Originell, aber rar
Obwohl die Bibel viele Familiengeschichten erzählt, nimmt sie Großeltern und Enkel selten in den Blick. Dennoch gibt es einige Geschichten davon, die es zu kennen lohnt – zumal eine große Schar an Kindeskindern in der Bibel als wichtiges Zeichen des Segens gilt. Der Journalist Uwe Birnstein hat ein Dutzend Stellen aufgespürt, vorrangig im Alten Testament, und stellt sie vor.
Enkel – ein Segen!
Hiob 42,16; Psalm 128,6; Psalm 145,4; Sprüche 17,6; Lukas 1,48
„Der Alten Krone sind Kindeskinder“ – so lautet ein Sprichwort aus dem biblischen Buch der Sprüche. Nachkommen sind laut Bibel ein Segen oder die „Krone“ des Lebens. Deshalb hatten fromme Menschen damals oft viele Kinder und Enkel. Zum Beispiel Hiob: Nachdem er die furchtbare Prüfungszeit hinter sich hatte, konnte er sich sogar noch über Ur-ur-ur-Enkel freuen. Was nicht schwer war bei einem Alter von über 140 Jahren. Auch der Psalmist griff den Gedanken an den Kindeskinder-Segen auf und drückte in einem Gebet aus, was sich fromme Großeltern wünschen: „Kindeskinder werden deine Werke preisen.“ Die Hoffnung, dass nachkommende Generationen sie in guter Erinnerung behalten werden, äußerte auch Jesu Mutter Maria in ihrem Lobgesang: „Von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.“
Zitat: „Der Herr wird dich segnen aus Zion, dass du […] siehst Kinder deiner Kinder.“
Ein Enkel lobt den Großvater
Jesus Sirach 1,1–3
Jesus Sirach verfasste eine heute zu den alttestamentlichen Apokryphen gezählte Weisheitsschrift. Die weisen Sprüche und Mahnungen darin scheint er auf der Grundlage eigener Lehrvorträge zusammengestellt zu haben. Von seinem Enkel wurde das Buch später ins Griechische übersetzt. Er verfasste auch ein Vorwort dazu. Darin betont er, sein Großvater habe sich beim Lesen der heiligen Schriften ein reiches Wissen erworben „und es unternommen, auch etwas von rechtem und weisem Leben zu schreiben“.
Zitat: „So hat mein Großvater Jesus mit besonderem Fleiß das Gesetz, die Propheten und die andern Bücher unserer Väter gelesen.“
Dreißig Enkelkinder
Richter 12,12 ff.
Vierzig Kinder am Frühstückstisch, noch dazu eigene? Ganz so wird es Abdon nicht gegangen sein. Der „Richter“ – also der Anführer des altisraelitischen Stammesverbands – wird viel umhergezogen sein und mal hier, mal dort seine Zeugungskraft unter Beweis gestellt haben. Die Folge: Er wurde Vater von vierzig Kindern und Großvater von dreißig Enkelkindern. Allesamt sollen sie einmal auf siebzig Eseln geritten sein – was nach einer Parade klingt. Übrigens: Von den Müttern all dieser Kinder ist nichts überliefert – was wieder mal zeigt, dass die Bibel von Männern geschrieben wurde.
Zitat: „Der hatte vierzig Söhne und dreißig Enkel, die auf siebzig Eseln ritten.“
Der lahme Enkel
2. Samuel 4 ff.
Ein Fünfjähriger soll König werden? Zu biblischer Zeit war das möglich. Mefi-Boschet wäre es fast passiert. Als er fünf Jahre alt war, starben zeitgleich sein Vater Jonatan und sein Großvater Saul in einer Schlacht. Die Nachricht versetzte seine Amme so in Angst, dass ihr Mefi-Boschet vom Arm fiel. Fortan war er „lahm“. Eigentlich hätte ihm trotzdem der Thron zugestanden, aber es gab Neider. Also floh die Amme mit dem Kleinen. Erst Jahre später, als David zum König geworden war, durfte Mefi-Boschet in den Palast kommen und erhielt einen Teil seines Erbes.
Zitat: „Auch hatte Jonatan, der Sohn Sauls, einen Sohn, der war lahm an beiden Füßen.“
Sieben Enkel am Sterbebett
Tobit 14,3–11
Als der alte, gottesfürchtige Tobias den Tod nahen sah, rief er seinen gleichnamigen Sohn und dessen sieben Söhne an sein Bett. Zwei Dinge wollte er den Enkeln und deren Vater mitteilen. Zum einen, dass das feindliche Reich Ninive „an seiner Bosheit“ zugrunde gehen und alle gläubigen Israeliten wieder in ihre Heimat zurückkehren würden, wie Gott es verheißen habe. Zum anderen gab er seinem Sohn einen väterlichen Rat: Er möge die sieben Enkel fromm erziehen und ihnen die Werte des mosaischen Gesetzes vermitteln.
Zitat: „Lehrt eure Kinder, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu üben, Gottes zu gedenken und seinen Namen allezeit in Wahrheit und mit aller Kraft zu preisen.“
Jakob segnet nach eigenem Willen
1. Mose 48,18
Als Großvater bewahrte sich Jakob einen eigenen Kopf. Alt und fast blind, sollte er seine Enkel Efraim und Manasse segnen – so wollte es deren Vater, Jakobs Sohn Josef. Als der greise Stammvater zum Segen ansetzte, überkreuzte er jedoch die Hände. So verweigerte er Manasse den Erstgeburtssegen und sprach ihn stattdessen dem jüngeren Efraim zu. Josef gefiel das nicht. Er wollte seinen Vater dazu bringen, Manasse als dem Erstgeborenen die rechte Hand aufzulegen. Doch Jakob blieb bei seiner Wahl, da, wie er sagte, der jüngere Enkel bedeutender werden würde als der ältere.
Zitat: „Nicht so, mein Vater, dieser ist der Erstgeborene; lege deine rechte Hand auf sein Haupt.“
Noomi wird Obeds Großmutter
Rut 4,13–17
Nachdem Noomi ihre beiden Söhne verloren hatte, riet sie ihren Schwiegertöchtern, in ihre Herkunftsfamilien zurückzukehren und sich neue Männer zu suchen. Doch Rut wollte sich nicht von Noomi trennen und zog mit ihr in ihre alte Heimat Israel. Dort heiratete Rut nach einigen Wirren ihren zweiten Mann Boas und bekam mit ihm ihren Sohn Obed. Obwohl er nicht Noomis leiblicher Enkel war, stand für sie fest – sie war seine Großmutter! Und die Nachbarinnen freuten sich mit ihr: „Noomi ist ein Sohn geboren“, riefen sie, „der wird dich erquicken und dein Alter versorgen. Denn deine Schwiegertochter […] hat ihn geboren, die dir mehr wert ist als sieben Söhne.“
Zitat: „Und Noomi nahm das Kind und legte es auf ihren Schoß und ward seine Wärterin.“
Mahnung an die Enkel
1. Timotheus 5,4
Die ersten Christen gingen davon aus, dass Jesus bald wiederkommen und die Welt richten werde. Als das so schnell nicht eintraf, standen sie vor der Herausforderung, ein einträchtiges Zusammenleben in den ersten Gemeinden zu gestalten. Damals entstanden die so genannten Haustafeln, in denen sich viele konkrete Lebensanweisungen finden. Viele Konfliktherde wurden da bedacht. Das Zusammenleben von Enkeln und ihren verwitweten Großmüttern war einer davon. Nach dem Tod des Großvaters fehlte einigen Nachkommen wohl der Respekt vor der Oma. Deshalb mahnt sie der erste Timotheusbrief zu Frömmigkeit und Dankbarkeit.
Zitat: „Wenn aber eine Witwe Kinder oder Enkel hat, so sollen diese lernen, zuerst im eigenen Hause fromm zu leben und sich den Eltern dankbar zu erweisen; denn das ist wohlgefällig vor Gott.“
Lois, die Großmutter des Timotheus
2. Timotheus 1,5
Vielleicht waren Großmütter im Umfeld des Timotheus auch deshalb so ein wichtiges Thema, weil Timotheus selbst offensichtlich sehr von seiner eigenen Großmutter geprägt wurde – besonders, was den Glauben betraf. Jedenfalls erinnert der Verfasser des zweiten Briefes an Timotheus daran und ermutigt ihn, sich ein Beispiel an ihr zu nehmen und weiter mutig für den Glauben einzutreten.
Zitat: „Denn ich erinnere mich an den ungeheuchelten Glauben in dir, der zuvor schon gewohnt hat in deiner Großmutter Lois und in deiner Mutter Eunike; ich bin aber gewiss, auch in dir.“
Uwe Birnstein
Uwe Birnstein ist Theologe, Journalist, Buchautor und Musiker.