Oma und Opa im religiösen Wandel

Über die Bedeutung von Großeltern bei der Weitergabe des christlichen Glaubens
Älteres Paar mit jungem Kind fröhlich am Tablet.
Foto: epd
Ob sie gemeinsam die Bibel lesen? Großeltern mit Enkelin am Laptop.

Eine Studie aus diesem Sommer zeigt, dass Großeltern einen beachtlichen Beitrag zur religiösen Sozialisation leisten können. Aber nicht als  missionarische Partisanen gegen die Eltern der Enkelkinder. Die Kirche tut sich allerdings schwer mit Angeboten für Großeltern, meint der Journalist Matthias Kamann.

Oma ist die Frömmste. Dass dies immer so stimmt, lässt sich zwar bezweifeln. Aber in familiären Selbstwahrnehmungen rangieren Omas fast durchweg an der Spitze des jeweiligen Gläubigkeitsrankings: „Generell werden Großmütter von den Befragten als diejenigen mit der stärksten Religiosität erinnert“, heißt es in deutscher Übersetzung in der internationalen Vergleichsstudie Families and Religion, die im Sommer am Centrum für Religion und Moderne an der Universität Münster fertiggestellt und im Campus-Verlag veröffentlicht wurde.

Allerdings lässt sich aus jenem Befund nicht ableiten, dass Großmütter (und zuweilen Großväter) aus ihrer Spitzenreiterposition heraus die Glaubenshaltungen der Enkelkinder bestimmen und diese womöglich gegen indifferente Eltern religiös prägen würden. Denn gegen die Erziehungsmacht der Eltern kommen weder die Oma noch der Opa an. „Religiöse Sozialisation mit einem Elternteil, mit oder ohne Unterstützung durch Großeltern, ist effektiver, als wenn lediglich die Großeltern versuchen, ihre Enkelkinder ohne oder gar gegen die Eltern religiös zu erziehen“, schreiben die Autor:innen in dem von Christel Gärtner, Linda Hennig und Olaf Müller herausgegebenen Band. Für Forderungen nach familienmissionarischem Partisanentum der Großeltern also lässt die Studie, für die insgesamt rund 8 400 quantitative Befragungen und 100 qualitative Interviews in Deutschland und Italien, Finnland und Ungarn sowie Kanada ausgewertet wurden, wenig Platz. Das Gleiche gilt für Vorstellungen von der Oma, die à la „Heidi“ von Johanna Spyri ganz allein einem Kind das brave Beten beibringt.

Hohe Prägekraft

Dass reale Großeltern autonom nur wenig erreichen, heißt freilich nicht, dass sie bei der religiösen Erziehung der Enkelkinder nichts ausrichten würden. Wenn nämlich auch die Eltern der Enkel an deren religiöser Erziehung interessiert sind und mit den Großeltern hierbei kooperieren, ist die Prägekraft recht hoch. „Im Vergleich der Konstellationen ‚nur die Eltern‘ und ‚Eltern und Großeltern‘ erweist sich Letztere als signifikant erfolgreicher“, lautet der Studienbefund zu Deutschland. „40 Prozent der westdeutschen Befragten, die sowohl von beiden Elternteilen als auch von den Großeltern religiös erzogen wurden, schätzen sich heute selbst als ziemlich religiös ein.“ Demgegenüber seien nur 30 Prozent derjenigen religiös, „die lediglich von ihren Eltern religiös erzogen wurden“. Auf niedrigerem Niveau genauso groß seien jene Unterschiede in Ostdeutschland.

Dass somit Großeltern in gewissen Grenzen und unter bestimmten Voraussetzungen durchaus Einfluss auf die Religiosität von Enkeln haben können, muss Anhänger:innen einer generationellen Glaubensweitergabe und auch die Kirchen schon deshalb interessieren, weil hierbei grundsätzlich die Familie als Gesamtzusammenhang laut Studie weit relevanter ist als die Schule oder die Gemeinde. Es kommt eben auf die Familie an. Zwar habe auch Außerfamiliäres erhebliche Prägekraft vor allem während der Adoleszenz, konstatieren die Autor:innen für alle betrachteten Länder. Aber dieses Außerfamiliäre präge zumal Jugendliche immer stärker gerade durch religiöse Indifferenz. Mithin bedürfe eine Glaubensweitergabe zunehmend einer expliziten Eigenanstrengung der Familien. Entsprechend komme ohne familiäre Grundlagen fast nie etwas in Gang. Mit Bezug auf die ganz wenigen „Starters“, die aus komplett nicht-religiösen Familien stammen und dann religiös zu denken beginnen, wird in der Studie konstatiert: „Die Entdeckung des Glaubens ist ein extrem seltenes Phänomen.“

Ein Fall für Frauen?

Freilich können Familien, deren Mitglieder ja den gesellschaftlichen Wandel mitvollziehen, die Niedergangstendenzen des Religiösen weder stoppen noch gar umkehren. Immer mehr Familien tradieren Nicht-Religiosität – wofür es mittlerweile in der Regel genügt, dass Religiöses ausgespart wird. Denn dann werden Kinder und Jugendliche allein durch jene Säkularität geprägt, die in der Gesellschaft zur Normalität geworden ist. Doch auch religiöse Familien haben an jenen Tendenzen insofern teil, als in ihnen laut der Studie in jeder Generation der anhand verschiedener Parameter ermittelte Grad der Religiosität geringer ist als in der vorhergegangenen. Neben der Hauptursache nachlassender Glaubensüberzeugungen trägt zu jenem Rückgang auch bei, dass sich in allen betrachteten Ländern mehr und mehr das ausgesprochen lobenswerte Erziehungsprinzip der Wahlfreiheit in Sachen Religion durchgesetzt hat: Der Glaube wird – wenn überhaupt – als Option angeboten, über deren Nutzung die jungen Menschen allein entscheiden sollen. Oft fällt dann die Entscheidung zugunsten der Nicht-Nutzung aus.

Eine Rolle spielt offenbar auch, dass die Berufstätigkeit der Mütter zur Normalität geworden ist. Das ist insofern relevant, als Familien die religiöse Erziehung seit vielen Jahrzehnten den Frauen zuordnen, den angeblich so frommen Großmüttern genauso wie den meist auf Gläubigkeitsplatz zwei rangierenden Müttern. Wenn die Frauen zumindest zeitlich im Leben der Kinder weniger stark präsent sind als in manchen früheren Familienkonstellationen, dann dürfte auch dies dazu beitragen, dass religiöse Prägungen durch die Familie schwächer werden.

Erzgebirge 1939: Eine Großmutter liest ihren Enkeln aus der Bibel vor. Foto: picture alliance/SZ Photo

Erzgebirge 1939: Eine Großmutter liest ihren Enkeln aus der Bibel vor. Foto: picture alliance/SZ Photo

Ob Großeltern da etwas ausgleichen können? Für die Gegenwart, also für die jetzt relevant werdende Oma-/Opa-Generation der Geburtsjahrgänge zwischen 1955 und 1965, lässt sich dazu anhand jener Studie nichts sagen. Denn weil für diese auch die jüngste Generation, die der Enkel, schon befragbar sein musste und deshalb nur die bis 2003 Geborenen erfasst wurden, waren alle Teilnehmer:innen in einem Alter, das den aktuellen Generationenverhältnissen in Familien nicht mehr entspricht. Mithin konnte nicht berücksichtigt werden, was die jetzt minderjährige Enkelgeneration der nach 2009 Geborenen mit ihren zwischen 1950 und 1965 geborenen Omas und Opas erlebt, die heute den Hauptanteil der am meisten aktivitätsfähigen Großeltern bilden. Immerhin konstatieren die Autor:innen für den von ihnen betrachteten Zeitraum, dass der Anteil der Großeltern an der tatsächlich stattgefundenen religiösen Erziehung insgesamt nicht gesunken und eine Ver­größerung dieses Anteils wahrscheinlich sei.

Vor Pauschalisierungen aber und erst recht vor Forderungen an Omas und Opas in diesem Zusammenhang – warnt Michael Domsgen, EKD-Ratsmitglied und Professor für Praktische Theologie und Religionspädagogik an der Universität Halle-Wittenberg. „Generalisierend lässt sich über die Rolle von Großeltern bei der religiösen Bildung von Kindern und Jugendlichen kaum etwas sagen“, sagt Domsgen. Denn die Formen der Großelternschaft seien genauso vielfältig wie die jeweiligen Familienkonstellationen und würden sich daher genau wie diese nicht über einen Kamm scheren lassen. Hinzu komme, „dass die Spielräume von Großeltern gerade in religiösen Fragen begrenzt sind: Ihre Bedeutung ist nur so groß, wie die Eltern der Kinder es zulassen, und zu berücksichtigen haben sie ja auch noch, was die Großeltern von der anderen Familienseite bei diesem Thema denken“. Begrenzt, auch daran erinnert Domsgen, ist außerdem die Zeitspanne, die Großeltern zur Verfügung steht: Werden sie krank oder senil, können sie in aller Regel weniger Zeit mit den Enkelkindern verbringen und diese daher auch weniger stark prägen.

Emotionale Dimension

„Zugleich aber“, so Domsgen, „zeigen alle Untersuchungen, dass dort, wo sich Großeltern in Kohärenz mit den Eltern der Kinder um die Vermittlung von Religiosität bemühen, die Effekte groß sind – und zwar sehr viel größer als dort, wo äußere Institutionen wie Schule oder Kirche ohne familiäre Vor- und Zuarbeit eine religiöse Bildung zu vermitteln versuchen. Ohne die Familie und damit auch ohne die Großeltern hat religiöse Bildung im Allgemeinen nur eine geringe Wirkung.“ Was aber könnte dort, wo es eine Kohärenz von Eltern und Großeltern gibt, als spezifisch Großelterliches benannt werden? Da habe man „vor allem an die Aufschließung der emotionalen Dimension des Glaubens zu denken“, sagt Domsgen, „zumal ans gemeinsame Singen, an familiäre Rituale im Jahreslauf oder an das Erzählen oder Vorlesen biblischer Geschichten“.

Das allerdings gelte natürlich nur für solche Großeltern, denen der Glaube selbst etwas bedeutet. „Und das ist bei immer weniger älteren Menschen der Fall“, stellt Domsgen fest. „Familien haben zwar ihre eigene Logik und lassen sich nur ungern von außen beeinflussen, aber sie vollziehen die gesellschaftlichen Veränderungen mit, und wenn diese mit einem Rückgang der Religiosität einhergehen, dann zeigt sich der eben auch in den Familien und bei den Großeltern.“

Wegen jenes Eigensinns der Familien ist es nach Einschätzung von Domsgen „gar nicht so einfach zu sagen“, ob und wie die Kirche oder konkret eine Gemeinde die religiöse Bildung durch Großeltern unterstützen kann. „Zwar lässt sich kritisieren, dass hierüber in der Kirche offenkundig nur sehr wenig nachgedacht wird“, sagt Domsgen. „Aber Patentrezepte wird man nicht finden.“ Für „sinnvoll und ausbaufähig“ hält er Angebote wie „Kirche Kunterbunt“, wo einmal im Monat „und am besten häufiger“ Menschen mit Kindern jeweils einen Nachmittag lang zum gemeinsamen Spielen, Singen, Feiern und Essen zusammenkommen können. Dorthin können auch Großeltern mit ihren Enkeln gehen, „es sind also keine Eltern-Kind-Gruppen mit deren spezifischer Dynamik, sondern offene Angebote, wo man je nach Belieben mit den eigenen Enkelkindern spielen oder diese mit anderen Kindern spielen lassen kann“. Das könne eine religiöse Gemeinschaft gerade auch beim Singen und gottesdienstlichen Feiern sowie gemeinsamen Essen stiften. „Darüber hinaus scheint mir“, sagt Domsgen, „dass die Mitglieder gemeindlicher Seniorengruppen öfter mal in ihrer Rolle als Großeltern angesprochen werden sollten, also nicht als zu Betreuende, sondern als Akteure. Nach meiner Beobachtung sind ältere Menschen an so einem Austausch sehr interessiert und begrüßen es sehr, wenn sie mit ihren Kompetenzen und Fragen ernst genommen und unterstützt werden.“

Keine Erziehungsdebatten

Mutmaßen lässt sich unabhängig von Domsgen freilich, dass die bemerkenswerte Dürftigkeit bisheriger kirchlicher Angebote für Großeltern statt allgemein für Alte – mit geringer Nachfrage zu tun hat. So dürften auch bei den kirchlich Gebundenen in der aktuell jüngsten Oma-/Opa-Generation, bei den Boomern, Treffen mit anderen älteren Menschen in der Gemeinde ziemlich weit unten auf der Prioritätenliste stehen. Zudem haben die Boomer aus der Zeit, in der sie selbst noch Eltern kleinerer Kinder waren, wohl nicht nur positive Erinnerungen an den nachwuchsbezogenen Austausch mit anderen Erwachsenen, an Entwicklungsstandsvergleiche, Erziehungsratschläge und Schuldzuweisungen bei unerwünschtem Verhalten. Zudem ist denkbar, dass Großeltern die Fürsorge für die Enkel als spezifisch privates Handeln aus persönlicher Liebe empfinden und an Erziehungsdebatten mit anderen nicht interessiert sind.

Allerdings könnte gerade der private Charakter der Großelternschaft die für den Glauben und die Kirche Aufgeschlossenen auch stimulieren, den Enkeln etwas Religiöses zu vermitteln. Schon deshalb, weil die meisten noch kirchlich Verbundenen unter den Boomern ja gerade von dem oben erwähnten Wahlfreiheitsmodell in religiösen Fragen geprägt sind: Viele von ihnen haben auf jenes Optionsprinzip als Jugendliche gedrungen – es sich zum Teil gegen ihre eigenen Eltern erkämpft, und sie haben es dann selbst, sofern noch religiös interessiert, zur Leitlinie bei der Erziehung der eigenen Kinder gemacht. Und wenn diese, jetzt selbst Eltern, im Geist jener Wahlfreiheit ein ergebnisoffenes Anbieten der Religion als Option gutheißen oder zumindest tolerieren, dann können die Großeltern ja versuchen, den Enkeln da etwas Positives anzubieten. Hierbei könnte gerade die neuerliche Reflexion über eigene Glaubenszweifel und eigene negative Erfahrungen nicht nur dazu ermuntern, es selbst nun besser zu machen, sondern auch eine produktive Kraft bei der eigenen Biografiebetrachtung entwickeln. Im Übrigen können das gemeinsame Singen christlicher Lieder oder das Vorlesen biblischer Geschichten persönlich beglücken. 

Hier finden Sie die im Text erwähnte englischsprachige Studie „Family and Religion“ mit einer 30-seitigen Leseprobe
 

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Foto: Privat

Matthias Kamann

Dr. Matthias Kamann (* 1961) hat als Innenpolitik-Redakteur der WELT jahrelang über kirchliche Themen sowie die AfD berichtet. 2021 erschien: Annelie Naumann / Matthias Kamann, „Corona-Krieger. Verschwörungsmythen und die Neuen Rechten“ (Das Neue Berlin).   

 

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