Die Ismaili-Muslime sind eine besondere Strömung des Islam. In diesem Jahr verstarb mit Karim Aga-Khan IV. ihr religiöser Führer, der zahlreichen europäischen Monarchen und Politikern nahestand. Die Religionswissenschaftlerin Liane Wobbe skizziert Geschichte und Gegenwart der Ismaili und hat sie in ihrem Herzland Indien und in Deutschland besucht.
Eine feierliche Stille liegt über dem Medonca-Palast in Lissabon. Etwa 300 Gäste nahmen Abschied, als Prinz Karim Aga-Khan IV. am 4. Februar 2025 im Alter von 88 Jahren starb. In westlichen Medien wurde der bedeutende religiöse Führer selten erwähnt, und wenn, dann meist als Freund europäischer Monarchen und Politiker. Kaum bekannt ist jedoch das globale humanitäre Engagement des Verstorbenen. Zeit seines Lebens setzte er sich, getragen vom ethischen Verständnis des Islam, weltweit für soziale Gerechtigkeit, Bildung und medizinische Versorgung ein. Ein Imam, der 67 Jahre lang die Gemeinden der Shia-Imami-Ismaili-Muslime zahlreicher Länder führte. Doch wer sind die Ismaili-Muslime?
Die Shia-Imami-Ismaili-Muslime gehören zu einer kleinen, aber weltweit aktiven Strömung des Schiitentums. Anders als sunnitische Muslime sehen Schiiten Ali, den Schwiegersohn und Cousin des Propheten Muhammad, als ersten rechtmäßigen Nachfolger und Imam. Dieses Amt wurde auf Alis Nachkommen übertragen. Als eine Minderheit nach dem Tod des fünften Imam dessen Sohn Ismail folgte, gingen daraus die Ismaili-Muslime hervor. Ihre Geschichte führte sie über Arabien und Ägypten nach Persien. Hier hatte der 46. Imam seinen Sitz und war gut befreundet mit dem persischen Herrscher, von dem er dann auch den Adelstitel Aga-Khan (persisch: Herr, Fürst) erhielt, den die folgenden Imame erbten. 1840 wechselte Aga-Khan I. nach Indien, wo er den Grundstein für die rechtliche Anerkennung der Ismaili-Gemeinden legte. Seine Nachfolger setzten sich für Bildung, soziale Gerechtigkeit und die Rechte von Frauen ein. Insbesondere Aga-Khan III. investierte die Gemeindespenden in Schulen, Kliniken und Reformen.
Diese Reformarbeit setzte genau derjenige fort, dessen Abschied die weltweite Ismaili-Gemeinde unlängst feierte: sein Enkel und Nachfolger Prinz Karim al-Husseini. Geboren 1936 in Genf, wurde er am 11. Juli 1957 zum 49. Imam und Aga-Khan IV. ernannt. Aufgewachsen in Nairobi, studierte er Islamische Geschichte in Harvard und baute das „Imamat“ zu einer globalen und humanitären Kraft aus. Mit dem Aga-Khan Development Network (AKDN) gründete er das weltweit größte private Netzwerk für Entwicklungshilfe, das Kliniken, Schulen, Kultur- und Umweltprojekte in Asien und Afrika unterstützt.
Leidenschaft für Klimaschutz
Aga-Khan IV. galt als Brückenbauer zwischen islamischer Welt und dem Westen. Den Großteil seines Lebens verbrachte er in Frankreich, bis er 2018 nach Lissabon zog – dort führte er das Imamat bis zu seinem Tod. Nun trägt sein Sohn, Prinz Rahim, als Aga-Khan V. die Verantwortung. Schon zuvor setzte er sich leidenschaftlich für Klimaschutz und nachhaltige Entwicklung ein. Als Mitgründer des Pariser Friedensforums sagte er in Brüssel 100 Millionen Euro für den Wiederaufbau Syriens zu und bot den Premierministern Indiens und Pakistans Vermittlung im Kaschmirkonflikt an.
Indien ist das Herzland der Ismaili-Muslime. Etwa 2,5 Millionen Gläubige leben vor allem in Maharashtra, Gujarat und Rajasthan. Dort hinterließen sie sichtbare Spuren mit Schulen, Gemeindehäusern und kulturellen Stätten, wie den Aga-Khan-Palast in Puna. Ihr Glaube kam bereits im 14. Jahrhundert auf den Subkontinent. Viele wohlhabende, gut organisierte Gemeinden entstanden hier, als der erste Aga-Khan 1840 nach Mumbai zog. Im benachbarten Pakistan, wo rund 500 000 Ismailis leben, sorgt das AKDN seit Jahrzehnten für eine bessere Lebensqualität der Bevölkerung mit Bildungs-, Gesundheits- und Umweltprojekten. Als Beispiel seien hier die Klinik für Frauen und Kinder und die Aga-Khan-Universität in Karimabad genannt.
Großes Engagement zeigte das Netzwerk seit den 1990er-Jahren in Afghanistan – vor allem in entlegenen Gebieten des Landes, wo es neue Straßen, Brücken, Schulen und Kliniken bauen ließ und Dörfer mit Wasser und Strom versorgte. Die Fähigkeit zur Vermittlung zwischen Zivilgesellschaft und Politikern trug sogar Früchte nach der Machtübernahme der Taliban: Als viele Organisationen das Land verließen, verhandelten mutige Helfer der Aga-Khan-Stiftung dort weiterhin über Mädchenschulen und Infrastruktur. Auch in Tadschikistan – mit rund 200 000 Ismaili-Muslimen die größte Gemeinschaft Zentralasiens – ist die Stiftung aktiv. Besonders in Bergdörfern sorgt sie für die Wasser-, Wärme- und Stromversorgung.
In Syrien, wo sie die zweitgrößte religiöse Minderheit nach den Christen bilden, vermitteln Ismaili-Muslime seit dem Sturz Assads zwischen alawitischen und sunnitischen Konfliktparteien. Große Ismaili-Communities gibt es auch in Kenia, Tansania und Uganda. Hier investierte das AKDN Millionen in die Entwicklung der Tourismusbranche. Viele Ismailis ließen sich in den USA und Kanada nieder. In Europa bildet Großbritannien die größte Gemeinde, gefolgt von Portugal, seit Aga-Khan IV. nach Lissabon zog.
Ismailis glauben an das lebendige Imamat, das der Prophet über Ali bis auf den heutigen 50. Imam weitergegeben hat. Ein Imam repräsentiert das Licht Gottes (Nur). Er leitet das spirituelle Leben der Gemeinden weltweit, indem er sie besucht und ihnen zeitgemäße Anweisungen (Farmane) gibt. Ismaili-Gläubige folgen dem spirituellen Weg der Tariqa, welcher im weltlichen (zahiri) und im geistigen (batini) Sinne verstanden wird. Auch Koranverse haben eine geistige und eine weltliche Bedeutung, deren Auslegung obliegt dem gegenwärtigen Imam.
Spirituelle Erbauung
Gemäß der Tariqa halten sich Ismailis an muslimische Speisevorschriften, höchste Bedeutung hat aber die innere Reinheit der Seele, die der Gläubige durch die Liebe zum Imam erhält. In der Jamatkhana (persisch: Haus der Gemeinde) treffen sie sich zur Du’a, dem Gebet. Die meisten Zeremonien sind Ausdruck der Verbundenheit mit dem gegenwärtigen Imam, vor allem das Treuegelübde-Bayat, das sie so oft wie möglich ablegen. Außerdem singen sie wunderschöne Verse aus indischen Ginans und arabischen und persischen Qasidas. Diese Hymnen enthalten die ismailitische Theologie in der Volkssprache und bezeugen die Liebe zu Allah, zum Propheten, zu Imam Ali und dem derzeitigen Imam. Dazu dienen sie der spirituellen Erbauung der Gläubigen. Auch mit rituellen Geschenken zeigen sie die Liebe zum Imam. Um die Gemeindeleitung kümmern sich ein Mukhi und eine Mukhiani, ein Vorsteher und eine Vorsteherin. Mit vielfältigen traditionellen Gesängen und Tänzen werden auch eigene Feste gefeiert, wie Geburtstag und Inthronisation des Imams, das persische Neujahr Navroz, das muslimische Fastenbrechen und das Opferfest.
„Zum Gebet dürfen Sie nicht – aber wenn Sie möchten, zeige ich Ihnen vorher unsere Räume.“ Es ist später Nachmittag in Mumbai. In der Shahid Bhagat Singh Road, im lebendigen Stadtteil Colaba, wirkt das weiße Gebäude mit dem schwarz eingravierten Schriftzug „The Prince Aga-Khan’s Jamatkhana“ eher unauffällig. Es ist das Versammlungshaus der muslimischen Ismaili-Gemeinschaft. Ein junger Mann führt mich in einen großen schlichten Saal. Noch sind die weißen Stühle leer. Eine feierlich gedeckte Tafel auf dem Boden deutet auf eine Zeremonie für einen, der nicht anwesend ist – und doch allgegenwärtig: den 50. Imam, Prinz Rahim Aga-Khan V.
Weiter geht es zum belebten Stadtteil Dongri, der aufgrund der ehemaligen Besiedlung vieler Ismailis aus der Händlerkaste der Khojas auch Khoja Mohalla genannt wird. Zwischen hupenden Autos und vollen Marktständen leuchtet ein Uhrenturm im viktorianischen Stil in der späten Nachmittagssonne. Anfang des 19. Jahrhunderts erbaut, ist er Teil des ältesten und wichtigsten ismailischen Versammlungshauses in Mumbai. Am Eingang: ein Marmorschrein mit einem Miniaturmausoleum. Ein Mann mit traditioneller Kopfbedeckung verneigt sich beim Hinausgehen – ein andachtsvoller Moment inmitten der Großstadthektik.
Spuren des Aga-Khans finden sich auch im alten Stadtteil Byculla, wo an einem Wohnkomplex der Aga-Khan Foundation bunte Kacheln und gelbe Blumenketten die Hausfassade schmücken. Mieter sollen hier für faire Preise leben können. Shiv Kumar ist einer der Mieter. Mit seinem Bruder teilt er sich hier seit drei Jahren eine Wohnung. Obwohl Nichtismaili, bedauert er den Tod des Aga-Khan, der, wie er sagt, so vielen Menschen geholfen hat: „Andere haben mit ihren Vermietern sehr viel Stress, hier wird alles gut geregelt.“
Ich bin wieder in Deutschland: Am Nachmittag begrüßt mich der Präsident des deutschen Ismaili Councils, Salim Sahi, in der Berliner Jamatkhana, dem neuen Versammlungshaus der Ismailis in der Stadt. Die Gemeinde nutzt seit April 2024 eine ehemalige Neuapostolische Kirche im Stadtteil Wittenau. Es ist das jüngste ismailitische Gemeindezentrum Deutschlands. Sahi, dessen Vorfahren aus Pakistan stammen, ist in Berlin aufgewachsen. Als gebürtiges Gemeindemitglied führt er mich durch das Haus. Im Untergeschoss werden Jacken und Schuhe abgelegt, dann geht es in den Gemeindesaal: Dieser ist vollständig mit Teppichen ausgelegt. Die Fenster wurden kalligraphisch mit den islamischen Insignien Allah, Muhammad und Ali gestaltet. Ein filigranes Holzdesign über der Fensterfront verleiht dem Raum eine erhabene Würde. Der hintere Bereich, in dem sich eine Art Altar befindet, ist durch eine Glastür getrennt, die nur zum Gebet geöffnet wird.
Herausforderung Sprache
Bei einer Tasse Masala-Tee erzählt Salem Sahi, dass er kürzlich zum Präsidenten des deutschen Ismaili-Councils ernannt wurde, zuvor war er Mukhi, also Gebetsleiter: „Etwa 8 000 Ismaili- Gläubige leben heute in Deutschland, die meisten in Essen, Frankfurt, Hamburg, München und Berlin. Die ersten Familien, etwa 20–50, kamen in den 1970er-Jahren, meist aus Afghanistan, Pakistan und Indien. Später folgten aufgrund des Bürgerkrieges viele Ismailis aus Syrien, zuletzt aus Afghanistan und Tadschikistan.“ Die Berliner Gemeinde zählt inzwischen fast 1 000 Mitglieder. „Anfangs trafen wir uns in der Wohnung meiner Mutter“, erinnert sich Sahi, „heute kommen manche täglich in die Jamatkhana, die meisten nur am Wochenende. Die größte Herausforderung ist die Sprache. Meist unterhält man sich in Englisch, das können fast alle, auch in Deutsch, oder in Dari, der afghanischen Version des Persischen, da viele aus Afghanistan kommen.“ Die Gebete und Lieder erfolgen in Arabisch, Gujarati und Persisch. Zwischen den rituellen Teilen werden Farmane verlesen – Botschaften des Imams mit praktischen Lebensanweisungen.
Die Gemeinschaft ist weltweit so organisiert, dass National- und Regionalräte (Councils) der einzelnen Länder sich um Bildung, Soziales, Wirtschaft, Gesundheit und die Integration von Neuankömmlingen kümmern. Mit 12,5 Prozent ihres Einkommens finanzieren sich die Gemeinden selbst. Wurden früher sogar Missionare ausgeschickt, sind Konversionen heute selten. „Wir haben drei deutsche Konvertiten“, berichtet Sahi. „Auch Ehen mit Nichtismailis sind üblich, das ist kein Problem bei uns.“ So auch Sahi, dessen Frau aus Deutschland stammt. Damit ihr 13-jähriger Sohn Ismaili werden konnte, benötigte er ihre Zustimmung.
Langsam füllt sich der Raum, der Mukhi, der aus dem pakistanischen Hunzatal stammt, eine Frau aus Indien, eine aus Afghanistan und ein Paar aus Tadschikistan treffen ein. Sie begrüßen sich gegenseitig mit: „Ya Ali Madad“ („Möge Ali dir helfen”) und heißen mich herzlich willkommen. Die neue Jamatkhana ist für alle ein Ort des Miteinanders. Man spürt zugleich, wie sehr es der Gemeinde am Herzen liegt, sich zu öffnen. Sie wünschen sich eine baldige Vernetzung mit anderen interreligiösen oder gesellschaftlichen Organisationen.
Der unermüdliche Einsatz der Ismaili-Muslime zeigt sich im Nahen Osten, Indien, Zentralasien, Ostafrika, Kanada, USA und Europa. Ein Einsatz, der getragen ist vom Geist des Brückenbauens zwischen Orient und Okzident, zwischen islamischer Spiritualität und weltlicher Verantwortung. Der verstorbene Aga-Khan IV. verstand sein eigenes humanitäres Engagement und das seiner Anhänger in erster Linie als Ausdruck islamischer Mitmenschlichkeit, eine Haltung, die im Westen oft übersehen wird. Bei der Verleihung des Toleranzpreises 2006 an der Evangelischen Akademie in Tutzing betonte er in seiner Rede vor einem vorrangig westlichen Publikum: „Es ist unsere Überzeugung, gerade aus der tiefen Spiritualität des Islams heraus, den Armen und Benachteiligten zu helfen, um deren Lebensqualität zu verbessern.“
Der Tod des Aga-Khan IV. hat seine Gläubigen weltweit getroffen, doch seit der Amtsübernahme seines Sohnes stieg wieder Licht und Hoffnung auf. Möge es dem 50. Imam, Prinz Rahim Aga-Khan V. und seinen Anhängern gelingen, weitere Brücken zu bauen und im Sinne ismailitischer Tradition das Licht des Islams als ethische Kraft sichtbar zu machen – sei es in Mumbai, Kabul, Lissabon oder Berlin und darüber hinaus.
Liane Wobbe
Dr. Liane Wobbe ist Religionswissenschaftlerin und Indologin. Sie lebt in Berlin.