„Freude ohne Pflicht“

Gespräch mit der Gerontopsychologin Eva-Marie Kessler über Großeltern heute, den Wandel von Familienbeziehungen und warum die Boomer nicht nur an sich selbst denken sollten
Ältere, sportlich wirkende Frau mit weißem Haar hält Kleinkind auf dem Arm. Beide lachen in die Kamera.
Foto: epd-bild/Andreas Lauer

zeitzeichen: Frau Professorin Kessler, sind Großeltern glücklicher als alte Menschen ohne Enkelkinder?

Eva-Marie Kessler: In dieser Pauschalität lässt sich das keinesfalls sagen. Dafür ist die Vielfalt der Familienkonstellationen, Lebenslagen, psychischen und körperlichen Befindlichkeiten sowie konkreten Rollen viel zu groß. Man kann höchstens einzelne Faktoren identifizieren, deren Vorhandensein Großeltern mit Glück erfüllt.

Welche sind das?

Eva-Marie Kessler: Studien legen nahe, dass die Großelternschaft dabei hilft, im höheren Alter einen Sinn des eigenen Lebens zu spüren und Wertschätzung zu erfahren. Eine Rolle spielt auch das Bewusstsein von Generativität, nämlich, in der Fürsorge für die Enkelkinder den Eindruck zu gewinnen, dass die eigene Endlichkeit nicht alles ist und man in der nachwachsenden Generation weiterlebt. Hinzu kommt, dass Großeltern im Umgang mit den Enkeln auch im höheren Alter noch einmal mit der eigenen Kindheit konfrontiert werden: Wer war ich selbst einmal, wer bin ich geworden, was ist jetzt meine aktuelle Rolle? Letzteres kann auch dazu beitragen, die eigene Altersidentität zu klären und in der Auseinander­setzung mit anderen Generationen zu verhandeln.

Und das stärkt die psychischen Ressourcen?

Eva-Marie Kessler: Inwieweit all dies das allgemeine Wohlbefinden stärkt, lässt sich zwar auch nicht pauschal sagen, aber in den Studien lässt sich unter bestimmten Voraussetzungen ein gewisser Trend zu positiven Effekten erkennen. Etwa bei der kognitiven Leistung, dem Selbstwertgefühl und der sozialen Teilhabe, auch bei der Verringerung von Demenz- und Depressionsrisiken. Häufig wird Großelternschaft in der subjektiven Wahrnehmung als eine gewisse Verjüngung wahrgenommen.  Umgekehrt tut es auch den Enkelkindern oft gut, unterschiedliche Menschen zu erleben, nicht nur Gleichaltrige und die eigenen Eltern, sondern in Gestalt der Großeltern auch Menschen, die in anderen Haushalten leben, anderes zu erzählen und einige andere Regeln haben. So etwas ist für Kinder eine Bereicherung.

Sie sprachen von „bestimmten Voraussetzungen“, unter denen so etwas möglich sein kann. Welche sind das?

Eva-Marie Kessler: Diese Effekte zeigen sich dann vor allem, wenn es sich um eine freiwillige Angelegenheit handelt. Zugespitzt lässt sich von einer „Pleasure without Responsibility“ sprechen, also von der Freude ohne Pflicht zur Verantwortung. Andererseits kann aber auch Großelternschaft ohne eine gewisse Verantwortungsübernahme gar nicht gelebt werden. Und es kann für ältere Menschen auch schwierig, belastend und körperlich oder psychisch überlastend werden, wenn sie gegenüber den Enkeln die Elternrolle mit allen Pflichten übernehmen müssen, zum Beispiel in  den seltenen Fällen, wenn die Eltern krank werden oder gar versterben, oder auch bei hoher beruflicher Belastung beider berufstätiger Eltern.

Nicht selten aber lässt es sich gar nicht vermeiden, dass die Großeltern die Eltern entlasten müssen.

Eva-Marie Kessler: Richtig. Das wird weder in öffentlichen Debatten noch in der gerontologischen Forschung besonders stark thematisiert. Dabei mussten etwa während der Coronapandemie so manche Großeltern die Enkelkinderbetreuung übernehmen, während die Bildungseinrichtungen geschlossen waren und die Eltern im Homeoffice arbeiten mussten. Da zeigte sich mal, wie viel Care-Arbeit manche Großeltern leisten. Sehr spannend finde ich eine Studie, bei der jüngere Menschen gefragt wurden, wie viele Kinder sie haben wollen, und wo sich zeigte, dass für ihren Kinderwunsch das Vor­handensein von einsetzbaren Großeltern eine wichtigere Rolle spielte als das Kita-Angebot.

Angesichts dieser ohnehin großen gesellschaftlichen Bedeutung vieler älterer Menschen fragen wir uns, ob es wirklich ein sinnvoller Debattenbeitrag war, als im Sommer der Wirtschaftswissenschaftler Marcel Fratzscher ein soziales Pflichtjahr für alle Senioren und Seniorinnen forderte.

Eva-Marie Kessler: Ich persönlich fand die Aussage gar nicht so schlimm. Denn sie führt uns zu der Frage, ob es für ältere Menschen nicht auch mehr Vorstellungen und Normen für ihre soziale Rolle geben sollte. Bisher gibt es tendenziell primär die Altersnorm, dass man sich im Alter nach Möglichkeit geistig und körperlich  fit halten soll. Darüber besteht ein sehr hoher Konsens, und diesen „biologischen Selbsterhalt“ bejahen ältere Menschen auch. Was das soziale Sein angeht, sind aber die Normen sehr viel schwächer ausgeprägt. Es gibt eine gewisse Erwartung, dass man sich zurückziehen und nicht zur Last fallen soll. Aber was ältere Menschen aktiv tun sollen, dazu gibt es wenig Vorstellungen.

Und Sie meinen, dabei hilft dann die Postulierung von Erwartungen an die Generation der heutigen Großeltern?

Eva-Marie Kessler: Ja, ich denke schon, denn solche Altersnormen könnten auch einen gewissen Halt geben und verhindern, dass Menschen in ein Loch fallen, nachdem sie sich zu Beginn des Ruhestands erst einmal einige Wünsche erfüllt haben. Bisher wird die Frage nach einer aktiven sozialen Rolle im Alter eher unverbindlich mit ehrenamtlichem Engagement beantwortet. Tendenziell wird das Alter immer noch als eine Lebensphase von „Freizeit“ verstanden – jedenfalls sofern Menschen nicht die Möglichkeit und Bereitschaft zu aktiver Großelternschaft haben, die im Übrigen ja auch als ein soziales Engagement über die engere Familie hinaus verstanden werden kann.

Inwiefern?

Eva-Marie Kessler: Wir sprachen ja schon über Generativität, über das Bedürfnis älterer Menschen, etwas weiterzugeben und dem Nachwuchs Gutes zu tun. Hierbei bin ich mir sicher, dass die immer schon bestehenden Sorgen von Großeltern um ihre Enkel sich derzeit verschärfen: angesichts des Klimawandels, der Kriegsgefahren, der gesellschaftlichen und politischen Veränderungen. All dies bedeutet für die so genannten Baby-Boomer, von denen jetzt viele Großeltern geworden sind oder bald werden, eine Zunahme der Sorgen: Wir selbst, so müssen sie sich sagen, hatten es insgesamt sehr gut, und jetzt steht zu befürchten, dass es unsere Enkelkinder sehr viel schlechter haben. Daraus kann sich politisches und konkretes gesellschaftliches Engagement gegenüber der jungen Generationen speisen. Sofern nicht die Baby-Boomer nur an dem für sie ja ebenfalls wichtigen Prinzip der Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung festhalten. Eine mögliche Lösung könnte aber daraus erwachsen, dass alternde Baby-Boomer insgesamt aktiver sind als frühere Generationen und sich auch deshalb mehr für die Enkelkinder engagieren.

In organisierter Form heißt soziales Engagement von älteren für jüngere Generationen „Omas for Future“, „Omas gegen Rechts“. Warum wird Großelternschaft so stark mit Omas, mit Weiblichkeit assoziiert?

Eva-Marie Kessler: Eine große Rolle spielt dabei, dass generell in unserer Gesellschaft die Fürsorge für Kinder, also auch für Enkelkinder, immer noch hauptsächlich als Frauensache verstanden und praktiziert wird. Nicht von der Hand zu weisen ist aber auch die Evolutionsbiologie. Ausgangspunkt ist dort die von einem rein evolutionären Standpunkt durchaus berechtigte Frage, warum Frauen nach der Menopause nicht tot umfallen, also, warum es überhaupt ältere Frauen gibt, obwohl sie keine Kinder mehr bekommen können. Da gibt es starke Hinweise darauf, dass eine Mithilfe der Großmütter bei der Kinderbetreuung in früheren Zeiten die Kindersterblichkeit verringerte und ältere Frauen jenseits der eigenen Fruchtbarkeit einen positiven Effekt auf die Überlebensrate der Enkelkinder hatten. Das hieße: Diejenigen, die helfende Großmütter hatten, wurden im Selektionsprozess begünstigt.

Kann dies auch erklären, warum in den Konstellationen der Großelternschaft die mütterliche Linie oft die intensivere ist und sich Großmütter besonders intensiv um die Kinder der eigenen Töchter kümmern?

Eva-Marie Kessler: Zum Teil ja. Denn nur bei den Kindern der eigenen Töchter können sich Großeltern wirklich darauf „verlassen“, dass es sich um ihre eigene Nachkommenschaft handelt. Wenn es hingegen Kinder beim Sohn und seiner Partnerin gibt, besteht zumindest theoretisch die Möglichkeit, dass die Partnerin die Kinder von einem anderen Mann hat und es sich nicht um Nachkommen der Eltern des Sohnes handelt. Es könnte sein, dass dieses archaische Gefühl noch in uns steckt. Aber sehr relevant ist sicher auch, dass Mütter und Töchter gerade in Fragen des Körpers und der Geschlechtlichkeit oft ein recht enges Verhältnis haben, das dann auch auf das Verhältnis zum Kind dieser Tochter, also aufs Enkelkind, übertragen wird. Freilich bleibt bei all dem außer Acht, dass sich auch sehr viele Großväter, möglicherweise  mit steigender Tendenz, intensiv um ihre Enkelkinder kümmern.

Was ist mit jenen Großeltern, die selbst noch Eltern in sehr hohem Alter mit oft erheblicher Pflegebedürftigkeit haben?

Eva-Marie Kessler: Das kann sehr belastend sein und wird es umso mehr, je weniger diese selbst schon älteren Menschen die so genannte filiale Reife erlangt haben. Damit bezeichnen wir in der Psychologie eine Haltung, bei der man sich den gebrechlichen alten Eltern gegenüber ein Stück weit emanzipiert hat, ihnen auf Augenhöhe begegnet, Verantwortung übernimmt. Wenn es nicht zu dieser reiferen Form der Beziehung kommt und die erwachsenen Kinder nach wie vor um das Wohlwollen und die Aufmerksamkeit ihrer eigenen Eltern buhlen, können sie so gut wie nicht offenlegen, wo ihre Grenzen bei den Betreuungs­aufgaben liegen. Dann droht ihr Umgang mit den eigenen Enkelkindern zu kurz zu kommen.

Wie sehen jenseits solcher Konstellationen typische innerfamiliäre Konflikte im Zusammenhang mit der Großelternschaft aus?

Eva-Marie Kessler: Bei Konflikten zwischen den Enkelkindern und ihren Eltern können Großeltern durchaus eine besänftigende, tröstende oder auch moderierende Rolle übernehmen. Es kann aber auch Konflikte zwischen den Großeltern und ihren eigenen Kindern, also den Eltern der Enkel, geben, gerade wenn das Verhältnis zu den erwachsenen Kindern ohnehin bereits konfliktbeladen ist. Nicht selten reagieren Großeltern dann mit Rückzug, mit einer Haltung des „Non-Involvements“, verbunden mit Gedanken wie: „Ich darf da gar nichts sagen, sonst sind meine Kinder gleich wieder beleidigt und blockieren meinen Umgang mit den Enkelkindern.“

Was also ist dann Ihrer Ansicht nach zu tun?

Eva-Marie Kessler: Erst einmal sollte man der Normalität ins Auge blicken: Ambivalenzen und damit auch Konflikte sind ein Stück weit prägend für alle unseren nahen Beziehungen und damit auch für die Beziehungen zwischen Großeltern, Kindern und Enkeln. Das ist kein Grund zu fragen, ob man sich zurückziehen sollte. Letztlich geht es, wie immer in der Familie, um ein Aushandeln, wie man zusammenleben möchte. Damit  sind auch Eltern und Großeltern konfrontiert. Genauso aber müssen und können Enkelkinder und Groß­eltern miteinander aushandeln, was sie noch miteinander anfangen können, besonders, wenn die Enkel in der Pubertät sehr viel selbstständiger werden und die Großeltern weniger brauchen, während bei vielen Groß­eltern die Aktivitätsmöglichkeiten schwinden. Das kann für Großeltern mit Enttäuschungen einhergehen, die man sich auch eingestehen sollte und mit denen man sich auch, statt sie als Lauf der Welt zu rationalisieren, auseinandersetzen und den persönlichen Verlust, den man neben der Freude über die Reifung des Enkelkindes hat, betrauern sollte. Den Kindern sollte man dabei keine Vorwürfe oder Vorschriften machen, aber vielleicht lässt sich ja mit ihnen gemeinsam bewusst überlegen, wie man die familiären Beziehungen gerne leben möchte.

Das Gespräch führten Matthias Kamann und Reinhard Mawick am 15. Oktober in Berlin.

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Foto: Jens Jeske

Eva-Marie Kessler

Eva-Marie Kessler (* 1976) ist Prorektorin für Gerontopsychologie an der MSB Medical School Berlin. Sie hat dort eine Professur für Gerontopsychologie inne und leitet als Psychologische Psychotherapeutin die dortige Hochschulambulanz „Psychotherapie im Alter“. Sie war Mitglied der Neunten Altersberichtskommission der Bundesregierung, die Anfang 2025 einen Bericht zur Lage der älteren
Generation in der Bundesrepublik Deutschland vorgelegt hat.
 

Foto: Privat

Matthias Kamann

Dr. Matthias Kamann (* 1961) hat als Innenpolitik-Redakteur der WELT jahrelang über kirchliche Themen sowie die AfD berichtet. 2021 erschien: Annelie Naumann / Matthias Kamann, „Corona-Krieger. Verschwörungsmythen und die Neuen Rechten“ (Das Neue Berlin).   

 

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