Licht und Schatten

Lutherstadt Wittenberg: Was von 2017 übrigblieb
Marktplatz in Wittenberg mit Luther und Melanchthon.
Foto: picture alliance/Artcolor
Marktplatz in Wittenberg mit Luther und Melanchthon.

Im Sommer 2017 fand in Wittenberg die große Weltausstellung der Reformation statt, die damals von der EKD angestoßen und veranstaltet worden war. Wie sieht es heute aus in der Hauptwirkungsstätte Martin Luthers, fast ein Jahrzehnt nach dem großen Hype? Setzt die evangelische Kirche immer noch auf die „Mutterstadt der Reformation“? zeitzeichen-Chefredakteur Reinhard Mawick hat sich umgehört.

Es ist trüb, kalt und wenig einladend, in diesen Wintertagen durch Wittenberg zu gehen. Dieses Schicksal teilt die knapp 50 000 Einwohner zählende Stadt, die sich seit gut einhundert Jahren „Lutherstadt“ nennt, mit anderen Orten. Auch, dass es im Bereich der Altstadt eine ganze Menge Leerstand gibt, ist nichts Besonderes. Immer wieder kommt der Spaziergänger an sperrholzverhangenen Fenstern vorbei, die sich im Parterre hervorragend als Plakatwand eignen. So wird jetzt am Beginn der Neustraße „Das Konzert der Gefühle“ angekündigt, in dem auch „Erinnerungen an Ivan Rebroff“ zu hören sein werden. Alltag zur Winterzeit in der Provinz. Wer‘s mag ...

Wenig zu spüren ist hingegen vom ganz großen Konzert der Gefühle, das es vor gut neun Jahren hier gab, als über fünf Monate lang die Weltausstellung der Reformation in Wittenberg lief, und die ganze Stadt im Bann der 500-Jahrfeier der Reformation stand. Im Jahr 2016 war der etwas außerhalb der historischen Stadt gelegene ICE-Bahnhof als zweiter grüner Bahnhof Deutschlands eingeweiht worden. Damals wurden auch alle Besucher am Bahnhof vom Bibelturm begrüßt. Der 27 Meter hohe Turm war als überdimensionale Bibel gestaltet und galt damals als „größtes Buch der Welt“. Wie passend, war doch 2017 gerade die revidierte und bis heute im Raum der EKD offiziell gebräuchliche Übersetzung der deutschen Bibel Martin Luthers erschienen. Und stieg man die 162 Stufen empor, wurde man mit einem herrlichen Blick auf die Altstadt Wittenbergs, das Lutherhaus, das Rathaus samt Marktplatz sowie auf Stadtkirche und Schlosskirche belohnt.

Ein Hingucker

Leider stand der Wittenberger Bibelturm nur wenige Monate am Hauptbahnhof. Schon Ende 2017 wurde er abgebaut, war er doch wie vieles während der von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) maßgeblich organisierten Weltausstellung „Tore der Freiheit“ nur eine temporäre Installation. Schade, dass es den Bibelturm nicht mehr gibt, denkt der Besucher heute, wäre nicht nur bundesweit ein Hingucker, so ein Bibelturm, sondern auch schlicht praktisch für anlandende Touristen, eine erste Attraktion gleich nach dem Aussteigen.

„Ach was, ich bin sehr dankbar.“ Klagen ist nicht die Sache von Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör. Der geborene Wittenberger, der 2015 ins Amt kam, ist meist fröhlich, und er weiß, dass ihn das von vielen seiner Bürgerinnen und Bürger am Ort unterscheidet. Besonders dankbar ist der 53-Jährige für die großen baulichen Geschenke, die seine Stadt im Zuge des Reformationsjubiläums erhalten hat, zum Beispiel die Renovierung der Luthergedenkstätten und den Neubau des Ensembles an der Schlosskirche, in dem sich heute das Predigerseminar der mitteldeutschen, der anhaltischen und der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) befindet. Und die EKD selbst unterhält in diesem herrlichen Ensemble hinter der Schlosskirche in einem schönen Gebäude ihr Zentrum für evangelische Gottesdienst- und Predigtkultur (ZfGP).

Auf Nachfrage aber gibt der OB unumwunden zu, dass er sich freuen würde, wenn es von Seiten der EKD mehr Interesse und Engagement in Wittenberg gäbe. Zuweilen habe er doch den Eindruck, es liefe hier alles ein bisschen ziellos und auf Sparflamme. Der große Impuls, der 2017 gesetzt sei, drohe jedenfalls zu verpuffen.

Das kann Karl Tetzlaff bestätigen. Den 38-jährigen promovierten Systematischen Theologen trifft man in der Leucorea, der modernen Forschungs- und Tagungsstätte in den früheren Universitätsgebäuden der Lutherstadt. Dort ist Tetzlaff seit 2023 Geschäftsführer. Die Leucorea ist eine Stiftung öffentlichen Rechts an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Richtigen Unibetrieb gibt es dort zwar seit 1815 nicht mehr, aber die Leucorea fördert und organisiert eifrig Forschungen zur Reformationsgeschichte und Vortragsreihen zu den kulturellen Wirkungen der Reformation bis in die Gegenwart (siehe Rezension Seite 62).

Tetzlaff war damals, 2017, als Projektkoordinator beim Verein des Reformationsjubiläums beschäftigt und hat kurz danach den offiziellen Dokumentationsband über die verschiedenen Projekte verfasst, die damals in und um Wittenberg stattfanden. Damals war es das erklärte Ziel der EKD, eine „dauerhafte, über 2017 hinausgehende Präsenz in Wittenberg aufzubauen“, erinnert er sich. Dafür stand zum Beispiel die damals gegründete, jetzt aber abgewickelte Wittenberg-Stiftung. Damals sei es der EKD auch allgemein um „den Osten“ Deutschlands gegangen. Man wollte etwas gegen dessen mangelhafte Wahrnehmung in der „von den großen und finanzstarken westdeutschen Landeskirchen dominierten“ EKD tun. Leider, so Tetzlaffs Fazit heute, sei das aber schon 2017 nicht wirklich gelungen. So habe es im Rückblick eine gewisse „Jammerstimmung“ gegeben, weil 2017 erheblich weniger Menschen aus den westlichen Bundesländern nach Wittenberg gekommen waren als erhofft.

In summa hat Tetzlaff stark den Eindruck, dass das Engagement der EKD „in einem deutlichen Rückbau“ begriffen sei. Das sei schade, denn eigentlich biete Wittenberg „die Möglichkeit einer Präsenz im ostdeutschen Kontext, die angesichts der politischen Entwicklungen, nicht nur in Sachsen-Anhalt, wichtiger nicht sein könnte“. Dabei, so Tetzlaff weiter, sollte es der EKD nicht nur um Präsenz und Repräsentanz gehen, sondern auch darum, „kirchenbezogene Zukunftsfragen jenseits der großstädtischen Milieus zu bearbeiten und aus den ostdeutschen Transformationserfahrungen und Lebenswirklichkeiten zu lernen“.

Durchaus zufrieden zeigt man sich hingegen im Lutherhaus, dem großen Museum am Beginn der Altstadt, in Sachen Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirche am Ort. „Wir hatten zum Beispiel beim Deutschen Evangelischen Kirchentag 2025 einen gemeinsamen Stand“, sagt Thomas T. Müller, seit 2023 Direktor und Vorstand der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt mit Sitz in Wittenberg. Auch führe man gemeinsam mit der Evangelischen Akademie und mit der Stiftung Leucorea jährlich um den Reformationstag herum Luther-Studientage in Wittenberg durch. Sowohl die EKD als auch die EKM sind persönlich im Kuratorium der Stiftung vertreten, und damit, so Müller, „naturgemäß sehr eng in unsere Vorhaben eingebunden“.

In einer Liga mit den Pyramiden

Müller und seinem Team steht in diesem Jahr Großes ins Haus: Vor genau dreißig Jahren wurden die „Luthergedenkstätten in Eisleben und Wittenberg“ offiziell in die UNESCO-Weltkulturerbe-Liste eingetragen. Damals, so Müller, sei dieses Ereignis ein bisschen untergegangen, aber jetzt, zum 30. Jubiläum, soll es groß gefeiert werden, zum einen mit einem Fest in Eisleben, dem Geburts- und Sterbeort des Reformators Martin Luther, und mit einem festlichen Abschluss des Jahres, an dessen Details gerade eifrig gearbeitet wird. So viel steht fest: „Ab Juni wird bis zum Jahresende in jedem Monat eine andere Welterbestätte besonders im Mittelpunkt stehen.“ Und an Selbstbewusstsein mangelt es Müller nicht: „Wir wollen zeigen, dass Eisleben und Wittenberg als Welterbestätten in einer Liga mit den ägyptischen Pyramiden oder dem indischen Taj Mahal spielen.“

Mutig, mutig, doch warum nicht? Könnte sich von diesem Mut die evangelische Kirche am Ort, aber besonders auch die EKD, eine Scheibe abschneiden? Das wäre sicherlich angebracht. Natürlich herrschen andere Zeiten, natürlich ist das Geld knapp und „nach Corona“ ist eh alles schwieriger. Aber ein bisschen Wehmut befällt den Besucher schon, als er am dunklen Winterabend wieder in den Zug Richtung Berlin steigt, wenn er daran denkt, welchen Aufbruch die evangelische Kirche in der so genannten Lutherdekade und im Jubiläumsjahr 2017 in Wittenberg versucht hatte.

Als Tiger gestartet, als Bettvorleger gelandet? Das wäre vielleicht zu hart, aber die Wiedererrichtung des Bibelturms anlässlich der Feier von 30 Jahren UNESCO-Weltkulturerbe? Das wäre doch zumindest etwas … 

 

Weitere Informationen zu den erwähnten Einrichtungen in Lutherstadt Wittenberg erhalten Sie hier:

www.predigtzentrum.de
www.predigerseminar.de
www.luthermuseen.de
www.leucorea.de

 

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