Es braucht Oma und Opa

Warum es eine Gnade ist, Großeltern zu haben

Am ersten Weihnachtstag kamen die einen Großeltern, am zweiten die anderen. So war das bei uns in der Familie. Aus einer anfänglichen Gewohnheit wurde es  im Laufe der Jahre zu einer geliebten Tradition. Und an Tradi­tionen sind die Weihnachtstage bekanntlich so  reich wie keine andere Zeit im Jahr. Das blieb selbst dann so, als es für unsere Großeltern zunehmend schwieriger wurde, die jeweiligen Reisen auf sich zu nehmen. Aber sie kamen. Als einer unserer Opas recht früh gestorben war, kam die Oma allein. Verlässlich. Und wir Enkel freuten uns. Auch als wir schon fast erwachsen waren.

Unsere Großeltern waren kostbar für mein Leben. Und sie sind es bis heute, die einen wie die anderen. Obwohl – oder gerade, weil? – sie kaum unterschiedlicher hätten sein können. Schon früh habe ich begriffen, wie sehr die Erfahrungen, die ein Mensch macht, sein Leben und sein Wesen prägen. Die Eltern meines Vaters stammten aus Litauen und aus dem damals ostpreußischen Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, das zu Russland gehört. Während mein Opa im Zweiten Weltkrieg bei der Marine war, machte sich meine Oma im Januar 1945 mit ihren beiden jüngeren Söhnen von Königsberg aus auf die Flucht. Der älteste Sohn war als 17-Jähriger an die Front geschickt worden und kam nie wieder. Meine Oma hat diesen Verlust nie verwunden. Die Flucht war elend, eine Zeit jämmerlichen Frierens und quälenden Hungers, eine Zeit voller Läuse und Flöhe und Todeserfahrungen. Die Flucht dauerte lang, nach zwei Jahren Internierungslager in Dänemark schließlich die Ankunft bei Verwandten in Hanau. Gott sei Dank kam auch  der Opa unversehrt dorthin. Als Stempel blieb der Familie: „Flüchtlinge aus  dem Osten“. Diesen Stempel wurden sie gefühlt nie wieder los.

Geschichten liefen mit

Die Eltern meiner Mutter stammten beide aus Fabrikantenfamilien, die seit Generationen in einer kleinen südwestfälischen Stadt lebten. Der großväterliche Betrieb mit etlichen Angestellten konnte im Zweiten Weltkrieg kaum weiterlaufen, alle arbeitsfähigen Männer – auch mein Opa – mussten an die Front. Der Alltag zu Hause wurde währenddessen von den Frauen gemeistert. Meine Oma bekam im Krieg ihr drittes Kind; sie sorgte für das stattliche Haus, in dem die Familie lebte. Die Soldaten, die für kürzere oder längere Zeit dort ein­quartiert waren, hinterließen ihre Spuren. Gute Spuren – und auch schlimme. Auch hier kam der Opa äußerlich heil aus dem Krieg zurück. Aber seine Seele hatte Schaden genommen – und nachdem meine Oma über Jahre alles allein geregelt hatte, wurde in der Beziehung der beiden nichts mehr wie zuvor. 

Es waren unsere Omas, die erzählten. Gott sei Dank haben sie erzählt. Und wenn die Großeltern dann kamen – am ersten Weihnachtstag die einen, am zweiten Weihnachtstag die anderen –, und wenn ich dann staunte über ihre Unterschiedlichkeit, liefen ihre Geschichten mit. Gott gebe, dass da immer Großeltern sind, die ihren Enkeln erzählen – in Israel und in Palästina, in der Ukraine und in Russland, im Sudan und in Afghanistan. Und dass da immer Enkel sind, die zuhören und sich niemals abfinden mit Krieg und Flucht und Unrecht. Solange bleibt die Hoffnung wach.

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