Jan Hermelink/Ricarda Schnelle:
In der Kirche leiten. Verlag Vandenhoeck &
Ruprecht, Göttingen 2025, 136 Seiten, Euro 20,–.
Der Titel ist Programm. Er heißt eben nicht „die Kirche leiten“; weder ist die Kirche hier eine stabile Organisation, noch ist Führung allein Aufgabe der Kirchenleitung. Das Buch In der Kirche leiten zeichnet die Kirche in all ihrer Vielfalt von Gremien, Ebenen, Berufsgruppen, Organisationsformen. Dabei spielen auch Ehrenamtliche, in Leitungsgremien oft die Mehrheit, eine entscheidende Rolle. Es geht also entscheidend um Leitungskultur, um Teamarbeit und Möglichkeitsräume.
Jan Hermelink und Ricarda Schnelle wollen Orientierung geben zum Weiterdenken vor Ort, aber auch zum Nachdenken über die eigenen Bilder und die theologische Interpretation grundlegender Bibel- und Bekenntnistexte wie der Barmer Theologischen Erklärung. Kurze, lohnende „Ausflüge“ in praktisch-theologische wie auch in konfessionell bestimmte Grundlagen kirchlicher Ordnung – zum Beispiel zum presbyterial-synodalen Leitungsverständnis wie auch zum Verhältnis von Stabilität und kritischer Unruhe – vertiefen die eher praktischen Artikel über die heutigen Führungsaufgaben. Dabei sehen Hermelink und Schnelle Kirche zunächst auf der Folie einer sich wandelnden Gesellschaft und zeigen dabei die Verzahnung mit anderen Organisationen, Räumen, Strukturen und Rechtsordnungen. So bleiben auch Kirchenrecht und Verwaltung nicht außen vor – das kirchliche Arbeitsrecht fehlt allerdings.
In einer Zeit, in der Kirche und Diakonie im Gemeinwesen zusammenwachsen, in der auch Diakonie – wie die Kirche – unter Finanzdruck steht, werden zu Recht auch diakonische Arbeitgeber einbezogen. Dabei kann allerdings die Vielfalt der Organisationsformen diakonischer Arbeitsfelder von großen, landeskirchenübergreifenden Unternehmen bis zur Quartiersarbeit nur grundsätzlich bedacht werden. Wichtig bleibt der weite Blick – denn das Buch ermutigt zum Miteinander- und Voneinanderlernen, was zum Beispiel die strategische Ausrichtung der Kirche oder auch Methoden des Managements angeht. Die nüchterne und präzise Sprache des Textes sorgt dabei für angemessene Klarheit und Knappheit.
Ein besonderer Gewinn des Buches liegt in der Reflexion der begonnenen Transformation in der Kirche. Deutlich wird, dass die Transformation selbst wie das Veränderungsmanagement auf allen Ebenen Leitungsaufgabe ist – genauso wie der Umgang mit abnehmenden Ressourcen, mit Macht und sexualisierter Gewalt. Auch Genderperspektiven werden unter dem Gesichtspunkt von Diversität und Machtfragen bedacht. Die Veränderungen von Berufsprofilen, die Bedeutung berufsübergreifender Zusammenarbeit wie die Chancen und Risiken transprofessioneller Teams spielen dabei ebenso eine Rolle wie Themen der Selbstleitung. Dazu gehört auch eine kurze, aber umsichtige Auseinandersetzung mit den Konzepten geistlicher Leitung. Auf diesem Hintergrund wird durchaus konkret über den Umgang mit Kommunikation, mit Räumen und Spiritualität nachgedacht.
Dass angesichts des rasanten Rückgangs von Ressourcen die räumliche Distanz der Beziehungsnetze wächst, führt schließlich zu einer hilfreichen Reflexion über das Leiten auf Plattformen im Netz und die Präsenz in den sozialen Medien, der neuen Erkennbarkeit der Personen bis zu der Frage, wie sich das Verhältnis von Amt und Person zukünftig bestimmt. Solche Fragen anzuregen, ist ein besonderer Vorzug des vielfältigen und aktuellen Buches.
Cornelia Coenen-Marx
Cornelia Coenen-Marx ist Oberkirchenrätin a. D. Nach Eintritt in den Ruhestand machte sich Coenen-Marx 2015 mit dem Unternehmen „Seele und Sorge“ selbständig, um soziale und diakonische Organisationen sowie Gemeinden bei der Verwirklichung einer neuen Sorgeethik zu unterstützen.