Wolfgang Schmidbauer: Feindesliebe. Bonifatius Verlag, Paderborn 2025. 158 Seiten, Euro 18,–.
Dreimal kommt der Begriff „Feindesliebe“ in der neuen EKD-Friedensdenkschrift vor, stets in Form von „Nächsten- und Feindesliebe“, quasi im Gesamtpaket jesuanischer Friedensethik. Nächstenliebe und ihre Radikalisierung in Form von Feindesliebe haben einen wichtigen und orientierenden Wert, betont die neue Friedensdenkschrift immer wieder. Doch sie beschreibt eben auch die Grenzen des Konzepts vor allem vor dem Hintergrund des Krieges Russlands gegen die Ukraine. Was genau würde aber die konkrete Anwendung der Feindesliebe in dieser Situation bedeuten?
Zumindest Hinweise liefert das Buch Feindesliebe. Geschrieben hat es kein Theologe, sondern der Psychologe und Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer, nicht zuletzt bekannt durch seine Kolumne für das Zeit-Magazin. Tatsächlich benennt Schmidbauer gleich zu Beginn des Buches den Krieg Russlands gegen die Ukraine. Wobei er klarmacht, dass schon diese Formulierung eine Interpretation ist. „Die Zuschauer glauben zum Teil, dass die Ukrainer wirklich für ihre Freiheit kämpfen, während die Russen den Einflüsterungen eines Faschisten folgen. Der andere Teil glaubt, dass die Russen wirklich für ihr Land … usw.“
Südtirol, Elsass, Ukraine?
Und dann folgt der Satz, der zeigt, wie groß die Zumutung ist, die in dem Konzept Feindesliebe steckt. „Wer denkt noch daran, dass es besser sein könnte, Unrecht zu leiden, als Unrecht zu tun? Wir erzählen uns Geschichte einseitig“, meint Schmidbauer und verweist auf die Verachtung des britischen Ministerpräsidenten Chamberlain und seiner Appeasement-Politik gegenüber Hitler und die Anerkennung, die wir Churchill zollen. „Aber Auschwitz ist durch Krieg nicht verhindert worden, im Gegenteil. Wir wissen nicht einmal, ob sich ohne Krieg der deutsche Antisemitismus gleich grausam entwickelt hätte.“
Was bedeutet das mit Blick auf die Ukraine? Politisch verweist Schmidbauer an mehreren Stellen auf die Beispiele Südtirol und Elsass, an deren Zugehörigkeit zu Italien und Frankreich „fast alle Bewohner“ nichts mehr ändern wollten. Das liege „auch an den Erinnerungen, wie sinnlos und erschöpfend die früheren Auseinandersetzungen waren.“ Dass dies im Falle der Ukraine auch so sein könne, sagt Schmidbauer nicht selbst, aber er zitiert den Berliner Philosophieprofessor und Pazifisten Olaf L. Müller, der es für wichtiger hält, dass ein Vater für seine Familie da sein kann, anstatt tot zu sein, weil er sein Land verteidigt hat. „Die Freiheit kann zurückkehren, der Tod ist unabänderlich.“
Dauerhafte Feindbilder
Wer nun das Buch beiseitelegt, weil er Putin-freundliche Schwurbelei wittert, verpasst etwas. Denn Schmidbauer blickt eben nicht nur auf Russland und die Ukraine, sondern auch auf gesellschaftliche Phänomene, wie sie sich etwa in Social Media offenbaren, auf die Geschichte der Menschen, die als Jäger und Sammler Konflikte durch Ausweichen und Rückzug gelöst hätten, aber dann durch Besitz und Schriftkultur dauerhafte Feindbilder erschaffen haben. Und natürlich nennt er Beispiele aus Familien und Ehen, in denen „Feindesliebe“ heilsam war. „Feindesliebe gebietet, dem Mitmenschen zuliebe die eigene Überzeugung in Frage zu stellen.“
Vergessen und Neuanfang und Gnade solle der gleiche Rang eingeräumt werden wie dem Recht. Klingt gut, lässt aber doch schlucken, etwa wenn Schmidbauer das Beispiel der Schriftstellerin Alice Munro erwähnt, die ihrem Mann den sexuellen Missbrauch an einer ihrer Töchter (seiner Stieftochter) verziehen hat und nach einer kurzeitigen Trennung zu ihm zurückkehrte. Eine Tat im Geist der Bergpredigt? Oder ein Verbrechen?
Es sind diese fast schmerzhaften Fragen und Beispiele, die das Buch lesenswert machen. Dem Selbstanspruch eines überzeugenden Plädoyers wird das Buch zwar nicht gerecht. Dazu ist der Stil zu assoziativ und nicht systematisch genug. Doch eine bereichernde Irritation ist es allemal.
Stephan Kosch
Stephan Kosch ist Redakteur der "zeitzeichen" und beobachtet intensiv alle Themen des nachhaltigen Wirtschaftens. Zudem ist er zuständig für den Online-Auftritt und die Social-Media-Angebote von "zeitzeichen".