Interessen.
Heilsame Demut verlässt niemals die grundlegende Haltung von Achtung und Wertschätzung. Auch nicht gegenüber Menschen, die zu Gegnern werden. Aber: Demut ist wie jede menschliche Haltung ambivalent. Es gibt Formen von Demut, die Lebensmöglichkeiten und Leben gefährden. Sich kleinmachen in Konflikten, in Familien, in Liebesbeziehungen und Freundschaften. Unterwürfigkeit zeigen gegenüber politischer Herrschaft und gegenüber Machtgestalten am Arbeitsplatz. Sich wegducken, wenn Einschreiten notwendig wäre: beispielsweise wenn ich in einer U-Bahn bemerke, wie Menschen wegen ihrer Herkunft, ihres Aussehens oder ihrer körperlichen Beeinträchtigung gehänselt oder sogar misshandelt werden – und mich in mich selbst zurückziehe. Demut im heilsamen Sinne ist keine Sache für Menschen mit verbogenem Rückgrat. Keine Frage: Es ist schwer, dies im eigenen Lebensvollzug zu realisieren.
Heilsame Demut hat einen zerstörerischen Schatten. Dann bedeutet Demut: sich Demütigung unterwerfen. Diktaturen funktionieren nur, weil sich die meisten Menschen in einer Gesellschaft freiwillig unterwerfen. Diese Verzerrung raubt Menschen ihre Selbstachtung, ihre Fähigkeiten und ihr Lebensglück – und führt eine Gesellschaft, wie wir aus der Geschichte wissen, in die Katastrophe. In Deutschland haben Unterwürfigkeit, mangelnder Widerstand und Massenzustimmung die Nazi-Diktatur erst möglich gemacht. Die Folgen waren grauenhaft: die Shoah, Millionen Tote durch den Angriffskrieg, die Ermordung aller, die anders dachten oder auch nur einen Witz über die Machthaber machten.
Demut im Verhältnis der Geschlechter: Das Problem der Rollenfestschreibung wird seit Jahrzehnten von der Frauenbewegung thematisiert. Hier verzerrt Demut, historisch dauerhaft den Frauen zugeschrieben, menschliche Beziehungen und gesellschaftliche Verhältnisse. Dabei ist Hingabe in zwischenmenschlichen Beziehungen lebensförderlich. Eigene Lebensperspektiven hingeben für Beziehungen, in denen Leben entstehen und geschützt werden muss – diese Haltung prägt die Qualität von intimen und solidarischen Beziehungen. Problematisch wird Demut hier durch die historische Festschreibung der Rollen und ihre herrschaftliche Verzerrung. Unbezahlte und gesellschaftlich unterbewertete Arbeit in Beziehungen – vor allem bei Kindern und in der Pflege alter und kranker Familienmitglieder – wird in patriarchalen Systemen den Frauen zugeschrieben.
In der Perspektive von intersektionaler Gerechtigkeit wird realisiert, dass Menschen multiple, einander überschneidende Identitäten haben. Dass sie dadurch verschiedene Formen von Diskriminierung gleichzeitig erfahren können. Mittlerweile haben die Diskurse über Gender, haben zudem die LGBTQ-Bewegung und der Kampf für die Lebensrechte von queeren Menschen auch in Westeuropa und Deutschland die Sicht auf Unterdrückungserfahrungen verschärft und sensibilisiert. Heilsame Demut fordert hier Wahrnehmungsoffenheit, Solidarität und Parteilichkeit für die, die auf gleicher Ebene durch unterschiedliche und einander überschneidende und verstärkende Demütigungsstrategien der Entrechtung, der Nicht-Thematisierung und Verächtlichmachung um ihre Lebensmöglichkeiten gebracht werden.
Die Bewahrung des gemeinsam geteilten Lebenszusammenhanges wichtiger zu nehmen als die Durchsetzung eigener Interessen – diese Haltung wurde immer schwächer, je mehr sich Gewinnorientierung als wichtigstes Ziel in der vorherrschenden Wirtschaftsform durchgesetzt hat. Dominierend ist die Haltung, sich in der Konkurrenz durchsetzen zu müssen: die Haltung des Siegen-Müssens. Die Hingabe eigener Lebensinteressen für die Bewahrung von Lebensmöglichkeiten für alle – diese Haltung ist heute keineswegs selbstverständlich, besonders in den Feldern von Wirtschaft und Politik. Heute findet sich diese Art zu wirtschaften in gesellschaftlichen Nischen, wo Menschen noch für sich selbst produzieren, in unseren privaten, intimen Beziehungen – und in der Religion.
Heilsame Demut: Wir sind füreinander verantwortlich – untereinander und gegenüber den Mitlebenden, das ist unbedingt verpflichtender als die Durchsetzung eigener Interessen. Diese Haltung braucht Geistesgegenwart und Widerstandskraft gegen Demütigung durch Macht – bei Mobbing am Arbeitsplatz, auf dem Schulhof oder in Shitstorms im Internet. In der Androhung – und Realisierung – des Entzugs von sozialem Ansehen, von Wohlstand, oft genug in kriegerischen Konflikten der Zerstörung von Lebensmöglichkeiten und Leben.
Lebensrettendes Potenzial
Die dunkle Seite der Demut kann an Kraft verlieren. Die heilsame Seite muss geübt, gelebt und bestärkt werden. Darin liegt meine Hoffnung: mit Demut ein wichtiges Potenzial zur Lebensrettung auf unserem Planeten zu stärken.
Wir brauchen heilsame Demut mehr denn je, jene Demut, die aus Dankbarkeit erwächst und dem Glück, lebendig zu sein, mit Leben beschenkt zu sein und Leben teilen zu können. Diese heilsame Demut hat Ich-Stärke zur Voraussetzung und stärkt sie. Heilsame Demut übt den aufrechten Gang, die Klarheit in Liebe und Zärtlichkeit genauso wie die Klarheit und bisweilen Härte in Konflikten. Heilsame Demut ist mit Macht in einem lebensförderlichen Sinne verschwistert: Macht ist Lebensmut. Ob in der Bürgerrechts-, Gender- und Frauenbewegung – heilsame Demut kann weitergegeben werden: als Empowerment für die, die das besonders brauchen.
Literatur
Hans-Martin Gutmann: Brauchen wir Demut? Über Maß, Macht und Menschlichkeit in unsicheren Zeiten. Omnino Verlag, Berlin 2025,180 Seiten, Euro 16,–.
Hans-Martin Gutmann
Dr. Hans-Martin Gutmann ist emeritierter Professor für Praktische Theologie in Hamburg.