Auf einmal Großvater
Reinhard Mawick, Chefredakteur von zeitzeichen, war sehr überrascht, als ihn vor mehr als drei Jahren das Los traf, Großvater zu werden. Jetzt kann er sich nicht mehr vorstellen, es nicht zu sein. Aber: Großvater zu sein, ist neben allen großen Freuden auch eine Herausforderung und nicht ganz ohne Sorgen. Ein höchst unvollständiger Versuch zu Enkeln, Kindern, den eigenen Großeltern, und was es mit einem selbst macht.
Das Geschenk war ein Schock, wenn auch ein absolut schöner. Es war kurz vor dem ersten Advent vor vier Jahren, als meine Tochter, damals 24, uns ein Ultraschallbild überreichte und sagte: „Ihr werdet Großeltern.“ Wir, also meine Frau und ich, und die künftigen Schwiegereltern durften es als Erste erfahren. Dem Rest der näheren Verwandt- und Bekanntschaft wurde es erst peu à peu zu und nach Weihnachten erzählt. Dann war der dritte Schwangerschaftsmonat vorbei, und dann erzählt man es ja eigentlich erst.
Großvater? Ich?? Vielleicht ist „Schock“ ein zu hartes Wort, aber es war wirklich sehr überraschend. Ich hatte nicht damit gerechnet, schon so jung Großvater zu werden. So zumindest mein Gefühl. Als im Sommer danach meine Enkelin geboren wurde, war ich 56,3 Jahre alt. Statistisch gesehen also eher spät dran, denn laut des Deutschen Alterssurveys von 2021 sind Männer im Durchschnitt 55,7 Jahre alt und Frauen sogar deutlich jünger, nämlich 52,8 Jahre, wenn sie Großeltern werden. So weit die Statistik. Aber ich fühlte mich im ersten Moment zu jung. Warum? Weil ich von mir auf andere schloss: Ich selbst bin „erst“ mit fast 30,9 Jahren Vater geworden, und als ich vor über einem halben Jahrhundert als kleines Kind erstmals realisierte, wie alt (an Jahren) die eigenen Großeltern sind, da waren die schon Mitte bis Ende Sechzig. Das lag aber daran, dass ich bei weitem nicht deren erstes Enkelkind war, sondern väterlicherseits Nummer acht und mütterlicherseits Nummer sieben. Als sie die Großelternschaft erstmals ereilte, waren meine beiden Großväter 56 Jahre alt und die Großmütter 49 und 51. Also deutlich jünger als ich. So weit die innerfamiliäre Statistik.
Doppelt gesegnet
Was schießt einem nicht alles durch den Kopf, wenn das erste Enkelkind unterwegs ist? Natürlich Freude und die Hoffnung und dass „alles“ gut wird. Aber an manchen Tagen auch die Angst, dass „etwas“ nicht gutgeht. Es kommen schon, wenn auch durch den Abstand einer Generation vielleicht ein bisschen abgeschwächt, dieselben Gedanken auf, die man selbst hatte, als die Geburt der eigenen Kinder bevorstand, damals in den Jahren vor und nach der Jahrtausendwende.
Man ist den eigenen Kindern, auch wenn sie erwachsen sind, in der Regel eben doch sehr eng verbunden, und das ist natürlich auch gut so. Trotzdem muss ich gestehen, dass ich in den Monaten der Erwartung des ersten Enkelkindes den abstrusen Gedanken traktierte: „Werde ich dieses Kind automatisch lieben?“ Ich weiß heute, dass dieser Gedanke absolut abstrus ist, denn er löst sich auf und man kann sich schnell nicht mehr vorstellen, ihn jemals gedacht zu haben. Spätestens sobald man das erste Mal dieses wunderbare kleine Wesen sieht und in Händen hält. Seit diesem April sind wir doppelt gesegnet, denn da wurde unser zweites Enkelkind geboren. Das „Zweitgroßvaterschaftseintrittsalter“, wenn ich das Wort mal eben erfinden darf, betrug bei mir nun bereits 59,1 Jahre.
Wir haben das Glück, dass Tochter und Schwiegersohn ziemlich in der Nähe wohnen, nicht gerade nebenan, aber in der Region. Auf Sonntagsfrühstücke und -kaffeetrinken begrenzte häufige Besuche lohnen sich. Das ist praktisch, denn meine Frau und ich sind ja (zumindest gefühlt) junge Großeltern, will sagen: Wir sind beide berufstätig und haben auf diesem Gebiet (hoffentlich) noch einige Jahre vor uns, und insofern ist unsere Familienzeit begrenzt. Um diese Nähe zu den Enkeln werden wir beneidet, weil wir Enkelin und Enkel bisher recht kontinuierlich aufwachsen sehen können. Aber: Man macht sich auch so seine Gedanken. Meistens versucht man, die für sich zu behalten, denn die eigenen Kinder sind erwachsen und selbstständig, und unsere Zeiten sind gottlob weit davon entfernt, dass man die Ohren anlegt und auch noch als Erwachsene darauf hört, was die (Groß-)Eltern sagen. Heute ist es eher so, dass man die jungen Leute bloß nicht nerven will, so wie man es von „früher“ selbst in Erinnerung hat. Nein, man ist dankbar, dass sie bisher jedenfalls absolut und glaubwürdig den Anschein erwecken, dass sie sich freuen, wenn man zu Besuch kommt, ob man Brötchen mitbringt oder nicht. So soll es bleiben. Denn selbst wenn man der jungen Familie gerne hilft, wenn’s sein muss auch ganz praktisch materiell, so sind meine Tochter und ihre Familie total eigen- und selbstständig. Sie stehen in jeder Hinsicht auf eigenen Füßen. Großartig.
Großvater und „Vota“
Das war früher, zumindest gefühlt, anders: Meine Großeltern waren nicht mehr berufstätig. Wenn man sie traf, ob man zu ihnen reiste – sie wohnten doch immer mehrere hundert Kilometer entfernt – oder sie zu einem kamen: Stets war man einige Tage mit ihnen zusammen, und die Ordnung war eine andere. Man war bestrebt, ihnen zu gefallen. Ohne Furcht, aber doch mit einem gewissen Respekt. Man imitierte ein bisschen, wie sich die eigenen Eltern verhielten. Meinen Großvater väterlicherseits sprach ich genau so an: „Großvater“. Den anderen, mütterlicherseits, nannte ich „Vota“. Dieser neue Eigenname war eine Verballhornung von „Opa“ oder „Großvater“, den meine älteste Cousine als Zweijährige erfunden hatte und derer sich dann alle zwölf nachfolgenden Enkel inklusive mir bedienten. Nie aber wäre ich auf die Idee gekommen, meine Großväter mit „Opa Hans“ oder „Opa Otto“ anzusprechen. Andererseits bin ich sehr gerne „Opa Reinhard“ und fände ich es sehr antiquiert, wenn meine Enkelin mich auf einmal „Großvater“ nennen würde. Gott bewahre!
Apropos Gott: Der spielte bei meinen Großeltern früher eine unterschiedliche Rolle. Ich bin als Kind zuhause selbstverständlich mit Tischgebet aufgewachsen. Wenn ich die Großeltern väterlicherseits besuchte, wusste ich auch, woher das kam. Denn bei diesen Großeltern in Detmold wurde nicht nur bei Tisch gebetet, sondern es wurden auch die Herrnhuter Losungen gelesen. Es wurde sogar, wenn die Runde größer war, „Aller Augen warten auf dich, Herre“ aus den Deutschen Gesängen von Heinrich Schütz vor dem Essen gesungen. Dass man in der Regel sonntags zur Kirche ging, war selbstverständlich.
Unterschiedliche Traditionen
Diese Tradition setzte sich zunächst in meiner Kindheit bei uns zuhause durch. Später verlor es sich irgendwie, obwohl meine Schwester und ich, in erster Linie durch unser Singen in der Kantorei, selbst sehr häufig im Gottesdienst waren und dann ja auch beide Theologie studierten und Pfarrer:innen wurden. Ich weiß gar nicht, wann wir das Tischgebet zuhause aufgaben. Bei meinen eigenen Kindern, so meine ich, haben wir es, als sie klein waren, auch versucht zu praktizieren. Aber meine Frau, obschon aus einer durchaus bewusst kirchlichen Familie kommend, kannte das Tischgebet von zuhause nicht und insofern setzte es sich nicht durch.
Bei meinen Großeltern mütterlicherseits hingegen, denen in Hamburg-Bergedorf, spielte das Gebet im Alltagsleben keine Rolle. Natürlich waren sie in der Kirche, beziehungsweise, wie ich als Erwachsener erfuhr, waren sie nach 1945 wieder eingetreten, nachdem sie in der NS-Zeit eine Pause eingelegt hatten und meine Mutter ungetauft, sprich „gottgläubig“, aufwachsen ließen. Bald nach dem Krieg änderte sich das und meine Mutter wurde getauft und konfirmiert sowie auch alle ihre Geschwister. Nur der ältere Bruder (Jahrgang 1932) war wohl in seinem Geburtsjahr noch vor der „Machtergreifung“ 1933 getauft worden. Ich erinnere mich genau, ich mag vier oder fünf gewesen sein, dass ich meine „Großmutti“ fragte, warum sie kein Tischgebet sprechen. Sie sagte: „Ach, Reinhard, Vota und ich beten vor dem Schlafengehen im Bett.“ Fand ich einleuchtend und sprach es nie wieder an.
Ganz anders lagen die Dinge bei den Detmolder Großeltern: Nicht nur, dass Tischgebet und -gesang, Losung und Lehrtext einfach dazugehörten. Mein Großvater väterlicherseits war für meine religiöse Sozialisation sehr wichtig. Ich mag zehn Jahre alt gewesen sein, als er mir ein Bibelwort nahebrachte, und zwar aus dem Hebräerbrief, Kapitel 11, Vers 1: „Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht des, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ Nicht nur einmal hat er den Vers mir gegenüber erwähnt, nein, mehrmals kam er darauf zu sprechen, sonst hätte ich es bestimmt nicht behalten. Ich weiß nicht mehr, warum Großvater mir diesen Vers nahebrachte oder was genau er noch dazu gesagt hat, aber: Der Vers hat sich mir eingegraben als früheste Rationalisierung des christlichen Glaubens. Ich habe damals verstanden: Der Glaube an den lieben Gott ist gleichzusetzen mit der Zuversicht, dass da immer Hoffnung ist. Gib deinem Herzen einen Stoß und glaube nicht, dass Gott nicht da ist, nur weil du ihn nicht sehen kannst. Mir ist der Vers ein Versprechen, das mich schützt und das mir hilft zu leben.
Daran musste ich ganz intensiv denken, als wir vor bald vierzig Jahren im Trauergottesdienst bei Großvaters Beerdigung am Ende jeder Strophe sangen: „Alles Ding hat seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit“. Besonders die letzte Strophe dieses Chorals, in der die Schlussformel der Strophe leicht verändert ist, hat sich mir eingegraben: Weil denn weder Ziel noch Ende / sich in Gottes Liebe find’t, / ei so heb ich meine Hände / zu dir, Vater, als dein Kind, / bitte, wollst mir Gnade geben, / dich aus aller meiner Macht / zu umfangen Tag und Nacht / hier in meinem ganzen Leben, / bis ich dich nach dieser Zeit / lob und lieb in Ewigkeit.
In keiner Weise kirchenfeindlich
Wieder zurück in die Gegenwart: Als meine Enkelin 2022 geboren wurde, war schnell klar, eine Taufe würde es erstmal nicht geben, denn mein Schwiegersohn ist nicht getauft und nicht im kirchlichen Kontext aufgewachsen. So ist es bis heute. Dabei sind meine Tochter und mein Schwiegersohn in keiner Weise kirchenfeindlich, aber anscheinend sind sie der Auffassung, dass „das mit der Kirche“ ihre Kinder doch selbst entscheiden sollen, wenn sie groß. Ausführlich gesprochen haben wir darüber bisher nicht, warum auch, man will ja – siehe oben – die jungen Leute nicht nerven, und es gibt ja wahrlich genug andere Themen.
Schade nur, dass so auch ein offizielles Willkommensfest für die Enkelin bisher nicht stattfand. Ich gebe zu, dass das innerlich an mir nagt, aber ich weiß, es ist mein Problem, denn – siehe oben – unsere Kinder stehen in jeder Hinsicht auf eigenen Füßen. Außerdem weiß die Forschung, dass „familienmissionarisches Partisanentum“ von Großeltern in der Enkelerziehung nichts bringt. Deshalb wäre es töricht und unangemessen, sie mit dem Thema Taufe zu nerven, aber ein bisschen traurig macht es mich manchmal schon.
Außerdem weiß man nie, was die Zukunft bringt. Ich schreibe schließlich als gefühlt junger Großvater. Wer weiß, wie ich mit meinen Enkelkindern zukünftig umgehen werde. Was sie erleben in ihrer und unserer zukünftigen Welt. Ich bin jedenfalls zutiefst dankbar dafür, dass ich nun Großvater sein darf, schlicht, weil es so glücklich macht. Jedenfalls ist es bei mir so. Möge es so bleiben. Und das mit der Taufe, das sollen meine Enkelkinder wirklich selbst entscheiden …
Reinhard Mawick
Reinhard Mawick ist Chefredakteur und Geschäftsführer der zeitzeichen gGmbh.