Auto ohne Räder

Warum die Kirche ohne Fortbildung nicht in Bewegung kommt
Foto: Christian Lademann

In den Hörsälen der theologischen Fakultäten herrscht gähnende Leere. Seit Jahren sinkt die Zahl derer kontinuierlich, die sich neu einschreiben für das Theologiestudium, und der Trend setzt sich massiv fort. Schon jetzt beginnt sich diese Entwicklung in den landeskirchlichen Ausbildungsstätten für das Vikariat fortzuschreiben und in unmittelbarer Zukunft wird sie sich derart beschleunigen, dass eine Reihe von Landeskirchen kaum noch Interessent*innen für die zweite Ausbildungsphase haben. 

Wir beginnen zu ahnen, dass der ständig beschworene Schwund finanzieller Ressourcen zwar ein Problem ist, aber bei Weitem nicht unser größtes. Uns werden schlicht viel früher die Menschen fehlen als das Geld. Weder die sinnvollen Strategien, Multiprofessionalität in der Gestaltung kirchlicher Arbeit zu etablieren, noch gelingende Initiativen zur ehrenamtlichen Engagementförderung werden dieses Problem entschärfen. Die Ruhestandseintritte der Boomer-Generation intensivieren es zusätzlich. 

Ein Schattendasein

Die großen Herausforderungen im Hinblick auf die Umbildungsprozesse der kirchlichen Organisation werden von denjenigen bearbeitet werden müssen, die jetzt bereits im System sind und noch ein ganzes Berufsleben oder zumindest einen Teil davon vor sich haben. Das ist die Realität im Hinblick auf die kirchlichen Berufsgruppen und ähnlich stellt es sich im Hinblick auf ehrenamtlich Aktive dar. 

Vor diesem Hintergrund muss es nachdenklich machen, wie viel Energie und Aufmerksamkeit momentan in die Bereiche des Vikariates und die Reform des Theologiestudiums fließen, und wie wenig Beachtung die Fortbildung als Element der Kirchenentwicklung findet. Sachlich hängt das wohl mit den komplexen Rahmenbedingungen des Hochschulstudiums und der zweiten Ausbildungsphase zusammen. Vor allem im Hinblick auf das Vikariat hat diese intensive Beschäftigung aber auch ihren Grund in der identitätsstiftenden Funktion für die landeskirchlichen Selbstverständnisse. Während die Entscheidungen über die curriculare Gestaltung der zweiten Ausbildungsphase immer schon auch eine kollektive Verständigung der Organisation über ihr Selbstbild war, wurde Fortbildung tendenziell eher als Sache des Einzelnen betrachtet und fristete ein Schattendasein. 

Lernende Systeme

Es geht mir hier keineswegs darum, Aus- und Fortbildung gegeneinander auszuspielen. Die gelungenen Beispiele der Vikariatsreformen in den vergangenen Jahren, waren immens wichtig, damit diejenigen, die neu im Pfarrberuf beginnen, befähigt werden, mit den gegenwärtigen Herausforderungen produktiv umgehen zu können. Bereits etablierte und aktuell entstehende Reformen sind zudem ein wichtiger Baustein im Hinblick auf die kirchlichen Berufsbildprozesse. 

Diese Reformen verbinden sich häufig mit dem Anspruch, dass durch Ausbildung Kirchenentwicklung geschieht. Auch das ist richtig und in den Effekten durchaus beschreibbar. Allerdings wird auch immer klarer, dass es nicht im Wesentlichen Einzelne sind, die durch Innovation Umbildungsprozesse befördern. Es geht vor allem darum, dass ganze Systeme oder Teilsysteme miteinander lernen und in Bewegung geraten. Hier wird die Fortbildung relevant.        

Es bringt wenig, wenn Einzelne im Vikariat Kompetenzen für multiprofessionelle Arbeit im Team erwerben und dann im Berufseinstieg in Systeme kommen, in der diese Perspektiven nicht etabliert sind. Fortbildung ist der Raum, in dem Teams oder Kirchenkreise miteinander Strategien entwickeln und reflektieren, die Pluralität von Kirchenbildern wahrnehmen und aufeinander beziehen und kollektive Veränderungsprozesse initiieren können. 

Über landeskirchliche Grenzen hinaus

Diejenigen, die Fortbildung im kirchlichen Kontext gestalten, haben die Aufgabe, die Perspektiven der Vikariatsreformen aufzunehmen und diese Perspektiven für die Fortbildungsarbeit fruchtbar zu machen. Kirchenleitende haben die Aufgabe, Fortbildung deutlicher in den Fokus zu nehmen und sie konsequent mit kirchenentwickelnden Strategien zu verzahnen. Perspektivisch wird die Frage sein, wie Landeskirchen im Zuge des Rückgangs finanzieller Ressourcen die Strukturen für wirksame Fortbildung weiter aufrechterhalten können. Diese Frage müssen wir dringend jetzt konzeptionell in den Blick nehmen und nicht erst, wenn es in Kürze zu spät ist. Es wird darum gehen, nach Strategien zu suchen, die weiter reichen als bis an die landeskirchlichen Grenzen. 

Kirchliche Umbildungsprozesse lassen sich nicht top-down verordnen und durchsetzen. Kirchenentwicklung ohne Fortbildung ist wie ein Auto ohne Räder. Da geht es keinen Zentimeter voran. Für die überschaubare Zahl derjenigen, die sich aktuell im Vehikel befinden, wäre es doch wünschenswert, dass sie ein wenig Fahrtwind spüren können. Lange unterwegs sein werden sie ohnehin. 

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Foto: Christian Lademann

Katharina Scholl

Dr. Katharina Scholl ist Studienleiterin am Evangelischen Studienseminar Hofgeismar. Zuvor war sie Gemeindepfarrerin in Hanau-Großauheim.

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