Erlösende Schönheit

Schöne, stille Zeit - Gedanken anlässlich des Advents
Eine weiße Kerze brennt auf einem halb zu sehenden Adventskranz
Foto: epd

Jetzt beginnt die Adventszeit - wie schön! Denn die Welt braucht dringend Schönheit. Insofern ist es ein Jammer, dass die evangelische Kirche oft mehr Sinn für das Ethische als für das Ästhetische hat. Ralf Frisch, Autor und Professor für Systematische Theologie und Philosophie  in Nürnberg, plädiert daher umso leidenschaftlicher für mehr Schönheit.

Meine Eltern hatten nie Geld. Aber man sah es ihnen nie an. Jedenfalls ihrer Kleidung nicht. Sie hielten immer auf sich, wie es so seltsam sperrig heißt. Dieses Auf-sich-Halten hat etwas mit Haltung zu tun. Wer auf sich hält, lässt sich nicht gehen und fällt nicht in sich zusammen. Wer auf sich hält, trotzt der Selbstvernachlässigung, für die es ja doch viele gute Gründe zu geben scheint. Armut zum Beispiel.

Dort, wo ich herkomme, wurde nie wirklich viel verdient. Aber weil es einmal eine Zeit gab, in der die Globalisierung dem ästhetischen Anspruch, der Qualität von Kleidungsstücken und der heimischen Industrie noch nicht den Garaus gemacht hatte, sehen die Menschen meiner Heimat auf alten Fotos nicht arm, sondern gepflegt aus. Ich werde das Gefühl nicht los, dass die einfachen Leute in der Welt meiner Kindheit würdevoller arm waren als heute und dass man vielen Heutigen in den armen Landstrichen und Stadtteilen der Republik ihre Armut mehr ansieht als vielen Früheren. Auch ihre innere Armut.

Mag sein, dass mein nostalgischer Blick wie jeder nostalgische Blick zur Verklärung neigt. Aber es scheint mir angesichts dieser Bilder, als hätten Armut und Achtsamkeit für das Gute und Schöne einander damals nicht ausgeschlossen und als sei Nachhal­tigkeit in gewisser Weise größer geschrieben worden als heute. Man warf seinerzeit jedenfalls wenig weg, weil kaum etwas hergestellt wurde, um weggeworfen zu werden.

Bis heute erzählt meine Mutter, die in der Lederwarenfirma unseres Marktfleckens ar­bei­tete, wie eines Tages der Juniorchef die ersten Handtaschen und Geld­börsen aus Fernost vor seinem Vater, dem Seniorchef, ausbreitete und zu ihm sagte: „Das ist die Zukunft.“ Der erwiderte: „Das ist das Ende.“ Er sollte Recht behalten.

Ewiggleicher Junk

Manchmal denke ich, dass die Welt hässlicher geworden ist. Jedenfalls die Welt, die ich von früher her kenne. Es ist schwer zu sagen, wer die Schuld daran trägt, dass diese Welt nicht mehr auf sich und vielleicht auch nichts mehr von sich hält. Ist die vielzitierte auseinandergehende Wohlstandsschere schuld? Oder die ästhetische Alternativlosigkeit des ewiggleichen Junks in den Billigläden, deren „Güter“ so billig und lieblos produziert werden, dass kein Mensch allen Ernstes mehr so etwas wie Design oder Qualität erwarten kann?

Vielleicht ist die Welt ja nicht hässlicher geworden, weil sie weniger Oberfläche, sondern weil sie weniger Tiefe hat. Und vielleicht hat sie weniger Tiefe, weil sie weniger Sinn für ihren unendlichen andersweltlichen Wert hat, weil sie also metaphysisch hoffnungsloser geworden ist. 

Man könnte jetzt einwenden, dass Metaphysik und Ästhetik nicht im geringsten heilsrelevant oder gar notwendig sind und dass sich im Übrigen über Geschmack nicht streiten lässt. Über Geschmack vielleicht nicht. Über ästhetische Qualität und das damit verbundene Weltbild vielleicht schon. Der VW Käfer war bereits eine Design-Ikone, als er erstmals vom Band lief, während die meisten Kleinwagen der Gegenwart eine unglückliche Mischung aus aufgeblähten Toastern und Ghettoblastern ohne den ge­ringsten ästhetischen Wert sind. Und daran wird sich auch in vierzig Jahren nichts ändern. Nichts von dem formverirrten Schrott, mit dem wir uns umgeben, weil wir mit ihm zu­gemüllt werden, wird es jemals zum Klassiker bringen. Auch deshalb nicht, weil dieser Schrott längst zu Schrott geworden sein wird, wenn die Stunde seines Klassikerdaseins schlagen könnte. Ein Sperrmüllspaziergang und ein Besuch im Recyclinghof genügen, um dem ästhetischen und kulturellen Nihilismus unserer Epoche ins Auge zu blicken. Und vielleicht spiegelt sich in diesem Nihilismus auch ein anthropologischer und ein metaphysischer Nihilismus. Wahrscheinlich halten wir trotz allem Weltrettungs-, Nach­haltigkeits- und Diversitätspathos ja doch nicht sonderlich viel von uns und von den Din­gen der Welt. Die Dinge landen auf dem Müll, die Biomasse landet im Friedwald. Am Ende ist es die tiefe Nichtsalseritis unseres Wirklichkeitsverständnisses, die unsere Zivilisation schrotten wird.

Grün-weißer  VW-Käfer (Auto) auf einem Parkplatz

Ein VW-Käfer vor dem Schloss Winna Góra in Polen, 2022 (Foto: AKG-Images).

Ich denke übrigens nicht, dass Ästhetik eine Geldfrage ist. Es wäre sehr wohl möglich, schöne Dinge herzustellen und zu erwerben, wenn es weniger Lieblosigkeit, weniger visuelle Dickfelligkeit, mehr Empathie und mehr Phantasie gäbe. Und ich versteige mich zu dem Satz, dass das Hässliche ein ebenso gefährlicher Feind des Guten sein könnte wie das Böse.

Aber womöglich sind das Böse und das Hässliche ja Geschwister. Im Adjektiv „hässlich“ kann sich ästhetische und moralische Geringschätzung ausdrücken. Es gibt hässliche Krawatten und hässliche Fouls. Ein Mensch wird durch ein hässliches Verbrechen zu einem hässlichen Menschen. Ebenso lässt sich das Adjektiv „gut“ moralisch und ästhetisch verstehen. Wer von gutem Essen spricht, verbindet damit in der Regel ein Geschmacksurteil, will also sagen, dass ihm schmeckt, was er isst. Es kann aber auch heißen, dass er die Produktionsbedingungen der Zutaten für ethisch vorzugswürdig oder beispielsweise Fleischgenuss für moralisch geschmacklos hält.

Ästhetik und Ethik dürften also mehr miteinander zu tun haben, als diejenigen glauben, die der Überzeugung sind, die Welt werde nur durch Ethik und nicht auch durch Ästhetik erlöst und ästhetische Vernachlässigung sei vernachlässigungswert. Es gibt sehr wohl auch einen ästhetischen Widerstand gegen Zerstörung, Selbstzerstörung, Verfall und Verwahrlosung. Und ob man diesen ästhetischen Widerstand leistet oder nicht, entscheidet darüber, ob man sich auf die Seite der eigenen Entwürdigung stellt oder eben nicht. Wer diesen Widerstand nicht leistet, ist vielleicht tatsächlich ungebildet – und zwar in des Wortes mehrfacher Hinsicht, also auch im Sinne der Ignoranz im Blick auf das ethische Bild, das er abgibt. Wer dagegen den Satz ausspricht: „Ich möchte abends noch in den Spiegel schauen können“, dem liegt dieses ethische Bild, also nicht nur die ästhetische, sondern auch die moralische Integri­tät der eigenen Person und deren Selbstachtung am Herzen. Mit anderen Worten: Hässlichkeit ist auch ein Bildungs­problem.

Geliebtes Geschöpf und Ebenbild

Wenn es stimmt, dass ästhetische Vernachlässigung nicht nur ein Zeichen moralischer Vernachlässigung, sondern auch ein Zeichen metaphysischer Vernachlässigung ist, dann könnte eine an Selbstentwürdigung grenzende ästhetische Vernachlässigung sogar ein Indiz für den Verlust der Gottebenbildlichkeit eines Menschen sein. Wer sich selbst ästhetisch nicht wertschätzt und auch wenig pfleglich mit Anderen umgeht, hat wahrscheinlich den Sinn dafür verloren, dass jeder Mensch einzigartig und nicht nur von dieser Welt, sondern geliebtes Geschöpf und Ebenbild eines ganz anderen ist.

Ich weiß, dass es politisch korrekter wäre, die Verhässlichung der Welt, also der Menschen, Landschafts- und Stadtbilder, darauf zurückzuführen, dass immer mehr unterprivilegierte Men­schen in einer immer ungerechteren Welt die Opfer von immer privilegierteren Menschen werden. Ich weiß, dass es zum guten Ton gehört, Opfern keinen Vorwurf machen zu dürfen – zum Beispiel nicht den Vorwurf, hässlich zu sein. Außerdem verdiene nichts, wofür man nichts könne, einen Vorwurf.

Gestalten der Selbstversiffung

Letzteres ist gewisslich wahr, wenngleich nicht so einfach zu beantworten sein dürfte, wer wofür etwas kann und wofür nicht, wer also nicht nur Opfer, sondern auch Täter ist. Fest steht, dass vielen Menschen das Leben auf das Hässlichste mitspielt, ohne dass es gerechtfertigt wäre, sie darum als hässlich zu bezeichnen. Fest steht auch, dass es Gestalten der Selbstversiffung gibt, die auch durch die Umstände nicht zu entschuldigen sind. Ebenso steht fest, dass der Heiland der Welt in jedem noch so hässlichen Menschen den schönen Menschen und in jedem menschlichen Geschöpf, das in den Schmutz der Gosse gefallen ist, den verborgenen oder besudelten Glanz der Kinder Gottes sieht. 

Vielleicht ist es gerade die Austreibung der Dämonen des Hässlichen, die das Evangelium Jesu zur guten und damit auch zur schönen Nachricht macht. Ebenso, wie ich glaube, dass es so etwas wie heillose Hässlichkeit gibt, glaube ich, dass der Heiland der schlechthin schöne Mensch ist und dass er die Welt schön machen wird, wenn er wiederkommt, um sie zu heilen und zu erlösen. Auch glaube ich, dass der Teufel der Welt- und Menschenverschmutzer par excellence ist und daher nie und nimmer schön sein kann, selbst wenn er noch so attraktiv und noch so verführerisch in Erscheinung tritt.

Eine meiner Lieblingserzählungen in der Bibel ist die Geschichte der Salbung Jesu in Bethanien. Ich zitiere sie hier zur Gänze, weil sie so schön ist. In Markus 14 heißt es: 

Und als er in Bethanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: ‚Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben.‘ Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: ‚Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.‘“ 

In der Zürcher Bibelübersetzung der dem Klischee nach nicht so schönheitsverliebten, sondern eher sinnenfeind­lichen und moralinsauren reformierten Kirche sagt Christus sogar: „Sie hat eine schöne Tat an mir vollbracht.“

Darstellung der biblischen Salbung in Bethanien

Salbung in Bethanien, Druckgrafik Frankreich, um 1900 (Foto: AKG-Images).

Was soll man zu dieser Geschichte sagen? Zu einer Geschichte, deren Ästhetik und Erotik ein Schlag ins Gesicht jeder Ethik ist, die glaubt, jeder Ästhetik überlegen zu sein? Zu einer Geschichte, die unprotestantischer nicht sein könnte und über die daher wahrscheinlich wer weiß wie oft in evangelischen Gottesdiensten lieber nicht gepredigt wird? Eigentlich kann man der Geschichte der Salbung Jesu in Bethanien nur eine andere Geschichte zur Seite stellen. Es ist eine Geschichte, die ich auch in meinem Jesusbuch erzähle. Eine Geschichte von Schönheit als Personenschutz. Eine Geschichte von Frauen im Jugoslawienkrieg. Frauen, deren Heimatstadt Sarajewo umzingelt war von feindlichen Belagerern. Frauen, die sich in einer aussichtslosen Situation, in der es weiß Gott Wichtigeres als kos­metische Äußerlichkeiten zu geben schien, schminkten und schön machten. Frauen, die mit ihrem Stolz, ihrem Stil, ihrer Schönheit und ihrem Selbstbewusstsein, das ihnen kein Krieg und kein Kriegsverbrecher der Welt nehmen konnte, ins Visier der Heckenschützen traten. Eine von ihnen sagte: „Ich will schön sein, wenn ich sterbe. Die Sniper sollen mich in strah­lender Schönheit ins Visier nehmen, nicht als schmutzige Kreatur.“ 

Erlösung durch Schönheit?

Welch eine Haltung! Diese Frauen leisteten ästhetischen Wider­stand gegen Zerstörung und Selbstzerstörung. Und obwohl sie schwächer waren als der Tod, vermochte der Tod ihren Widerstand nicht zu brechen. Obwohl sie ihren Mördern unterlegen waren, beschämten und erniedrigten sie diese Mörder durch ihren Stolz, durch ihre Todesverachtung, durch ihre Würde und durch ihre Schönheit. Welch eine Pas­sion! Welch ein gewaltloser Wi­der­stand gegen die Gewalttätigen! Welch ungeheure ästhetische Rettung der Würde des Individuums gegen seine Entwürdigung! Es ist schon so. Es gibt auch eine Erlösung durch Schönheit. Und vielleicht gibt es sogar eine Schönheit der Asketen, die ihre Körper zunichte und damit auf ihre Weise zurecht zu machen suchen, um desto durch­sichtiger zu werden für das Mysterium der Schönheit des Gekreuzigten.

Die römisch-katholische US-amerikanische Influencerin Julia James Davis betreibt den Instagram-Account „The War on Beauty“. Dort schreibt sie: „Die katholische Kirche ist die letzte Bastion der Wahrheit und Schönheit … Die Menschen bemerken das jetzt.“ Eigentlich müssten solche Sätze evangelische Christinnen und Christen zusammenzucken lassen. Wahrscheinlicher ist es allerdings, dass diejenigen, die die Kirche nur noch als moralische Akteurin wahrnehmen, über diese Sätze eher den Kopf schütteln. Denn braucht eine Welt, die auf die schiefe Bahn geraten ist, nicht eher Bastionen des ethisch guten Menschseins als Bastionen der Schönheit? Braucht es nicht – der Prophet Amos lässt grüßen – feste Burgen des Ethos statt feste, in einer fernen Vergangenheit eingemauerte Burgen des Kultus und des Ritus?

Weil Protestantinnen und Protestanten sicherlich in absehbarer Zeit nicht Gefahr zu laufen drohen, zu ethikvergessenen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen zu werden, plädiere ich für das exakte Gegenteil: Ich plädiere für eine evangelische Kirche, die ihren Sinn und ihren Geschmack für das Ästhetische und damit auch für ihre römisch-katholische Herkunft wiederentdeckt. Denn ich leide wie der sprichwörtliche Hund unter denjenigen Manifestationen reformatorischer Identität, die das Kind so sehr mit dem Bade ausgeschüttet haben, dass es scheint, es könne so etwas wie Inhalt ohne Form geben oder als sei die Form, in der der Inhalt des Evangelischen daherkommt, belanglos und allenfalls als Kulturgut bewahrenswert.

Verscheuchung des Heiligen Geistes

Aber Ästhetik ist nie nur Äußerlichkeit und sie kann daher nie nur Adiaphoron, also heilsirrelevant sein. Sie ist vielmehr die Gestalt, in der die Anderswelt in den Raum der Welt tritt, die Schönheit eines geistlichen Ortes und der Klang geistlicher Musik sind Weisen, in der Transzendenz erfahren werden kann. Äs­the­­tische Weltfremdheits- und Alltagsunterbrechungswiderfahrnisse können Men­schen der Ahnung näherbringen, dass um sie ein Geheimnis ist und dass das, was ist und was aus der Sicht des vermeintlich gesunden Menschenverstandes und seiner anthropologischen Nichtsalseritis, aus der Sicht der exakten Naturwissen­schaften und aus der Sicht der politmoralischen Welt­sanierungsprogramme werden kann, nicht alles ist.

Es gibt einen Protestantismus, der gottseidank alles andere als schönheitsvergessen ist. Aber es gibt auch eine evangelische Häresie der Formlosigkeit, die selbstzerstörerische Züge trägt. Es gibt eine evangelische Mehrzweckraum-Ästhetik, die man nur als Gift für jegliche spirituelle Erfahrung bezeichnen kann. Es gibt ein liturgisches Berserkertum, das kirchenverachtend ist. Es gibt eine Predigtunkultur, die an Verscheuchung des Heiligen Geistes grenzt. Es gibt weltlichkeitsüberschätzende Formen evangelischer Selbstsäkularisierung, die Nägel im Sarg der sichtbaren Kirche und Totengräber der Zukunft dieser Kirche sind. Denn wenn das wahre Christentum das unsichtbare und anonyme Christentum der humanitären Mitmenschlichkeit ist und die wahre Kirche überall dort in Erscheinung tritt, wo der Mensch dem Menschen ein Helfer ist, wer braucht dann noch Kultus, Ritus, Liturgie, Kunst oder Architektur? Wenn Menschlich-Werdung alles ist, wer braucht dann noch einen ästhetischen Kontrast zum Erscheinungsbild der Welt? Wenn das Andersweltliche einzig und allein als heilsamer ethischer Kontrast sichtbar wird, wer braucht dann überhaupt noch so etwas wie eine nichtweltliche Institution Kirche?

Ich prognostiziere, dass Selbstvernachlässigung auch für die Kirche den Preis hat, den sie für die Kinder der Welt hat. Man wird sich irgendwann von ihr abwenden. Und zwar nicht deshalb, weil sie irgendeinem gehypten Schönheitsideal widerspricht, sondern weil sie ästhetisch nicht mehr auf sich hält und ihr Licht, den Glanz der Anderswelt, unter den Scheffel ihrer Weltlichkeit stellt.

Opium ethischer Diesseitsvertröstung

Jede Adventskerze, jeder Weihnachtsmarkt und jeder Christbaum sind aller Verkitschung und aller Entchristlichung der christlichen Feste zum Trotz ein Zeichen, dass die Sehnsucht nach der Anderswelt in dieser Welt lebendiger ist als diejenigen Christen­menschen glauben, die das Heil der Kirche eher in der Weltlichkeit als in der Andersweltlichkeit der Kirche suchen.

So lange die Augen der Kinder der Welt in der Heiligen Zeit des Advents und der Weihnacht noch glänzen, ist jedenfalls noch nicht aller Tage Abend. So lange unsere Zeit noch Zeitgenossinnen und Zeitgenossen kennt, die wissen, dass gerade der schö­ne Schein des Advents etwas zum Vorschein kommen lässt, was zu keiner anderen Zeit und auf keine andere Weise zum Vorschein zu bringen ist, werden die Lichter für die Kirchen nicht ausgehen. So lange es noch Menschen gibt, die spüren, dass keine Seele der Welt zu retten ist, wenn sie nicht auch ästhetische Erfahrungen der Anders­welt macht, hat die Kirche als Platzhalterin und Anwältin der Anderswelt noch Zukunft. Allerdings kann sie diese Zukunft verspielen. Zum Beispiel dadurch, dass sie sich und andere mit dem Opium ethischer Diesseits­vertrös­tung anästhesiert. 

Apropos Spiel. Friedrich Schiller sagte, der Mensch sei nur Mensch, wo er spiele, und er spiele nur dort, wo er Mensch sei. Ich sage, der Mensch ist nur Mensch, wenn er den Sinn für die Schönheit und für die Wahrheit der Anderswelt und also den Sinn für den schönen Schein nicht gänzlich verloren hat. Und wenn ein Mensch auch nur den geringsten Sinn für diesen Schein und für diese Schönheit und für diese Wahrheit der Anderswelt hat, dann wird er etwas auf sich halten und sich gegen die Mächte des Hässlichen, der Selbstvernachlässigung, der Dummheit, des Verfalls, der Finsternis und des Todes zurecht machen. So, wie die Frau in Bethanien Jesus zurecht machte. So, wie die Frauen aus Sarajewo sich selbst zurecht machten. So, wie wir unsere Häuser, Wohnungen, Dörfer und Städte zurecht machen, wenn wir ihnen die Lichter des Advents aufsetzen.

Nichts davon ist sinnlos. Alles davon weist dem rettenden Gott den Weg in unsere verlorene Welt.

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Foto: Johannes Minkus

Ralf Frisch

Ralf Frisch, Jahrgang 1968, ist Professor für Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Nürnberg.

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