Die Heilpflanze Artemisia lindert die Beschwerden bei Malaria und anderen Krankheiten. Menschen in betroffenen Regionen können mit dem Anbau kostenlos ihre medizinische Versorgung verbessern, doch die Weltgesundheitsorganisation warnt.
Frühnebel hängt in den Baumkronen auf dem Gehöft in Zentral-Kamerun. Auf den oberen Ästen sitzen Tucane, die mit ihren großen gelben Schnäbeln aussehen, als wenn sie jeden Moment vornüber kippen würden. Mit ihren spitzen Schreien scheinen sie die Menschen wecken zu wollen. Doch die sind schon längst wach. Holzfeuer qualmen. In den Türen der Häuser stehen müde Kinder und putzen sich die Zähne. Dann bekommen sie alle einen Becher mit dampfendem Tee in die Hand gedrückt. Vorsichtig beginnen sie, daran zu nippen. Und verziehen das Gesicht. Der Tee schmeckt bitter. Trinken tun sie ihn trotzdem. „Es gibt den Tee fast jeden Morgen, er ist gut für uns“, sagt ein kleiner Junge in einem blau karierten Hemd tapfer. Dann tollt er hinter den anderen her, die sich auf den Weg zur Schule machen, über Sandwege und kleine Straßen bis nach Bafia, dem nächsten Ort.
Die Krankheitsfälle im Internat sind durch den Tee fast verschwunden, sagt der Schulleiter. Foto: Martin Egbert
Gekocht wurde der Tee aus den getrockneten Blättern der Artemisia-Pflanze, in einem zerbeulten Topf aus Blech über einem der Holzfeuer. Artemisia annua, zu deutsch Einjähriger Beifuß, gilt als traditionelle Heilpflanze, die vor allem gegen Malaria hilft, aber möglicherweise auch gegen viele andere Krankheiten, wie Bilharziose, Atemwegserkrankungen oder Aids. Sie wächst fast überall auf der Welt, gedeiht in semiariden, subtropischen und tropischen Regionen, also vor allem auch dort, wo Malaria immer noch die größte Geißel der Menschheit darstellt.
Trotz Aufklärungskampagnen, Medikamenten und einer seit kurzem zur Verfügung stehenden Impfung nimmt die Zahl der Erkrankungen an Malaria immer noch zu. Weltweit infizieren sich jedes Jahr Millionen von Menschen mit Malaria. Für 2023 stellt eine Studie der WHO mit 263 Millionen Fällen vier Prozent mehr als im Vorjahr fest. Im Zehnjahresvergleich handelt es sich sogar um eine Steigerung um 60 Millionen Infektionsfälle. Fast 600 000 Menschen sind 2023 an Malaria gestorben, 95 Prozent davon in Afrika. Über ein Drittel von ihnen waren Kinder unter fünf Jahren.
Schwerer, süßer Geruch
Mit Artemisia steht den Menschen ein günstiges oder sogar kostenloses Mittel dagegen zur Verfügung, erprobt über Tausende von Jahren – dieser Meinung sind zumindest die Befürworter und Förderer der traditionellen Heilpflanze. „Artemisia lässt sich zudem einfach anbauen, vermehren, verarbeiten und zubereiten“, sagt André de Maupeou. Auf dem großen Feld zwischen den Häusern hinter ihm, dort wo eben noch die Kinder herumgetollt sind, beginnen Männer und Frauen, behutsam die Heilpflanzen zu ernten, deren Unterart Artemisia absinthium in Europa zur Herstellung von Wermut genutzt wird. Ein schwerer, süßer und etwas muffiger Geruch verbreitet sich auf dem Feld.
Die buschige Pflanze mit den gefiederten Blättern wächst auf kleinen Flächen, neben und zwischen Papaya, Ananas, Moringabäumen oder Bananenstauden. „Sie eignet sich sehr gut zum so genannten Intercropping“, erklärt André de Maupeou beim Rundgang. Bei dieser Mischkultur ergänzen und unterstützen sich die unterschiedlichen Pflanzen, versorgen sich gegenseitig mit Nährstoffen, spenden sich Schatten oder halten Schädlinge fern.
Beifuß-Pflanze in Nahaufnahme. Foto: Martin Egbert
Farmer können Artemisia für den lokalen Markt produzieren und sich ein zusätzliches Einkommen verschaffen. Das Heilkraut lässt sich aber auch im eigenen Garten anpflanzen und zu Tee trocknen. „So verbessern die Menschen kostenlos ihre medizinische Versorgung“, so de Maupeou weiter. Der junge Agrarökonom aus Frankreich lebt seit einigen Monaten mit seiner Frau Clarisse auf dem Gehöft bei Bafia. Nachdem sie sich bereits während ihres Studiums mit Artemisia beschäftigt haben, kümmern sie sich nun vor Ort um den Anbau und die Verbreitung der Heilpflanze sowie um die Produktion von Kräutertees und Pillen. „Artemisia ist in Vergessenheit geraten, zum Teil wurde es aber auch verdrängt, zugunsten von Malaria-Präparaten der Pharmaindustrie.“
Das junge Ehepaar will das ändern. André und Clarisse absolvieren einen zweijährigen Freiwilligendienst bei der katholischen Organisation Fidesco, die wiederum mit der französischen Nicht-Regierungs-Organisation La Maison de l‘Artemisia kooperiert. Diese hat es sich zum Ziel gesetzt, Artemisia wieder zu verbreiten. Seit ihrer Gründung vor zwölf Jahren sind 130 „Häuser der Artemisia“ in 28 Ländern entstanden, der überwiegende Teil von ihnen in Afrika. In diesen Einrichtungen, meist geführt von einheimischen Akteuren, bauen die Mitarbeiter die Pflanzen an, vermehren, verarbeiten und vertreiben sie. Dazu nutzen sie private Kanäle, Märkte, Apotheken oder Supermärkte. Vor allem aber verbreiten sie auch das Wissen über Anwendung, Selbstanbau und die Produktion von Tee und anderen Verabreichungen, damit die Menschen sich in Zukunft wieder selbst helfen können.
André und Clarisse de Maupeou arbeiten für La Maison de l‘Artemisia. Foto: Martin Egbert
Hier auf dem Gehöft von Bafia produzieren sie Setzlinge zum Auspflanzen, vor allem aber Tees und Pillen für den lokalen Markt. Früher war die Häusergruppe hinter der Kirche am Rande der Stadt ein bedeutendes Berufsbildungszentrum der katholischen Kirche. Nach Konflikten zwischen Priestern wurde es aufgegeben. Heute wohnen hier fünf Familien, im ehemaligen Pförtnerhaus, dem Sekretariat oder in umgebauten Klassenzimmern. In den Hallen aber, dort, wo einst Automechaniker, Maurer oder Tischler ausgebildet wurden, wird nun die Ernte getrocknet, klein gehackt, gereinigt, abgewogen und zu Tees verpackt oder in Pillen abgefüllt. Damit beliefert die Maison de l‘Artemisia Supermärkte, Apotheken und Schulen in Bafia. „Der Absatz wächst jedes Jahr“, freut sich André de Maupeou. Dank der Einnahmen trägt sich die Maison de l‘Artemisia selbst, ohne die Unterstützung der Zentrale in Frankreich. Das ist auch das Konzept für die anderen Häuser.
In ihrem mehr als gebrauchten Kombi, bei dem immer mal wieder der mit Draht befestigte Auspuff abfällt, fahren André und Clarisse zu Kunden in der Stadt. Erste Station ist ein Supermarkt an der Hauptstraße. „Früher habe ich regelmäßig Malaria-Schübe bekommen und musste ins Krankenhaus“, sagt Vanessa Kouanou, die Betreiberin. Sie sitzt vor einfachen Holzregalen, auf denen Konservenbüchsen, Gläser mit Saucen, Kaffeepackungen und ausgediente Schnapsflaschen voller gerösteter Erdnüsse stehen. Flaschen und andere Behältnisse haben in Kamerun in der Regel mehrere Leben. Draußen auf der staubigen Straße knattern unzählige Motorrad-Taxis vorbei. Ein klappriger Lastwagen kommt schnaufend und quietschend vor dem Supermarkt zum Stehen. Vanessa Kouanou erhebt die Stimme gegen den Lärm. „Mit Malaria ins Krankenhaus zu müssen, war unangenehm und hat mich viel Geld gekostet.“ Seit vier Jahren trinkt die 30-Jährige nun den Tee mit dem Wirkstoff Artemisinin, um sich in der Regenzeit vor Malaria zu schützen. Einen Malaria-Schub hat sie seitdem nicht mehr erlitten. Es überrascht sie deshalb nicht, dass sich der Tee im Supermarkt gut verkauft.
Das frühere Berufsbildungszentrum in Bafia ist nun eine Farm, auf der auch der Einjährige Beifuß angebaut wird. Foto: Martin Egbert
Auch Dr. Maxim Happi von der Apotheke gegenüber ist zufrieden mit dem Absatz des Tees, wenn auch der Großteil seiner Kundschaft auf Pharma-Medizin zurückgreifen würde, um Malaria zu bekämpfen – obwohl diese ein Vielfaches kostet. „Hier in der Stadt haben die Menschen noch eher das Geld dafür, auf den Dörfern sieht das sehr anders aus.“ Den Artemisinin-Tee würden die meisten zur Malaria-Prophylaxe nutzen, häufig aber auch erfolgreich zur Behandlung von fiebrigen Erkrankungen, bis hin zu Grippe oder Covid.
Christian Bemelingui, Manager der Internatsschule Petit Seminaire Santa André, verhindert und heilt Malaria unter seinen 80 Schülern mittlerweile seit vier Jahren mit Tee aus der Artemisia-Pflanze. „Die Erkrankungen und Krankenhausaufenthalte sind seitdem sehr zurückgegangen.“ In blütenweißem T-Shirt und schwarzer Hose steht er auf dem Steinfußboden der Küche. Holzscheite stapeln sich an der Wand. Davor köchelt der Tee in einem Kessel von der Größe eines Waschzubers. Dampf steigt auf und zieht durch die Ritzen des Daches. Aus dem Speisesaal dringen die ungeduldigen Stimmen der Schüler des Internates. Sie warten auf das Essen. Vorher aber gibt es – an drei Tagen in der Woche – einen Becher mit Artemisinin-Tee. „Früher sind bei uns zum Teil 25 Schüler im Monat erkrankt, heute gehen diese Fälle gegen null.“
Wiederentdeckt in China
Wiederentdeckt wurde Artemisinin in den 1960er-Jahren in China. Die von der Volksrepublik unterstützten Soldaten Nordvietnams haben sich mithilfe des traditionellen Mittels erfolgreich gegen Malaria geschützt. Der chinesischen Wissenschaftlerin Tu Youyou gelang es in den 1970er-Jahren, den Wirkstoff Artemisinin aus dem Einjährigen Beifuß zu isolieren, der als Killer der für Malaria verantwortlichen Parasiten gilt. Dafür erhielt sie 2015 den Nobelpreis für Medizin. Heute enthalten die meisten Malaria-Präparate diesen Wirkstoff.
In den Blättern und Blüten der Artemisia annua steckt aber noch eine Fülle weiterer aktiver Substanzen, denen synergistische Effekte in der Therapie der Malaria und weiteren Erkrankungen zugeschrieben werden. Zudem stehen die Malaria-Präparate der Pharmaindustrie den Betroffenen nicht immer zur Verfügung. Sie kosten Geld. Oder sind nur im nächsten Krankenhaus erhältlich, das etliche Kilometer weit entfernt liegen kann.
Trotzdem warnt die WHO vor der Anwendung aller nichtpharmazeutischen Formen des Einjährigen Beifuß. Tees aus Artemisia annua würden Resistenzen gegen den Wirkstoff Artemisinin verursachen. Kritiker werfen ihr vor, damit nur die Geschäfte der Pharmaindustrie schützen zu wollen. Zur Wirksamkeit von Tee aus Einjährigem Beifuß gibt es nur wenige Studien. Diese kommen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Die Befragung der in Kamerun ausgewählten Menschen fallen eindeutig aus: Tee und andere Präparate aus den Sorten Artemisia annua sowie Artemisia afra wirken, bei Prophylaxe wie auch bei Behandlung. Und Artemisia afra enthält nicht einmal Artemisinin, kann also nicht Resistenzen gegen den Wirkstoff verursachen.
Noel Ekouma,mit Setzlingen der Beifuß-Pflanze. Foto: Martin Egbert
Noel Ekouma hat die Pflanze nicht nur Linderung seiner Malaria-Schübe und Diabetes gebracht, sondern auch ein zusätzliches Einkommen. Der 51-Jährige baut auf einem Drittel seiner ein Hektar großen Farm am Rande der Hauptstadt Yaoundé beide Sorten an, neben Mais und Maniok. Mit dem Verkauf seines Tees bestreitet er den größten Teil des Einkommens seiner siebenköpfigen Familie. „Die Pflanze braucht nicht viel, ich dünge sie mit Hühnerkot, gegen Schädlinge schütze ich sie mit Neem-Extrakt und anderen biologischen Mitteln.“ Vorsichtig geht Noel Ekouma den Hang seines Feldes hinauf, um die frisch gepflanzten Setzlinge nicht zu zertreten. Sie sind kaum auszumachen in ihren Mulden. Damit der Boden trotz der sengenden Sonne nicht austrocknet, hat der Farmer ihn mit Laub und Holzschnipseln bedeckt. Für den Verkauf seines Tees arbeitet er mit Vertriebspartnern zusammen, die vor allem Geschäfte in der nahen Hauptstadt beliefern. „Zurzeit versuchen wir gerade, in den Carrefour-Supermärkten Fuß zu fassen.“ Sollte das klappen, wäre das ein großer Schritt für den bitteren Tee.
Martin Egbert
Martin Egbert ist Fotograf. Er lebt in Tecklenburg.